t ■■■u i •. '<^\:iV\ ,.-.■.■/'■■ V V V- "■■•■ - JV' ./iv;::'': :/■=•■': \,v;/'.' Redigirt Prof. Dr. H. Potoiiie, Kgl. Landesgeoldgeii und Diiccuteu rosp. l'rivatdoceiiteii|(ler Palaeobotanik an der Kgl. Bergakademie und Universität zu Berlin. SECHSZEHNTER BAND -5-|- (Januar bis September 1901). -f^ BERLIN. Ferd. Dümmlers Vcrlao-sbuchhandlunq'. Inhalts-Vepzeiehniss. Die Örif^-iiial-Alihandluiijren, -Mittlieiliint;vn und -Abhildmiijeii sind durch die Beifüi^'unf;' der Aijkürzmig- „Orig." gekcnn- zeicliuct; ausserdem sind eine Anzahl Autoren an den Keferaten ühei' ijjre Arbeiten dadurch betheiligt' gewesen, dass sie die Corrccturcn gelesen haben. Alli,'eiiHMiie.s und Verschiedenes. Biuicr, A., Aus der crstfii Zeit drr Zündhölzchen 19 Derbys, Vererbung erworbener Eigen- schaften 380 Engelbrethsen, Der Ursprung des Lebens 105 Fo erster, W., Das neue Jahrhundert und die Reform unseres Zahlungs- wesens (OrigO 51 Hallier, Das proliferirende, persön- liche und das sachliche conservative Priorit.-itsprincip in Jim" systemati- sch^'u (ti,t,.lo-ir (OHk) . . ._ . . 132 Henscii, 1\!;1. I'icussischn Kommission zur wissciisohat'tliclicu Untersuchung der deutschen Meere 39(3 Thcol, lljalmar, Bipolaritiit in der Verbr.'itung der Meeresorganismen 304 Virchow, 11., Zur Museumsfraee, ins- besondere von Museen der Völker- kunde 159 Deutsche Gesellschaft für volksthüm- liciie Naturkunde zu Berlin . . . 2.")9 Institut für Meereskunde in Berlin . 42 Naturwissenschaftliche Wochenschrift 402, -|.-,1 73. Versuiinidung deiitschei- Nulnr- forscher luul Aerztc in llaudjui-g 175, 3Gi; Aiithropoloi^ie. Amnion, Ucber de Lapougo's l'Aryen (Orig.) 187 Andersson. G , Das Pferd inSchwoden während des Steinalters 3()G Baelz, Begriff der mit dem Nackten verbundenen Scham bei den Ainos und Japanern 420 Berthelot, Altilgyptischcs Platin . . 238 Branco, Ueber fossile Menschenreste 411 Gra ebner. Fr., Ursprung der Arier im geographischen Licht (Orig.) . 352 Matthias, Polyphem, — ein Gorilla (Orig.) 350 Schwalbe, G., Die älteste europäische Menschenrasse 238 Wilser, Ludw., Kasse der neueren Steinzeit (Orig.) 220 — , - , Das Standbild desPitheeanthropus erectus in der Niederländischen Co- lonialabthrihini; der Pariser Welt- ausstellung (Oriir.l 389 Zoologie. Collett, Verbreitung des Bibers . . Dah 1, Leben der Ameisen im Bismarck- Archipel Dahms, Der Biber. Eine kulturhisto- rische Skizze (Orig. mit Orig.- Abbild.) Dickel, Ferd., Der gegenwärtige Standpunkt meiner Entwickelungs- theorie der Honigbiene (Orig.) . . Guldberg, Körpertemperatur der Wale Herbst, Formativo Beziehungen zwischen Nervensystem und Rege- nerationsprodukt Kathariner, L, Die Nase der im Wasser lebenden Schlangen als Luft- wog und Geruchsorgan K o 1 1 li o ff, Ornithologische Eigenthüm- lichkeiten des Jahres 1899 in Schweden Lautorborn, Schwimmende biolo- gische Station — , D;is Vogel-, Fisch- und Thierbuch des Strassburger Fischers Leonhard Baldner Ludwig, N., Orientirungssinn und das Gedächtniss der Bienen (Orig.) . . — , Vorkommen von Säuren bei den Honigbienen (Orig.) Mannichc, Die Rohrweihe (Orig.) . V. Martens, E , Ueber Walthiere(Orig.) Petr unke witsch, Die Partheno- genesis bei der Honigbiene (Orig.) Reh, s. National-Ookonomisches S c h e n kl i ng- Pro V ('i t , Nidologisches III (Orig. mit Orig.- Abbild. ) ' . . . Schneider, 0., Pelzmilbe des Bibers Sokolowsky, AusderNaturgeschichte der Kasuare (Orig. mit Orig.- Abbild.) Standfuss, Einfluss der Temperatur auf die Artenbildung Struck, Lübeckescho Trichopteren und die Gehäuse ihrer Larven und Puppen Wight, O.B., und J. van Denburgh. Die giftige Eidechse Hclodernia iiorridum Vögel Wüstnei, C. und G. Clod Mecklenburgs .... Zie mkc, Untersuchungen v. Menschen- und Thierblut mit Hilfe eines spe- citischcn Serums Ein Mardernest unterm Dach . . . . Entvvickclung der DassolHiege . . . Entwickelung des Gehirns im Laufe der Zeiten 340 Riesengorilla des Museums Umlauff in Hamburg (mit 3 Abbild.) .... 194 Zoologisch - botanische Gesellschaft in Wien 91 Botanik. Beulaygue, Einfluss der Dunkelheit auf die Entwickelung der Blumen 241 Bokorny, Neuere Arbeiten über or- ganische Pflanzen -Ernährung und die Selbstreinigung der Flüsse(Orig.) 33 — , Neuere Untersuchungen über die Proteinstoft'e der Samen (Orig. mit Abb.) 93 — , Gährungsferment und intramole- kulare Athmung (Orig.) .... 429 — , Ernährungsvermögen organischer Stoffe und ihre Constitution (Orig.) 447 Borge, Süsswasseralgen von Franz- Josephs-Land 366 Brenner, W., Studien über Sukku- lenten (mit Abbild.) 40 Dcherain undDemaussy, Empfind- lichkeit höherer Pflanzen gegen Gifte 230 Gracbnor, P., Ein botanischer Aus- flug nach Rügen (Orig.) .... 393 Hock, F., Getränke liefernde Pflanzen, ihre ein.stige und h.Mitige V...rl,n.i- tung und dir ilirn- KrzeugnisseinHg.) -iOl Kolkwitz, Athmung lullender Samen 312 Krause, Ernst, Beiträge zur Morpho- logie des Farnwedels (Orig.) . . . 285 Lauterborn, s. Zoologie. Loosener, Aquifoliaceen 279 Massat, Die echte Angosturariude . 399 Mendel, Versuche über Pflanzen- hybriden 412 Molisch, Ueber Milch- und Schleim- saft der Pflanzen 241 Müller, Carl, Vorträge über Bacterien (Orig.) 170 N a b o k i c h , Wachsthum höherer Pflan- zen in sauerstofffreiem Räume . . 342 Neger, Neue Entdeckungen auf dem Gebiete der Se.xualitätslehre im Pflanzenreich (Orig. mit Orig.- Alibild.) 338 Nemcc, Roizleitung und reizleitende Structuren bei den Pflanzen ... 198 N e in e c , B o h o m i 1 . Die Wahrnehmung desSchwerkraftreizes b. den Pflanzen 398 38821) IV Inhalts -Verzeicbniss. Scliolz. J. B. , Zweibeinige Bäume (di-ig.) 38 -, Zweibeinige Rothbuche (Orig.) . . KJO S c li w e n d c n e r , Flugapparate der Früchte und Samen (Orig.) ... 82 Seckt, Mechanische Theorie der Blatt- stellungeu (Orig. mit Orig.-Abbild.) 309 de V r i e b , Entstellung von Arten im PHaii/unreieh (mit Abbild.) . . . 32G V. VVettstein, Entstehung der Arten 338 Palaeontologie. B 1 a n k e n h o r u , DasUrbild der Amni ons- hönier (Orig. mit Orig.-Abbild.) . 57 Branco, s. Anthropologie. Kuipowitsch, Postpliocäne Mollusken und Brachiopoden Spitzbergens . 182 Loche, Wilh., Siiugethiere der Vor- zeit in Schweden 242 Potonie, Ueber die durch Pflanzen- fossilien gegebenen Belege über die fortschreitende höhere Organisation der Pflanzen (Orig. mit Abbild.) . 84 Geologie niid Mineralogie. Engelbrethsen, Die erste Entwicke- lung unserer Erde ....... 441 Gauthier, Entstehung der Schwofel- thermen 242 de Gur, G., Die Vergletscherung des östlichen Spitzbergens während der Eiszeit 7 Holzapfel, E., Zusammenhang und Ausdehnung der deutschen Kohlen- felder (Orig.) (s. auch unter Potonie) 1 Jaeger, F. M, Ueber die künstliche Darstellung der Mineralien im Lichte der modernen chemischen Theorieen (Orig.) 33.5 Lapparent, Zur Geologie der Sahara ItJO Maltiizos, Ueber die Bildung von Vi'ellenfurchen 221 Moser, K. , Der Karst und seine Höhlen 113 Nathorst, Zur Geologie Nordost- Grönlands 399 Nord enskj öld, Auf dem Meere schwimmende Schiefer 257 — , Otto, Topographisch - geologische Studien in Fjord-Gebieten . . . . 2G8 Passarge, Ueber durch Pflanzen ver- anlasste Kalkablagerungen in Havel- seeen (Orig.) . . 112 — S, Ueber Winderosion (Orig. mit Orig.-Abbild.) 369 Potonie, Zu Holzapfel's Artikel (Orig.) 2 ! — , E.xcuraion in das Revier des Senften- berger Braunkohlenflötzes und zu den Kulm-Steinbrüchen des Magde- burgischen (Orig.) 132 — , E.xcursion in das Zwickauer Stein- kohlen-Revier (z. Th. Orig.) ... 165 Sohle, Bericht über geologische E.x- cursionen nach den Kohlen-Revieren von Commentry und Decazeville (Orig.) 16 Thoulet, Mineralbestand des Tiefsee- bodens 135 Wahnschaffe, Die Endmoränen des norddeutschen Flachlandes (Orig. mit Karte) 87 Walt her, J., Ueber die gcologisclic Thätigkeit des Windes (Orig.) . . 4.;i Deutsche Geologische Gesellschaft . . ll-j Physik. Auerbach, s. Technik Deguisne, Elemente der Wechsel- stromtechnik (Orig.) 3i;l' Hartmann, Eugen, Die den elek- trischen Strommessern zu Grunde liegenden Constructionsprincipien (Orig.) . 363 Lang, (>., Die Eigenschaften der festen Körper. Ein Referat. (Orig.) . . 381 Rubens, Wirkung des Lichts und an- derer Strahlen auf elektrische Ent- ladungen (Orig.) 47 Simon, Neuere physikalische Demon- strationen (Orig. mit Orig.-Dia- grammcn) Slaby, Ueber abgestimmte uud mehr- fache Funkentelegraphie .... Spies, Versuche mit flüssiger Luft (Orig. mit Orig.-Abbild.) .... Tliiede, H., Leuchten der Auor-Glüh- körpor Warbni-, I',., Ht-ber magnetische Hy- 357 136 48 sttTr.^i- (<)ni;.l Z a c h I' n , I 'a.s ooiitiiuiirliche Strahlungs- vermögen der radioaktiven Sub- stanzen und seine Erklärung (Orig.) Elektricitätswerk zu Frankfurt a. M. Neues über die Deviation der Compasse Uniformerstation der Frankfurter elek- trischen Strassenbahn ..... Astronomie. Brenner, Leo, Thätigkeit der Ma- noni Strniw:irt.' (drii;-. mit Abhild.) 18J Engeil, i-tl,s..,,, s. (;,.„l,,-ie. Foerst.jr,ZritiiiesMiii-uii(lUlirmessen: neuere ajitroiiomibclio Forschungen (Orig.) 155 Hnatek, Astronomische Spalte (Orig.) 19, 40, 64, 101, 125, 184, 197, 210, 233, 257, 306, 328, 378, 414, 438 — , Planet Mars (Orig.) 117 — , Die neuen Sterne (Orig.) .... 321 Kleiner, H., Astronomische Populiir- Schriftstelhr.-i (n,-ig.) 97 K erb er, Dic^'ij'iiw :irtii;r ( »pposition des Planetfu l'.r.is (llrii;.) .... 54 Revision des Meridianbugens von Quito 425 Meteorologie. V. Bezold. Ueber Erdmagnetismus (Orig.) 61 Bork, H., Brockengespenst im Tief- lande 90 Ihne, Ueber Abhängigkeit des Früh- lingseintritts von der geographischen Breitr in Deutschland 111 Krippen, W.. Stellung der Meteore- lotsen zum ^\'i'ttersehiessen (Orig. mit Orig.-Abliild.) .183 Less, Wctter-Monats-Uebersicht (Orig. mit ffraphischen Darstellungen) 31, 78, 126, 185, 232, 282, 329, '389, 437 Trabe rt, Wetterschiessen .... 64 Chemie. Albert o. Buchner, Hefepresssaft und Fällungsmittel Berthelot, Elektrotechnische Be- ziehungen, in denen allotropische Abarten der Metalle zu einander stehen L e B 1 a n . Kloktrisclin Endosmose und vcvw.'imltr K,r,.cli.'ii,uim-eu (Orig.) . Bokoriiv, Th. (li.hium;- uud Enzym- wirkuiiii, «;il,,M.-lMM„liehe Wirkung der Enzyme (t)rig.) — , s. auch Botanik. Brunck, Entwickelung der Indigo- Fabrikation ß u s s , Ueber aromatische Kohlouwasser- stoft'derivate, aromatische Säuren und Alkoliole (Orig.) ....... — , Neuere wissenschaftliche Arbeiten über Terpene und Terpenderivate ^ (Orig.) Freund, Die Entdeckung neuer Ele- mente im letzten Jahrzehnt (Orig.) Van t Hoff, Ueber die Bildungsver- hältnis.se der occanischen Salz-Ab- lagerungen (Orig. m. Orig.-Schemata) 73 Krämer, G. und A. Spilker, Ueber die Zersetzung viscöser Körper (Schmieröle) durch Destillation unter Druck büp kc,.Elektrochemie (Orig.) . . i:;i Mattucci, Stickstoff enthaltende vul- kanische Produkte 30 Gold- und Silber-Schcide-Anstalt bei Frankfurt a. M 375 Kohlensäure-Werk zu Rödclheim bei Frankfurt a. M 37.5 Kupferwerke Heddernheim .... 377 Geographie. Amdrup. Die Eisvcrhiiltuisse au der (istküM.. (u-ciMl.nul.s 6 Ivnuilsc'ii, M^iitin, Wasseraustausch zwi.-Lh.], (i.si- und Nordsee ... 171 N'ath.iist, Xachrichten von der Ex- pedition Audre's 20 l'oincar<'', Revision des Meridiau- bogeus von t^uito ly.'", Deutsciier Ueographentag in Breslau . 'Jl Internationale erdmagnetischc und meteorologische Cooperation . . . 150 Unterricht. Bodo und Boller, Bericht über den 4. naturwissenschaftlichen Ferien- kursus für Lehrer au höheren Schulen in Frankfurt a. M. (Orig.) 345 Fo er st er, W., Die Pädagogik in der Astronomie 13 Heyne, Uebungen im Schulexperiment (Orig.) ........... 159 K o 1 k w i t z , Physiologischer und mikro- skopischer VVinterkursus in der Bo- tanik in Berlin (Orig.) Ifil Koppe, M., Erklärung" und Gebrauch der zum astronomischen Unterricht am Andreas-Realgymnasium vorhan- denen Einrichtungen (Orig.) ... 157 Poske, Zur Methodik des physikali- schen Unterrichts (Orig.) .... 60 Schwalbe, 10. naturwissenschaftlicher Ferienkursus für Lehrer an höheren Schulen (Orig. mit Orig.-Abbild.) . 45 — , B., Vorlesungen und Demonstra- tionen im Dorotheenstädtischen Real- gymnasium (Orig.) 83 Schwalbe, Veranstaltungen der Stadt Berlin zur Forderung des natur- wissenschaftlichen Unterrichts im Jahre 1900—1901 (Orig.) .... 129 — , B., Zur Methodik des Experiments (z. Th. Orig.) 167 Szymanski, Schulversuche über elek- trische Wellen (Orig. mit Orig.-Ab- bild.) 107 Vogel, Ueber die Bedeutung prak- tischer naturwissenschaftlicher Curse (Orig.) 82 Fcrienkuräus an der Universität in Kiel 113 Ferienkurse in Jena 222 Lehrmittelausstellung des 10. natur- wissenschaftlichen Ferienkursus für Lehrer an höheren Schulen ... 89 Naturwissenschaftlicher Ferienkursus für Lehrer höherer Schulen in Berlin Michaelis 1901 390 4. naturwissenschaftlicher Ferienkursus für höhere Lehrer in Frankfurt a. M. 345 Städtische Veranstaltungen der Stadt Berlin zur Förderung des natur- wissenschaftlichen Unterrichts 129, 258 Verein zur Förderung des Unterrichts in der Mathenuitik und den Natur- wissenschaften 222 riilialts-Verzeicliuiss. Mediciii, Hygiene iiiul Verwandtes. Araiii-DfltcMl, Gefi-ierpunkt des Sclivveisses von Kosiiiulon Mensclion öO H HU checo nie , Historisches zur Ma- Kocli, Hol... \Virl;init;' 'l.'s Tuberculins 353 I,oiMVV, ll.'lirr Aj.linMÜMaca .... 100 l'l.is:ili.\, JMü llüoiitiucs Gift ... 30 Uobiii und Kiuet, Auszehrung und Tuberkulose 210 Sajo, üriefe als Krankheitsvermittlcr ■(Orig-.) • . . . 30Ü V. Sclim aedc'l, Lirbtwirkuufr auf den uionschliehen Knr|)er mit Riieksielit auf die Kicidnui; 110 Speier, Die Cnpillar Doppcllampe; moderne Desinfeeti I.neh F,,rmal- dehvd (dri-, mit AM.ild.) .... 25 Urbai'n, lieinit^iui- der Luft von (Jrubengas 135 iMiseellen aus der modicinisclien Welt 325 \'er Wendung des. Ozons zur Reinigung des Wassers 148 Natioiial-Oekononiisclies. Wcst- 173 Bang, J. P. F., Dünen wesen ,in d. küste Jütlands Eggers, Schwammfiselierei bei den Bahamainseln 22J Henry, E., Bodendecke der Wälder und Rolle der Regonwürmcr . . . ilO-l Herrm ann, L , UeberGemiiscdüngung ("i-ig-J 22 — , Die Düngung der Obstbäume (Orig.) 1112 Ra«smusson, Faktischer Wirksam- keitsradius des Kohlonverlirauohs für die Kxpe.liti.m naeli Si.im . . 140 Reh, .Sehiidi^un.i; der I .and wiitl.>ehaft ÜOO (Orig.) 417 Stocklasa, Welche Bedeutung hat das Kali für den Getreidebau? . . 114 Das überseeische Kabelnetz der Erde 354 Einfluss der Düngung auf den Futter- werth des Heues 449 Kgl. preussischo Versuchs- und Prü- fungsanstalt für Wasserversorgung und Abwässer-Beseitigung .... 319 Technik und Instrumentenkunde. Auerbach, Absolute Härte der Me- talle 412 Boottger, Technologi.sclio Exkursion 131 Cr zel litzer, Pliotometric mittels lichtempfindlicher Papiere (Orig.) . 27 iMüller, Carl, Ueber die Vervoll- kommnung unserer Mikroskope (Orig.) 131 W od ding, W., Fortschritte in der Be- leuchtungstechnik (Orig.) .... 47 Weercn, Hüttentechnische Excursioii in den Harz 141 Stauventil .... fi7 Technische Verwendung des Ozons . 448 Biographleen, Nekrologe etc. W ahnschaffe, Erinnerungen an Otto Torell (Orig. mit Orig.-Portr.) . . 69 Personalien 23 und fast in allen fol- genden Nummern. Litteratur. Abrens, W., Mathematische Unter- suchungen und Spiele 32 Ausfeld, Gesunde Zähne 42H Barth, Unser Weltsystem 55 Banmhauer, Chemie 91 Beck, Geologie des Elbthalgebiets 127 Behrens, J., Nutzpflanzen .... 67 Beil' he, Erklärung geüuraphi.-sciier Namen ' . ' 55 Benecke, Geologischer Führer durch das Elsass 127 Bigourdan, Systeme metrique des poids et mesui-es 403 Bliedner, Goethe und die Urpflanze 355 Boas, Zoologie 307 Bödige, Das archimedische Princip 415- Bohn, G., L'evohition du pigment . 391 B o r n h a r d t , Zu r » iberfläehengestaltung und Gooloyie 1 )enttfch-Ost-Afrikas . 150 Bdrn stein, Welterkiuide .... 307 Brass, Arnold, Kcirper des Menschen 355 Jahrhundert ... .t .... 426 Celakowsky, Phylogenetischer Ent- wickelungsgang der Blüthe uud Ur- sprung der Blumenkrone .... 367 Chun, Aus den Tiefen des Welt- meeres 138 Classcn, Methoden der analvtisclien Chemie .' ... 151 Cohen, E., Jakobus Honricus Van 't Hoff 5.-| De ecke, Geologischer Führer durch Bornholm 127 — , Geologischer Führer durch Cam- panien 379 Despaux, A., Genese du la matiere et de l'energie 11 Duparc et Mrazec, Carte geologique du Massiv du Mout-Blanc .... 343 Engler, Die natürlichen Pflanzen- familien 127 — , Pflanzenformation und pflanzengeo- graphischc Gliederung der Alpen- kette, erläutert an der Anlage des neuen botanischen Garten bei Berlin 27! Englisch, E., Schwärzungsgosetz für Bromsilbergelatine 489 E r t e 1 , Waarenkunde ........ 67 Ferdinand, Maxim., Soxualmystik der Vergangenheit 162 Fischer-Benzon , Flechton Schleswig- Holsteins 307 Franke, Bild eines Steinkohlenberg- werks und Braunkohlentagebaues . 139 Goinitz, E., Geologie von Mecklenburg 127 Geistbeck, Mathematische und phy- sikalische Geographie 67 Groth, Zur Dynamik des Himmels . 139 Gürioh, Geologischer Führer durch das Riesengebirge 127 Haacke und Kuhnert, Thierleben . 42 Haefcke, Städtische und Fabrik-Ab- wässer 379 II artmann, G., Kreisende Energie als Grundgesetz der Natur 114 Hiick, F., Der gegenwärtige Stand unserer Kenntniss von der ursprüng- lichen Verbreitung der angebauten Nutzpflanzen 10 IloUard, Les theories des Jons et l'eleetrolyso 223 Kästner, L., Embryologische For- schungsmethoden 23 Keilhack, Taschenbuch für Geo- logen etc 79 Klein, Hermann, Handbuch der all- gemeinen Himmelsbeschreibung . . 234 Koch, R., Ergebnisse der Malaria- Expedition 102 K o e hne , E., Herbarium dendrologicum 11 Kohlrausch, Praktische Physik . . 427 Korn, Lehrbuch der Potential-Theorie 139 — , A r t hur, Abhandlungen über Po- tential-Theorie 199 Kostersitz, Photographie im Dienste der Himmelskunde und Berg-Obser- vatorien 32 Lapouge, Vacher de, L'Aryon . . 102 Lehmann, P., Länder- und Völker- kunde 427 Lindau, Hilfsbueh für das Sammeln parasitischer Pilze 187 Li vi, Anthroiiometrin •234 Mach, Analyse der Fmptiudungeu . . 222 Mavshall, VV., Katechismus der Zoo- logie 186 Martin, Rud., Anthropologie als Wissenschaft und Lelirfach . . . 211 Meyer, K., Naturlehre für höhere Mädchenschulen u. s. w 307 Michael, Ed., Führer für Pilzfreundo 391 Migula, Pflanzcnbiologio . ... 67 Molisch, Milch- und Schleimsaft der Pflanzen 222 Möller, Alf., Phycoinyceten und As- comyceten 295 Müller. Ad., Axendrchuug des Pla- neten Venus 139 — , G., Specialkarto der Umgcgond von Saarbrücken 187 Nävi He, Ad., Nouvelle classiflcation des Sciences _ 307 Nemec, Rcizlcitung unil reizleitende Structuren bei den Pflanzen . . . 198 N ernst und Borchers, Jahrbuch für Elektrochemie 223 Ostwald, Wissenschaftliche Grund- lage der analytischen Chemie . . 223 Panaotovic, Chemisches Hilfsbuch . 43 Pfeffer, Pflanzeiiidn siologie . . . LM Piltz. AiKirganiselie'Ohende .... 91 Platc, Abstaininmm>lehre 426 Poritzky, Julien Olfray de Lamettrie 163 Prowazek, Zur positiven Naturan- schauung 379 Reineke und Migula, Das Pflanzen- reich G7 Rheden, Beobachtungen uud Zeich- nungen dos Planeten Mars . . . 222 Richter, 0., u. Schulteis, Richters Atlas für höhere Schulen .... 427 Roozeboom, Bedeutung der Phasen- lehro 187 Rosenthal, J., Allgemeine Physio- logie It^^ Rudel phi, Physikalische Chemie für den Schulunterricht 103 Russ, Hamlbuch für Vogolliebhaber . 186 Sachs, W., Kohlenoxydvergiftung . . 102 Schoiner, J., Bau des Weltalls . . 223 Schleichert, Franz, Anleitung zu botanischen Beobachtungen und pflanzenphysiolog. Experimenten . 331 Schmidt, Julius, Praktische Bedeu- tung chemischer Arbeit 43 S c h n e i d e w i n , Die Unendlichkeit der Welt 234 Schulte-Tigges, Philosophische Pro- pädeutik Iö2 Schurtz, Heinr., Urgeschichte der Kultur 163 Seeliger, Oswald, Thierleben der Tiefsee ^07 Simroth, Hein., Abriss der Biologie der Thiere '-'71 Stelz, L., und Grede, Leitfaden für ^ den botanischen Unterricht ... 4- Thomson, J. J, Les decharges elcc- triques dans Ics gaz '»ö Toula, Geologie o' Twrdy, Methodischer Lehrgang der Krystallographie 1^° Uhle, Der Würmsee . ^'^ Valentiner, Handwörterbuch der Astronomie ^'^ Verworn, Das Neuron f^^ de Vries, Mutationstheorie .... '-'■'- Wagner, Adolf, Studien und Skizzen aus Naturwissenschaft und Philo- Sophie ^ • ■ 1''^ Wahnschaffe, Ursache der Ober- flächengestaltung dos norddeutschen Flachlandes . . . • • ■ • • • ]^t Wallace, Studies scientific and social lU^ Warburg, Experimentalphysik . - IW — , O,, Pandanaceae 3iJ Wettstein. Handbuch der systemati- sehen Botanik "So 1 iilialts-Verzeichniss. Seite Wichelhaus, IL, Wirthschiiftliche Bedeutung chomischei- Ai-ljoit . . 11 Wiesner, Rohstoffe des Pflanzen- reichs 222 Wislicenus, Walter F., Astrono- mischer Jahresbericht 367 Wyneken, Ding an sich 355 Zacharias, J., ElektrischeVerbrauchs- messer der Neuzeit 403 Zell, Polyphem — Ein Gorilla ... 350 Ziehen, Psychophysische Erkenntniss- theoric 330 An der Wende des Jahrliunderts (naturwissenschaftliche Vorträge) . oUl Annuaire du bur. des longitudes pour 1901 43 Astronomischer Jahresbericht . . 115, 367 Astronomischer Kalender für 1901 . lOo Bericht der Deutschen botanischen Ge- sellschaft 23.J Botanik und Zoologie in Oestorrcicli 1850-1900 271 Die erste Erfindung 11)2 Encyclopädie der mathematischen Wissenschaften mit Eiuschluss ihrer Anwendungen 191) Forschungsberichte aus der biologischen Station zu Plön 223 Fnii..,hiiltr (l.^r Physik 1899 . . 55, 331 (lriiHiii\ iistaiidliche Darwinistische \iMvh-:- und Abhnndlnngon . . . 12ii Gcologis.lM- Knitr V..1I l'i.us.si'n und den 'riir,niiL:isrlM n Si;i;n,.„ . 103, 403 Jalirbuch für l'Ji'kfiurl.nnir .... 2l'3 Lethaea geognosliiii 331 Littcraturliste (Neue Erscheinungen des Buchhandels) 11 und fast iii jeder folgenden Nummer. Ostwald's Classikor der exakten Wissen- schaften llj Philosophische Bibliothek 138 Sammlung geologischer Führer . . . 127 Sammlung Uöschen 67 Verhandlungen der Abtheilung Beriin- Charlottenburg der deutschen Kolo- nial-Gesellschaft 1900/01 .... 379 Zoologisches Adressbuch 271 Abltilduugen. Abbildungen zur mechanischen Theorie der Blattstellungen (Orig.)^ . 311—315 Allbildungen zu Szymauski: Schulvor- suche mit elektrischen Wellen (Orig.) 107, 108, 109. 110 Aleuronkörner vom Leinsamen ... 95 Ammonshörner (Orig.) 57 Capillar-Doppollampe 2tj Cyatheaceen, Querschnitt durch Stamm und Stammstück von, ..... 86 Diagramme zur Wettermonats Uebcr- sieht (Orig.) 126 Diagramme zu Simon's Artikel Neuere physikal. Demonstrationen (Orig.) 360, 361 Gorilla dop Mujfnms Umlauft' . 195, 196 (;r;i|,liisclioli;,,s|r!l,,„i;enzudenWetter- M..li;(l.s i:.'lM^,,lrhtcii 31 llMl/,tniii.:^|.nit .Ici- i;iber nach Olaus Magnus (Ovig.-NuL'hbild ) . . . . 262 Jupiter an\ 3. Juli 1900 Karte der diluvialen Endmoränen Nord deutschlands Karte über Hagelschlag N. und NW. Lübeck am 9. August 1881 (Orig.) K.iMKU- Kupfe (Orig.) . . . . . \i.-.tlH.|,|, II v(in Spechten (Orig) . "'""ll"'!'' "blonga .^ < iiMKitliiMa lubrinervis Otterfalle, Zweiklappige von Adamshof (Kreis Flatow) Profile aus ^iner Sandgrube zur De monstration der Winderosion (Orig.) 369, Protei'nkorn aus der süssen Mandel Proteinkörncr aus dem Samen von Myristica Proteinkörncr aus Ricinussamen . . Psaronius-Querschliff Samenanlage (schfmn tisch) undEuibryo- sack von Hili.uitliiis (( iiii;'.-Nachb.) Saturn am 18. .Vii-n-t lüno . . . . Scliema des L(iilMnulcl-\'i'rlaufs der Protocalamariaceen, Cahimariaceen und Equisetaceen .... . . . Schema zu Spies' Artikel über flüssige Luft (Orig.) Schemata zu Van 't Hoff's Artikel über Salzablagerungen (Orig.) 74, 75, Sedum dasyphyllum Sniiiirnfinsterniss am 28. Mai 19U0 . . 'Pon-Il, Otto, Portrat (Orig.) . . . . \Vrtl(T-Ilia!;nimmo 78, Zcllrii ans Lcguminnson-Samen . . . 183 105 215 328 327 253 ^ '-:%. "'?r- Q.jMf^ 0mmßsMfm ''^•:^-^,^""- Redaktion: ? Prof. Dr. H. Potonie. Verlag: Ferd. Düüunlers Verlagsbuchhandlung, Berlin SW. 12, Zimmerstr. 94. XVI. Band. Sonntag, den 6. Jannar 1901. Nr. 1. Abonnement: Man abonnirt bei aUt-n Buchhandlungen und Post- y Inserate: Die viergespaltei-.a Petitzeile 40 Jl. Grössere Aufträge ent- anstalten, wie bei der Expedition. Der Viertelj-ahrspreis ist Ji i.- e& sprechenden Rabatt. Beilagen nach Uebereinlsunft. Inseratenannahme Bringegeld bei der Post 15 A extra. Postzeitungsliste Nr. 5112. X bei allen Annoncenbureaus wie bei der Expedition. Abdrnek ist nnr mit vollständij^er Qnellenan8:abe gestattet. Zusammenhang und Ausdehnung der deutschen Kohlenfeider. Voi-ti-ag, ftehalten auf der W hms: de Xaturfcirsobcr und Aerzte in Auuhe Manche von Ihnen hat ihr Weg nach unserer, im äussersten Westen des Reiches gelegenen Stadt durch das Ruhrgebiet geführt. Niemand, der diese Theile Rhein- lands und Westfalens sieht, und sei es auch nur vom Fenster des vorttbereilenden Schnellzuges aus, kann sich dem Eindruck entziehen, den die Häuf'ung der mächtigen Kamine, die russgeschwärzten Häuser und die rauch- erfüllte Atmosphäre hervorrufen. Ist dieser Eindruck auch nicht gerade ein anmuthiger und freundlicher, so ist er doch jedenfalls ein starker. Man fühlt und erkennt, dass man sich in einem Gebiet ganz besonders hoch ent- wickelter Industrie befindet. In der That zeigen gewisse Industriezweige hier einen Grad der Eutwickelung, der von keiner anderen Gegend Deutschlands erreicht, von keiner anderen Europas übertroffen wird. Kohle und Eisen sind die wesentlichsten Erzeugnisse des Gebietes. Aber nur die erstere i.st ein Produkt des Landes im eigentlichen Sinne. Sie findet sich, von der Natur fertiggestellt, in dem Boden abgelagert, während das Eisen aus Erzen ausgeschmolzen wird, die aus an- deren Gegenden, zum Theil aus fernen Ländern, herbei- geschaift werden. Kaum 10 Procent seines Bedarfes an Eisenerzen kann das Industriegebiet an der Ruhr selbst decken. Die moderne Entwickelang der Industrie und des Verkehrs hat mit den alten Verhältnissen gründlich aufgeräumt. Während in alten Zeiten die Eisenerze dort verar- beitet wurden, wo sie sich fanden, da dass erforderliche Heizmaterial, die Holzkohle, überall fast hergestellt werden konnte, wandern heute die Erze vielfach nach den Kohlcngebieten. Der Grund hierfür ist lediglich ein wirthschaftlicber. Braucht man doch, um eine Tonne fertiger Eisenwaaren herzustellen, mindestens das dreifache Gewicht an Kohle, aber nur etwa das doppelte an Erz. Mehr oder weniger anders liegen die Verhältnisse ■|it(_-inber l'.HIO von E. Holzapfel (Aachen). bei den anderen industriellen Betrieben, wo zum Theil ganz andere Factoren maassgebend sind. Aber alle, mit verschwindenden Ausnahmen, brauchen Kohle als den- jenigen Stofl', dessen Verbrennung die Wärme liefert, die in die für alle grösseren Betriebe erforderliche Kraft um- gesetzt wird. Von der Kohle, in erster Linie der Stein- kohle, ist daher die Industrie eines Landes und somit sein Reichthum abhängig, die bedeutendsten Kohlenländer unter den civilisirten Staaten weisen daher auch die blühendste Industrie auf. Schwarze Diamanten hat man daher die Steinkohlen genannt, um ihren Werth zu be- zeichnen. Mich deucht, dass in diesem Vergleich eine Ueberschätzung des Diamanten liegt. In wirthschaft- lichem Sinne wenigstens ist die Bedeutung der Kohle sehr viel grösser, als die ihres nächsten Verwandten, des Diamanten, wenn sie sich auch in viel unscheinbarerem Gewände präsentirt. Deutschland gehört zu den au Steinkohlen reichen Ländern. In der Production wird es allerdings durch England weit übertroffen, das seine führende Stellung auf der Erde erst im letzten Jahre an die Vereinigten Staaten hat abtreten müssen. Es verlohnt sich nun wohl, hier im Kreise deutscher Naturforscher und Aerzte, einen Blick auf die Kohlen- vorkommen im Deutschen Reich zu werfen, auf ihre Er- giebigkeit und die Aussichten, welche diese Grundlagen unserer Industrie für die Zukunft bieten. Jeder von Ihnen kennt Steinkohle ganz genau und weiss sie durch blosses Ansehen von anderen fossilen Brennstoffen zu unterscheiden. Aber nicht alle werden wissen, dass die äusserlich keine bestimmte Form zeigende Masse in allen Fällen, nach einer geeigneten Behandlung unter dem Mikroskop die Struetur der Pflanzenzellen zeigt. Man erkennt hieraus, dass die Kohle aus ver- änderter Pflanzensubstanz besteht. Steinkohle bildet Lager, oft von grosser Regelmässig- Naturwissenschaftliche Wochensclirift. XVI. Nr. 1. keit, zwischen allerlei Gesteinen, voruebmlich Sandsteinen und schiefrigen Thoueu, Gesteinen, welche den Absatz von sandigen und schlammigen Massen auf dem Grunde von Wasserbecken darstellen. Anhäufungen von Pflanzenresten sind also von Sand und Schlamm bedeckt und dadurch der zerstörenden Einwirkung des Sauerstotfs der Luft entzogen worden, so dass eine vollkommene Verwesung nicht eintreten konnte. — Die Kohlen sind demnach bei unvollkommenem Lufteintritt und darum auch nur unvollkommen verweste Pflanzenkörper. Neuere Forschungen scheinen zu ergeben, dass bei diesem Prozess specilische Bacterien eine Rolle spielen. Sehen wir uns .auf unserer heutigen Erde um, so treflFen wir nirgendwo auf Verhältnisse, unter denen sich grössere und ausgedehntere Kohlenlager bilden oder bilden könnten. Wenn wir daher die Entstehung der in weit zurück- liegender Vorzeit gebildeten Kohlenflötze erklären wollen, so können wir uns auf keine verwandten Erscheinungen der Jetztzeit berufen. Wir müssen vielmehr mit mög liebster Sorgfalt alle und jede Eigenthümlichkeit der alten Kohlen selbst und ihrer Begleitgesteine studiren, und nach Fingerzeichen suchen, die wir für die gesuchte Deutung verwerthen können. Diese Untersuchungen haben nun ergeben: 1. dass, wie bereits angegeben, die Kohle aus ver- änderter Pflanzensubstauz besteht, deren Zellstructur sich bei geeigneter Behandlung immer erkennen lässt; 2. dass diese Pflanzen Landpflanzen waren, d. h. Pflanzen, welche ihre Wurzeln in den Erdboden sandten; dass es keine schwimmenden tangartigen Gewächse waren. 3. Die Gesteine, welche die Kohlenflötze unterlagern und bedecken, sind aus sandigen und schlammigen Ab- sätzen im Wasser gebildet, es sind vom festen Lande ab- geschwemmte Massen. 4. Die Thiere, deren Reste wir in diesen Gesteinen und in der Kohle selbst finden, sind entweder luftathmende Landbewohner — Insekten, Schnecken, Lurche — oder kiemenathmende Sumpf- bezw. Süsswasserbewohner — Muscheln, Fische und Krebse. Reste von meeresbewoh- nenden Thieren fehlen im Allgemeinen, wir trefi^en solche nur in ganz bestimmten Lagen, von denen noch die Rede sein wird. Diese Hauptergebnisse der Untersuchung gestatten den Schluss, dass unsere Kohlenlager in nächster Nähe des Landes abgelagert wurden, auf dem die Lebewelt der Kohleuperiode ihre Daseinsbedingungen fand. Man ist heute darüber einig, dass wir uns den Schau- platz der Kohlenbildung als einen flachen, ausgedehnten Landsaum mit allerlei Wasserlachen und Lagunen zu denken haben, wie Sie ihn auf der hier ausgehängten Tafel dargestellt sehen. Auf dieser sind in Reconstruction die hauptsächlichsten Pflanzen dargestellt, die das Mate- rial für die Kohlen lieferten. Sie sehen, dass dieselben wesentlich verschieden sind von den Pflanzen, die unseren heutigen Landschaften ihren Charakter verleihen. Ist man hierüber im Allgemeinen einig, so ist man verschiedener Ansicht über die besonderen Bedingungen, unter denen das Material der Kohlenflötze abgelagert wurde. Es sind, wie ich nur kurz andeuten will, in der Hauptsache zwei Ansichten, welche vertheidigt werden. Die eine nimmt an, dass die Kohlen aus an Ort und Stelle gewachsenen Pflanzen entstanden sind, dass die Flötze also eine autochthone Bildung seien. Die zweite Meinung geht dahin, dass das Material der Kohlenflötze zusammen- geschwemmt sei, diese daher nicht allochthonen Ursprunges seien. Gegen beide Theorieen sind Bedenken erhoben worden, auf die ich hier nicht eingehen kann. Mir scheint aber, dass im Allgemeinen die meisten Gründe für eine autochthone Entstehung sprechen, mögen auch gelegent- lich und örtlich aus zusammengeschwemmten Pflanzen Kohlenflötze entstanden sein. Mag nun die eine oder die andere dieser Ansichten die richtige sein, so müssen doch ganz eigenartige Ver- hältnisse geherrscht haben, dass in so allgemeiner Ver- breitung auf der ganzen Erde so ausserordentliche Massen von Pflanzen unter Sand und Schlamm begraben werden konnten, zwischen Detritus-Massen, deren Dicke mehrere Tausend Meter beträgt. Es ist eine höchst merkwürdige Thatsache, dass diese Verhältnisse im Verlauf der langen Erdgeschichte nur ein- mal in allgemeiner Verbreitung auftraten, wenn es auch örtlich zu verschiedenen anderen Zeiten zur Bildung von Kohlenflötzen kam. Es sind daher, von diesem örtlichen Vorkommen abgesehen, alle Steinkohlen der Erde bei- läufig von demselben Alter, in derselben Periode der Erd- geschichte abgelagert, und diese wird darum die Stein- kohlen- oder carbonische Periode genannt. Wann diese Periode einsetzte, wann sie endigte, wissen wir nicht, können wir wenigstens nicht mit un- serem gebräuchlichen Zeitmaass ausdrücken. Mau hat zwar verschiedentlich Versuche gemacht, derartige Zeit- bestimmungen vorzunehmen, aber bisher noch mit unzu- reichendem Erfolg, und die Angaben über den Zeitraum, der .seit Beginn der Kohlenperiode bis heute verflossen sein soll, schwanken innerhalb sehr weiter Grenzen, von etwa 9 bis 25 Millionen unserer Jahre. Jedenfalls ist dieser Zeitraum also sehr gross. In der Geologie müssen wir uns leider noch mit relativen Altersbestimmungen der Gesteine begnügen, in- dem wir feststellen, was vorausging und nachfolgte. Der Kohlenperiode ging voraus die sogenannte de- vonische Periode. Während der ganzen Dauer dieser sehen wir den grössten Theil der Erde, vor Allem fast das ganze Ge- biet des heutigen Europa vom Meer bedeckt, aus dem einige Inseln emporragten, und eine grössere Länder- massc im nordatlantischen Gebiet, von der heute noch Theile von Skandinavien, die Hebriden und das nörd- liche Schottland Reste sind. Von landbewohnenden Thieren aus dieser Zeit wissen wir wenig, auf dem Lande wachsende Pflanzen kennen wir wohl, aber von einer einigermaassen reichen oder mannigfaltigen Land- flora kann nicht geredet werden. Auch Gescböpfe, die im süssen Wasser lebten, sind kaum mit Sicherheit be- kannt. Der Ocean bedeckte fast das ganze Gebiet. Während der Carbonzeit änderten sich die Verhält- nisse von Grund aus. Auf weite Strecken sehen wir festes Land aus dem Meere aufsteigen, auf dem sich die Flora, deren Typen aus der vorhergegangenen devonischen Periode herübergekommen waren, zu einer bis dahin un- gekannten Ueppigkeit entwickelte, offenbar unter der Gunst eigenartiger klimatischer Verhältnisse. Während der carbonischen Periode entstanden in Mittel-Europa zwei gewaltige Kettengebirge, vergleichbar den jugendlichen Alpen. "Heute freilich ist von ihnen wenig mehr übrig, und was noch vorhanden ist, erinnert äusserlich wenig oder gar nicht mehr an die einstige Ge- stalt. Nur in dem inneren Aufbau erkennen wir eine weitgehende Uebereinstimmung mit unseren heuligen Hoch- gebirgen. Die äussere Form dagegen ist zerstört. Die Ver- witterung hat im Laufe der langen Perioden an der Ab- tragung gearbeitet, das Meer ist zu wiederholten Malen über das Gebirge vorgedrungen und hat die Gebirgs- ketten mit den aufgesetzten Hocligipfeln bis auf die XVI. Nr. 1. Naturwissenschaftliche "Wochenschrift. Fundamente abgehobelt, so dass nur ein Plateau übrig blieb, und ausserdem sanken ansehnliche Schollen in die Tiefe, unter das Meer, und dieses lagerte auf den ge- sunkeneu Gebieten jüngere Gesteine in bedeutender Dicke ab, sie dadurch der Beobachtung entziehend. So sehen wir heute von den alten Hochgebirgen nur noch einzelne Schollen, Horste, als Inseln aus den umgebenden jüngeren Ablagerungen aufragen. E. Süss hat diese beiden mitteleuropäischen Falten- gebirge zuerst in ihrer Gesammtheit erkannt, und die Zu- sammengehörigkeit der vorhandenen Reste festgestellt. Er hat das eine als das armorikanische, das andere als das variscische Gebirge bezeichnet. Uns interessirt hier nur das letztere. Die noch vorhandenen Reste sind: der östliche Theil des französischen Centralpiateaus, das so- genannte rheinische Sehiefergebirge, die gefalteten, alten Gesteine von Schvvarzwald, Vogesen, Odenwald und Spessart, der Harz, kleine Theile des Thüringer Waldes, das ostthüringische Schiefergebirge, Frankenwald, Fichtel- gebirge, das Erzgebirge mit seinem nördlichen Vorlande, so weit es von carbonischen und älteren Gesteinen ge- bildet wird, und das ganze Gebirgssystem der Sudeten, wahrscheinlich auch das polnische Mittelgebirge, die Lysa Göra. Im Osten, an der oberen Oder und Weichsel, bildet das junge Alpensystem mit den Karpathen die heutige Grenze, und wir wissen nicht, ob nicht ehemals das variscische Gebirge noch weiter nach Osten hin reichte, und ob nicht Theile von ihm unter den Kar- pathen liegen. Die grössten Erhebungen dieses alten Gebirges ver- muthet Süss in der Gegend der Ballons der Vogesen und im Voigtlande, und von diesem letzteren, dem Gebiete der alten Varisker, hat er den Namen entlehnt. Die Gesteine, die an dem Aufbau theilnehmen, sind solche der Carbonzeit und ältere, und hieraus ergiebt sich das Alter des Gebirges als carbonisch. Zu diesem variscischen Gebirge nun stehen unsere deutschen Kohlenfelder in engster Beziehung. Diese Beziehungen treten auf der aushängenden Karte deutlich hervor. Dort sind zunächst die "bereits genannten Reste des variscischen Gebirges in groben Zügen verzeichnet, und ausserdem ist das Alpensj.stem mit grüner Farbe angedeutet. Die Kohlengebiete sind schwarz, roth umrandet eingetragen. Sie sehen, dass es deren eine ganze Menge giebt, aber nur wenige von ihnen sind von grösserer Bedeutung. Viele enthalten Flötze und Flötzchen, deren Gewinnung überhaupt nicht lohnt, bei anderen geht die Bedeutung nicht über eine rein örtliche hinaus, wiederum in anderen sind die Kolilen- tlötze, soweit sie überhaupt eine Gewinnung lohnten, ab- gebaut. Alle aber sind für die Erkenntniss der Kohlen- bildung überhaupt von Wichtigkeit. — In unseren Kohlen- becken gehören die flötzführenden Schichten der zweiten Hälfte der carbonischen Periode an. In der ersten treffen wir entweder marine Ablagerungen oder Bildungen des Meeresstrandes. Während der zweiten Hälfte der Steinkohlenzeit zeigt die Flora einen zweimaligen, deutlich erkennbaren Wechsel, der sich allerdings weniger in ihrem Gesamnit- charakter, der der gleiche bleibt, als in dem Auftreten gewisser Arten bemerkbar macht. Man unterscheidet daher drei verschiedene Floren und benennt die Gesteine, in denen sie sich linden, nach Orten, wo diese in besonders typischer Entwickelung auftreten: die unter- sten als Waldenburger, die mittleren als Saarbrücker oder Westfälische und die oberen als Ottweiler Schichten. In den einzelnen Becken tritt vielfach nur die eine dieser Schichtenfolgen auf, oft aber auch mehrere über einander. Die vollständige Reihenfolge treffen wir nur in Niederschlesien, im Waldenburger Becken. Von den zahlreichen Kohlenbecken liegt eine Anzahl, meistens kleinere, mitten in den variscischen Falten, die kohlenführenden Schichten liegen ungleichförmig auf irgend welchen älteren Gesteinen und sind entweder von jüngeren Ablagerungen bedeckt oder ohne eine solche Ueberlage- rung. Zu dieser Gruppe gehören eine Anzahl sehr kleiner, und heute nicht einmal eine lokale Bedeutung besitzender Vorkommen im gefalteten Gebiet der Vogesen, die Vorkommen im Schwarzwald, welche zu verschiedenen Zeiten Veranlassung zu ausgedehnten und kostspieligen, aber resultatlosen Untersuchungen gaben, und die wich- tigeren sächsischen Vorkommen von Chemnitz, Zwickau, Hainiehen u. s. w. Ihre Ausdehnung ist nicht gross und ihre Begrenzung ziemlich gut bekannt. Die Kohlenflötze sind wenig zahlreich, aber zum Theil sehr mächtig und nicht unerheblich schwankend. Das sogenannte Planitzer Flötz erreicht bis zu 12 m Blächtigkeit, dass Russkohlen- flötz enthält bis 8 m Kohle. Auch das niederschlesische, das Waldenburger Kohlen- becken, liegt ersichtlich innerhalb der variscischen Su- deten, nur auf eine relativ kurze Strecke nach Süden hin ist es nicht von älteren Gesteinen begrenzt, seine Um- randung aber doch gegeben. Im Innern dieses Beckens liegt eine sehr mächtige Decke jüngerer Gesteine auf den kohlenführenden Schichten ungleichförmig auf, die ihrerseits ungleichförmig theils auf alten Schiefern liegen, theils auf marinen Schichten der unteren Steinkohlen- formation. Bei allen diesen Kohlenbecken ist die hoi'izontale Ausbreitung durch die Umrandung mit älteren Gesteinen gegeben, die grösseren sind im Innern hoch bedeckt mit jüngeren Gesteinen, oft von vielen hundert Metern Dicke. Alle zeigen als gemeinsame Merkmale, dass die flötz- führenden Schichten gefaltet sind, aber ersichtlich schwächer als ihre Unterlage, und dasj sie keine Reste von meeres- bewohnenden Thieren enthalten. Sie sind also im süssen Wasser abgelagert, zu einer Zeit, als die variscische Faltung bereits ziemlich weit vorgeschritten, aber noch nicht beendet war. Sie bildeten sich in abflusslosen und daher in Seebecken umgewandelten Gebieten innerhalb des eben entstandenen variscischen Landes. Eine weitere Gruppe von wenig bedeutenden Kohlen- becken treften wir an den Rändern der Reste des alten Gebirges, am südlichen Harzrand bei Ilfeld und ebenso am Rand des thüringisch-fränkischen Gebirges, bei Ilmenau, Manebach, Crock u. s. w. Auch diese Schichten, der obersten Abtheilung angehörig, liegen ungleichförmig auf ihrer Unterlage, und ihre Entstehung ist keine andere, als die der ganz innerhalb des variscischen Landes liegenden. Zwei weitere Kohlenbecken treten überhaupt nicht in Berührung mit älteren Gesteinen, das Becken von Wettin und das von Saarbrücken. Bei beiden ist die Unterlage nicht bekannt. Die Wettiner Flötze sind abgebaut, und zahlreiche Untersuchungen der Umgebung haben zu keinem günstigen Resultat geführt. Zwar hat das berühmte Bohrloch von Schladebach bei Halle in einer Tiefe von 542 m die Fortsetzung der Wettiner Stein- kohlenformation angetroffen und bis zur Tiefe von 1532 m durchbohrt, aber keine Kohlenflötze angetroffen. Das Carbon lagert auf devonischen Gesteinen, in denen bis zu 1640,4 m Gesammtteufe weiter gebohrt wurde. Das Saarbrücker Becken grenzt ähnlich wie das Wettiner nicht unmittelbar an das ältere Gebirge. Sein Südrand ist abgebrochen, die Fortsetzung in unbekannte, anscheinend bedeutende Tiefe niedergesunken, und nach Norden hin legen sich in grosser Mächtigkeit jüngere Naturwissenschaftliche Wochenschrift. XYI. Nr. 1. Schichten auf. Wie weit die Kohlenflötze sich unter diesen fortsetzen, ist nicht bekannt. Im Nahegebiet aber liegen diese jüngeren Schichten ungleichförmig auf den alten Schiefern des Hnndsrück. — üeber die wirkliche Ausdehnung des Saarkohlengebietes wissen wir daher nichts, müssen aber annehmen, dass die nach Norden geneigten reichen Kohlenflötze weit unter die jüngere Bedeckung fortsetzen. Wenn die beiden zuletzt genannten Kohlenfelder nun auch nicht in direkter Berührung mit älteren Gesteinen stehen, so gilt für ihre Entstehung das Gleiche, wie für die früher angeführten Vorkommen. Es fehlen Reste von Meeresthieren, wohl aber finden sich solche von Land- und Süsswasserbewohnern. Wir haben es also auch hier mit Ablagerungen, allerdings sehr ausgedehnter, Binnen- gewässer zu tliun. Construirt man nach den vorhandenen Resten das alte variscische Gebirgsland, so sieht man auch sogleich, dass das Saarbeeken innerhalb dieses Ge- birges liegt. Und auch nördlich des Wettiner Beckens treffen wir bei Magdeburg ein allerdings im Gelände kaum hervortretendes, vollständig abgehobeltes Grau- wackengebirge, dessen Schichten das normale variscische Streichen besitzen. Also auch die Wettiner Mulde liegt innerhalb der variscischen Falten. Wir kommen jetzt zu den beiden weitaus wichtigsten Kohlengebieten, dem oberschlesischen und dem rhciaisch- westphälischeu oder Ruhrbecken. Das eine liegt im Osten im Vorlande der Sudeten, das andere im Westen sich an das ältere Gebirge unmittelbar anschliessend. Beide zeigen gegenüber den früher besprochenen einen wesent- lichen Unterschied, und das ist das Auftreten einer ma- rinen Fauna, aber diese tritt nur in den tiefereu Partien auf und wird nach oben durch eine Sumpf- bezw. Süss- wasserfauna verdrängt. Diese Thatsache zeigt, dass, als in beiden Gebieten die Kohleubildung begann, das Meer noch Zutritt zu den Gebieten hatte, in denen die Kohlen- schichteu abgelagert wurden, dass aber später diese Ver- bindung abgeschnitten wurde und an Stelle des salzigen Wassers eine Süsswasserbedeckung trat. In Oberschlesien, wo diese Verhältnisse besonders genau untersucht sind, hat sich die merkwürdige That- sache ergeben, dass die oft dünnen Lager mit den Resten der Meeresbewohner bedeckt werden durch eine andere Schicht, die keine Spur mariner Fossilien mehr enthält, sondern nur Arten, die im Brack- und Süss- wasser lebten. Diese Aufeinanderfolge wiederholt sich des Oefteren. Sie lehrt uns, dass das Meer nur zu ge- wissen Zeiten zu den Gebieten, in denen Kohlen gebildet wurden, Zutritt hatte, dass mit ihm die Salzwasserbewohner ihren Einzug in die Aestuarien und Lagunen hielten, dass aber bald wieder eine Trennung vom Meere und eine Aussüssung stattfand, welche der eingewanderten Fauna den Untergang bereitete, während die Süsswasserbewohner wieder ihre Lebensbedingung fanden. Später wurde dann eine völlige und dauernde Trennung herbeigeführt. Interessant ist es nun, dass diese Erscheinung in den beiden Gebieten nicht gleichzeitig eintrat. Auch die Kohlenbildung begann nicht zur selben Zeit. — In beiden Gebieten wird das untere Carbon von marinen Ablage- rungen gebildet, dem sogenannten Culm. Ueber diesem folgt in Oberschlesien eine Serie von Kohlenflötzen, welche als die der Rybniker Schichten bezeichnet wird, und zwischen diesen liegt die marine Fauna. Es folgte nach oben die sogenannte Sattelflötzgruppe, deren Kohlenlager sich durch ihre ausserordentliche, jenseits der russischen Grenze bis 18 m steigende Mächtigkeit auszeichnen und in denen keine marinen Fossilien mehr vorkommen, ebenso wenig wie in den höhereu, sogenannten Orzescher Schichten. In Westphalen haben wir Flötze vom Alter der Ryb- niker überhaupt nicht, die tiefsten hier auftretenden ge- hören bereits den Orzescher Schichten, d. h. der Saar- brücker bezw. westphälischen Stufe an, und erst in diesen treten in den tiefereu Partieen die marinen Fossilien auf, während die zeitlichen Aequivalente der Rybniker Flötze aus mächtigen flötzfreien Sandsteinen bestehen. Im Westen war demnach die Verbindung mit dem Ocean länger offen als im Osten. So sehen wir denselben Vorgang in zwei verschiedenen Gebieten sich in der gleichen Weise, aber zu verschie- deneu Zeiten abspielen. Durch welche Vorgänge wurde nun die vollständige Scheidung der Kohlengebiete vom Ocean bewirkt? Wir können es nicht mit voller Sicherheit sagen. Und doch ist diese Frage von grosser Bedeutung, denn von ihrer Beantwortung hängt auch die einer weiteren ab, nämlich der Frage nach der Begrenzung und Ausdehnung der Kohlengebiete. In Westphalen liegt das flötzführende Kohlengebirge gleichförmig auf seiner Unterlage. An die Oberfläche tritt es nur im Süden, und von hier aus senkt sich seine Oberfläche in flacher Böschung unter die Kreidedecke des Münsterlandes. Schon unweit Dortmund steigt deren Dicke auf 400 Meter und mehr. Immer weiter nach Norden hin dehnt sich in der Neuzeit das G-ebiet aus, in dem durch Bohrungen die Kohlenflötze nachgewiesen wurden unter der Bedeckung des Münsterschen Beckens. Am Nordostrande dieses erscheint nun eine Südost nach Nordwest streichende junge Gebirgskette, der Teutoburger Wald. Auf der Nordostflanke dieser Kette treten an zwei Stellen, bei Ibbenbüren und Osnabrück flötzführende Kohlenschichten au die Oberfläche. Man kennt ihr Liegendes nicht, und nach allen Seiten tauchen sie schnell wieder unter die jüngeren Deckschichten herunter. Die Flötze sind, allgemein gesprochen, vom gleichen Alter wie die westphälischen, und es sind keinerlei Thatsachen bekannt, welche gegen einen unterirdischen Zusammen- hang mit den Vorkommen an der Ruhr sprächen. Man darf annehmen, dass das westphälische Kohlenbecken sich unter dem ganzen Kreidebecken von Münster her- zieht; allerdings muss es im Innern desselben in sehr grosser Tiefe liegen. Nach Westen hin senkt sich das Kohlengebirge der Ruhr ebenfalls unter junge Sande und Thone, welche das niederrheinische Flachland bedecken. Es ist schon lange bekannt, dass es unter dieser Decke bis über den Rhein zieht. Bei Homberg werden auf der linken Rheinseite schon lange die Flötze abgebaut. Nahe der Westgrenze des Reiches tritt dann in der Aachener Gegend das Kohlengebirge wieder an die Oberfläche und war hier die Veranlassung zu dem ältesten Steinkohlen-Bergbau Deutschlands. Schon seit langer Zeit ist man bemüht gewesen, durch Bohrungen die Verbindung der Kohlenflötze an der Ruhr mit denen von Aachen aufzufinden. Aber erst der vervollkommneten Bohrtechnik der neuesten Zeit und der klareren Einsicht in die geologischen Verhältnisse haben wir in den letzten Jahren die Keuntniss ansehnlicher Stücke dieser Verbindung zu verdanken. Wenn auch Einzelheiten oft geheim gehalten werden, so wissen wir doch, dass von Aachen aus, ähnlich wie in Westphalen, die Oberfläche des Kohlengebirges nach Norden und Nord- osten hin mit flacher Böschung unter die tertiäre Decke des niederrheinischen Flachlandes einsinkt, und wir können nicht mehr zweifeln, dass die Verbindung mit den Ruhr- flötzen tiiatsächlich besteht. Ganz unbekannt aber ist auch hier die nördliche Grenze. Nicht weit nach Westen oder Nordwesten von diesen XVI. Nr. 1. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. bekannten Flötzen, am linken Maasnfer, nördlich von Maastricht, traf aber ein Bohrloch den Kolilenkalk, die Unteriage des fiotzführenden Gebirges, und es scheint, als ob wir es hier mit dem Nordrande des Kohlenbeckens 7A1 thun hätten. Das Aachener Kohlenbecken findet nach Südwesten hin seine Fortsetzung in dem von Lüttich, und dieser schliesst sich unmittelbar das von Namur an, welches sich im leicht nach Norden concaven Bogen über Valeu- ciennes hinaus weit nach Frankreich hinein erstreckt. Wir haben somit einen Zusammenhang der kohlenführen- den Schichten von Westphalen an bis über die Quellen der Scheide hinaus. Hier im Westen ist die Mulde schmal, ausserordent- lich stark zusammengepresst, viel stärker gefaltet als an der Ruhr. Dann aber sehen wir hier in Belgien und Frankreich nördlich von dieser Mulde, theils zu Tage ausgebend, theils unter junger Bedeckung durch Bohr- löcher nachgewiesen, ältere gefaltete Gesteine auftreten. Bis nach Osteude hin sind sie bekannt. Westlich der Maas liegt demnach das flötzführende Kohlengebirge deutlich innerhalb der variscischen Falten, wobei freilieh unentschieden bleiben muss, ob nicht Theile dieser nörd- lichen Faltenzüge erst nach der Ablagerung der Kohleu- flötze entstanden sind, und ob nicht etwa Kohlenflötze, die früher über diesen älteren Schichten sich nach Nor- den hin erstreckten, später der Erosion anheimgefallen sind, ob also der heutige Nordflügel der Kohlenmulde auch deren ursprüngliche nördliche Grenze darstellt. Wahrscheinlich ist, dass wir in Belgien und Frankreich den Nordraud vor uns haben, und dieser muss sich nach Nordost fortsetzen, wenn wir auch heute noch nicht wissen, wo er verläuft. Vergegenwärtigen wir uns noch einmal die That- sache, dass in Westphalen, ebenso auch in Belgien, das Meer nur anfangs Zutritt zu diesen Gebieten hatte, dass später eine völlige Trennung herbeigeführt wurde, so er- kennen wir nördlich vom rheinischen Schiefergebirge eine grosse nach Südwesten in das neu entstandene Land ein- springende und sich in derselben Richtung verengende Bucht als den Schauplatz der Kohleuablagerung, eine Bucht, die später vom Meere getrennt und in einen Binnen- see verwandelt wurde. Ihre Umrisse vermögen wir aller- dings nur im Süden zu reconstruiren, und nur westlich der Maas sehen wir eine nördliche Begrenzung. Der Hauptuuterschied dieses grossen westlichen Kohlenbeckens gegen die vielen kleiueren besteht in der Hauptsache nur in den sehr viel grösseren Dimensionen und der anfängliehen Verbindung mit dem Meere. Das oberschlesische Kohlenbecken zeigt in mancher Beziehung Abweichungen von dem westlichen. Es grenzt nicht unmittelbar an das ältere Gebirge der Sudeten an, sondern hebt sich aus einer jüngeren Umgebung im Vorlande dieses Gebirges empor. An diese selbst grenzt nur ganz im Südosten, bei Mährisch Ostrau, wo an der oberen Oder die Karpathen an das variscische Gebirge angrenzen, ein Stück fiotzführenden Gebirges. Nach Norden zu taucht es unter, aber die Ostrauer Flötze kommen bei Rybuik wieder an die Oberfläche. Zwischen der Partie von Rybnik und der Hauptmasse des obersehlesischen Beckens, deren Flötze von gleichem Alter sind als die westphälischen, ist ein grosser Zwischen- raum. Ansehnliche Theile in ihm sind untersucht, und überall traf man unter jüngerer Bedeckung die Kohle. Ein unterirdischer Zusammenhang ist daher anzunehmen, ebenso wie ein solcher von Rybnik nach Ostrau hin vor- auszusetzen ist. So erstreckt sich vom Gebirgsrande aus das oberschlesische Kohlenbecken bis weit nach Norden in das Vorland hinein, aber grosse Theile liegen in be- deutender Tiefe. Ueber die Begrenzung nach Westen und Osten wissen wir nichts. Die Untersuchungen durch Tiefbohrungen er- strecken sich heute erst über relativ kleine Flächen. Sie haben ja auch nicht den Zweck, die Verbreitung der fiotz- führenden Formationen an sich nachzuweisen, sonderu bau- würdige Flötze in erreichbarer Tiefe aufzufinden. Nach Norden bezw. Nordosten hin treffen wir dann jenseits der Landesgrenze die Lysa Göra, das polnische Mittelgebirge, aus älteren Schichten aufgebaut, deren Schichten dem variscischen Sudeten parallel streichen. Wir erkennen so, dass auch das oberschlesische Kohlenbecken wenigstens zum grossen Theil innerhalb der variscischen Faiteuzüge liegt, in einer grossen und weiten Einbuchtung des alten Festlandes, die der ganzen Sachlage nach nur nach Nordwesten offen gewesen sein, mit dem Meere in Verbindung gestanden haben kann. Ueberbiicken wir das Gesagte, so sehen wir nach Ablauf der Devonzeit in Mittel-Europa gewaltige Be- wegungen der Erdrinde, deren Vorboten sich schon zur Devonzeit bemerkbar gemacht haben. Die abgelagerten Gesteine werden gefaltet, und als Folge dieses Vorganges erheben sich ansehnliche Ländermassen über den Meeres- spiegel. Die Bewegungen erfolgen langsam und allmählich und darum sind die Bildungen der älteren Steinkohlenzeit fast durchweg noch marin, sie erfolgten ungleichmässig und darum liegen die anfangs gebildeten Gesteine im W^esten ihrer Unterlage gleichraässig, im Osten dagegen ungleichförmig auf. Die Bewegung begann also im Osten früher oder war intensiver, als im Westen. Von Kohlenbildungen haben wir in dieser Zeit die ersten Anfänge, und auch diese naturgemäss im Osten. Die gebirgsbildende Kraft wirkte während der ganzen Carbonzeit weiter, immer höher thürmte sich das varis- cische Gebirge auf, immer höher hob sich das Land über das Meer. In seinem. Innern entstanden abflusslose Becken, zum Theil vielleicht Relictenseeen, uud an der nördlichen Küste des Landes entstanden zwei grosse Einbuchtungen, zwei grosse Meeresbusen. — An den Rändern dieser Wasserbecken entwickelte sich eine Flora von bisher nicht gekannter Ueppigkeit. Von den neu entstandenen Landmassen wurde durch Wasserläufe verwittertes und zerstörtes Gesteinsmaterial in Form von Kies, Sand und Schlamm sowohl den Binnen- seeeu wie den grossen Buchten zugeführt, und diese Detritusmassen begruben zu wiederholten Malen die Vege- tation dieser Becken, aus der dann im Laufe der Zeiten ebenso viele Kohlenflötze wurden. Allmählich wurden die Biunenseeen ausgefüllt und die grossen Buchten, vielleicht nur durch die eingeschwemmten Detritusmassen vom Meere abgeschnitten. Zu gewissen Zeiten mögen sie eine ähnliche Bildung gewesen sein, wie die Hafi'e der Ost- seeküste. Während dieser Vorgänge und auch nach Ablauf derselben dauerte die Bewegung der Erdrinde fort, denn wir sehen die Ablagerungen dieser Zeit allenthalben ge- faltet, an einigen Stellen schwach, an anderen höchst in- tensiv, ein Zeichen, dass die Bewegung auch weiterhin eine ungleichmässige war. Es war aber nicht nur eine durch die Faltungen bedingte aufwärts gerichtete Bewe- gung, wir müssen auch Senkungen, vielleicht auch oscil- lirende, abwechselnde positive und negative Bewegungen annehmen. Denn uur das Eintreten von Senkungen ver- mag uns die grosse Mächtigkeit der kohlenführenden Ab- lagerungen und die Vertheilung der Flötze in der ganzen Mächtigkeit zu erklären. Diese Mächtigkeit beträgt über 4000 m. Und die Sohle eines jeden Flötzes muss einmal Naturwissenschaftliche Wochenschrift. XVI. Nr. 1. den Boden gebildet haben, auf dem die Steinkohleuflora wuchs. Die Senkung dieser Gebiete muss aber gleich der Mächtigkeit sein, also ebenfalls über 4000 m betragen haben. Wir sehen aus diesen Zahlen, dass es sich um Bewegungserscheinungen von ganz gewaltigem Ausmaass handelte. Zur Zeit dieser Ereignisse müssen klimatische Ver- hältnisse geherrscht haben, die die ungemein üppige Ent- wickelung der Vegetation bedingten, die andererseits aber auch eine ganz ausserordentliche Verwitterung und Zer- störung der neugebildeten Ländermassen begünstigte, denn ohne eine solche ist die Alagerung so gewaltiger Detritus- massen, wie wir sie in den flötzführenden Schichten sehen, in relativ so kurzer Zeit nicht verständlich. Aus dieser kurzen Skizze ist ohne Weiteres zu ent- nehmen, dass man von einem eigentlichen Zusammenhang unserer Kohlenfelder überhaupt nicht reden kann. In den kleinen, binnenländischen Becken zunächst siud die Kohlen- bildungen durchaus örtliche Bildungen, mag auch hin und wieder in früheren Zeiten das eine oder andere dieser Becken mit einem benachbarten in Verbindung gestanden haben. Aber auch bei den Hauptbecken haben wir eine voll- ständige Trennung vom Meere kennen gelernt, und ich glaube nicht, dass überhaupt eine Verbindung der Kolden- flötze von Westphalen mit denen in Oberschlesien ent- lang des Nordrandes des alten Contiuentes jemals vor- handen war. Nach Ablauf der Carbonzpit war die Faltung des variscischen Gebirges im Allgemeinen beendet und nur die nie rastende zerstörende Thätigkeit des Wassers dauerte fort. Mit den umgebenden Gesteinen wurden grosse Mengen von Kohlenflötzen zerstört, uud gelegent- lich finden wir Reste von solchen in jüngeren Detritus- massen. Es traten Senkungen grösserer Gebiete und ein- zelner Schollen ein, bis unter den Meeresspiegel, und jüngere Gesteine lagerten sich oft in bedeutender Mächtig- keit auf die abradirte Oberfläche des Kohlengebirges uud entziehen heute noch die Ablagerungen der Carbonzeit der Beobachtung. Die Geologie allein ist nicht im Stande, die Dicke dieser jüngeren Gesteine und die Ausbreitung der Kohlen- flötze unter ihnen festzustellen, wenn sie auch das Maximum der Ueberdeckung innerhalb gewisser Grenzen anzugeben vermag. Es ist vielmehr Aufgabe der Industrie und Technik, unter Beihülfe der Geologie die Verhältnisse klar zu stellen, da sie allein über die erforderliche grossen Mittel verfügt, die zu grösseren Tiefbohrungen erforderlich sind. Diese sehr bedeutenden Kosten sind natürlich auch die Ursache, dass die Stellen, an denen gebohrt wird, mit der grössten Sorgfalt ausgewählt werden, dass man vor Allem möglichst systematisch verfährt und immer aus- gehend von Bekanntem, das Untersuchungsgebiet allmäh- lich ausdehnt. Darum wissen wir heute über die wirkliche Ausdeh- nung unserer beiden grossen Kohlenbecken noch recht wenig, obschon Millionen für Bohrungen verausgabt sind. Das Eine aber haben uns diese Untersuchungen ge- lehrt, dass sowohl das westliche wie auch das östliche Kohlenbecken sich weit unter die jüngeren Auflagerungen forterstrecken, und sicher noch viel weiter, als bereits nachgewiesen ist. In weiten Gebieten mögen die Kohlen- flötze in heute unerreichbaren Tiefen liegen, aber an manchen anderen Stellen hat mau sie in unerwartet hoher Lage angetroffen, und so mag es auch noch an anderen Punkten in bis jetzt unerforschten Gebieten sein. Der Abgeordnete Schulz-Bochum, gewiss ein compe- tenter Beurtheiler, hat bei der diesjährigen Etatsberathung im preussischen Abgeordnetenbause die Erklärung ab- gegeben, dass die heute bekannten unterirdischen Kohlen- schätze Rheinlands und Westphalens nach seiner Berech- nung noch für eine ganze Reihe von Jahrhunderten aus- reichten, wobei die zu erwartende Steigerung des Ver- brauches in Anrechnung gebracht worden ist. Hierbei sind die Kohlenflötze unter der niederrheinischen Ebene, deren Ergiebigkeit sich allerdings nicht einmal schätzen lässt, die aber sicherlich eine grosse ist, nicht mit in An- satz gebracht worden. In Oberschlesien liegen die Verhältnisse ähnlich. Auch hier ist, wie ich schon mittheilte, eine Verbindung des Kohlenbeckens von Rybnik mit dem Hauptbecken nach- gewiesen, sowie eine unterirdische Ausdehnung dieses nach Südwesten und Südosten hin. Die Begrenzung ist auch hier unbekannt. Oberschlesien hat gegenüber dem Westen dadurch einen wesentlichen Vorzug, dass viele Bohrungen sich nicht, wie es im Westen die Regel ist, damit begnügt haben, den Nachweis zu führen, dass über- haupt Kohle vorhanden ist, so dass eine bergrechtlichc Beleihung erfolgen konnte, sondern dass sie auch das Kohlengebirge bis zu grösseren Tiefen durchsunken haben, um über die Anzahl der auftretenden Flötze und ihre Stellung im System Klarheit zu schaffen. So hat, um nur ein einziges, allerdings das wichtigste Beispiel aufzuführen, das von dem preussischen Bergfiscus gestossene Bohrloch Perusehowitz V unter einer Bedeckung von 210 m die Oberfläche des Kohlengebirges erreicht, und in diesem noch 1893,34 m, also bis zu einer Gesammttiefe von 2003,34 m weiter gebohrt. Dabei sind bis zu einer Tiefe von 1180 m 60 Kohlenflötze erbohrt worden, darunter 20 mit zusammen 61,9 m Kohle, in der That ein gross- artiger Schatz an Kohlen, der der Hebung wartet. Die Gesammtzahl und Mächtigkeit der oberschlesischen Kohlen- flötze lässt sich kaum mit Sicherheit angeben. Aber das Eine steht fest, dass Oberschlesien dem westlichen Kohlen- becken an Kohlenreichthum nicht nachsteht, sondern eher überlegen ist, so dass, wenn für den Westen die Schulz- sehe Berechnung gültig ist, auch für Oberschlesien ein Aushalt der Kohlenflötze auf Jahrhunderte gesichert ist. Die Eisverhältiiisse an der Ostküste Crrönlands sind zwischen 73° und 75° n. Br. derartig, dass sie fast immer den Zugang gestatten. Eine Erklärung dieser eigenthümlichen Erscheinung bietet Lieutenant G. Amdrup in seinem Rapport über die diesjährige Expedition nach Ostgrönland (Geogr. Tcdskr. 15. Heft 7/8). Am 29. Juni morgens 1 Uhr wurde die Eisgrenze hinter Jan Mayen (71 ° 3' n. Br. und 9° 32' w. L.) er- reicht; schon um 10 Uhr nachm. machte undurchdring- liches Packeis (71° 40' n. Br. und 10° .56' w. L.) das Vorwärtskommen unmöglich, und zwischen 11 und 12 Uhr war schon die Gefahr vorhanden, eingeschlossen zu wer- den, sodass die „Antaretie" versuchen musste, aus dem Eise zu gelangen, und dem Eisrande gen Norden folgend den Durchbruch zu gewinnen. Am 6. Juli morgens vier Uhr öffnete sich an der Packeiskante eine Rinne nach Westen, welche sich schon in weiter Entfernung durch einen scharf gezeichneten Wasserhimmel angedeutet hatte. In diese Rinne wurde hineingefahren, und das Abnehmen der starken Dünung zeigte, dass die Antarctic sich in der Nordbucht innerhalb des Packeisrandes befand. Die Ortsbestimmung am Mittag des 6. Juli ergab 74° 29' 6" XVT. Nr. 1. Natui-wi ssenschaf tliche "Wochenschrift. 11. Br. und 5°3<)' w. L. — Nach kaum fünftägiger Fahrt durch das Eis wurde am 11. Juli 2 Uhr morgens an Griper Road geankert, der ca. 240 Seemeilen breite Eis- giirtel war durchbrochen. Die sogenannte Nordbucht ist ein Gürtel zerstreuten p]ises zwischen 73° und 75° n. Br. Die Entstehung der- selben wird auf 3 Ursachen zurückgeführt: 1) die Strö- mung, 2) den Wind, 3) die Linie, in der das Eis im Frühjahr aufbricht, (erstreckt sich ungefähr von der Shan- non-Insel nach NO oder ONO). Der siidwärtsgehende Strom und die an der ostgrön- ländischen Küste vorherrschenden ungefähr nördlichen Winde werden in Folge dessen eine Lücke im Eisrande erzeugen südlich von der Linie, nach der das Eis auf- bricht. Diese Annahme wird noch dadurch unterstützt, dass längs dem Packeisrande zahlreiche beschmutzte Eisberge treiben, welche wahrscheinlich aus dem Polarmeere an der Westseite Spitzbergens kommen. Des weiteren findet man die grösste Masse von Treibholz am Packeisrande bis Jan Mayen, während drinnen im Eisgürtel Treibholz nur vereinzelt gefunden wird. In der Mitte des EisgUrtels begegnet man nur selten schmutzigen Eisbergen, während die Anzahl derselben in der Nähe des Landes wieder grösser wird. Daraus scheint hervorzugehen, dass der Hauptarm des aus dem Polarmeere nach dem Süden fliessenden Stromes in einem Bogen von Spitzbergen nach Jan Mayen verläuft und erst von hier an nach der ost- gröuländischen Küste hinübergezvvängt wird. Auch der Umstand, dass zum mindesten bis zum 11. Juli kein ein- ziger Eisberg hier gesehen wurde, lässt darauf schliessen, dass das Eis in einer Linie der Shannon-Insel nach NO oder ONO ungebrochen ist; denn es ist kaum anzunehmen, dass in dem nördlichen Theile der ostgrönläudischen Küste keine produktive Gletscher vorhanden sein sollten. A. L. Die Vergletscheniug des östlichen Spitzbergens Avährend der Eiszeit ist durch Professor Freiherrn G. de Gur (Geol. fören. Stockholm förh. Bd. 22. Hft. 5) dar- gethan worden. In der reichhaltigen Litteratur über Spitzbergen sind Angaben bezüglich der Vergletscherung des Landes wäh- rend der Eiszeit recht spärlich und beschränken sich zur Hauptsache auf die Feststellung, dass das Vorkommen alter Gletseherschrammen namentlich au der Nordküste des Landes darthut, dass die Förden einst mit Gletschern erfüllt waren. In anderen Theilen des Landes, wo Ur- gesteine fehlen, dürften Sjln-ammeu selten beobachtet sein, und das ist auch g . .■, natürlich, da die übrigen hier auf- tretenden Gesteine in der Regel nicht zur Erhaltung der- artiger Spuren geeignet sind und die durch den Frost hervorgerufene Verwitterung sie auch oft an sonst wider- standsfähigen Sandsteinen und Diabasen verwischt hat. Aber auch selbst den Geschiebestudien ist nur geringe Aufmerksamkeit gewidmet worden, was jedoch leicht er- klärlich ist, da die Ausdehnung der vielen verschieden- artigen Gesteine, welche auf Spitzbergen vorkommen und unzw eifelhaft in hohem Maasse zu derartigen Studien ein- laden, sogar bis in allerjüngste Zeit für den in Rede stehenden Zweck nicht hinreichend bekannt war. Man ist darum fast ganz im unklaren gewesen be- züglich der Wichtigkeit der Vergletscherung der Eiszeit, über die Schwankungen derselben und über die Ordnung, in der sie nach und nach verschwand oder der gegen- wärtigen, verhältnissmässig eng begrenzten Vergletsche- rung Platz machte. Zwar hat der Verfasser in drei Sommern Gelegenheit gehabt, auf Spitzbergen verschiedene Beobachtungen zu machen, welche diese Frage berühren, kann aber hier nicht näher auf die Erörterung eingehen, da dies passen- der bei der Veröffentlichung der Spezialkarten über die untersuchten Gegenden geschehen dürfte. Dagegen können jetzt schon bezüglich der Vereisung Ost - Spitzbergens einige neue Gesichtspunkte mitgetheilt werden, welche ungezwungen aus den Beobachtungen des letzten Sommers hervorzugehen scheinen und von den diesjährigen Expedi- tionen zu beachten sein dürfen. Schon in der zuerst besuchten Gegend im Gebiete des Storfjord oder an der Ostseite des Südkaps beobachtete der Verfasser an dem Vorsprnng des Keilhau-Berges deutliche, aber etwas verwitterte Rundhöcker vom Juonsandstein, deren Stossseite nicht dem Ufer, sondern nach Nordosten, dem Innern des Storfjord zukehrten, und konnte später- hin diese Beobachtung an einer kleinen, 6 km ausserhalb der Küste befindlichen Schüre bestätigen, deren obere, etwas verwitterte Partieeu die unverkennbare Rundhöcker- form zeigte, während sie in der Wasserlinie gleichzeitig ausgezeichnet erhaltene Absehleifungen in nordöstlicher Richtung aufwies. Die gewaltige Brandung, welche die Landung genugsam erschwerte, vereitelte jedoch die Unter- suchung von etwaigen Schrammen, welche unzweifelhaft auf der geschlossenen Oberfläche zu finden sein mussten. Die ganze Schüre bestand aus drei kleinen Felseilanden, deren mittleres erstiegen wurde. An der Westseite er- schien noch ein vierter, schon aber geschliffener Fels am Wasserspiegel; an demselben wären auch gewiss Sehrammen zu finden gewesen. Schon diese Beobachtungen zeigen, dass nicht allein der wichtige Storfjord sondern auch dessen submarine, von den Tiefeulinien bezeichnete Fortsetzung einst mit einem mächtigen Gletscher oder richtiger mit einer In- landeisdecke von gewaltiger Ausdehnung angefüllt ge- wesen ist. Kaum eine Meile nördlich von Keilhaus-Berg und un- gefähr 3 Kilometer von der Küste entfernt wurden jedoch auf einem nunmehr von lokalem in den Storfjord aus- mündenden Gletschern umgebenen Bergkomplex in einer Höhe von 340 Metern über dem Meere zahlreiche Blöcke von Gesteinen, welche in der Gegend ganz und gar nicht vorkommen, namentlich von Glimmerschiefer, rothem Sand- stein und Carbonflint oder Chert gefunden. Dieselben stammen entweder aus dem Gebiete nordwestlich vom inueru Winkel des Storfjord oder, wie weiterhin als wahrschein- licher erwiesen wird, aus der Umgebung des nördlichen Theiles der Hinlognu-Strasse. Daraus ging hervor, dass die ehemalige Vereisung des Storfjord nicht nur das eigentliche Fördenbecken ausgefüllt, sondern auch dessen Ufer bis zur Höhe von mindestens 340 Metern über- schwemmt hatte. Wahrscheinlich sind jedoch auch einige im Norden und Nordosten angrenzende, über 500 Meter hohe Berge dabei vom Eise überschritten worden, sodass das Eis quer über die gegenwärtige, vielleicht nicht mehr so hoch liegende Wasserscheide nach Westen abge- schlossen ist. Auf jeden Fall muss das Inlandeis sogar drau.ssen an der Mündung des Storfjord von sehr beträchtlicher Mächtigkeit gewesen sein, die in Anbetracht der Tiefe der Förde wenigstens 600 und wahrscheinlich über 700 Meter betragen haben muss, was ja bei einer Förde mit so geringfügigem Zuflussgebiete und mit nach aussen zu- nehmender Breite und unbekannter Tiefe als sehr merk- würdig anzusehen ist. Eine fernere Bestätigung der hier erwähnten, vom Verfasser gemachten Feststellungen lieferte ein späterhin vom Lieutenant 0. von Knorring beim Triangulations- punkte auf Wliales-head 415 Meter über dem Meere ge- Xatni'wissenscliaftliche Wochensclirit. XVI. Nr. 1. fundenes Stück gi-Unen Heklahoek-Quarzits uud Stücke vou Carbonfliut, welche der Akademiker Tb. Tscher- nyschew ung-efähr 100 Meter tiefer an demselben Berge auffand. Letzterer fand auch oben auf Whales-point, der eine Höhe von 435 Metern erreicht, Blöcke von Diabas, welches Gestein nach seiner Mittheilnng nicht am Gipfel, sondern nur an den Abhängen dieses Plateaus ansteht. Am Fusse desselben beobachtete er auch Schrammen, welche seitdem näher vom Verfasser unter- sucht wurden und keineswegs von einem lokalen Gletscher, sondern nur von einer den ganzen Storfjord umfassenden, allgemeinen Vereisung herrühren können. Schon früher hatte Verfasser auch am nördlichsten Theile der Storfjord, am Ginevoa-Bay, einige bemerkens- werthe Funde gemacht, welche die Erklärung geben dürften, woher das Storfjord-Eis seine mächtigen Eis- massen erhalten habe, während sich dadurch gleichzeitig die Aussicht auf ganz neue und unerwartete Aufklärungen bezüglich der ehemaligen Vereisung Ost-Spitzbergens er- öifnet. Auf dem Gipfel der Verwechselungsspitze (Fo- wäxlingsudden), 235 Meter über dem Meere, also hoch über den höchsten alten Strandlinien, auf dem höchsten aus nordöstlicher Richtung abgeschliffenen Diabashügel wurden Geschiebeblöcke von G-ranit und Carbonflint ge- funden. Die Schrammen der Gegend haben nordöstliche Richtung. Auch an dem entgegengesetzten nördlichen Ufer der Förde wurden Schrammen gefunden, welche aus ONO kommen und ebenfalls wahrscheinlich einem die ganze Förde ausfüllenden mächtigen Eisstrome gehören. An derselben Stelle tritt ausserdem noch ein jüngeres Schrammensystem auf, das aus NNO kommt und das er- sichtlich aus einer etwas späteren Zeit stammt, als der von Osten kommende Eisstrom an Mächtigkeit und Kraft abgenommen hatte, sodass auch das lokale Eis aus der Gegend vom Storfjord nach diesem abfliessen konnte. Dies kann dagegen kaum geschehen sein, als die älteren Schrammen gebildet wurden, und allenfalls hat das lokale Eis aus dem NW sicherlich nie bis an, noch weniger über die höchsten Theile der Verwechselungsspitze gereicht. Die hier gefundenen Blöcke, welche den ufern des Stor- fjords fremd sind, zwingen darum in Verbindung mit den älteren Schrammen an beiden Ufern des Storfjord zu der Annahme, dass das Iniandeis von Hinloyen in den Stor- fjord über das Tiefland im Helis Sund und, nach der Mächtigkeit desselben an der Verweehseluugsspitze zu urteilen, vielleicht über umgebende ebene Plateaus, welche wohl selten über 400 Meter hoch waren, hineingedrungen ist. Es wäre darum von grossem Interesse zu erforschen, inwieweit oben auf denselben Gesteinsblöcke aus Hinlogen vorkommen. Thatsächlich dürfte schon die Beobachtung von Blöcken unten auf dem Südkaplande 340 Meter über dem Meere erfordern, dass das Eis hier oben in umso grösserer Nähe seines Ursprungsgebietes eine Mächtigkeit hatte, welche mehr als genügend war, um das Barents Land und Stans-Vorland zu überschwemmen. Jedenfalls erscheint es als feststehend, dass alles Eis, welches auf den beiden genannten Plateauländern gebildet wurde, um die Zeit, da die Hinloyen Strasse und die südliche Fort- setzung derselben so mit Eis überfüllt waren, seinen Ab- fluss nach dem Storfjord hatte. Die Ursache, weshalb das Inlandeis in dieser Weise sich innerhalb der östlichen Theile Spitzbergens anhäufte und nicht genügenden Abtluss nach SO finden konnte, obwohl der in Betracht kommende mächtige Sund sich in dieser Richtung so stark erweiterte, kann, wie in Nord- europa, nur in einer mächtigen Ausbildung des Packeises auf dem Meere und besonders auf dem Barents Meere so. von Spitzbergen zu suchen sein. Eine derartige Pack- eisbildung müsste zuletzt den Abfiuss des Inlandeises nach dieser Richtung wesentlich erschweren uud dasselbe zwingen, sich quer über die hemmenden Landrücken oder wenigstens über die Passpunkte derselben hinweg einen Weg nach SW, nach dem um diese Zeit wahrscheinlich eisfreien Wasser des Atlantischen Oceans zu bahnen. Es ist sehr wohl mögiicii, dass das Inlandeis hierbei nicht nur den Landrücken, der durch Barents Land und Staus Vorland bezeichnet wird, sondern auch gewisse Theile des Südens von West-Spitzbergen überschwemmte. Es ist schon dargelegt, dass die Mächtigkeit des Eises noch am Südkap wahrscheinlich hinreichend war um einem Theile des Eises den Weg quer über das Südkap- land zu ermöglichen. Des weiteren hat Verfasser unter anderem bei Kap Warn zwischen Ekman- und Dickson- Bai im Eisfjord und bei Hornsund Granit- uud Gueis- blöcke gefunden, welche freilich nicht höher lagen, als dass sie möglicherweise mit Treibeis dorthin hätten ge- langen können, vielleicht ist aber eher anzunehmen, dass sie auf den weit kürzeren Wegen quer über das Land mit überschwemmendem Laudeise von der Wijde-Bay und dem Storfjord gekommen sind, und Doceut A. Hamberg hat dem Verfasser mitgetiieilt, dass er im Innern der van Keulens-Bay in bedeutender Höhe über dem Meere einen fossilen Block Carbonflints gefunden hat, dessen Vorkommen an einem so unerwarteten Orte vielleicht durch die hier gemachte Annalime erklärt werden kann, obwohl es nicht ganz unmöglich ist, dass der Block von den carbonen Ablagerungen sowie vom Fjord durch lokale Gletscher herbeigeführt ist. Es ist gegeben, dass ein näheres Studium dieser interessanten Frage von grossem Werthe sowohl für die Beleuchtung der Packeistheorie als der Gesetze für die Bewegung des Inlandeises, in solchen Fällen ist, wo das- selbe dazu gezwungen wird, Wasserscheiden zu über- schreiten, was ja in noch grösserem Maasse in Skandi- navien der Fall gewesen ist. Bei einer derartigen Unter- suchung ist es von besonderer Bedeutung, oben auf den höheren Bergplateaus, sowohl auf Barents Land als auf Staus Vorland und westlich und nördlich von Storfjord fremde Blöcke aufzusuchen, so z. B. Urgesteine, Hekla- hoekdolomit, rothen und grünen Quarzit, Carbonflint und -Kalk und weitere gra-triassische Bildungen, welche nieiit am Storfjord anstehen. Ausserdem gilt es, die Schrammen und Stossseiten u. a. auf der Diabas-Insel in Hinlopen ) und auf den Diabasen an Helhvalds Berg, bei Helis Sund und auf den Tusen-Inseln zu untersuchen. Nach den Fossilien, welche Dr. V. C. Gyllenskiöld 1898 am Kap Toreil und auf Thumb point einsammelte und die er dem Verfasser zur Untersuchung überliess, gehören zwar die Ablagerungen der Trias- und der späteren Juraperiode an, sodass die Carbonschichten am südliehen Theile dos Hinlogen und des Nordostlandes von jüngeren Bildungen bedeckt sind. Nichtsdestoweniger hatte Gyllenskiöld hoch oben auf dem 580 m hohen Thumb point Steine gefun- den, welche wahrscheinlich zum Carbonflint gehören und also vielleicht als Geschiebeblöcke vom mittleren Theile Hinlogens durch einen Eisstrom dorthin geführt sind, Mächtigkeit auf beträchtlich über 600 Meter zu *) Auf der grössten derselben (Wahlbergs Insel), wo übrigens die Verwitterung durch den Frost in hohem Grade die Oberfläche des Berges zersprengt und zum grössten Theil die Schrammen zerstört hat, fanden T schernytsch e w und der Verfasser doch solche während eines kurzen Besuches an Land. Die Richtung derselben war NW — SO oder vielleicht entgegengesetzt, da Stossseiten an der blossgelegten ebenen Wand nicht beobachtet werden konnten. Da die Schrammen in einem nach NW ab- fallenden kleinen Thal vorkommen, könnten sie auch lokal sein. Indessen findet man auf der Insel auch grosse Urgesteinsblöcke, und bei länger anhaltendem Suchen würde man ohne Zweifel aucli Schrammen entdecken, welche nachweislich aus NW kc XVI. Nr. 1. Naturwissenschaftliche Woclienschrift. schätzen wjire und der somit sehr wohl das südlieh ge- legene Ness hätte überschreiten und nach der Ginnara Bay gelangen können. Ebenfalls dürften die fremden Blöcke, welche die Nathorst'sche Expedition 1898 auf dem Kamme von König Karls Land ungefähr 300 ni über dem Meere fand, nach dem, was man jetzt über die Vereisung der im Westen angrenzenden Gegenden weiss, mit wirklichem Inlandeise und wahrscheinlich vom östlichen Theile des Nordost- landes dorthin gekommen sein, da das Eis aus den west- lichen Theilen und Hinlogen wahrscheinlich einen west- licheren Abfluss hatte. Gerade diese anscheinend abnorme Bewegungsriclitung des Hinlogen 'sehen Eisstromes setzt voraus, dass die ganze Strecke bis an König Karls Land und sicherlich noch darüber hinaus mit Inlandeis erfüllt gewesen ist, und somit brauchen fremde Blöcke, welche dort gefunden werden, nicht aufschwimmendem Gletscher- eise dorthin gelangt zu sein und liefern demnach keinen Beweis dafür, wie hoch das Meer hier einst gereicht hat. üebrigens liegen ja die sicher marinen Klappersteinwälle, welche Nathorst und seine Begleiter bis ungefähr 200 m über dem Meere fanden, schon im Verhältniss zu den Strandlinien West-Spitzbergens so hoch, dass man in Folge dessen versucht werden könnte, für König Karls Land eine selbstständige, horstähnliche Landhebung anzunehmen, wenn nicht die Hebungsverhältnisse des Nordostlandes so unbekannt wären, dass man bis jetzt schwerlich die Tragweite und Natur dieser merkwürdigen Erscheinung beurtheilen kann. Auf einer beigefügten Kartenskizze ist der Versuch gemacht, eine Uebersicht über die Vereisung des östlichen Spitzbergens während des in Rede stehenden Abschnittes der Eiszeit zu geben. Mit Unterstützung der Schrammen, der Blöcke und der Terrainfornien hat der Verfasser einen ersten Versuch gemacht, die Ausdehnung und die unge- fähren Bewegungsrichtungen des Eises während der in Rede stehenden Vereisung festzustellen, soweit dieselben sich auf Grund der bisher gemachten Beobachtungen er- mitteln la.ssen. Die Eintragung der gegenwärtigen Eis- scheiden lässt erkennen, wie gering der Zutluss an Gletschereis ist, den der Storfjord gegenwärtig aus dem Westen erhält, und wie dieses Eis damals, als die ganze Förde mit Eis aus dem Nordosten angefüllt war, höchst wahrscheinlich sich nach anderen Richtungen einen Weg suchen musste. Dieser Al)schnitt der Eiszeit fällt höchst wahrschein- lich an das Ende der Eiszeit, als der Nord-Atlantic ziem- lich eisfrei war. Wie es auf Spitzbergen aussah, als auch der nördliche Theil des Atlantischen Oceans mit Packeis gesperrt war, darüber lässt sich nichts sagen, bis der er- wähnte Abschnitt näher erforscht ist. Ebenfalls kann gegenwärtig nicht entschieden werden, ob die Vereisung des östlichen Spitzbergens damals sich ganz bis an die Bären-Insel erstreckte, da die Schrammen, welche Nat- horst auf dieser Insel entdeckte, von lokalen Gletschern herrühren und bisher dort keine fremde Blöcke nachge- wiesen sind. Andererseits wäre es jedoch wohl möglich, dass derartige Blöcke einst auf der Insel vorhanden ge- wesen, aber später von der lokalen Vergletscherung fort- geführt wären. A. L. lieber die Zersetzung viscö.ser Körper (Schmieröle) diircli üe.stillation unter Druck berichten G. Krämer und A. Spilkcr in den Ber. Deutsch. Cheni. Gcsellsch. 33, 2265. Verfasser haben bereits in einer früheren Ar- beit die Möglichkeit besprochen, durch den Prozess der Druckdestillation und das Studium der dabei erhältlichen Spaltungsprodukte die Natur der Schmieröle und der hochsiedenden Paraffine darzulegen. Für gewisse, mit den genannten Oelen verwandte Körper ist dieser Weg wohl gangbar, obgleich es nicht gelang, ihre Constitution auf diese Weise aufzuklären. Nur negativ Hess sich be- weisen, dass die Annahme, dass diese Oele zum Theil durch Anlagerung von aromatischen an ungesättigte Kohlenwasserstoffe entstanden sind, nicht haltbar ist. Die Versuche begannen mit dem Phenylxylyläthan dem Nebenprodukt der Schwefelsäurewäsche, des Roh- xylols, das wenn aucli in ziemlich unreinem Zustande beim Abdestilliren des Xylols im Rückstande verbleibt. Durch wiederholtes Fractionireu lässt sich daraus ein genügend reines Produkt erzielen, das zwischen 270 — 310" siedet. Der Apparat, in dem die Spaltung vorgenommen wurde, ist der bekannte mit Regulirventil versehene Destillationskesscl von Schmiedeeisen, mit dem es gelingt, bei ziemlich constant bleibenden Drucken bis zu 25 Atmo- sphären abzudestilliren. Bei dem Xylolstyrol gelang die Spaltung schon unter 10 Atraosphärendrnck und zwar ganz ohne Bildung eines kokehaltigeu Rückstandes; es wurden aus 500 g Material gewonnen: 155 g flüsssiges Destillat, 295 „ erstarrendes Destillat, 10 „ =etwa 20 1 Gas, 37 „ kokefreier Rückstand. In dem erstarrenden Antheil sind Methylanthracen und Anthracen nachzuweisen, die flüssigen Bestandtheile des Destillates enthielten geringe Mengen Phenole und et- was mehr Brom entfärbende Kohlenwasserstoffe; der Rest bestand aus hochsiedenden Oelen, Toluol, Pseudocumol und wenig Xylol. In dem Gase wurden 17,1 "/o Wasser- stoff, ferner Kohlenwasserstoff, insbesondere Methan con- statirt. Es waren somit wesentlich zwei Reactionen nebenher verlaufen : 1. Das Molekül schliesst sich zum Ring: CH C0H5 • CH • CßHgfCHa), = C^H^ C6H3(CH3)-t-CH, + H2. CH3 f'H Das Molekül zerfällt in der Mitte der Styrolkette unter Aufnahme von Wasserstoff: " CeHj . CH • CoH;,(CH,). + H, = C.Hj ■ CH3 + C6H3(CH3)3. CH3 Aehnlich verhält sich Dimethyldicumylmethan bei der Drnckdestillation, man erhält zunächst Hexaniethylanthracen, welches aber durch Abspaltung weiterer Methylgruppen zu Dimethylanthracen wird. Gleichzeitig beobachtet man auch die Spaltung in zweiter Richtung. Das Molekül bricht auseinander, sodass neben Kohlenwasserstoff me- thjdirte Benzole entstehen, indem der beim Ringschluss frei werdende Wasserstoff in die Bruchstücke eintritt. Dabei entstehen in erster Linie Tetramethylbenzole, die sich durch Abspaltung von Methylgruppen in Xylol und Toluol umwandeln können. Druckdestillation von Harzöl. Das Ausgangsmaterial siedet zwischen 330 — 3550 „^j zeigte die Zusammensetzung: CigHgg. Unter 25 Atmosphärendruck würden bei einer Tempe- ratur von 450" aus 500 g Harzöl folgende Zahlen er- halten : 105 g flüssiges Destillat, 50 „ theilwcise fest werdendes Destillat, 100 1 = 80 g G*s, 141 g stark kokehaltiger Rückstand. 10 Naturwisscnscliaftliche AVochenschrift. XVI. Nr. 1. Das erste Destillat enthielt nicht unerhebliche Mengen Brom entfärbender Körper, neben Benzol-Kohlenwasser- stoffen wurden insbesondere Cymol, methylirte Cyniole und durch Hydrirung daraus entstandene Kohlenwasser- stoffe ermittelt. Paraffine und Naphthole fehlten. Aus dem zweiten Destillat liess sich ein hochsieden- des, festes Kohlenwasserstoffgemisch gewinnen, das sich in Phenanthren und Methylphenanthren zerlegen liess. Das Gas bestand aus Methan, Wasserstoff und geringen Mengen Olefinen. Harzöl ist das Spaltungsprodukt der in dem Colo- phonium bis zu 80 % vorhandenen Abietinsäure, die ihrer- seits durch Oxydation eines polymeren Terpens ent- standen sein wird. Das unter Abspaltung von Kohlensäure und Kohlen- oxyd daraus resultirende Harzöl ist somit ein Restprodnkt des Dipertens. Druckdestillation bewirkt also auch hier entweder Ringschluss unter Wasserstoffabspaltung zu Methylisopropylphenantren, d. i. Reten, aus dem sich dann leicht die Isopropyl- und weiter die Methylgruppe los- lösen, oder Spaltung der beiden Terpenfragmente unter Rückbildung methylirter und theilweise hydrirter Benzole. Aus der Thatsache, dass man aus Harzöl ausschliess- lich Phenanthrenabkömmlinge erhält, lässt sich ableiten, dass der neben Anthracen beträchtliche Mengen Phenan- thren liefernde Steinkohlentheer einem harzreichen Ur- material entstammt. Die allseitig vertretene Ansicht, dass zu der Steinkohlenbildnng grosse Mengen harzreicher Hölzer beigetragen haben, erhält damit eine weitere Stütze. Druckdestillation von Bakunin. Der Zerfall vollzog sich erst trotz des höchst zu- lässigen Druckes, der zur Verwendung kam, bei 450"; Vei-f'asser erhielten aus 500 g Ausgangsmaterial 50 bis 100 1 Gas, 320 g Destillat und ca. 50 g eines pechigen Rückstandes. Das Gas enthielt 20,8 "/o durch Brom absorbirbare Bestandtheile, der Rest war fast reines Methan neben wenig Homologen desselben. 90 % c^es flüssigen Destillates siedeten bis 280"; aus den hochsiedenden Fractionen und aus dem Rückstande wurden kleine Mengen eines bei 202 — 205 "^ schmelzenden Körpers erhalten. Die Analyse der bei 120" siedenden Fraction ergab Zahlen, die auf ein Gemisch von Naphtenen und Paraffinen schliessen liesseu. Aus der gefundenen Zusammensetzung, die in Ver- bindung mit der Siedetemperatur auf das Mittel der Formeln C00H3J bis G,5H44 hindeutet, kann nicht gut die Anwesenheit grösserer Kohlenwasseistoffmengen der Formel CnH2n + 2 gefolgert werden, zumal sonst kohlenstoff- reichere aromatische Stoffe im Schmieröl aufgefunden werden müssten, was bis jetzt noch nicht gelungen ist. Die Schmieröle sind demnach als ein Gemisch von Homologen einer Kohlenwasserstoffreihe anzusehen; da aber ihre Zu- sammensetzung einer um 2 Atome wasserstoffärmeren Reihe entspricht als der des Olefins, so ist auch die An- nahme nicht zulässig, dass die Schmieröle polymere Ole- finc seien. Da sie des Weiteren auch gesättigte Verbindungen sind, so bleibt nur die Annahme übrig, dass sie durch Ringschluss zweier resp. mehrerer Moleküle von der Methen- und Methinreihe angehörenden Kohlenwasserstoffen entstanden sind. Es wären dies also Körper etwa von der Zusanmiensetzung des Dihydroterpens. Nachdem die Druckdestillation so wenig genügende Resultate ergeben hat, scheint es Verfassern fraglich, ob es jemals gelingen wird, positive Beweise hierfür zu er- bringen. Dr. A. Sp. Die Gesell ffiiidigkeit des Lichtes neu zu bestimmen hat die von Bischoffsheim unterhaltene Sternwarte zu Nizza zu einer ihrer Aufgaben gemacht, zu deren Lösung dieses Observatorium wegen des schönen Himmels der Riviera besonders berufen zu sein scheint. Die Bestim- mung wird nach der Methode von Fireau (mit dem Zahnrad - Apparate) ausgeführt, die auch Cornu bei seiner 1874 unternommenen Messung der Lichtgeschwin- digkeit zwischen dem Observatorium von Paris und dem Thurm von Montlhery benutzte, und hat dieser erfahrene Forscher seine thatkräftige Hilfe dem neuen unternehmen gewährt, das auch durch hergeliehene Instrumente von wissenschaftlichen Instituten sowie vom Marineministerium unterstützt wird. Man beabsichtigt, die Entfernung zwischen dem Hauptapparate, der im Objectiv von 6 Zoll Weite, ein Rad mit 150 Zähnen und das registrirende Uhrwerk enthält und bei dem als künstliche Lichtquelle eine elek- trische Lampe von 16 Kerzenstärken und 102 Volt be- nutzt wird, und dem CoUimator mit dreizölligem Silber- spiegel allmählicii zu vergrössern und theilt Perrotin (in Comptes rendus vom 5. Novbr 1900) zunächst erst die Ergebnisse mit, die auf der kürzesten der vorgesehenen Strecken die von zwei von einander unabhängigen Beob- achtern während eines vollen Jahres, dafür aber auch nur unter den günstigsten Bedingungen ausgeführten 1500 Messungen lieferten; die Mittheilung hat mithin noch pro- visorischen Charakter. Diese kürzeste Versuchsstrecke, zwischen der Sternwarte von Nizza und dem am rechten Ufer des Var gelegenen Dorf la Gaude, besitzt aber doch schon, wie drei von einander unabhängige Triangulationen ergaben, eine Länge von beinahe 12 Kilometern, nämlich 11862,22 Meter, und wurde da die Geschwindigkeit des Lichtes zu 299 900 km mit einer Beobachtungsfehler- weite von +8 km gemessen. Dieser Werth steht dem von Michelson nach der Methode von Foucault mit dem Drehspiegel erhaltenen noch näher als dem von Cornu bestimmten von 298400 km. 0. L. L i 1 1 e r a t u r. Dr. F. Hock. Der gegenwärtige Stand unserer Kenntniss von der ursprünglichen Verbreitung der angebauten Nutz- pflanzen. (Sonderabilruck .ins iIlt ,.(;tn-i,i|iliiMlirn Zritseliriff. V. und VI. Jahrg. Leipzig, 15. G. Triil i-, lüoii) Die vorliegende Zusaiiimenstelhiiig, drirü ^i.'llistbesproL-bung der Herausgeber dieser Zeitscbrift von mir wünsebte, wurde voii mir auf Wunsch des Herausgebers der geogr. Zeitscbr. abgcfasst, um den Erdkundlern eine kurze Uebcrsicbt über die Heimath und Verbreitung der wichtigsten Nutzpflanzen zu geben. Es werden darin behandelt: 1. Getreidearten. a) Getreidegräser, b) Hülsenfrüchte, c) Gotreidekräuter. 2. Obstarten. A. Obstarten der gemässigt warmen und kälteren Länder. a) Ramenobst, b) Kernobst, c) Steinobst, d) Beerenobst. B. Obstarten, die vorwiegend in wärmeren Ländern gebaut werd en. a) Nussäbnliche Obstarten, b) Steinfrucht- und boerenähnliche Obstarten. 3. Gemüsepflanzen. a) Erdgemüse, b) Uebererdgemüse. 4. GenussmittelpHaiizen. a) GewiUv.pIluiizcn, b) Getnu>k|,llanz,.n, c) Rauch- und Kaumittelpflanzen XVI. Nr. 1. Nciturwissenschaftliche Wochenschrift. 5. Geweibepfl.'inzen. a) Oele und Fette liefei-ndo Pflanzen, b) Gummipflanzen, c) Faser- und Flechtstoffpflanzen. d) Färber- und Gerberpflanzen. e) Holzpflanzen. fi. Heilpflanzofi. 7. Futterpflanzen. Die beiden letzten Hauptgruppen von Pflanzen und die Gruppe 5e wurden sehr kurz behandelt, da eine Vollständigkeit in dieser Beziehung auch nicht annähernd zu erzielen wäre, und die Gruppen an Werth für den Menschen auch hinter den anderen weit zurückstehen. Aus der ausführlich gegebenen Uebersicht sieht man, dass äussere Rücksichten vielfach die weitere Kintheilung bedingten. Für eine Bearbeitung der Frage in einer naturwissenschaftlichen Zeitschrift wäre stellenweise eine andere Eintheilung, namentlich bei den Obstarten, gewählt worden. Für alle genannten Arten wurde zunächst versucht, an der Hand der neuesten Schriften die Heimathsverhältnisse der Nutz- pflanzen festzustellen. Die Gründe, welche in zweifelliaften Fällen, für und gegen eine Annahme sprechen, wurden wenigstens kurz angedeutet, während in anderen Fällen auf wichtigere neuere Arbfiten, in denen diese erörtert sind, aufmerksam gemacht wurde. Für alle Arten wurde dann am Schluss jeder Hauptgruppe eine Ueljersicht bezüglich der Heimath gegeben, in der kurz das Pflanzenreich bezeichnet wurde, dem die Art muthmaasslich ent- stammt, oder wenn sie weiter verbreitet war, in welchem sie wahrscheinlich zuerst in Zucht genommen wurde. Aehnliche Uebersichten hatte ich früher in einer Arbeit über „Nährpflanzen Mitteleuropas" gegeben und diese schien dem Herausgeber als Muster vorzuschweben, als er mich zu der vor- liegenden Arbeit aufforderte. Obwohl natürlich unbedingt sichere Zahlen sich nicht erzielen lassen, da bei einigen Arten die Ent- scheidung über die Herkunft noch unsicher ist, in vielen Fällen die Ansichten über die Abgrenzung der Arten bei den Forschern auseinandergthen, endlich auch die Zahl der aufzunehmenden Arten zweifelhaft ist, mag doch das Hauptergebniss der Berech- nung auch für die Leser dieser Zeitschrift beachtenswerth sein. Die Gesammtzahl der heimathberechtigten .angebauten Nutz- pflanzen" in den einzelnen Pflanzenreichen nach Umgrenzung meiner „Grundzüge der Pflanzengeographie", ist folgende (in Klammer ist daneben die Zahl der „Nährpflanzen" genannt) : Nordisches Pflanzenreich: 37 (26), mittelländisches Pflanzenreich: 93 (54), mittelasiatisches Pflanzenreich: 10 (6), ostasiatisches Pflanzenreich: 29 (14), nordamerikanisclies Pflanzenreich: 12 (8), tropisch-ameri- kanisches Pflanzenreich: 77 (51), polynesisches Pflanzenreich: 4 (4). Indisches Pflanzenreich: 94 (60), Madagassisches Pflanzen- reich 5 (4), tropisch-afrikanisches Pflanzenreich: 41 (27), süd- afrikanisches Pflanzenreich: 3 (1), australisches Pflanzenreich: 2(0), neuseeländisches Pflanzenreich: 3 (1), antarktisches Pflanzen- reich: 1 (1), andines Pflanzenreich: 20 (13). Kurz wurde ausser der Heimath bei den wichtigsten Arten ihre heutige Verbreitung und die ihrer Haupterzeugnisse dar- gestellt. Dass die Zahl der Arten noch um einige sich vermehren lässt, war mir schon bei Abfassung dieser Arbeit durchaus nicht zweifelhaft. Da trotzdem Vollständigkeit angestrebt wurde, möchte ich auf einige mir seitdem bekannt gewordene „angebaute Nutzpflanzen" hier selbst hinweisen. Auf Neu-Guinea werden noch nach Warburg(Bibliothek der Länderkunde 56 S. 57) die von mir nicht genannten Sapotaceen Illipe maclayona u. hollrungii ihrer Früchte wegen gebaut, wären also den Obstarten zuzuzählen. Von Musa-Arten werden ausser der von mir genannten M. para- disiaca nach Schumann (in Engler's Pflanzenreich, Heft 1) noch weitere Arten, z B. M discolor aus Neu-Caledonien und M. coccinea aus Süd-China und Kotehinchina gebaut; ob es sich aber bei allen gebauten Arten dieser Gattung um die Erzielung der Früchte handelt oder ob sie z. B. nur zur Zier gepflanzt werden, lässt sich auch aus dieser Arbeit nicht deutlich erkennen, und das war auch bei manchen mir aus älteren Schriften wohl als gebaut bekannten Arten, der Grund, warum ich sie nicht in die Arbeit aufnahm. Als ihrer nährreichen Grundachse halber gebaut nennt Graebner (in Engler's Pflanzenreich, Heft 2), Typha minima aus China. Wenn diese Bemerkungen auch zeigen, dass Vollständigkeit hinsichtlich der Zahl der Arten nicht erreicht ist, so möchte ich doch glauben, dass von wirklich wichtigeren Arten kaum eine fehlt, 1a€rz I Jnh: C. Schmidtlein.Jngenieur ^H Ferd. Dflmmlers Veriagsbh. Berlin. Kalisalzlager Otto Langf. 48 Seiten mit 4 Abbildungen. Preis 1 Hark. Ferd. Dfimmlers Yprlagshuchhandlnng in Berlin SW.12. Lehrbuch der Potentialtheorie. Allgemeine Theorie des logarithmischen Potentials und der Potentialfunktionen in der Ebene. Von Dr. Artlnir Korn, Privatdocent an der köiiigl. Universität München. ^^— Mit 58 in den Text gedruckten Figuren. -^-^ 24 Bogen gross Octav. Preis 9 Mli., gebunden 10 Mk. Lehrbuch Pflanzenpalaeontologie mit besonderer Bücksicht auf die Bedürfnii-se des Geologen. H. Potoniö, Kgl. Bezirksgeologen, beauftragt ngen über Pflanzenpalaeontologie Mit 3 Tafeln und fast 700 Einzelbildern in 355 Textfiijuren, 402 Seiten, gr. 8 '. Preis geh. 8 - M., geb. 9,60 M. Carl Zeiss, ^^^^ Optische Werkstaette, Jena. ■■ Neu « stereoskopische miiiroskope ivzwccke, Hautiintersucliungeu etc "gl>, m — Speciitl-Modell für Augeniiuter!«iicliangeu. Mikrophotograpbische Apparate. Projectionsapparate '"-^ •'"•/a'jr?Xl"J:.^ht'°' ""' Optische Wlessinstrumente '^Z^^^t'i^^i^r'T) Photographische Objective '^tr.i^^^&rA^'" Neue Doppelfernrohre "" •^'^'•^^^'^„^eV'Sr"'"™ Astronomische Objective "°<^ ***'^?r«St'*e* '" Illust-rirte Cataloge gratis und franco. Genaue Bezeichnung des gewünschten Special-Catalogs erbeten. Specielle Auskünfte in einschlägigen Fragen werden Interessenten gern ertheilt Ferd. Dfimmler s Verlagsbuchhandlung in_Berl in SW. 13. Die Charakteristik der Tonarten. Historisch, kritisch und statistisch untersucht vom psycho-physiologischen und musikalischen Standpunkt aus. Von Richard Hennig. 31{; Seiten Octav. — Preis 3.40 Mark. Verantwortlicher Redacteui Hugo Bernstein in Berlin. Professor Dr. Henry Potoniti, Gr. Lichterfelde -West bei Berlin, Potsdamerstr. 35, für den Inseratentheil: - Verlag: Ferd. Dümmlers Verlagsbuchhandlung, Berlin SW- 12. — Druck: G Bernstein, Berlin SW. 12. IujILIBRARY Z^ ^.v^"" Redaktion: 7 Prof. Dr. H. Potonie. Verlag: Ferd. DtLuamlers Verlagsbuchhandlung, Berlin SW. 12, Zimmerstr. 94. XVI. Band. SonnlaL^ d« n VI -iMiiiuir 1901. Nr. -2. Abonnement : Man abonnirt bei alif n Buchhandlungen und Post- anstalton, wie bei der Expedition. Der Vierteljahrspreis ist Jl 4.— Brinuegeld bei der Post 15 ^ extra. Postzeitungsliste Nr. 5112. Inserate: Die viergespaltene Petitzeile 40 A- Grössere Aufträge ent- sprechenden Rabatt. Beilagen nach Uebereinkunft. Inseratenannahme bei allen Annonceubureaus wie bei der Expedition. Abdruck ist nur mit vollständiger Quellenangabe gestattet. Die Pädagogik in der Astronomie. Die gegenwärtige Vertiefung und Verbreiterung der Pädagogik giebt immer reichlichere Gelegenheit, die ver- schiedenen 6el)iete der Wissenschaft auf ihre pädagogi- sche Bedeutung hin anzusehen. Das Tliema von der pädagogischen Bedeutung der Astronomie und von dem, was hiernach die Pädagogik in der Astronomie zu thun findet, lag einem Vortrag zu Grunde, den im „Verband für Hochschulpädagogik" zu Berlin am 15. Dezember lüOO Geheimrath Professor Dr. Wilhelm Förster, Director der Königlichen Sternwarte, hielt. Die Gegenwart bietet den eigenthUmlichen Anblick dar, dass die hohe Entfaltung der Technik, die unserem Verfügen über das Lenken und Umwandeln von Energie entstammt, eine immer schwerere Last für die intellek- tuelle und sittliche Cultur wird. Gerade jetzt, bei jener enormen Steigerung der naturwissenschaftlich-technischen Cultur, bedürfen wir einer ganz besonderen Behütung vor Schaden. Was es in der Natur Unverstandenes gab, das zeitigte auch sittliche Wirkungen und zwar auch für die Bethätigung in der Gemeinschaft. Was es aber in der technischen Cultur Unverstandenes giebt, dem gegenüber verhält sich das Individuum wesentlich anders, d. i. mit einem gewissen dreisten Selbstgefühl. Dort wurde an göttliche Kräfte gedacht, hier walten Menschenkräfte. Mit den früher von Göttern geschmiedeten Waffen besitzt jetzt jeder Einzelne Götterkräfte, um Thaten zu verrichten, die früherhiu frevelhaft erschienen. Je tiefer dies jemand selber erfasst, desto mehr sieht er auch die dabei wal- tenden Grenzen •, je weniger tief es einer versteht, desto weniger sieht er die Grenzen. Jener erkennt immer deut- licher, dass hier das Schaffen doch nicht titanisch ist; die gewöhnlichen „Gebildeten" hingegen haben eine Zu- versicht ohne Sachkenutniss und folglich die Neigung zu einer gewissen üeberhebung. Gerade in der Technik giebt es auch sthr tüchtiire Fachleute ohne Tiefe, die sich erst recht überlegen fühlen. Um so nothweudiger ist es, dass wir uns der Gefahren, die hier stecken, immer mehr bewusst werden. Wenn derVorwurf des Halbwissens ausgesprochen wird, so ist bereits mit dem „halb", wenn es sich auf den Umfang des Wissens beziehen soll, zu viel gesagt, da wii- ja bisher Alle nur minimales erkundet haben. Richtig ist dabei hingegen die Behauptung einer Halbheit in unserem Ver- halten zu den Dingen und zu den Menschen. Gegen- über dem dünkelhaften Wissen, das seine Grenzen nicht kennt, steht die Goethe'sche Gestalt des Wilhelm Meister, der für sein weites Streben zunächst keine rechte Be- thätigung findet und sich dann — in ilen „Wander- jahren" - einem älteren Kreis anschliesst, in welchem es eine Begrenzung des titanischen Bestrebens gilt, mit hohem Frohgefühl über das im Begrenzten liegende Bild des Ganzen. Hier ist im richtigen Gefühl der Solidarität und mit der richtigen Vorstellung von der Arbeit der Anderen die Halbheit überwunden. Mangels einer solchen idealeren Entwickelung bleiben viele Ge- bildete unbefriedigt, indem sie nicht zum Gefühl eines soliden, dem Ganzen dienenden Leistens in einer Ge- meinschaft gelangen. Sie suchen dann zum Ersatz oberflächliche Anknüpfungen in Kunst und Wissenschaft, und die Möglichkeit einer idealeren Anschauung ver- kümmert. Aber auch dem Idealeren von heute droht durch jene Halbheit Gefahr. In viel höherem Maasse als früher besteht jetzt die Gefahr, dass man an einer Stelle eingreift, an di-r man nicht conipetent ist. Bei dem Gefühl einer „relativen CoMipcfen/,", iui Verglei-li mit vielen Anderen, liegt hier eine uiiueliciirc \'eisneluiiig vor, über das eigene Verstän(liii>si;rbict liinaus/aig. licii. Wie gross wird diese Notli gar erst bei viHlig Incoinpctnitrii ! Ein charakteristisches Beispiel für das .\( d. n mid Gegeneinanderwirken \'()n Nanir und tcclniisflu-i- Cii tiir und von ücb.Tlicbniig der letzteren gi. In das (i.liiel unserer Zeiteinrichtuiiuen. In dem au sich berei liii.;trn Naturwissenschaftliche TTochenschrift. XVI. Ni Interesse der Eil- und Präcisioiis-Verkehrs-Einricbtungen steuern wir auf eine Abwendung- von der Natur zu. In- folge der Einheitszeit besteht in Deutschland an den Ost- und Westgrenzen ein bereits sebr merklicher Wider- streit gegen die Sonne. Im Westen wird er zur Winters- zeit fast unerträglich; liier steigt der Unterschied zwischen dem wahren und dem techniscben Mittag bis zu 53 Minuten an, und er v^erändert sich vom November bis zum Februar zwischen 23 und 53 Minuten. Man wendet ein, es sei zwar früher hinsichtlich der Bedeu- tung der Sonnenzeiten anders gewesen, jetzt seien wir von der Sonne unabhängiger, mit unseren immer höber entwickelten kiinstlichen Beleuchtungen etc. Nun, die Bedeutung der Sonne für unser ganzes Culturleben wird immer grösser und grösser werden, und dann wird sich eine universale technische Einheitszeit mit der natür- lichen Sonnenzeit jedes Ortes vertragen müssen und auch bei geeigneten Einrichtungen ganz gut vertragen. Gegen alle übertriebenen Abwendungen der tech- nischen Cultur von der Natur und gegen die üeber- hebungen der Technik über die Natur der Dinge und der Menschen kann die Astronomie wolilthätig wirken. Sie ermöglicht es uns, in der Natur etwas zu erschauen, was kurz als die „Technik in der Natur" zu bezeichnen ist. Sie vergegenwärtigt uns stets und überall das Gesetz- massige in der Natur, aus dem ja unsere Technik (die Zeitmessungen, die Ortsbestimnmng u. s. w.), hervor- gegangen ist. In der Astronomie finden wir, von den einfachsten bis zu den feinst zusammengesetzten kosmischen Vor- gängen, die grössten Beispiele oder Paradigmen für die Selbstbehauptung, für die Entwickelung, für die Energie- Verwandlung, u. s. w. Die Analogien gehen von da bis in die feinsten Aetherbewegungen und M(dekularvorgänge. Hierin liegt die grosse paradigmatische Bedeutung der Astronomie, als der Lehrerin von der grandiosen Technik in der Natur, aus der alle unsere künstlichen technischen Prozesse quellen. An die von der Astronomie fundirten Grundvor- stellungen von Zeit und Raum schliessen sich — und zwar wiederum mit einer grossen paradigmatischen und pädagogischen Bedeutung — die Erörterungen über die Frage der absoluten und der relativen Bewegung. Sie ist besonders im Uebergang vom geocentrischen zum helio- centrischen Denken wichtig. Bei ihr finden sich alle Formen von Missverständnissen, für welche die astrono- mische Erscheinungs- und Gedankenwelt überall die an- schaulichsten Lösungen geben kann. Eine absolute Be- wegung im strengsten Sinne ist natürlich nur eine Ideal- oder Grenzvorstellung. Wir müssen sozusagen mit rela- tiv absoluten Bewegungen und mit absolut relativen Bewegungen abschliessen. Im ersteren Sinn finden wir z. B., dass ja auch die Gesammtbewegung unseres Pla- netensystems nach dem Sternbild des Hercules zu nicht absolut, sondern nur relativ absolut ist, u. s. w., da wir nirgends einen absolut festen Punkt und absolut feste Richtungen bekommen. Im letzteren Sinn, dem des „ab- solut Relativen", müssen wir erkennen, dass sich aus dem Einfachsten an relativer Bewegung, nämlich den Zwei- körpersystemen, das Systematische von ganzen Bewegungs- complexen und aus diesem Vorbild hinwieder unsere ganze Beherrschung der Bewegungen entwickelt. So besitzt die Astronomie eine ausserordentliche Be- deutung für die Pädagogik und für die gesamnite sitt- liche Cultur. Voll vrrwerthet wird aber diese Bedeutung nur durch die sorgfältigste Pflege der Pädagogik in der Astronomie selber. Hier sind die verschiedensten Stufen zu beachten. Zunächst gilt es auf dem Hintergrund jener Bedeutung heranzuziehen zu astronomischer Beobachtung und Anschauung, sodann zu astronomischem Wissen. Die unteren Schulen leisten darin heute bereits besseres, als vordem die höheren Schulen leisteten. Allein auch da kann noch ausserordentlich viel geschehen. Die Beschäftigung der Schulen mit der Astronomie hat auch noch ihre besondere Bedeutung. In der „Richtung nach oben" wurde schon immer das Ideale gesucht. Dort oben „zählte Gott"; dort oben war das primum mobile; dort oben war die F'reiheit und die Gesetzmässigkeit, und dort oben waltet eine Stille und Unwandelbarkeit, in der etwas unaussprechlich Reizvolles Hegt. Für die Schule ist nichts Schöneres denkbar, als die Schüler mit sinnigen Deutungen hinauszuführen in die freie Natur. . . . Keineswegs^ aber sollen sie schon in den Anfängen sofort zur copernikani- schen Lehre geleitet werden. Dem kindlichen Geraüth ist die urzeitliche Auffassung verwandter als die neuzeit- liche; also wird mau zunächst bei den Phänomenen stehen bleiben, ohne sofort an die Probleme der Mechanik zu gehen. Das oft unglaubliche ünwissen hingegen über die astronomischen Dinge selbst bei ziemlich Gebildeten im städtischen Leben, weit unter dem Wissen der Ürvölker, ist ebenfalls ein Stück jenes gefährlichen Zustandes unserer modernen technischen Cultur, der oben einleitungs- weise besprochen wurde. Also möge man die Kinder von früh an hinausluhren zum Anschauen, auch zum Auf- nehmen der Mythologie der Sternbilder, u. dgl. m. Wir besitzen in Deutschland eine Gesellschaft, die sieh gerade nach dem Pädagogischen in der Astronomie bemüht: die „Vereinigung von Freunden der Astronomie und kosmi- schen Physik", mit bereits 300 Mitgliedern. Ihre Haupt- aufgabe ist die Heranziehung dei- Schulen und der Lehrer zu einfachen astronomischen Beobachtungen, sowie die Darbietung von Beobachtungs- und Lehrmitteln. Die Schüler werden angeleitet zu einfachen Beobachtungen, z. B. zu solchen der Sternschnuppen in deu Augusttagen. Schon wurden in einer Anzahl Schulen Beobachtergruppen gebildet und Himmelskarten dafür geliefert. Photo- graphische Aufnahmen der kreisförmigen Bahnen in der täglichen Bewegung der Circumpolarsterne u. s. w. sind auch sehr instruktiv. Auch einfachste Instrumente sind schon im frühesten Alter zu verwenden. Auf einem Tafel-Globus, durchzogen von Kreisen, lassen sich kleine Zeichnungen anfertigen. U. dgl. m. In dem Ausführen derartiger Aufgaben ist ebenfalls zunächst an die den Alten geläufigen astronomischen Elemente anzuknüpfen. Director Koppe in Berlin nahm für die Schüler die Beob- achtungen der Länge und der Bewegung von Schatten- werfungeu wieder auf, wie sie schon in ältesten Zeiten angestellt wurden; solche einfache Apparate ermöglichen eine reizvolle Ausnutzung für Zeit- und Ortsbestim- mungen. Auch die Construetiou des einfachsten Fern- rohres ohne Gläser (Projection des Sonnenbildes durch eine kleine Oeffnung im dunkeln Raum auf eine Wand) gehört hierher; dabei sind die Objectiv- und die Ocular- vergrösserungen bequem zu erläutern, u. s. w. Wird man graphischer Lösung der Aufgaben überdrüssig, so kommen die mathematischen Tafeln daran, die dann begrüsst werden, weil sie noch genaueres bequemer darbieten. — So wird die Schule in der Beobachtung und in deren Verwerthung das ihrige thun können, besonders zur Er- zeugung der Freude am Makrokosmischen auf Grund der Verwerthung des Mikrokosmischen. Es liegt darin ein ausserordentlicher Reiz. Was nun die Hochschulpädagogik in der Astro- nomie betrifft, so ist sofort ins Auge zu fassen, dass nicht bloss Astronomen, sondern auch Lehrer, einschliesslich der Hochschullehrer, herangebildet werden sollen. Der Dozent muss die Vorgänge dieses ganzen Gebietes in die richtigen Formen kleiden, sie zum vollen Bewusslsein, zur vollen XVI. Nr. 2. Naturwissenschaftliche "Wochenschrift. 15 Beherrscliung in den Köpfen der künftig^en Lehrer bringen. Insbesondere ist — was überhaupt noch viel mehr als bisher in der Hochschulpädagogik gefördert werden sollte, — die Geschichte und die Theorie der Erkenntniss des betreffenden Gebietes, also hier der astronomischen und überhaupt der naturwissenschaftlichen Erkenntniss, zu pflegen, und zwar müsste sie ein Hauptcolleg bilden. Die Geschichte und die Theorie des Erkennens überhaupt lassen sich besonders in der so schön „paradigmatischen" Ge- schichte der Astronomie verfolgen. In dieser kommt auch die speculative Philosophie zur Geltung. Der coperni- kanische Gedanke steht ganz auf den Schultern der Specu- lation. Schon des Ptolemaeus Ausführungen sind hier entzückend, durch ihre Paradigmen für Schlussfehler, aber auch durch ihre Musterbilder der geschichtlichen, theo- retischen, methodischen Entwickelung. Ein sehr grosses Gebiet für die Hochschulpädagogik in der Astronomie ergiebt sich auch durch die Kritik iler astronomischen Maassbestimmungen, durch die Fehler- theorie, durch die Kritik des Individuums in seinem Wahrnehmen, Deduciren, Induciren u. s. w., anschliessend au die Theorie der Instrumente. Ausserhalb der Astro- nomie und der Geodäsie hat sich die Fehlertheorie leider noch wenig Boden erobert. Aber auch im Unterricht der Astronomie selbst ist für alle diese Dinge noch nicht genug geschehen; selbst die Terndno- logie der Stufen ihres Unterrichts ist eben noch in Ent- wickelung begriffen. Erreichbar ist hier besonders eine relative Einfachheit. Die in chemischen und sonstigen Laboratorien erreichte Technik hat ohne sehr eingehende Führung etwas Bedrängendes, Erdrückendes. Dagegen kommt die Einfachheit der Aufgaben und ihre stufen- mässige Entwickelung in der Astronomie dem Pädagogen zu Hilfe. Wir verfügen in der Astronomie über metho- dische Uebungen, von den einfachsten Problemen an bis zu den feinsten. Nur der erkenntnisstheoretische Unter- richt ist noch meistens unzureichend. Allerdings fragt es sich, wie dabei die betreffenden Lehrer der Astronomie und der Philosophie zusammenzubringen sind. Gerade dies wird eine wichtige Aufgabe sein. Es handelt sich darum, all dies den künftigen mathematisch - natur- wissenschaftlichen Lehrern in ihre Studienpläne hineinzu- bringen. Früher war „sphärische Astronomie" Prüfungs- gegenstand und Pflichtcolleg; etwas Gutes hatte dieser Zwang immerhin, doch enthält er schliesslich nur eine illusorische Lösung. In den 7üer Jahren war das Pflicht- colleg verschwunden. Durch die Blüthe der mathematischen Studien in Berlin bis etwa 1880 kamen viele auch zur sphärischen Astronomie. Verschärfungen der bezüglichen Anforderungen im Examen des Lehramts-Kandidaten sind auch nicht das Richtige. Die Examina sind unvoll- kommene, zwangvoll plumpe und unwahre Einrichtungen. Vielleicht sollten den Kandidaten nur völlig freie Vorträge mit Eutwerfung und Schilderung von Uebungen auf astro- nomischen Gebieten auferlegt werden, nicht um sein Wisssen, sondern sein Denken zu erproben. Man wird vielleicht sagen: jeder lobt seine Waare, und so will auch der Astronom particularistisch für das astronomische Studium eintreten. Indessen zeigte es sich zur Freude des Vortragenden öfter, dass man auch von nichtastronomischer Seite her, begeistert durch Conse- quenz des Denkens, gleichen Ansichten und Bestrebungen huldigte. In der diesem Vortrag folgenden Besprechung wurde zunächst der Forderung des Beobachtens und Anschauens zugestimmt, jedoch erwidert, dass an unseren höheren Schulen die Zeit dazu fehle, und dass hier nur bei grosser Intensität des Lehrens etwas zu erreichen sei: die Lehrer seien eben bereits zu sehr überlastet. Hingegen sei der- artiges für die Hochschulpädagogik ebenfalls wünschens- werth und auch durchführbar; doch solle mehr in den Vorlesungen das philosophische Interesse angeregt werden, wofür die Docenten der einzelnen Fächer einzu- treten hätten. Ueber die Bedeutung der Astronomie für die Erziehung seien wir einig; doch biete die Astronomie nur ein geringes Gegengewicht gegen das Verstandes- mässige in der Technik und eher ein Seitenstück dazu dar; ohne es zu wissen arbeite sie an einer Verstaudes- niässigkeit mit. Besonders hoch sei an ihr zu schätzen, dass sie mehr als andere reale Wissenschaften den rein wissenschaftlichen Sinn fördert, da ihre Probleme uns so ferne liegen, und da nirgends so sehr wie bei ihr an dem Werden der Erkenntniss theilzunehmen ist. Jene andere Forderung hingegen greife über ihre Leistungsfähigkeit hinaus. — Auch von einer der Astronomie ferner stehen- den Seite wurde sie seit jeher besonders als Beispiel da- für betrachtet, dass der Mensch in Folge seines d-avfjüi^fiv nach Dingen forscht, die ihm zunächst nur als Erkenntniss- object, nicht zum Nutzen da sind. Freilich sei längst auch ihr Nutzen gegeben; allein das hier Gemeinte sei doch etwas Anderes. Keine Wissenschaft betreffe diese Eigenschaft des Menschen, nämlich den reinen Erkenntniss- trieb, so sehr wie eben die Astronomie. Damit, sowie mit dem vorigen, erklärte sich der Vortragende völlig ein- verstanden. — Auch die Frage nach der absoluten und der relativen Bewegung wurde weiter erörtert. Für die Schule sei sie schwierig und sei es fraglich, ob man überhaupt daran rühren solle; viele halten die Frage für gleich- gültig, aber andererseits kämen gerade darüber so viele verwirrende Ansichten zu Tage, zumal von Volksschul- lehrern. Auf der Hochschule sei die Geschichte der Wissenschaften auch in Verbindung mit der Geschichte der Philosophie zu lehren, womöglich auf Grund eines Insti- tuts tür Geschichte (und eventuell Theorie) der Wissen- schaften, das ausgestattet wäre mit historischen Instru- menten, mit wissenschaftsgeschichtlichen Landkarten und dergleichen mehr. Es wurde dies sogar in dem Sinn ge- billigt, dass damit erst die Nutzbarmachung des vom Vortragenden Angeregten beginne. Ausserdem wurde ge- fordert, dass wir uns beim höheren Unterricht in die Seele unserer Schüler versetzen; bei Primanern bestehe ein grosses Interesse, astronomisch belehrt zu werden. Dabei tauchte eine Erinnerung auf an Hermann Grassmann, der zwar eigentlich ein unentwickelter Pädagoge gewesen sei, aber doch gewaltig eingewirkt habe, indem er so in seiner Sache lebte, dass er mit seinem rein wissenschaftlichen Interesse alle Schüler mit Hochachtung für Mathematik und Naturwissenschaften erfüllte, und dass sich bei ihnen noch eigens der Wunsch nach Astronomie erhob. An- schliessend daran wurde die Beobachtung vorgebracht, dass mit dem abstracteren Denken in den reiferen Puber- tätsjahren (circa 17 Jahre) das speculative Interesse be- ginne und die Astronomie begünstige. Doch sei hier vor einem Zuviel zu warnen. Dagegen könne im akademi- schen Unterricht die Verbindung von Philosophie und Astronomie nicht hoch genug geschätzt werden. Dies gelte besonders von den Gedanken an die kosmischen Verhältnisse. Ausserdem solle sich die Astronomie sogar auch mit den letzten ethischen Fragen, selbst mit der Religion, verbünden, im Sinn des Problems von der „Teleo- logia rationis humanae." Der Islam sei zu erklären aus dem Wüstenleben mit seinem grossartigeu Anblick des Himmels (und, wie hinzugefügt wurde, analog der moderne Atheismus auch aus der Verschlossenheit des Himmels im städtischen Leben). Das religiöse Interesse sei mit dem philosophischen eng verbunden, und der Theologe habe an der Astronomie einen wesentlichen Verbündeten; wo- Naturwissenscliaftliche "Wocliensclarift. XVI. Nr. 2. von freilich das Vcrliältniss zwischen Reiii:ion und Moral untcrscliieden werden müsse. Enie Vereint'aciiiing der Auf;;al)en sei vielleiclit dadurch niöglicli, dass auch philo- sophische Vertreter anderer Faeultäten sich an den philo- sophischen Vorlesunjien betheilij;ten. So werde Reiigions- phdosophie am besten au der philosophischen Facultät geleiirt, wf/t'ern sie nicht „vom christlichen Standpunkt aus" behandelt werde, da dies keine Philosophie mehr ist. In dieser Weise sollten es nun auch die Astronomen und alle üebrigen machen. Dadurch könnte die Ge- schichte der Wissenschaften in einem die Geschichte der Philosophie ergänzenden Cyclus vollzählig vertreten sein. — Das Schlusswort des Vortrajrenden beschränkte sich darauf, auch eine gegenseitige Unterweisung der Schtiler und der Studirenden in Beobachtergruppen zuempfehlen. Dr. Hans Schmidkunz, Berlin — Haiensee. Bericht über die im Anschluss an den VIII. internationalen Geologen-Congress zu Paris nach den Kohlenrevieren von Commentry und Decazeville stattgehabten Excursionen. Von Dr. Söhh Nach den in Paris abgehaltenen Congresssitzungen, während welcher Zeit öfters Ausflüge in die Umgegend von Paris zur Inan;i;enscheinnahnie der aus der geologischen Litteratur sehr bekannten tertiären Bildungen unternommen waren, war unter vielen anderen Touien, die zur Besich- tigung der Kohlenablagerungen von Commentry und Deca- zeville, beide in Mittel- Frankreich gelegen, unter der Fülirung des Herrn Fayol, Generaldirectors der cotnpagnie generale de Commentry et Fouchambault, in Aussicht ge- nommen, und der Tag der Abreise auf den 29. August festgesetzt. Da die geplante Excursion zu den exeursions gene- rales, an denen unbegreirzt viele Mitglieder theilnehmen konnten, gehörte, so war bei dem allgemeinen, speciell aber praktiseiien Interesse, welches die mittelfran/.ösischen Kohleidager hal)en mussten, auf eine grosse Anzahl Theil- nehnier zu rechnen; es waren denn auch über 3U Herren, darunter fünf Deutsche, viele Belgier, zwei Amerikaner und ein Enjrländer eingeschrieben, die am 2y. ,August, kurz vor 9 Uhr Vormittags, mittelst Express via Etampes und Vierzon abdampften. Das platte Land südlich von Paris und nördlich der Loire wurde wie im Fluge passirt, Orleans wurde ein wenig westlich gelassen und grUsste mit seiner Cathedrale zu uns herüber, und nach Verlauf von zwei Stunden befanden wir uns südlich der Loire im Departement Loire et Cher, rings umgeben von einer mehr südlichen Flora, wobei der Weinstock eine nicht geringe Rolle spielte. Von Vierzon gelangten wir an den Cher, einen Neben- fluss der Loire, welchen wir daselbst überschritten, um über Chäteauroux a l'lndre, gleichfalls einem Zufluss der Loire, letzteren (Indre) aufwärts, am Abend desselben Tages nach MontluQon zu gelangen, von wo nur noch 4 km bis zu unserem ersten Reiseziele sind. Aus der flachen Niederung der Loire-Gegend, flacher selbst noch als das Terrain, welches wir zwischen Paris und der Loire durchfahren hatten, traten wir vor Mont- luQon a;Cher im Dep. Allier in ein gebirgiges Hügelland, gleichsam die nördlichen Ausläufer des franzöischen Centralplateaus, welch letzteres durch seine „Puy" und deren grossartige Ausbildung bekannt genug ge- worden ist. Erst mit Montlou^on beginnt das eigentliche Kohlen- revier, welches sich südöstlich bis nach Commentry er- streckt und hierselb.st industriell in Angritf genommen ist; das beweisen die vielen Kohlenminen, welche an den ver- schiedenen Punkten das Bassin von Commentry besetzen und erkennen lassen, dass, wie es schon ein Blick von dem Dircctionsgebäude genannter Gesellschaft zu Com- mentry lehrt, wir es mit einem ausgesprochenen Becken mit der Kohlenablageruug im Innern und den weit älteren Schichten krystallinischen Gesteinen im Umkreise zu thun haben. Nach einem herzlichen Empfange durch Herrn Fayol und sein Beamtenpersonal auf dem Bahidiofe zu Com- mentry fuhren wir — nur ein Theil der Reisegesellschaft war hier anwesend, der grössere Theil kam ein wenig später — nach dem nicht weit entfernten Hotel des geo- logues, wo wir eine treffliche Unterkunft fanden. Der Ort zählt 12 000 Einwohner und wird gänzlich durch die Kohlenindustrie beherrscht; von Wald ist in Folge dessen nicht viel zu sehen, einzig und allein der parkühnliche Garten des Herrn Fayol, welcher uns mit seiner liebens- würdigen Frl. Tochter den nächsten Tag aufs gastlichste in seiner mitten im Grün liegenden Vdla bewirthete, macht hiervon eine Ausnahme. Inzwischen hatte sich auch der Rest der Herren, welche an der Excursion theil- nehmen wollten, eingefunden, und die Besichtigung des geologisch Interessanten im Becken von Commentry konnte am nächsten Tage beginnen, nachdem Herr Fayol zu- vor durch einen sehr instructiveu Vortrag an der Hand von Karten, Profilen und Versteinerungen das Wissens- werthe hervorgehoben hatte. Die das Bassin von Commentry aufbauenden Gesteine sind Schichten, welche zum grössten Theil dem paläo- zoischen System und zwar dem Carbonsystem angehören; es sind Sand-, Schiefer- und Mergelschichten, welche den rein kohligen Partieen, auf denen der Bergbau umgeht, zwischengelagert sind. Dazu treten Breccien verschie- dener sogenannter Eruptivmassen, die bei dem eckigen Habitus ihrer Bestandtheile auf einen nicht weiten Trans- port durch das Wasser schliessen lassen. Interessant ist die Gegend von Commentry dadurch, dass zahlreiche Versteinerungen in trefflicher Erhaltung, thierischen so- wie pflanzlichen Ursprunges, darunter Käfer, Libellen, amphibienartige Thiere und Fische einerseits, anderer- seits Calamodendron-, Psaronien- und Laubblatt-Filices- Reste gefunden sind, wobei die Stämme bald senkrecht aufrecht stehend, bald liegend angetroflen werden. Auf Grund selbst der senkrechten Stellung der Pflanzen- reste — vor allem der Stammtheile von Calamiten — gegenüber der schrägen Neigung der sie begleitenden Gesteinsschichten — hat Fayol die AUoehthonie der Kohlenflötze des Bassins von Commentry, d. i. die Bildung der Kohle aus zusammengeschwemmten pflanzlichen Theilen in einem Delta, aufrecht erhalten, während Grand 'Eury, Professor an der ecole supeiieure des raines zu St. Etienne, für alle Vorkommnisse bei Commentry, die in engster Beziehung zur Bildung der dortigen Stein- kohle stehen, die Autochthonie angenommen XVI. Nr. 2. NaturwissenscIlaMiche Wochenschrift. 17 will, wenigstens für die aufrechten Stämme in den Mitteln zwist-lien den Kolilenflötzen. Es ist wdlil kein Zweifel, dass die gute Erhaltung der Thierleichen und der eckige Habitus der die obigen Breccien zusammensetzenden Eruptivgesteine, als da sind Granulite und Mikrogranite, auf keinen weiten Transport hinweist, ein Umstand, der dadurch fast zur Gewissheit wird, als Granulile etc. noch heutzutage in nicht allzu- grosser Entfernung von Conimentry Felsen aufbauen; die in den Mitteln zwischen den Kohlenflötzeu, also den Sauden und Schieferthonen senkrecht dastehenden Pflanzen- Stämme deuten auf die Verschüttung und das Begraben- sein au Ort und Stelle hin und die schräg geneigten bis liegenden beweisen bei der gleichen Annahme, dass sie dem Andränge der sie umgebenden und begrabenden Ge- steinsschichten nicht widerstehen konnten und aus ihrer ursprünglich senkrechten Stellung in die schief- geneigte gebracht sind. Die Gewinnung der dortigen Steinkohle geht auf über lÜO Jahre zurück, und der Abbau, welcher bis vor kurzem reiner Tagebau war — die Kohle wurde ohne Anlage von Stollen und Schächten \om Tage aus ab- gebaut — , ist allmählich in einen solchen mit Stolleu- betrieb übergegangen, wobei sich schon heute voraus- sagen lässt, dass es mit der dortigen Industrie in wenigen Jahren vorbei sein wird, da die Schätzung auf die Ge- winnung der Kohle nicht über diesen Zeitraum hinaus- reiciit. Die Mächtigkeit der Flötze beträgt bis zu 40 Meter, durchschnittlich aber nur bis zu 8 und 9 Meter, die zwischengelagerten Schieferschichten nicht einge- rechnet; die Kohle ist sehr bituminös, backt ausgezeichnet und enthält massig viel Schwefelkies, welch letzterer, wenn in grosser Menge vorhanden, von grossem Nachtheile ist; schlagende Wetter sind sehr selten, um so häufiger ist der Grubenbrand, welcher durch die Entzündung der in der Kohle eingeschlossenen Gase beim Hinzutreten „sauerstofifreicher" hochtemperirter Luft äusserst leicht entstehen kann und dann von den übelsten Folgen be- gleitet ist, da sowohl die Abgrenzung des vom Brande ergriflenen Gebietes schwierig, ja zum Theil unmöglich ist, wie weiter unten bei Besprechung des Decazeviller Kohlenrevieres gezeigt werden soll, als auch die Ge- fahr für Menschenleben in Folge der starken Ent- wickelung und Bildung von unathembaren Gasen sehr gross ist. Wir fuhren, nachdem sich inzwischen in Commentry eine grössere Gesellschaft, deren Zahl sich beiläufig auf 27 belief, zusammengefunden hatte, am Abend des 30. August von dort nach MontluQon zurück, wo wir im Hotel de France, das mitten in der Stadt gelegen ist, die Nacht zubrachten. Ist Commentry ein Ort, dem, wie ich schon oben bemerkt habe, an Strassen und Häusern die Kohlen- industrie angesehen wird, so macht Moutlueou demgegen- über einen sehr reinlichen und einladenden Eindruck, da besagte Industrie hier gänzlich fehlt; am Cher gelegen wird diese 32 000 Einwohner zählende Stadt durch den- selben in zwei Stadttheile, von denen der eine Glas- bläsereien und Eisenhütten umfasst, also die eigentliche Iitdustriestadt ist, während der andere die sogenannte Stadt ist, getheilt. Letztere ist wiederum zweigetheilt, in eine obere Stadt mit Kirchen und Schloss und in eine untere. Rings von Höhen umgehen macht der Ort auf den Fremden einen einladenden Eindruck, was durch die vom Bahnhof in die Stadt hineinführende Platanenallee, den grossen Boulevard vor dem Palais de Justice und dem Hotel de Ville sowie durch die Geschäftigkeit in der Hauptstrasse selbst, in welcher obiges Hotel auch, liegt, nur erhöht wird. Die Strecke bis Eygurande, südwestlich und nicht fern des Puy de Dome, bietet wenig Anziehendes. Wir durchfuhren ein Gneiss-Ghmmerschieferterrain, wobei wenig gewelltes Land mit tief eingeschnittenen Thäleru, in deren Tiefe Bäche dahiurauschen und an deren Ufern die ein- zelnen Häuser zerstreut herumliegen, wechselt. Zudem fuhr der Zug mit einer sehr geringen Geschwindigkeit, was nicht zu verwundern ist, da die Hauptstrecke von uns schon bei Montlugon verlassen war, und ausserdem die vielen Curven der Bahnstrecke eine schnelle Fahrt unrathsam machen. Mit Eygurande ändert sich das Bild: das Centralplateau mit seineu genugsam bekannten Bergen, dem Puy de Dome, dem Mt. Dore und dem Puy Mary als Hauptbergen rückt uns bedeutend näher, wir haben sie bis Aurillac beständig zu unserer Linken; das sind Berge bis zu Höhen von 1900 Metern, die z. Th. aus Basalt, z. Th. aus Trachyt bestehen, steil aufragende Massen mit einem breiten Plateau auf der Höhe, sofern sie dem Basalte an- gehören, dessen säulenförmige Ausbildung weithin sicht- bar ist, spitzig und schroff dagegen gegen Himmel ragend, wenn ihre Masse Trachyt ist. Vergessen werden wir nicht den Anblick, welcher sich uns von Eygurande auf den Puy de Dome bot; schroff hob er sich am Hori- zonte mit seiner weit in die Höhe strebenden Spitze von dem vorliegenden hügeligen Terrain ab. Hinter Eygurande wird die Wasserscheide zwischen Loire und Garonne überschritten, wir verlassen das Dep. Correze und treten in das des Lot ein, welches seiner- seits bei Gapdenac mit dem des Cantal vertauscht wird. Noch eine kurze Fahrt und wir sind in Viviez (Dep. Aveyron), das, wiewohl klein, doch durch seine der Compagnie „Vicille Montagne" zugehörige Zinkhütte in Fachkreisen bekannt geworden ist. Von dort sind es noch 4 km bis Decazeville; das Thal, welches von Viviez nach Decazeville hinaufführt, verengt sich im Anfang, die Gneiss- und Glimmerschiefer- partieen treten bis an die Strasse und die Bahn, welche viele Biegungen zu machen hat, heran und geben erst kurz vor Decazeville einem weiten Becken Raum. Am Abend des 3L August ward Decazeville erreicht, wo wir vom Directionspersonal der Gesellschaft, welcher Herr Fayol als Generaldirector angehört, aufs freundlichste empfangen und gemäss den inzwischen getroffenen Voi- kehrungen in drei verschiedenen Hotels aufs schnellste untergebracht wurden. Noch mehr als Commentry macht Decazeville den Eindruck einer „Kohlenininen-Stadt"; schmutzig, ja über die Maassen schmutzig ist die Stadt; hat es doch den An- schein, als ob bei einer Einwohnerzahl von 10 000 Seelen die Strassen nie gekehrt und die Häuser nie gereinigt würden, die Beleuchtung ist dabei äusserst mangelhaft, da nur dann und wann Gaslaternen an den Wohnungen gefunden werden. So machte denn auch das Hotel, in welchem wir logiren sollten, von aussen einen sehr wenig einladenden Eindruck, das Haus war seit langem nicht geputzt, die Diele nicht gekehrt, die Tische vor dem Gasthofe nicht gereinigt, und der Herr Besitzer selbst, der, wie sich später herausstellte, zugleich Koch war, und die Oberaufsicht in der Küche führte, nichts weniger als zum Empfang von Gästen geeignet gekleidet. Unsere Verwunderung resp. Entrüstung steigerte sich noch, als ich und Professor Potonie ein Zimmer nach hinten an- gewiesen bekamen, das nicht im geringsten in Ordnung war. Der Herr Wirth war aber die Liebenswürdigkeit und Auf- merksamkeit selbst und rettete nicht nur dadurch, sondern auch durch seine tadellose Kochkunst, die uns wirklich grossartige culinarische Genüsse bereitete, sein bisheriges Renommee. Naturwissenschaftliche Wochenschrit. XYI. Nr. Sobald man deu Ort Decazeville betreten hat, fällt einem der merkwürdige, durch den „Grubenbrand" her- vorgerufene Geruch, welcher sich weithin verbreitet, auf; brennt es dort doch schon seit einer Reihe von Jahren, wobei das Brandfeld beständig an Ausdehnung nach der Tiefe zu wie der Länge nach zunimmt, ohne dass man bisher des Brandes durch Abdämmen mittelst Betonarbeit Herr geworden wäre. Welch ein Schade und Verlust für die Gesellschaft! Schon heutzutage hat der Grubenbrand grosse Theile der 30 den Tagebau bildenden Etagen er- griffen und hat dort, wo er die Kohlen- und die diese durchsetzenden Schieferschichten ergriffen hat, diese in ein taubes, durch Eisenoxyd roth gefärbtes, zum Theil bei Anwesenheit von Schwefel gelb gefärbtes Gemenge ver- wandelt. Da die Gewinnung der Kohle mittelst „Tage- bau" geschieht, so sind auch diese durch den Brand er- griffenen Theile mit fortzuräumen, was allerdings bei der Schwierigkeit dem beizukommen nicht zu den Annehmlichkeiten des Bergbaues gehört. Die grösste Mächtigkeit der reinen, nicht durch zwischengelagerte Schieferschichten verunreinigten Kohle beträgt 30 Meter; die bessere Sorte derselben wird direkt zur Coaksge- winnung, zu welchem Zwecke in nächster Nähe des Hauptbetriebes Coakereien angelegt sind, verwandt, wäh- rend die schlechtere in die benachbarten Eisenessen wandert. Diese letztgenannten Essen, welche gleichfalls ge- nannter Gesellschaft angehören, beziehen ihre Eisen- und in Verbindung damit auch ihre Manganerze von St. Cyprien, einem Orte, der etwa zwei Wegstunden von Decazeville entfernt ist, wo in einer genanntem Orte benachbarten Grube, die auf der Höhe eines Plateau gelegen ist und von wo aus man einen herrlichen Blick auf das gesammte Dep. Aveyron mit der Stadt Rodez im Süden geniesst, das zur Verhüttung gewünschte Material in quarzführen- den Glimmerschiefern gewonnen wird. Die Fahrt von Decazeville nach St. Cyprien mittelst Wagen war sehr lohnend, bald hinter Decazeville ver- liessen wir das Industriegebiet, welches nebenbei bemerkt eine Länge von 20 und eine Breite von 3 km hat, und gelangten bei annähernd südöstlicher Richtung zunächst nach dem Dorfe Firmy, welches seine Kohlenindustrie gehabt hat, da der weitere Abbau auf dieses Mineral wegen der Gefahr, die Kirche und Häusern des Ortes drohte, behördlich untersagt wurde. Heutzutage finden sich an Stelle der beiden früheren Gruben zwei zum Baden von der Bevölkerung benutzte Teiche, die durch die verschiedene Farbe ihres Wassers sofort auffallen, da der eine grünlich-blau-, der andere schmutzig-gelb- gefärbtes Wasser führt, ein Umstand, der natürlich aufs engste mit den durch deu Wassertransport in die beiden Seen geführten Mineralbeimengungen zusammenhängt. Auf einer breiten, von Ebereschen, Birn-, Apfel- und Pflaumenbäumen besetzten Communalstrasse, die wie die meisten ihrer Art in Frankreich ausgezeichnet in Stand gehalten werden, führten uns die Wagen bergauf bergab, bei welcher Gelegenheit auch tief eingeschnittene Schluchten und überhängende, mit verschiedenartigem Grün geschmückte Felsen nicht fehlten, nach St. Cyprien, das mitten in einem Obstgarten gelegen ist, wo aber wegen der Reichhaltigkeit und geradezu verblüfiFenden Ergiebigkeit der dortigen Obstbäume wie in so vielen anderen Gegenden Südfrankreichs die Früchte kaum mehr gesammelt wurden, sondern durch ihr Uebergewicht die Zweige der Bäume womöglich zum Bersten und Brechen bringen und dann selbst verderben; ist doch das Sammeln der Früchte oft der Mühe gar nicht werth, eine Anschauung, der wir dort öfter begegnet sind. Im Grossen und Ganzen ist aber in diesen Länderstrecken schon der südliche Klimaeinfluss stark zu bemerken, wenn man bedenkt, wie neben dem allgewöhnlichen, uns wohlbekannten Obste Melonen, Tomaten und Artischocken in reichlicher Menge gedeihen, und die essbare Kastanie geradezu unsere deutsche Kartoffel verdrängt und dieser selbst nicht gleich geachtet, sondern gar zu häufig nur als Viehfutter passend gefunden wird. Eine Bestätigung dieser Art, ja die allerkräftigste, sollten wir wenige Tage später nach Ab- schluss der Excursionen ins Gebiet von Commentry und Decazeville erhalten, als wir durch das Dep. Cantal nach St. Etienne zu fuhren. Lübeckische Trichopteren und die Gehäuse ihrer Larven undPuppen (mitöTafelnlbcschreibtDr.R. Struck. (Das Museum zu Lübeck. Festscliritt zur Erinnerung an das lOOJährige Bestehen der Sammlungen der Gesellsch. z. Beförderung gemeinnütziger Thätigkeit. 1800 — 1900. Lübeck 1900.) Die Larven der zu den echten Neuropteren gehörenden Trichopteren (Haar- oder Pelzflügler) leben im Wasser und sind zum grössteu Theil dadurch von be- sonderem Interesse, dass sie sich zu ihrem Schutze mannigfach gestaltete Röhren oder Köcher aus den ver- schiedensten Materialien anfertigen, welche sie bis zur Verpuppung mit sich herumtragen, wie die Schnecken ihre Gehäuse, und in denen nach einigen Umgestaltungen auch die Verpuppung vor sich geht. Am bekanntesten unter ihnen sind die Köcherfliegen (Phryganeiden), welche zwar über alle Erdtheile verbreitet sind, am häufigsten jedoch in den gemässigten Zonen vorkommen und ihren Namen geradezu den Köchern der Larven verdanken. Nach M. Rostock (Die Netzflügler Deutschlands) kommen in Deutsehland 210 Trichopteren-Arten vor, wäh- rend aus der Schweiz 225 und aus Frankreich 201 Arten bekannt sind; dagegen kennt man aus England nur 148, aus Skandinavien 166, aus Holland 110 und aus Ost- preussen 70 Arten. Im Allgemeinen nimmt die Artenzahl I nach dem Norden hin ab, und eine ganze Anzahl der Trichopteren sind ausgeprägte Gebirgsthiere; trotzdem ist es dem Verf. gelungen, in 3 — 4 Jahren auf ver- hältnissmässig beschränktem Gebiete 55 Arten festzu- stellen. Die Larven der Trichopteren aus den Familien der Pbryganeidae, Limnophilidae, Sericostomatidae und Lepto- ceridae bauen cylindrische Gehäuse nach ganz bestimmten Bauplänen, deren Feststellung dem Geh. Medicinal-Rath Dr. 0. Hofmann und Dr. R. Struck zu danken ist und deren 9 unterschieden werden: 1. gerade oder gebogene, cylindrische, bisweilen von oben nach unten leicht zusammengedrückte Röhren aus Sandkörnchen oder Steinehen, zum Theil mit Belastungs- theilen vegetabilischen oder mineralischen Ursprungs an den Seiten, zum Theil aber auch an den Seiten oder am Oberrande der vorderen Oeffnung durch Anfügung von Sandkörnchen verbreitert, sodass ein flaches, schildförmiges Gehäuse entsteht, zum Theil endlich in Röhren aus Con- chylien bestehend; 2. gerade oder gebogene, der Länge nach mit vege- tabilischen Stoffen belegte Röhren; 3. der Quere nach mit vegetabilischen Stoffen be- legte Röhren; XVI. Nr Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 19 4. mit senkreclit zur Längsachse angeordneten Blatt- stückchen belegte Röhren; 5. im Querschnitt viereckige Röhren, der Quere nach mit vegetabilischen Stoffen belegt: 6. im Querschnitt dreieckige Röhren, der Quere nach mit vegetabilischen Stoffen belegt; 7. Röhren, welche mit vegetabilischen Stoffen von nahe/AI gleicher Form und Grösse belegt sind, die in Ge- stalt einer von dem hinteren zum vorderen Ende sich windenden Spirale angeordnet sind; 8. aus dem Spinnstoffe der Serikterien hergestellte Röhren; 9. aus Sandkörnchen hergestellte, schneckenhaus- formig aufgerollte Röhren. Die grössere Mehrzahl aller Larven der genannten Familien benutzt Baustil 1; eine Reihe von Limnophiliden- Laiven begnügt sich aber nicht mit einem nach einem bestimmten einzelnen Bauplan construirten Köcher, sondern bewohnt gleichzeitig noch andere, nach verschiedenen Bautypen hergestellte Gehäuse. Die Mitglieder der Familien der Rhyacophiliden und der Hydropsychiden verfertigen keine eigentlichen Ge- liäuse, sondern nur locker aus allerlei pflanzlichen oder mineralischen Stoffen belegte Gänge aus Gespinnststoffen, oder auch sie leben frei auf und zwischen Wasserpflanzen und Steinen; sobald sie aber zur Verpuppung schreiten, stellen auch diese Larven sich feste Gehäuse aus Steinen oder Pflanzentheilen her. Mehrere Arten der Rhyacophiliden-Larven bauen transportable Gehäuse aus Sandkörnchen von halbkuge- liger oder ellipsoider Gestalt, deren untere flache Seite vorn und hinten eine kleine, rundliche Oettnung hat. Die Puppenruhe der Trichopterenpuppen dauert 2 bis 3 Wochen, scheint sich aber auch nach der Tempe- ratur des Wassers zu richten, insofern Wärme die Reife derselben beschleunigt, Kähe sie verzögert. Dadurch, dass Struck die Wassertemperatur künstlich herabsetzte, gelang es ihm wiederholt, die Puppenruhe bis auf 5 bis 6 Wochen auszudehnen. Die Puppe verlässt bereits im letzten Puppenstadium als sogenannte Sub-Imago das Gehäuse, indem sie an der dem Kopfe zugewandten Oeffnung den Verschluss mittels ihrer eigenartig con- struirten Mandibeln öffnet. Ihre Beine sind mit Schwimm- haaren versehen, und schwimmend begiebt sie sich ent weder an im Wasser befindliche Pflanzen, um an diesen in die Luft zu klettern, oder auch sie schwimmt direkt an die Wasseroberfläche. In beiden Fällen birst alsbald die Puppenhaut auf dem Rücken entzwei, und es taucht die Imago im ersten Falle langsam nach und nach, im letzten Falle jählings, was besonders gut bei Leptocerus- Arten zu beobachten ist, aus derselben hervor. A. L. Aus der ersten Zeit des Zündhölzchens. — üeber das Zündhölzchen hielt Professor A. Bauer einen Vortrag im Verein zur Verbreitung naturwissenschaftlicher Kennt- nisse in Wien, der in den Schriften des Vereins (Bd. 40) abgedruckt ist. Danach fallen die ersten Versuche, ein bequemes, leicht transportaliles Feuerzeug herzustellen, in den Anfang des Jahrhunderts, und zwar soll Chancel, der Assistent Thenards zuerst Zündhölzchen hergestellt haben, welche ein Köpfchen trugen, das neben Schwefel etwas Kaliumchlorat enthielt und durch Benetzen mit Schwefelsäure zum Entflammen gebracht wurde. Die erste Verbesserung derselben bestand darin, dass die Schwefelsäure in einem Fläschchen auf Asbest vertheilt wurde, den man nur mit den Zündköpfchen zu betupfen halle, um diese zum Entflammen zu bringen. Diese Ver- besserung wird dem um die österreichische Zündhölzchen- Industrie hochverdienten Stefan Römer v. Kis-Enyitzke in Wien zugeschrieben. Die Tunkzündhölzchen " waren jedoch unhandlicii und zudem so theuer, dass sie 1812 angeblich 40 Kreuzer per 100 Stück kosteten und weder Feuerstahl und Schwamm noch die Döbereiner'sche ZUnd- maschinc zu verdrängen vermochten. Eine wesentliche Verbesserung erfuhren die Zünd- hölzchen durch die Einführung des Phosphors als Be- standtheil des Köpfchens. Zwar machten sich zunächst lebhafte Bedenken wegen der Feuergefährlichkeit und der G-iltigkeit desselben geltend, und nachdem derartige Zündhölzchen in grösserem Maassstabe erzeugt und in den Handel gebracht waren, wurden sie sogar 1835 in meh- reren Staaten verboten. Wer zuerst brauchbare Phos- phorzüudhölzchen hergestellt hat, steht nicht sicher fest. Nach Jettel's Angaben in seinem Werke über die Zünd- waren-Fabrikation (Wien: Hartleben, 1897) hat Johann Friedrich Kammerer, der 1832 wegen Betheiligung an einer politisclien Demonstration auf die Feste Hohen- asperg kam, die Vergünstigung erhalten, sich in seiner Zelle mit chemischen Arbeiten zu beschäftigen. Hierbei verfiel er auf die Idee, aus dem Phosphor eine Zünd- masse herzustellen, führte seine Ideen experimentell durch und verwerthete seine Erfahrungen nach seiner Freilassung zur Herstellung von Zündhölzchen, allerdings ohne son- derliche Vortheile aus seiner Erfindung zu ziehen, da er bald mehrere Nachahmer fand. Nach englischen Quellen soll ein Apotheker namens Walker zu Stokton der Erfinder der Phosphorzündhölz- ehen sein, und nach einer Mittheilung von Edmund Jensch in der Zeitschrift für angewandte Chemie gebührt die Ehre der Erfindung einem Ungarn, Jrinyi. Der Aufschwung der österreichischen Zündhölzchenindustrie war nicht nur eine Folge der glücklichen Mischung der Bestandtheile der Köpfchen, sondern auch durch die Eleganz und Hand- lichkeit des Holzstäbchens bedingt, welches der Träger des Zündköpfchens ist. Während nämlich diese Holz- stäbchen anfangs zumeist aus einzelnen Holzblöcken mittels keilartig und parallel neben einander gestellter Messer geschnitten wurden, wandte man in Oesterreich hierfür einen Hobel an, der schon vor der Erfindung der Phos- phorzündhölzchen durch Weilhofer in die Industrie ein- geführt wurde. Im Jahre 1830 gelang es Josef Neu- knapp in Wien einen Hobel mit 5 Eisen herzustellen, deren jedes mit einem einzigen Stosse drei bis vier Holz- stäbchen verfertig-en konnte. A. L. Astronomische Spalte*) — Der Planet Eros, welcher ein für die Bestimmung der Sonnenparallaxe äusserst vortheilhaftes Objekt darsteUt, ist nunmehr bereits wieder in seine Erdnähe gelangt und es haben deshalb schon die meisten Sternwarten ihre Thätigkeit zur Bestimmung der Erosparallaxe, welche die Berechnung der Maassein- heit unseres Sonnensy.stems (Erde- Sonne) ermöglichen wird, aufgenommen. Der im Juli des vergangenen Jahres zu Paris versammelte Astrophotographen-Congress hatte eine Kommission ernannt, welche die allgemeinen Ge- sichtspunkte, nach denen bei den Beobachtungen vorge- gangen werden soll, aufzustellen hatte. Als erste Bedin- gung für einen vollen Erfolg wird Seitens dieser Kom- mission gefordert, dass alle Observatorien, welche sich an Ortsbestimmungen zum Zwecke der Ermittelung der Pa- rallaxe betheiligen, in jeder Beobachtungsnacht mindestens *) Wir beabsichtigen bis auf Weiteres alle 14 Tage bis vier Wochen eine astronomische Spalte zu bieten, die über die neuen Errungenschaften auf dorn Gebiete der Astronomie Orientiren soll. ßed. •20 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. XVI. Ni zwei Messungen (östlich und westlich vom Meridian und in mögliebst grosser Entfernung von diesem) anstellen. Beobachter der nördlichen Halbkugel, welche die Parall- axe aus den Declinationsdifferenzeu gegen au südliehen Sternwarten angestelUe Positionsbestimmungen herleiten wollen, sollen zur Beobachtung thuniichst den Zeitpunkt wählen, wo Eros im Meridian der betreifenden Sternwarte der Südhalbkugel steht. Die Vergleiehsterne sollen keines- falls schwächer als 11. Grösse sein, so dass die Sicher- heit der Positionen dieser Sterne leichter gewährleistet werden kann. Selbstverständlich wird auch die Astrophotograpbie herangezogen werden und wurden auch hier Maassnahmen getroffen, um den Beobachtungsmodus gleichförmig zu gestalten. Auf jeder Platte sollen des leichteren Er- kennens von Plattenfehlern wegen sowie zu dem Zwecke, um die nachfolgenden Messungen am Sternscheibchen von verschiedener Schwärze und Grösse vornehmen zu können, zwei Aufnahmen nach einander gemacht werden, die erste mit ß"" Exposition und eine zweite bei um ca. 20° in Declination verschobenem Apparate mit einer Belichtungsdauer von 3™. Was die photographische Ortsbestimmung im allge- meinen und Arbeiten dieser Art zur Bestimmung der Erosparallaxe im Besonderen betrifft, so verdient eine Untersuchung W. E. Plummers Beachtung. Plummer hat durch den Vergleich der Beobachtungen von Cometen auf photographischem und visuellem Wege festgestellt, dass bei Positionsbestimmungen mit der photographischen Platte eine wesentliche Unsicherheit in die Messungen dadurch eingeführt wird, dass das Aufnahmeobjekt während der ersten Momente der Exposition keinen oder zum min- desten nur einen so schwachen Eindruck hinterlässt, dass derselbe durch die Eutwickelung nicht herausgeholt wer- den kann. Es entspricht also die Mitte der Expositious- zeit durchaus nicht z. B. der Mitte des Planetenstriches bei einer Planetenaufnahme, sondern einem unbestimm- baren, wahrscheinlich für jede Platte verschiedenen Punkte, welcher vor der Mitte des Striches in der ersten Haltte desselben gelegen ist. Plummer sagt, dass dieser Fehler bei einer Erosaufnahme von 10"" Exposition sehr fühl- bar sei. Wenn sich dies in der That so verhält, dann möchte es allerdings fast besser scheinen, die photo- graphischen Aufnahmen dort, wo es auf äusserste Ge- nauigkeit ankommt, und eine Ortsbestimmung unter Zu- hilfenahme einer Striehspur nothwendig wird, vorläufig auszuschhessen oder nach einer Bemerkung von Hinks nur mit Expositionen von !■" oder höchstens 2"° und nur unter günstigsten Luftverhältnissen zu arbeiten. Für die Beobachter an mittleren Fernrohren sei fol- gende kleine Ephemeride des Eros, welche für 12 ^^ Mittl. Zeit Berlin gilt, hierher gesetzt: 1901 Januar 5 AR = 2M4°' D = + 36°12' Grösse: 9-1 11 2 32 33 38 17 2 51 31 5 23 3 12 28 34 „ 29 3 33 26 5 Grösse: 9-5 Adolf Hnatek. Die Nachrichten von der Expedition Andree's. — Aus den bisherigen Nachrichten von der Expedition Andree's und aus der Drift der aufgefundenen Bojen zieht Professor A. G. Nat hörst (Ymer. 1900. Heft 3) wichtige Resultate über den Verlauf der Ballonfahrt, kann aller- dings auch die Hauptfrage nicht sicher beantworten. Da von den Brieftaubenposten nur eine einzige, die dritte, au uns gelangt ist, kouzentrirt sich das Haupt- interesse um die Scbwimmbojen, deren 12 kleinere und eine grössere, die sogenannte Polarboje, mitgeführt wurden. Von diesen sind bis jetzt vier kleinere und die Polarboje aufgefunden worden. Zwei kleinere Bojen haben Mit- theilungen enthalten, sodass mit Einschluss der Tauben- post drei Nachrichten über die Ballon-Expedition vorliegen. Die älteste Mittheilung war in der Schwimmboje 4 enthalten, welche am 27. August 1900 bei Lögsletteu in Finmarken aufgefunden wurde. Andree schrieb: „Sehwimm- boje Nr. 4. Die erste, welche ausgeworfen wurde. Am 11. Juli 10 Uhr nachm. G. m. Z. Unsere Reise ging bis- her flott von statten. Die Fahrt vollzieht sich in unge- fähr 250 m Höhe anfangs in der Richtung nach N 10° rechtweisend nach Osten, später aber nach N 45° recht- weisend nach Osten. Vier Brieftauben werden 5 Uhr 40' nachm. Greenw. Zeit aufgelassen. Sie flogen nach Westen. Andree. Strindberg. Fränkel. Ueber Wolken seit 7 Uhr 45' G. m. Z." Die am 14. Mai 1899 am Kolla-Fjord auf Island ge- fundene Boje 7 enthielt Mittheilungen von Strindbergs Hand: „Schwimmboje Nr. 7 [nicht, wie zuerst angegeben, 2.] Diese Schwimmboje ist ausgeworfen von Andrees Ballon 10 Uhr 55' nachm. G. m. Z. am 11. Juli 1897 auf circa 82°lat. und 25° long. 0. Grw. Wir schweben in 600 m Höhe. All well. Andree. Strindberg. Fränkel." Die letzte Nachricht bildet die Taubenpost, von Andree geschrieben: „Von Andrees Polarexpedition an Afton- bladet, Stockholm, d. 13. Juli 12 Uhr 30' mitt. Lat. 82° 2', Long 15° 5' östl. Gute Fahrt nach Osten 10° S. An Bord alles wohl. Dies ist die dritte Taubenpost. Andree." Die Nachrichten haben die Befürchtungen bezüglich des Verlustes der Schleppleinen nicht gehoben, und auch in Bezug auf den Kurs des Ballons ergänzen sie sich nicht sonderlich, da die Punkte, an denen die Bojen aus- geworfen sind und die Taubenpost aufgelassen wurde, einander sehr nahe liegen. Die am 11. Juli 1897 ausgeworfene Boje 4 wurde am 27. August 1900 bei Lögsletten in Finmarken unter ca. 70° 19 ' n. Br. gefunden, die 55 Minuten später aus- geworfene Boje 7 dagegen am 14. Mai 1899 am Kolla- Fjord an der Nordküste Islands. Die Boje 4 ist eben- falls an Island vorüber getrieben. Die Boje 7 wurde von der Polarströmuug nach Westen, Südwesten und Süden an den Auffindungspunkt auf Island geführt, und diese Drift hat 672 Tage gedauert, da die Boje wahrscheinlich gleich nach der Landung aufgefunden ist. Die Boje 4, welche etwas südlicher ausgeworfen wurde, trieb parallel mit der Boje 7, aber etwas weiter südöstlich. Vielleicht in Folge des etwas östlicheren Kurses ist sie nicht auf Is- land ans Land geworfen, sondern östlich um die Insel getrieben; dagegen kann sie nicht, wie dies in Zeitungs- berichten angegeben wurde, rund um Island getrieben sein. Die 1896 von der dänischen Ingolf-Expeditiou zwischen Jan Mayen und Island ausgeworfenen Flaschen- posten gestatten eine recht genaue Bestimmung der Drift- babn der Boje 4, welche von Island nach Südosten an die Färöer und dann in nordöstlicher Richtung nach der norwegischen Küste ging. Mit Hilfe der Drift der Boje 7 und der südlich von Jan Mayen von der Ingolf-Expedi- tion ausgeworfenen Flaschenpost 14, welche auf Renö am Bustadssunde nördlich von Lögsletten landete, berech- net Nathorst für die Drift der Boje 4 eine Dauer von 2 Jahren 358 Tagen. Thatsächlich betrug sie 3 Jahre 47 Tage; zieht man aber die durch Stürme und andere Faktoren hervorgerufenen Störungen in Betracht, so ist die Differenz von höchstens 54 Tagen nur geringfügig. Den Punkt, wo die Boje 4 ausgeworfen wurde, berech- nete Nathorst in folgender Weise: Die Entfernung vom Aufstiegpunkte auf Dauskrö bis zu dem Punkte, wo Biije 7 geworfen wurde, beträgt ca. 180 Seemeilen und XVI. Nr, 2. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 21 wurde in 8 Stunden 25 Minuten zurückgelegt. Bei gleich- massiger Geschwindigkeit würde Boje 4 nur 19,6 See- meilen südwestlich von Boje 7 ausgeworfen sein; eine etwaige Aenderung der Geschwindigkeit würde keines- falls eine praktische Bedeutung haben. Ausser diesen mit Nachrichten versehenen Bojen sind noch gefunden: Boje 3 am 7. Juli 1900 auf der See sudlich von Island 03° 42' n. Br. und 20° 53' w. Gr.; Boje 8 am 28., Juli 1900 ca. 40 Seemeilen westlich da- von; die Polarboje am Ufer der Schwedischen Segel- gesellschafts-Bucht auf König Karls-Land, welche am 11. September 1899 wohl schon längere Zeit am Strande gelegen hatte. Alle drei Bojen waren ohne Briefhülsen, und dieser Umstand hat zu lebhaften Erörterungen darüber geführt, ob diese vorhanden gewesen seien und Mittheilungen ent halten haben, als die Bojen ins Treiben kamen. Waren nämlich Mittheilungen vorhanden und die Briefhülsen auf- geschraubt gewesen, so lag kein Anlass zur Beunruhigung vor. Andernfalls war aber anzunehmen, dass die Bojen entweder als Ballast ausgeworfen wurden, als die Tragkraft des Ballons in beunruhigendem Maasse abnahm, oder auch auf das Eis oder ins Wasser gelangten, als der Ballon sieh nicht länger in der Schwebe zu erhalten ver- mochte. Von besonderer Bedeutung erscheint der Um- stand, dass die kleineren Bojen bei dem Aufstiege des Ballons ohne Briefhülsen waren, dagegen die Briefhül.se der grossen Polarboje aufgeschraubt war. Das Gewinde der letzteren war besonders stark, sodass kaum anzunehmen ist, dass die Hülse durch die „Naturkräfte" (Eis etc.) hätte abgeschraubt werden können, zumal dies bei zwei kleineren nicht der Fall war, welche doch einer verhält- nismässig längeren Drift ausgesetzt waren. Diese Er- wägungen führen auch Nathorst zu der Annahme, dass die Bojen ursprünglich ohne Mittheilungen gewesen sind; wenn er auch keinen direkten Beweis dafür zu erbringen vermag, sodass er die diesbezügliche Auffassung als Glaubenssache betrachtet. Nathorst hält es jedoch für sehr wohl möglich, dass Andree die losen Metallhülsen und die von der Polarboje abgeschraubte Hülse bei einer etwaigen Landung auf dem Eise für irgend welche Zwecke mitgenommen habe. Unter Benutzung der für die Drift der Boje 7 be- rechneten und der bei der Drift von Nansen's „Fram" beobachteten Geschwindigkeit berechnet Nathorst, dass die Boje 3 im Verhältniss zui' Boje 7 457,5 Seemeilen, die Boje 8 475,5 Seemeilen weiter östlich zum Treiben gekommen ist. Unter der Voraussetzung, dass die Bojen 3 und 8 (höchstens) 10 Tage später als die Boje 7 ins Treiben gelangt sind, beträgt die Drift der Boje 3 1080 Tage. Die Driftbahnen der Bojen 3 und 8 setzen sich aus 3 Abschnitten zusammen: 1) einem mittleren Abschnitt der Drift der Boje 7 entsprechend, 2) einem östlich von dieser Bahn liegenden Anfangsabschnitt, 3) der nördlich, östlich und südlich um Island verlaufenden Schlussstrecke. Von der Bahn der Boje 7 sind diese Bojen nach den Strömungsverhältnissen ungefähr an dem Punkte abge- wichen, wo der nördliche Polarkreis 20° w. Gr. schneidet. Man denke sich diesen Punkt als Mittelpunkt dreier Kreis- bogen, deren innerer den Punkt sehneidet, wo Boje 7 ausgeworfen wurde, schlage darauf um denselben Mittel- punkt einen Kreisbogen nach Nordosten mit dem um 457,5 Seemeilen verlängerten Radius, so bildet der Kreis- bogen den geometrischen Ort des Punktes, wo die Boje 7 ins Treiben kam, während der Anfangspunkt für die Drift der Boje 8 auf einem concentrischen Kreisbogen liegt, dessen Radius um weitere 18 Seemeilen verlängert ist. Diese Entfernungsbogen gelten jedoch nur so lauge. als die Drift annähernd in der Richtung der Radien er- folgt, was südlich von 81° n. Br. nicht mehr der Fall ist. Sind aber die Bojen 3 und 8 aus dieser Breite gekommen, so müssen sie den Anfangspunkt der Boje 7 passirt haben, und man muss für die Gegend südlich von 81° n. Br. den Anfangspunkt ihrer Drift auf 2 concentrischen Kreisbogen suchen, deren Mittelpunkt der Anfangspunkt der Boje 7 ist und deren Radien bezw. 457,5 und 475,5 Seemeilen betragen. Genauer als durch diese Bogen Hessen sich die Punkte, wo die Bojen 3 und 8 ins Treiben kamen, nicht bestimmen, wenn nur die kleinen Bojen gefunden wären, und es könnte in diesem Falle mit Fug und Recht an- genommen werden, dass der Ballon den Pol oder die Umgebung des Pols passirt hätte. Die auf König Karls Land aufgefundene Polarboje ergiebt jedoch ein ganz anderes Resultat. Zwar kennt man nicht die Zeit, da sie ans Land getrieben wurde, sodass die Länge der Driftbahn sich nicht bestimmen lässt. Wie Nathorst früher gezeigt hat, kann die Polarboje, welche auf König Karls-Land herantrieb, den Ballon nicht nördlicher als 80 — 82° n. Br. verlassen haben. Im Sommer 1898 waren die Gewässer um König Karls Land schon im August gänzlich eisfrei, und dasselbe war im Spätsommer 1897 der Fall. Wäre nun die Strömung aus dem Nordosten gekommen, so hätte sie sicherlich das Eis von Franz Josephs-Land und Giles Land, wo reichlich Eis vorhan- den war, mitgeführt. Da dies jedoch nicht der Fall war, die vcreinzeltL'n Eis.streit'en, denen die „Antarctic" be- gegnete, vielmehr ost westliche Richtung liatten, so darf nur angenommen werden, dass die Polarboje aus dem Osten auf König Karls - Land angescliwemiiit ist; die Bojen 3 und 8 müssen dagegen in die Polarströmung hineingerathen sein und mit dieser nördlich um Spitzbergen in westlicher und süd-südwe.stlicher Richtung nach Island getrieben sein. Bei Spitzbergen liegt die Südgrenze des Polarstromes im allgemeinen zwischen 80—81° n. Br., zuweilen vielleicht etwas nördlicher. Je weiter man aber nach dem Osten kommt, desto weiter senkt sie sich nach dem Süden herab; „Fram" trieb z. B. von kaum 78° n. Br. in der Näiie vom 140° ö. Gr. Da nun die Polarboje in ost-westliche Richtung trieb, so müssen die Bojen den Ballon in der Gegend verlassen haben, wo die Driftrouten der Nummern 3 uud 8 sich mit derjenigen der Polarboje kreuzen, und dies geschieht südöstlich von Franz Josephs Land. Aus theoretischen Gründen muss man aber annehmen, dass der Polarstrom sich gerade an dieser Stelle verzweigt, sodass ein Zweig südlich von Franz Josephs- Land nach Westen, ein anderer Zweig zwischen den Inseln hindurch oder im Norden der- selben nach Nordosten treibt. Während die Polarboje in den ersten Zweig gerieth, folgten die Bojen 3 und 8 letzterem. Die hier aus der Drift der Bojen abgeleiteten Re- sultate stimmen recht gut mit den von Montefiore Brice (Geogr. Journal. Nov. 1899) aus den damals um Franz Josephs-Land herrschenden Winden abgeleiteten Ergeb- nissen überein. Der Kurs des Ballons ist also folgender: anfangs N 10° 0, alsdann N 45° 0, danach westlich, späterhin, als die Taube aufgelassen wurde, 10° S. Soweit ist der Kurs auf Grund der Depeschen Andrees sicher bekannt. Die Angaben Brice's und das Auffinden der Polarboje gestatten die Annahme, dass die Bahn ferner südlich um Franz Josephs-Land verläuft, bis der Ballon sich südöst- lich von dieser Inselgruppe befand. Ob er hier nieder- gegangen ist oder den Kurs nach Norden fortgesetzt hat, ist die grosse Frage, wenn auch die erste Annahme am meisten für sich zu haben scheint. Diese Frage wird sich 22 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. XVI. Nr. 2. aber eufsclieiden lassen, wenn vielleicht fernere ans Land treibende Bojen bei Island autgetuiiden werden, da in solcbeni Falle angenommen werden niuss, dass der Ballon sieh noch nach dem Auswerfen der Bojen 3 und 8 in der Schwebe erhalten hat. Aus Bojen, die am Strande auf- gefunden weiden, ohne dass ihre Antriebs/.eit sicher be- kannt ist, lassen sich da-cgen keine Schlüsse ziehen. Wenn der Ballon wirklich in dieser Gegend nieder- gegangen ist und die Lufiseliiffcr nicht beim Abstieg ver- unglückt, sondern aufs Eis gekommen sind, so haben sie wahrseheinlieh die Kichtung auf Nowaja Semija oder auf die Tainiyr-Ualbinsel eingeschlagen. Hätten sie letztere erreicht, so wäien gute Aussichten vorhanden gewesen, sich am Leben zu erhalten, weil dort das Thierleben recht reiclihaliig ist; in diesem Falle hätte man jedoch schon längst Kunde von ihnen gehabt. Natlioist glaubt, da.ss man eher Spuren ihrer Anwesenheit auf der Nord- spit/.e von Nowaja Semija oder auf der Einsamkeits-Insel finden wird. Um feinere Driftgegenstände von der Expedition zu erhalten, regt Nathorst die Erhöhung der Belohnung für Einlieferung von Bojen und Ueberresten an, ferner Auf- forderung zu fleissiger Beobachtung an der Küste Islands und endlich die Verbreitung von Cirkularen in grön- ländischer Sprache und mit Abbildungen der Bojen unter den Eskimos im südwestlichen Grönland; denn diejenigen Bojen, welche den Ballon in gleicher oder geringerer Entfernung von Island verlassen haben als die Bojen 3 und 8, müssen jetzt an Island vorbeigetrieben und im Laufe des Winters und des Frühlings an die Südwest- küste Grönlands gelangt sein. Ebenso wären in den Zeitungen zu Tromsö und Hammerfest Aufrufe an die Fangschiffe zu erlassen, um diese zur Aufmerksamkeit an- zuspornen. Hofl'entlieh werden diese Maassnabmen weiteres Liclil über die Schicksale der Expedition verbreiten. A. Loreuzen. Ueber Gemüsedüngung. — Beim Gemüsebau ist es uöthig, auf kleiner Fläche möglichst viel zu erbauen. Die Pflanzen müssen sich schnell entwickeln, damit nach Abernten des Frühgemüses mindestens noch eine zweite und häufig noch eine dritte Gemüseart folgen kann. Des- halb war der Sameubau von jeher bemüht, solche Sorten zu züchten, die neben hohen Erträgen von feiner Be- schaffenheit möglichst schnell zur vollen Ausbildung ge- langen und als erstes Gemüse auf dem Markte die besten Preise erzielen. Diese Frühreife lässt sieh aber nur auf Bodenarten von besonderer Beschaffenheit und mit reichem NähistüflVorrathe erreichen. Nur wenige Hodenarten sind von Natur schon für den Gemüsebau geeignet, sondern sie müssen erst bis zu ansehnlicher Tiefe durchgearbeitet werden, um sie für den Anbau anspruchsvoller Pflanzen zu erschliessen. Dazu verwendet mau in erster Linie eine starke Düngung mit Stallmist, der hauptsächlich zur Verbesserung der physikalischen Beschaffenheit beiträgt. Selbst auf gutem Gartenland muss öfters reichlich mit Stallmist gedüngt werden. Mancher Landwirt h sieht die Anwendung von 6- 8 Zentner Stallmist auf lüO qm oder 150— 20u Zentner auf den Acker als starke Gabe an und glaubt, seinen Feldern viel zu gute zu thun, wenn er auf dasselbe Stück alle 6 oder 8 Jahre wieder mit Mist kommt. Der Gemüsegärtner aber giebt auf lüO qm 12—20 Zentner Stalldünger jedes dritte Jahr. Trotzdem nutzt er den Boden ebenso aus wie der Landwirth, weil er dem Gemüseland mehr als dreifach grössere Ernte- mtngen entnimmt. Die Landwirthe wissen jetzt allgemein, dass sie mit Stallmist allein nicht auskommen, im gärtnerischen Be- triebe dagegen, der doch viel grössere Anforderungen an den Nahrungsvorratb des Bodens stellt und bedeutend weithvollere Ernten liefert, beachtet man die Frage des Nährstoffersatzes durch künstlichen Dünger noch viel zu wenig und macht von der vortheilhaften Anwendung des Kunstdüngers nur höchst selten Gebrauch. Hier und da hat man wohl Versuche gemacht, aber fehlerhaft, weil nur ein Nährstoff zugeführt wurde, wäh- rend doch die Pflanzenuahruug aus mehreren Nährstoffen zusammengesetzt sein muss. Bei der Düngung sind vier Nährstoffe, nämlich Kali, Phosphorsäure und Stickstoff' imd Kalk, reichlich anzu- wenden. Sobald nur einer derselben oder in ungenügender Menge vorhanden ist, bleiben die Pflanzen in der Ent- wickelung zurück. Es kommt darauf an, durch die künstlichen Dlluge^ mittel jene drei Stoffe in einem richtigeti Vel-hältnisse Und in einer solchen Menge zuzuführen, wie es die verschie- denen Ansprüche der Pflanzen auf den einzelnen Boden- arten erfordern. Kali und Phosphorsäure giebt man aui 1—3 Jahre und die Gabe des Stickstoffes richtet sich nach den jeweiligen Bedürfnissen. Die Kalisalze giebt man als Chlorkalium oder als 40prozentige8 Kalidünge- salz. Kaiiiit, der für die Felder in so reichlicher Menge verbraucht wird, ist im Garten nur für leichten Sand- und Moorboden zu empfehlen. Die Phosphorsäure giebt man als feingemahlene Thomasschlacke, die nel)en Phos- phorsäure noch Kalk enthält. Kalisalze und Thomasmehl bewirken besonders gute Beschaffenheit und Haltbarkeit des Gemüses. Die Phosphorsäure befördert die Frühreife. Die Wirkung des Chilisalpeters (Stickstoff) kann man schon nach wenigen Tagen an dem dunkleren Grün der Blätter beobachten und kommt hauptsächlich im Massen- ertrag zum Ausdruck. Zu den Hülsenfrüchten ist Stick- stoffdüngung nicht nöthig oder nur im Anfang zu geben, bis die Pflanzan soweit sind, dass sie mit Hilfe der Wurzelknöllchen den Stickstoff der Luft verwerthen können. Einige Beispiele von Düngungsversuchen sollen die vortheilhafte Anwendung der Düngemittel veranschau- lichen. Mit Frühkartoffeln der Richter'schen Sorte „Ovale Frühblaue," die durch Ankeimen der Saat vorgetrieben waren, wurde in Leopoldshall folgender Versuch ange- stellt und zwar auf einem Landstreifen mit frischem Stall- miste (500 kg für je 100 qm) und auf einem anderen, der vor drei Jahren Stallmistdüngung erhalten hatte. 1. Parzelle: Ohne Stallmist = 72 kg und mit Stallmist = 92 kg Kartoffeln. 2. Parzelle: 4,0 kg Thomasmehl und 1,6 kg Chilisalpeter mit Stallmist = 154 kg und ohne diesen = y7 kg. 3. Parzelle: 4,0 kg Thomasmehl und 3,0 kg schwefelsaures Kali mit Mist =117 kg und ohne diesen = 79 kg Kartoffeln. 4. Parzelle: 3,0 kg schwefel- saures Kali und 1,6 kg Chilisalpeter mit Stallmist = 140 kg und ohne diesen = 127 kg Kartoffeln. 5. Parzelle: 4,0 kg Thomasmehl, 1,6 kg Chilisalpeter und 3,0 kg schwefel- saures Kali mit Mist = 223 kg und ohne diesen = 149 kg Kartoffeln. 6. Parzelle: 4,0 kg Thomasmehl, 1,6 kg Chili- salpeter und 3,0 kg Chlorkalium mit Stallmist: = 234 kg und ohne = 166 kg Kartoffeln. Die in Stallmist gebauten Kartoffeln brachten auf allen Parzellen bedeutend höhere Erträge, kamen aber einige Tage später zur Reife als die ohne solchen gezogenen. Auf Parzellen 2, 3 und 4, die nur zwei Nährstoffe besonders erhalten hatten, wurde wohl mehr geerntet wie auf der uugedüngten oder nur allein mit Stallmist ge- düngten Fläche, aber das Fehlen noch eines Nährstoffes verhinderte die Höchsterträge. Erst dort, wo auf Parzelle 5 und 6 die drei vorgenannten wichtigen Nährstoffe zu- sammengegeben waren, wurden die grössten Erntemengen erzielt. XVI. Nr. 2. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 23 Der Mang:el an Kali auf Parzelle 2 war in der Ent- wickelung des Krautes, namentlich bei frischem Stallmist, weniger zu sehen, zeigte sich erst beim Aufgraben der Knollen. Aehnlieh war es bei der auf Parzelle 4 fehlen- den Pliosphnrsüure der Fall, die für die Ernährung der Kartoffeln erst in zweiter Linie in Betracht kommt, aber doch nicht fehlen darf. Sehr deutlich zeigte sich der Stickstofifliunger auf Parzelle 3 und am auffallendsten ohne Stallmist. Dort war das Kraut sehr kümmerlich und starb zuerst ab. Diese Kartoffeln waren am frühesten reif; doch brachte die Nothreife keinen eigentlichen Nutzen. Von den beiden Kalisalzen war das Chlorkalium im Ertrage dem schwefelsauren Kali etwas überlegen, brachte aber die Knollen um einige Tage später zur vollen Eut- wickelung als das schwefelsaure Kali. Letzteres bewirkt dagegen weniger üppigen Blattwuchs und frühere Reife. Die Anwendung aller drei Düngemittel: Thomasmehl, Chilisalpeter und Kalisalz verursacht nur wenig Ausgaben und macht sich in der grösseren Ernte reichlich bezahlt. Zu Leopoldshall wurden auch Düugungsversuche mit Kopfsalat, Sellerie, Winterspinat, Buschbohnen, Gurken, Karotten u. s. w angestellt, über die später berichtet werden soll. L. Herrmann. Aus dem wissenschaftlichen Leben. Ernannt wurden: Dr. Adolf Schule. Privatdocent der inneren Medizin in Freiburg zum ausserordentlichen Professor; Dr. Emil Knoevenagel, ausserordentlicher Titularprofessor der organischen Chemie und Abtheilungsvorsteher im chemischen Univer.'^itiltslaboratorium in Heidelberg, zum etatsmässigen ausser- ordentlichen Professor; Landesgeologe Dr. Konrad Keilhack, Doeent an der königl. Bergakademie in Berlin, zum Professor; Dr. Richard Ewald, ausserordentlicher Professor der Physio- logie in Strassburg, zum ordentlichen Professor und Director der physiologischen Üniversisätsanstalt daselbst, an Stelle Professor F. L. Goltz'; Dr. Giesenhagen, Privatdocent der Botanik, Dr. Fr i^•drich Voit und Dr. Richard May, Privatdocenten der inneren Medizin in München, zu ausserordentlichen Professoren; ausserordentlicher Professor der Neurologie an der czechischen Universität in Prag C. Kuffner zum ordentlichen Professor; Leutnant Lacoint zum Director der Sternwarte in Uccle bei Brüssel als Nachfolger Prof. Lagranges. Berufen wurden: Prof. Dr. Robert Wollenbcrg, Leiter der staatlichen Irrenheilanstalt zu Friedrichsburg bei Hamburg nach Tübingen als ordentlicher Professor der Irrenheilkunde und Director der Irrenheilanstalt; Dr. Friedrich Maurer ausser- ordentlicher Professor der Anatomie und Prosektor an der ana- tomischen Universitatsanstalt in Heidelberg, nach Jena als ordent- licher Professor und Director der dortigen anatomischen Universi- tätsanstalt an Stelle Prot. M. Fürbringers; Privatdocent der Mathematik A. Sucharda an der czechischen Universität Prag als ausserordentlicher Professor an die czechische technische Hochschule in Brunn. Es habilitirte sich: J. Formanek für Spektralanalyse an der czechischen technischen Hochschule in Prag. In den Ruhestand treten: Privatdocent der Philosophie J. Kreyenbühl in Zürich ; Prof. Lagrange, Director der Storn- warte in Uccle bei Brüssel. Es starben: Der Afrikaforscher Alexander Albert de la Roche de Serpa Pinto in Lissabon; Professor der Geographie und Meteorologie Ferdinand Müller in Petersburg; Privat- docent der Pharmakologie E. Kotljar in Petersburg. L i 1 1 e r a t u r. Dr. med. Sändor Eaestner, ausserordentlicher Professor an der Universität Leipzig, Etnbryologische Forschungsmethoden. Akademische Antrittsvorlesung, gehalten am 27. Oktober li)00. Johann Ambrosius Barth, Leipzig 1900. — Preis 0,80 M. Verf. bespricht in dem Heft die besonderen Methoden, die die Embryologie sich für ihre Zwecke eigens geschaffen hat. Max Verworn, Dr. med., ausserordentlicher Professor der Physio- logie an der Universität Jena, Das Neuron in Anatomie und Physiologie. Vortrag, gehalten in der gemeinschaftl. Sitzung der medizinischen Hauptgruppe der 72. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte zu Aachen am 19. September 19U0. In erweiterter Form herausgegeben. Mit 22 Abbildungen. Gustav Fischer in Jena 1900. — Preis 1,50 M. Ganglienzelle und Nervenfaser repräsentiren nach der Neuron- lehre eine einzige Zelle ; Verf. giebt eine treffliche Uebersicht über den gegenwärtigen Stand dieser Lehre und kommt zu dem Schluss: „Die anatomischen und physiologischen Untersuchungen des letzten Decenniums haben nicht vermocht, die Neuronlehre zu erschüttern. Man hat vielfach Gespenster gesehen, man hat Ein- wände gegen die Neuronlehre finden wollen, wo davon nicht die Rede sein konnte, man hat die Neuronlehre schon als gestürzt betrachtet, und das alles, weil man sich einen gewissen starren Begriff von der Neuronlehre zurecht gemacht hatte, indem man ganz unwesentliche Elemente als integrirende Bestandtheile der Lehre ansah. Der Kern der Neuronlehre liegt in der Auffassung des Ganglienzellkörpers mit seinem Nervenfortsatz und seinen Dendriten als cellulare Einheit. Ob die einzelnen Neurone immer nur durch blossen Contact zusammenhängen oder ob in manchen Fällen kontinuirliche Uebergänge oder sogar reichliche Anasto- mosen zwischen ihnen bestehen durch Fibrillen oder protoplas- matische Concrescenzen, das sind zunächst ganz nebensächliche Fragen, das ändert an der Neuronlehre nicht mehr als die Inter- cellularbrücken an der Zellenlehre. Auch wenn es sich zeigen sollte, dass in manchen Neuronen eine Leitung unter Umgehung des Ganglienzellkörpers stattfinden kann, so thut das der Frucht- barkeit der Neuronlehre für die physiologische Forschung kernen Abbruch. Der Begriff des Neurons und damit die Neuronlehre selbst wäre erst dann und nur dann erschüttert, wenn es gelungen wäre, zu zeigen, dass das, was wir als eine cellulare Einheit be- trachten, in Wirklichkeit aus mehreren Zellen besteht. Diesen Beweis einwandsfrei zu erbringen, haben aber auch die Apäthy- schen Untersuchungen bisher nicht vermocht. Dagegen dürften die neueren Erfahrungen, abgesehen von vielen werthvoUen Einzelthataachen und Anregungen, die sie geliefert haben, den einen grossen Nutzen für die Neuronlehre besitzen, dass sie die Lehre davor bewahrt haben, zu einem starren Schema zu verknöchern, wozu sie auf dem Wege war. Das Neuron ist nicht überall das gleiche Ding, das uns etwa die Golgi-Bilder in den Vorderhörnern des Rückenmarks zeigen. Das Neuron ist mannig- faltig und vielgestaltig, je nach seinem Ort und seiner Function. Die Natur lässt sich eben nicht in ein enges Schema zwingen " Briefkasten. Hr. Prof. H. — Sie haben ganz recht: in dem Artikel des Hrn. Prof. Holzapfel in der „Naturw. Wochenschr."^ No. 1 über „Zusammenhang und Ausdehnung der deutschen Kohlenfelder" wird Mancherlei gesagt, das von dem früher in der „Naturw. Wochenschr." durch den Unterzeichneten Vertretenen abweicht. Ich bitte aus dem Abdruck des Artikels des Hr. Prof. Holzapfel nicht zu schliessen, dass ich nunmehr mit Allem, was in dem in Rede stehenden Artikel vertreten wird, einverstanden wäre. Der Artikel wurde aufgenommen, um einmal in der „Naturw. Wochen- schr." den Zusammenhang der mitteleuropäischen Steinkohleii- felder mit dem variscischen Gebirge als Ergänzung zu dem bis- herigen zur Darstellung zu bringen, da auf diese Beziehung in der „Naturw. Wochenschr." noch nicht nachdrücklich eingegangen worden ist. Hinsichtlich gewisser Einzelheiten weicht der Unterzeichnete nach wie vor von dem Herrn Verfasser ab. Spricht er z. B. nur von 3 Carbonfioren — ohne Berücksichtigung also der von mir aufgestellten weiteren Floren — so kann er doch nicht gut S. 3 die Kohlenreviere von Ilmenau, Manebach, Crock u. s. w. in Thüringen zur obersten Äbtheilung des Carbons rechnen, da die Floren dieser Reviere in wesentlichen Punkten von der des oberen productiven Carbons, der Ottweiler Schichten, abweicht. Die Flora der Steinkohlengebiete Thüringens ist durchaus eine von dem typischen Charakter derjenigen des Rothliegenden. Diese Flora lässt sich absolut nicht mit der der Ottweiler Schichten zusammen als eine einheitliche Flora auffassen. Thut man das, so müsste man auch dre Saarbrücker und die Ottweiler Schichten floristisch zusammennehmen, was H. nicht thut, u. s. w. u. s. w. H. P. Inhalt: Dr. Schmidkunz: Die Pädagogik in der Astronomie. -— Dr. Sohle: Bericht über die im Anschluss an den Vlll. internationalen Geologen-Congress zu Paris nach den Kohlenrevieren von Commentry und Decazcville stattgehabten Excursionon. — Lübeckische Trichopteren und die Gehäuse ihrer Larven und Puppen — Aus der ersten Zeit des Zündhölzchens. — Astro- nomische Spalte. — Die Nachrichten von der Expedition Andröe's. — Ueber Gemüsedüngung. — Aus dem wissenschaftlichen Leben. — Litteratur: Dr. med. Sändor Kaestner, Embryologische Porschungsmethoden. — Max Verworn, Das Neuron in Anatomie und Physiologie. — Briefkasten. 24 Naturwissenschaftliclie "Woctensclirift. XTI. Nr. 2. .Wilhelm Schlueter 4 Halle a.S. NatuFwissensehaftliehes Institut naturalien^ und Cel)rmjtteil)andlung Lieferant vieler Museen und Lehranstalten des In- und Auslandes, empfiehlt sein äasserst reichhaltieps Liaeer natur-niMSPiisrliaft- licUer Objekte, als: Säueetiere. 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TaS torlicgentc S^udi entbält bie SluiäeiAnmiaen tc§ chemaliäen (Meb Scg ='Sqtg unb üivettorC' im Dbeibofuiii tm-ä cor (einem äote tem .fteicii lidiffit fjeaiteite, (SntbaUen fi l'cfer bod) liier eine iüiTc »01 aus bcm iinen »et yteii^fld ■- idftcn ^erganßfnBcil, äu « rliii, BoBcrt jioDmc. ■äeber iibcrmittelt bat, bannt et fie für bie Ccffent- auO) feine roUtifdien lintbiiUnnaen, fo finbet bei- intcreffonlcn 2J«itrdn(n unü inric9ridi ISirijcfni III. Bis ,iur l)e bic-ber iiod) gänjfiifi unBcftannf finb Sind) "' ■ ■ ben (Sreianiffen bor unb nadi ber •«♦♦«♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦«♦♦♦♦♦♦♦♦ : Dr. Robert Muencke : • Lnisenstr. 58. BERLIN NW. Luisenstr. 58. X # Technisches Institut für Anfertigung wissenschaftlicher Apparate 4 ♦ und Geräthschaften im Gesammtgebiete der Naturwissenschaften. ♦ ♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦ Ferd. Diiinmlers Ve rlag sbuchhandl nngin Berlin SW . VI. In einigen Tagen gelangen zur Ausgabe: yibhanilungcn zur potentialtheorie. Dr. Arthur Korn, ität .Münche Ein allgemeiner Beweis der Methoden des alternierenden Verfahrens und der Existenz der Lösungen des Dirich- letschen Problemes im Räume. m Seiten gross Oktav. Preis geheftet I Mark. II. Eine weitere Verallgemeinerung der Methode des arith- metischen Mittels. 34 Seiten gross Oktay. Preis geheftet 1 Mark. Beide Abhandlungen sind für alle Mathematiker von Interesse. Verantwortlicher Redacteur: Professor Dr. Henry Potonit^, Gr. Lichterfelde -West hei Berlin, Potsdamerstr. 35, für den Inseratentheil: Hugo Bernstein in Berlin. — Verlag: Ferd. Dümmlers Verlagsbuchhandlung, Berlin SW. 12. — Druck: G Bernstein, Berlin SW. 12. f>jVochenschpj7/ Redaktion: Prof. Dr. H. Potonie. Verlag: Ferd. DtLinmlers Verlagsbuchhandlung, Berlin SW. 12, Zimmerstr. 94. XVI. Band. Sonntag, den 20. Januar 1901. Nr. 3. Abonnement: Man abonnirt bei allen Buchhandlungen und Post- anstalten, wie bei der Expedition. Der Vierteljahrspreis ist Jl 4.— Bringegeld bei der Post 15 ,Ä extra. Postzeitungsliste Nr. 5112. Inserate: Die viergeRpaltene Petitzeile 40 J^. Grössere Auftrüge ent- sprechenden Rabatt. Beilagen nach Uebereinkunft. Inseratenannahme bei allen Aunoncenbureaus wie bei der Expedition. Abdruck ist nnr mit vollständiger Quellenangabe geKtattet. Die Kapiliar-Doppellampe. Moderne Desiiifection von Wohnräumen duicli Formaldehyd. Von Dr. A. Spei In seiner vor 20 Jahren geschriebeneu grundlegenden Arbeit ,,Ueber Desinfection", schreibt Koch: „Es sind die Infectionsstoffe noch zu wenig bekannt, um die Mög- lichkeit ausschliessen zu können, dass sich dieselben ebenso oder noch widerstandsfähiger gegen Desinfectionsniittel verhalten als die an ihrer Stelle als Reagens verwendeten Mikroorganismen .... Nur wenn es auch die Bakterien in ihren Dauerformen zu tödten vermag, kann das Mittel als ein solches bezeichnet werden, das den Anforderungen, wie sie nach unseren jetzigen Kenntnissen von den Mikro- organismen gestellt werden müssen, entspricht. Leistet das Mittel das nicht, so könnte es nur gegen solche Krankheiten Verwendung finden, von denen sich mit Ge- wissheit voraussetzen Hesse, dass die ihnen eigenthüm- lieheu Infectionsstofle keine solche resistenten Dauerformen anzunehmen vermögen. Weil über diese Voraussetzung aber vorläufig keine Gewissheit zu erlangen ist, so ist denjenigen Desinfectionsmitteln, die sich zur Tödtung von Dauerformen unfähig oder unsicher erweisen, auch nnr ein bedingter Werth zuzusprechen." Die damalige Anschauung, der zu Folge alle Bacillen resistente Dauersporen bilden sollten, ist mit der zuneh- menden Kenntniss der Infectionserreger längst hinfällig geworden; wir wissen vielmehr, dass die Bildung von Dauersporen gerade für die Infectionserreger eine äusserst seltene Erscheinung ist und haben in praxi wohl nur die Sporen der Milzbrand- und Tetamusbacillen in Betracht zu ziehen; von den Erregern des Rotzes, der Diptherie, der Tuberkulose, der Influenza u. s. w. dagegen steht fest, dass sie viel weniger resistent als Milzbrandsporen sind. „Was hat es dann noch für einen Sinn bei der Desinfection gegen jene Krankheiten, Mittel zu verlangen", schreibt Flügge im Klinischen Jahrbuch, „welche sogat' Gartenerde abtödten". „Fast jeder Krankheitserreger", fährt Flügge fort, „zeigt eine speciiische Empfindlichkeit gegen die einen und eine relative Unempfindlichkeit gegen die anderen Desinfectionsmittel. Alle unsere gebräuch- lichen Mittel mussten als Desinficientien gestrichen werden, wenn man Garteuerde als allgemeines Kriterium benutzen wollte." Längst hat sich die Dampfdesinfectiou als ungenügend oder verbesserungsbedürftig erwiesen, auch das Abwaschen und Abspritzen mit verdünnten Sublimatlösungen hat nicht den gehegten Erwartungen entsprochen; vor allem aber waren die hierdurch verursachte Beschädigung von Mobein und Tapeten und der überaus lästige und un- bequeme Transport der inficirten Kleidungsstücke nach der Desinfectionsanstalt Faktoren, die Desinfection ganz allgemein bei dem Publikum in Misskredit zu bringen. Mit der Erkenntniss der stark bactericideu Wirkung des Formaldehyds bricht eine neue Aera in der Frage der Wohnungsdesinfection nach ansteckenden Krankheiten an: speciell den Diphteribacillen, Pestbacterien, Tuberkel- bacillen, Milzbrandsporen, Influenza - Cholerabacterien, Streptococcen gegenüber entfaltet er eine ungemein kräf- tige Wirkung und nur für die Praxis durchaus belanglose Forderungen werden durch denselben nicht erfüllt. Was der Formaldehyddesinfection aber vor allem Eingang auch in den breitesten Volksschichten verschaift hat, das ist ihre ungemeine Handlichkeit bei grösster Einfachheit, vornehmlich aber der billige Preis der Einzel- desinfection, der auch dem minder Bemittelten ihre An- wendung ermöglicht. Ganz in Fortfall kommt ausserdem das Fortsehaffen jeglicher Gebrauchsgegenstände nach 26 Naturwissenschaftliclie Wochenschrift. XVI. Nr. 3. einem dritten Ort, während sonstige Beschädigungen von Möbeln und Tapeten durchaus ausgeschlossen sind, Momente, die geeignet erscheinen, die Formaldebyd- desinfection zu einer volksthümlichen Einrichtung zu ge- stalten. Der Formaldehyd, der die empirische Zusamnien- set7Aing CHjO besitzt, entsteht bei gemässigter Oxydation des Methylalkohols und ist das stärkste aller bekannten Desintectionsmittel, das an Wirksamkeit dem Sublimat gleichkommt, in eiweisshaltigeu Lösungen aber letzterem weit überlegen ist. Wie Ijereits oben angedeutet, wirkt Formaldehyd in dampf- förmigem Zustande äusserst kräftig bac- tericid, während es auf höhere Lebewesen selbst hei fortgesetzter Einathmung grösserer Gasmengen, keinerlei schädigen- den Einfluss ausübt; auch als Desodori- rungsmittel leistet der Formaldehyd vor- zügliche Dienste, da er sich mit solchen Körpern, die üble Gerüche veranlassen, zu geruchlosen Verbindungen kuppelt, die Gerüche demzufolge nicht blos verdeckt, sondern vöUig zerstört. Als Conservirungsmittel hat sich der Formaldehyd bestens be- währt, er ist das nati^irlichste Conservirungsmittel, da er im Holzrauch enthalten ist, dessen unangenehme Eigen- schaften indessen nicht auf- weist. In den Handel kommt der Formaldehyd meist in 40 procentiger wässriger Lö- sung, doch finden auch alko- holische Auflösungen Ver- wendung. Es scheint mir, bevor ich auf die neu geschaffene Formaldehyddesinfection mit- tels der Kapillar-Doppellampe näher eingehe, nicht uninter- essant, einen kurzen Rück- blick auf die bisher diesem Zwecke dienenden Apparate zu werfen, und zwar lassen sich dieselben in zwei grosse Gruppen eiutheilen, in solche Apparate, die zur Desinfec- tion Lösungen des Formal- dehyd verwenden uikl in solche, die sich unter zweck- ~^^==-=^. ;;.^ massigem Modus des festen Paraforms, eines Folymerisatiousproductes des Form- aldehyds bedienen. Wie die Erfahrung lehrt, gelingt es nicht, 40 procentige Formaldehydlösungeu ohne weiteres im Dampftopf zu verdampfen, da beim Eindampfen der- selben festes, unwirksamer Paraformaldehyd oder Trioxy- methylen abgeschieden wird ; man hat daher bei der Con- struction von Verdampfungsapparaten zu Desinfections- zwecken mittels Formaldehydlösungen sein Augenmerk auf die Verhinderung dieser Paraformbildung zu richten. Trilliat, der 40 procentige Formaldehydlösungen im Auto- claveu verdampft, will dieselbe durch Zusatz von Chlor- calcium beseitigt haben, Rosenberg glaubt durch Menthol- zusatz die Frage zu lösen, und Walter-Schlossmann giebt einen Zusatz von Glycerin. Nach der Flügge-Breslauer Methode werden nur 8 procentige Formaldehydlösungen, die glatt und ohne Polymersation verdampfen sollen, vergast. — In die zweite Gruppe endlich fällt die Scheringsehe Lampe, die sich den Wiederübergang des festen Paraforms beim Erhitzen in Formaldehyd unter Zufuhr von Wasser zu Nutze macht. — Die Desinfectionslampen erster Gruppe kranken sämmt- lich an dem hohen Preise des Apparates selbst, während die Verwendung des Paraforms neben anderen Miss- ständen durch den theuren Preis dieses Materials ungünstig beeinflusst wird. Es schien daher von hoher Bedeutung, eine Construc- tion zu finden, die bei entsprechender Billigkeit des Apparates eine möglichst glatte Verdampfung von hochprocentigcn Formaldehydlösungen, die zu verhältniss- mässig niedrigem Preise käuflich zu be- schauen sind, gewährleistet. Eine solche Anforderung nun erfüllt die tolgend be- schriebene Capillar-Doppellampe, von der wir unseren Lesern eine naturgetreue Ab- bildung beigegeben haben; infolge ihrer eigenartigen Anordnung verhindert die Capillar-Doppellampe einerseits eine Zer- , Setzung solcher Flüssigkeiten, die sich bei längerem Er- hitzen chemisch zerlegen würden, andererseits aber ge- stattet sie auch ein gleich- massiges und gefahrloses Ver- dampfen feuergefährlicher Liquiden. Dies wird dadurch erreicht, dass nicht, wie beim gewöhnlichen Verdampfen, die ganze zu verdampfende Flüssigkeitsmenge auf einmal der Wärmequelle ausgesetzt wird, sondern stets nur so viel, als eben zur Verdampfung gelangt, während die übrige Flüssigkeit bis zum Moment der Vergasung ihre gewöhn- liche Temperatur beibehält. In höchst einfacher Weise lässt sich hierzu die Saug- kraft von Kapillarröhren ver- werthen : Wie aus der Figur leicht ersichtlich, setzt sich der ganze Apparat im wesent- lichen aus einer unteren Spiri- tuslampe, an der drei Streben __ verfertigt sind, die oben einen -- -. ^=^ ^^- — ringförmigen Halter tragen und einer mittels Dochtes fest verschlossenen Flasche, die auf einem Teller ruht, zusammen, das heisst, aus nichts anderem wie aus zwei zu einem System combinirteu Lampen. Es erübrigt nur noch, einen Blick auf die charakte- ristische Wirkungsweise unseres Apparates zu werfen. Füllen wir unsere Flasche mit der der Lampe beige- gebenen hochprocentigcn Formaldehydlösung: Tysin, setzen die zugehörige Docht-Verschlusskappe wieder fest auf das Gefäss und schieben dasselbe umgekehrt in der aus der Figur gekennzeichneten Weise durch den Ring, dann saugen sich die auf dem Teller gelagerten Dochte mit Flüssigkeit voll und das Ganze gelangt, ohne dass ein weiteres Nachströmen von Flüssigkeit stattfindet, zur Ruhe. Es treten zunächst die Gesetze der Kapil- larität, Adhäsion und Cohäsion, in Kraft, denn die ge- sammten Dochtplatten sind eben nichts anderes als ein XVI. Nr. 3. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 27 CDg aneinander gelagertes Sj'stem feinster Haarröhrchen, der äussere Luftdruciv aber ist stark genug, um dem auf dem Kapillarsystem lastenden Druck der überstehenden Fliissigkeitssäule das Gleichgewicht zu halten und damit einem Ausfliessen der Flüssigkeit vorzubeugen. Zünden wir nun unseren Spiritusbrenner an, so wird mit zunehmender Erwärmung des Tellers die Temperatur desselben schliesslich so hoch gesteigert, dass die auf ihren Siedepunkt erhitzten Flüs.sigkeitspartikelchen der Dochtplatten verdampfen; alsbald sucht sich das Gleich- gewicht im Kapillarsystem wieder herzustellen, der Docht beginnt beständig in dem Maasse Flüssigkeit nachzusaugen, als durch die fortgesetzte Verdampfung verschwindet. Nicht unpassend könnte man das Ganze mit einer in Thätigkeit betindlichen Pumpe vergleichen, bei der die am Pumpenschwengel wirkende Kraft durch eioe Wärmer quelle geliefert wird; andererseits unterscheidet sich der Apparat von einer gewöhnlichen Lampe theilweise da- durch, dass er nicht durch seine eigene Verbrennungs- wärme functionirt, vielmehr hierzu einer anderen Wärme- quelle bedarf, was durch die Bezeichnung Doppellampe ausgedrückt werden soll. Wie die Versuche gelehrt haben, ändert das in der Flasche stehende Liquidum während des Verdampfuugs- vorganges seine Temperatur nicht, das erklärt sich einer- seits durch das continuirliche Strömen der Flüssigkeit aus dem Gefäss nach dem Dochte, wie auch dadurch, dass die Flüssigkeiten schlechte Wärmeleiter sind. In den unteren Theil des Flaschenhalses ist ausserdem eine äusserst feine Oeffuung eingebohrt, die den ungehinderten Eintritt kleinster Luftblasen gestattet, wodurch die sich einstellende Differenz des inneren und atmosphärischen Luftdrucks, während des Verdampfens stets wieder aus- geglichen wird, sodass ein ununterbrochenes und höchst exactes Functioniren gesichert ist. Die Anzahl der Docht- fäden darf selbstverständlich weder zu gross, noch zu klein sein, das heisst mit anderen Worten, die Kapillar- röhren müssen einen bestimmten Durchmesser haben, denn ersteren Falls würde die Flüssigkeit anströpfeln, zweiten Falls aber die Schnelligkeit der Vergasung erheblich ver- mindert werden. Die von Piorkowski mit der Kapillar-Doppellampe mittels Tysin vorgenommenen bacteriologischen Versuche erstrecken sich auf Typhus und Dipliteriebacterien, i Staphylo- und Streptococcen, Tuberkel-Milzbrandbacillen und Milzbrandsporen. Diese Baeterienmassen wurden auf Deckgläschen, Thonplatten, Holzstückchen, Seideufäden und Leinwandläppchen in dünner oder dicker Schicht aufgetragen, theils frei ausgelegt, theils mit leichten Papierlagen bedeckt, theilweise in wollene Lappen gehüllt, in Kleidungsstücken verborgen oder unter Thierkäfige gelegt. Nachdem constatirt worden war, dass 10 ccm Spiritus rund 40 ccm Tysin zur Verdampfung bringen, konnte durch verschieden inscenirte Experimente nachgewiesen werden, dass für einen Raum von 10 cbm Inhalt 150 ccm Tysin ausreichen, um denselben binnen 3 Stunden der- artig mit Formaldehydgasen anzufüllen, dass eine voll- ständige Oberflächendesinfection erreicht war, die sich auch auf ein so resistentes Material wie Milzbrandsporen er- streckte, selbst wenn dieselben mit einer leichten Papierlage überdeckt waren. Ein Verbrauch von 100 ccm wirkte stark hemmend auf das Wachsthum der Bacterien. Bei sporen- losen Mikroben, und das ist in praxi der gewöhnliche Fall, waren schon 50 ccm Tysin ausreichend. Sümmt- liche Testobjecte waren steril und sorgfältig bereitet worden, vor der Einlage in Bouillon- und Agarröhrchen theilweise mit Ammoniakhaltigem Wasser abgespült, theil- weise nicht, endlich aber waren auch Controllobjecte theil- weise mit Ammoniakwasser, theils ohne solches, in die betreffenden Nährböden eingebettet und bei 37" dem Thermostaten übergeben worden. „Es erübrigt nur noch", schliesst Piorkowski in der Medicinischen Woche, „zu sagen, dass der Preis der Lampe ein niedriger ist, und dass vor allem der Kosten- punkt schon darum für die Desiufectionsmethode nicht sehr hoch veranschlagt werden kann, weil die Flüssig- keitsverwerthung eine geringe ist. Da noch die äussere, handliche, elegante Ausstattung eine weitere angenehme Zugabe ist, steht zu erwarten, dass die Capillar-Dnppel- lampe für den Gebrauch von Krankenhäusern, Kasernen, Schulräumen, Versammlungssälen wie überhaupt für alle solche Deplacements, wo viele Individuen sich gelegent- lich ansammeln, und wo übrigens die natürlichen Verhält- nisse bei weitem nicht dem Bacterienreichthum entsprechen und entsprechen können, wie er im Verlaufe der Experi- mente herangezogen werden musste, von volkshygienischer Bedeutung wird." Photometrie mittels lichtempfindlicher Papiere. Vortrag, gehalten in der Freien photograpliisclien Vereini Es giebt wohl kaum ein exactes wissenschaftliches Instrument, das in dem Grade populär geworden ist, wie das Thermometer. In keinem Haushalte, der nur einiger- maassen nach modernen Anschauungen gefuhrt wird, ver- lässt man sich auf die blosse Schätzung, ob unsere Zimmer warm genug sind, sondern man misst in Grad und Zahl. Wie ganz anders bei der Frage, ob unsere Arbeits- plätze hell genug sind, einer Frage, die dem Arzt mindestens ebenso wichtig erscheint, als die nach der Temperatur. Die Ursache dieser Verschiedenheit liegt offenbar in dem Mangel eines Messinstrumentes, das an Einfachheit und Billigkeit auch nur entfernt mit dem Thermometer concurriren könnte. Unsere sogenannten Photometer brauchen nahezu alle auf der Vergleichung der untersuchten Helligkeit mit der durch eine bestimmte uig von Dr. Arthur Crzellitzer, Augenarzt in Berlin. willkürliche, sogenannten Normalkerze erzeugten Hellig- keit. — Nebenbei gesagt ist diese Beleuchtungseinheit der Nor- malkerze in jedem Lande eine andere, während die Temperatureinheit, der Celsiusgrad, in allen Ländern ausser England internationales Gemeingut geworden ist. Bei uns in Deutschland rechnet man photometrisch mit der Beleuchtungseinheit MK, d. h. derjenigen Beleuch- tung, die in 1 m Horizontal-Abstand geliefert wird von einer Amylacetatflamme bestimmter Höhe und bestimmter Dicke des Dochtes. Früher hatte man Stearin- resp. Spermacetikerzen bestimmter Beschaffenheit. Ich kann und will an dieser Stelle nicht genauer eingehen auf die Art und Weise, wie bei diesen Photometern die Vergleichung zwischen MK und unter- suchter Beleuchtung ermöglicht wird. Ich erinnere Naturwissenschaftliche Wochenschrift. XVI. Ni Sie nur z. B. an das, Ihnen wohl von der Schule bekannte sogenannte Fettfleckphotometer von Bunseu, bei dem ein Blatt Papier mit einem Fettfleck in der Mitte von der einen Seite beleuchtet wird durch die zu prüfende Lichtquelle, von der anderen Seite durch eine Normal- kerze. Man variirt dann den Abstand zwischen dieser und dem Papierblatt so lange, bis der Fettfleck unsicht- bar und somit die Intensität der beiden Beleuchtungen gleich ist. Da die Lichtintensität mit dem Quadrat der Entfernung abnimmt, so giebt das Verhältniss der Ab- stände beider Flammen vom Papierblatt ins Quadrat er- hoben die gewünschte Maasszahl. Dieses Prinzip ist weiter ausgebaut worden, man hat, anstatt den Fettfleck mit seiner Umgebung zu vergleichen, die Vergleichsfelder hergestellt durch Prismen, durch Nicols, durch Spiegel etc. etc. Das vollkommenste Instrument dieser Art ist das Photometer von Prof. Leouhard Weber und dieses musste ich deshalb nennen, weil es das einzige quanti- tativ arbeitende Instrument ist, dass wirklich in die Praxis Eingang gewann und mit dem in den letzten Jahren wohl sämmtliche Lichtmessungen vorgenommen wurden. Ich sagte soeben „Eingang in die Praxis"; gemeint ist natürlich nur ..Eingang in die Laboratorien", denn es ist klar, dass das grosse Publikum, das Thermometer kauft und benutzt, niemals sich befreunden wird mit einem Photometer, das 30(l Mark kostet, zu seiner Montage ','2 Stunde Zeit und geübte Hände verlangt, ferner sehr sorgfältige Regulirung der im Innern brennenden Benzin- flamme, eine halbe Stunde Zeit, bis diese gleichmässig brennt, ca. einen Cubikmeter Platz zur Aufstellung und schliesslich — eine Logarithmentafel, Um aus den Ab- lesungen die gesuchte Beleuchtung zu berechnen. Bei dieser Sachlage erschien die Aufgabe dankbar, unter Verzicht auf die Methode der Vergleichung mit einer Normalkerze, das Licht Arbeit leisten zu lassen entsprechend wie die Wärmestrahlen automatisch die Ar- beiten der Quecksilberausdehnung im Thermometer be- sorgen und so die — in andere Energieform umgesetzte Lichtintensität zu messen. Nur im Vorübergehen sei hier als ein solcher Um- setzungsversueh das Siemens'sche elektrische Photo- meter erwähnt. Sie wissen alle, dass Selen die Eigen- thümlichkeit hat, seinen Widerstand gegenüber dem elek- trischen Strom zu verändern, je nachdem, wie stark es von Licht bestrahlt wird. Damit ist das Prinzip des Apparates gegeben: Siemens misst die Stärke eines elektrischen Stromes, in den eine Selenzelle eingeschaltet ist, die in einer Art Camera befindlich, sc. das Objectiv con- centrirtes Licht der zu untersuchenden Lichtquelle erhält. Ich habe den Apparat nie gesehen; er hat sich be- kanntlieh nicht eingebürgert und ich will auf die wahr- scheinlichen Gründe hier nicht eingehen. Viel näherliegend, besonders für Sie, meine Herren, die Sie alle photographiren, ist der Gedanke, die photo- chemische Energie zu benutzen; dieselbe Energie, die auf unseren Platten den gestirnten Himmel wie das Menschen- antlitz, den zuckenden Blitz wie das galoppirende Ross, riesige Berge und winzige Bacterien zu bleibendem Bilde bannt. Dieser Gedanke ist so naheliegend, dass es nicht wunderbar erscheint, wenn schon vor uns andere For- scher diesen Weg betreten haben. Ich erinnere an das sehr complieirte Pendelphotometer von Bunsen- Roscol, an das Vogel'sche Aktinometer und andere, die ich kennen lernte, als ich mit meinen ersten eigenen Ver- suchen gescheitert war und mich dann durch Schaden belehrt, in der Litteratur orieutirte. Worin liegt nun der Grund, dass meine anfänglichen Ver.suche keine Resultate lieferten und dass die genannten Instrumente ebenfalls kein praktisch brauchbares Photometer darstellen"? Hier ist der springende Punkt unseres Themas und hier lassen Sie mich etwas ausführlicher werden. Was wir „Licht" nennen, ist die Summe aller derjenigen Strahlen, die geeignet sind, die Netzhaut unseres Auges zu er- regen. Eine Strahlenart von bestimmter Wellenlänge, z. B. 589 Milhonstel Millimeter (ijfi) erzeugt uns die Em- pfindung des reinen Gelb; Strahlen von grösserer Wellen- länge erscheinen mehr rot, von kürzerer mehr blau; Ge- mische von Strahlen verschiedener Wellenlänge erscheinen mehr oder weniger weiss, aber über rund 800 juft und unter rund 400 ;u,u kann unser Auge nichts mehr wahr- nehmen. Obgleich nun der grösste Theil dieser selben Strahlen auf die photographische Schicht (Platte oder Papierj wirkt, so wäre es doch ein grober Fehler, „Licht" zu definiren als die Summe derjenigen Strahlen, die unsere sog. „lichtempfindlichen" Platten beeinflussen. Diese Art Auffassung des Begriffes „Licht" wird mitunter ge- macht, aber sie ist deshalb falsch, weil die Platte auf andere Strahlen roagirt als die menschliche Netzhaut. Wenn wir — ganz abgesehen von den Röntgenstrahlen etc. — wenn wir ein sog. objectives Spectrum betrachten, d. h. ein auf einem Schirm mittels Prisma entworfenes F'arbenbaud, so erscheint unserer Betrachtung die Gegend des Gelb (mit der oben erwähnten Wellenlänge von 589 fjifi) am hellsten, dagegen scheint Violett schon schwach zu leuchten. Die Platte, die wir jenen Schirm substituiren, ist nicht bloss für das uns unsichtbare Ultra- violett noch empfindlich, sondern ihr erscheint, wenn ich so sagen darf, das Blauviolett als die hellste Farbe, während sie für das Rot beinah blind, d. h, unempfind- lich ist. Mit anderen Worten: das Maximum für optisch wirksame Strahlen liegt in Gelb, dasjenige für chemisch wirksame oder aktinische in Violett. Wenn ich nun einen Streifen mit einer Reihe Löcher nehme, überklebe unter Freilassung des ersten Loches das zweite mit einer Lage Seidenpapier, das dritte mit zwei Lagen, das vierte mit drei und so fort und befestige darunter eine photographische Schicht, so kann ich durch immer gleich lange Expositionen in der Anzahl der ab- gedruckten Löcher ein Maass sehen für die Intensität der vorhandenen aktinischen Strahlen. Nach dem oben gesagten wäre es aber falsch, zu erwarten, dass hiermit ohne weiteres auch ein Maass für die optische Intensität gegeben sei. Meine ersten Versuche gingen dahin, mich darüber zu orientiren, bis wieweit diese beiden' Grössen differiren. Ich habe derartige, einfache Instrumentchen hergestellt, die dem Vogel'schen Sensitometer ziemlich genau entsprechen. Während Vogel aber nur darauf ausging, die aktinische Intensität zu messen, um dadurch die nöthige Expositionszeit für Kohledrucke etc. zu er- mitteln, wollte ich das Verhältniss der optischen zur aktinischen Intensität feststellen. Ich maass erstere mit dem Weber'schen Photometer, letztere durch Einschieben sehr verschiedener Auscopierpapiere unter den Löcher- streifen. Ich stellte meine Versuche zu den verschiedensten Jahres- und Tageszeiten an; durch geeignete Vorrichtungen, einen Lichtschacht, an dessen unterem Ende ich arbeitete, während das obere, gegen den Himmel gerichtete beliebig abgesperrt werden konnte, Hess sich jede gewünschte Verminderung der optischen Helligkeit erreichen. Ich arbeitete mit optischen Intensitäten von 7 bis über 300 MK . Meine Resultate werden Ihnen nicht neu erscheinen; Sie alle wissen, und in allen photographischen Rathgebern steht die Vorschrift, man solle um die Mittagszeit herum ])hotographiren; so zwischen 10, '/gH bis 4, '/aö Uhr, XVI. Nr. o. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Sie alle habeu sicli gewiss schon niancliesnial geärgert, wenn an einem sonnigen Abend, sagen wir um 7 Uhr, wo es scheinbar, cl. h. für unser Auge, noch recht hell war, die Platte Hau wurde und die Abzüge nicht kommen wollten. Die Ursache liegt darin, dass eben aktinische und optische Helligkeit in keinerlei Proportionalität stehen und mithin bei gleicher Helligkeit in verschiedeneu Monaten oder zu verschiedener Tageszeit sehr verschiedene che- mische Wirkung vorhanden sein kann. Wenn ich z. B. 5U MK am Mittag durch Verfinstern herstellte und verglich die photochemische Intensität mit der einer Abendbe- lenchtung von gleicher optischer Stärke, so zeigte sich Mittag z. B. noch Loch drei oder vier abgedruckt; Abends war nirgends eine Spur von Bräunung zu erkennen. Dabei war gleichgiltig, mit welchem Papier ich arbeitete. Ich verwandte prinzipiell nur Auscopierpapiere aus praktischen Gründen, im Hinblick auf meinen End- zweck aber die allerversehiedensten im Handel käuflichen Celloidin- und Albuminpapiere, Bromsilber-Eastman, ferner Biehronet])apier (nach Vogel 's Vorschrift von mir her- gestellt) und andere. Das letztere erwies sich, ebenso wie in Arg. nitric. sensibilisiertes wegen Inconstanz und schlechter Haltbarkeit recht ungeeignet. Die empfind- lichsten waren „Celloidin Schering" und „Vclix," ein Eut- wicklerpapier der Firma Blochwitz. Für Tageslicht stellte sieh also heraus, dass das Verhältniss zwischen leuchtenden und pliotochcmisehen Strahlen variiert nicht blos nach Tages- und Jahreszeit, sondern auch offenbar nach dem Gehalt der Luft an Feuchtigkeit, an Staub, Rauch etc. etc. und dass es so- mit unmöglich ist, die gewöhnlichen violettempfindlichen Papiere zur direkten Photometrie zu benutzen. Nun hat aber Dr. Andresen in Treptow in einer Arbeit „zur Aktinoraetrie des Sonnenlichtes" neuerdings die Mittheilung gemacht [ich citiere wörtlich] „es sei ihm gelungen, haltbare, direkt kopierende Papiere herzu- stellen, welche das Maximum der Empfindlichkeit in einer beliebigen Region des Spectrums besitzen;" er benutzte dabei übrigens das von Vogel in streng logischer, theo- retischer Erwägung gefundene Prinzip der Sensibilisiernng noit farbenabsorbierenden Mitteln. Damit war meine vor- hin ausführlich auseinandergesetzte Forderung erfüllt, und wir können nunmehr ein Papier wählen, das sein Helligkeitsmaxiraum an derselben Stelle, wie unsere Netz- haut besitzt. Genauer gesagt haben allerdings die An- dresen'schen Papiere stets zwei Maxima: das eine ist das altbekannte Bromsilbermaximum (zwischen Blau und Violett), das andere ist das künstlich durch Sensibilisirung bewirkte; z. B. für Gelb durch Zusatz von Rhodamin B. Man kann aber durch Vorsetsen einer die violetten Strahlen absorbierenden Schicht nur das Gelbmaximum wirken lassen. Andresen hat für seine Zwecke, die ganz andere waren als die meinen, dies durch Glascüvetten gefüllt mit alkoholischer Auraminlösung erreicht. Eine gelbe Glasscheibe aber oder ein derartiges gelbgefärbtes Gelatineblatt erfüllt wie ich mich spectroscopisch über- zeugte, denselben Zweck und es genügt, dieses auf meinem Lochstreifen zu befestigen. Ich hatte derartige Versuche in Strassburg bereits begonnen und nur meine Abreise bei meiner Uebersiedelung nach hier verhinderte die Be- endigung. Und doch stehe ich nicht so ganz mit leeren Händen vor Ihnen; wenn Sie mir gestatten, in meine bisher hoffentlich logischen W'orte etwas chronologisches einzu- flechten, so will ich nachträglich berichten, dass ich schon vor 1^/^ Jahren meine Versuche mit den bisherigen Papieren beendet hatte. Schon damals hatte ich erkannt, dass und warum es unr.i'iglicb sei, mit den bisherigen, violettempfindlichen Papi'M-en Tageslicht zu photometriren. Von Andresen wusste ich damals noch nichts Arbeit las ich erst im Januar dieses Jahres; so kam ich denn damals auf einen anderen Gedanken: geht es nicht bei Tageslicht so dachte ich, gut, wollen wir mal künst- liches Licht untersuchen. Das Auer'sche Glühlicht er- schien mir am aussichtsreichsten, denn es zeigt, wie ich mit Weber' s Photometer feststellen konnte, eine ausser- ordentliche, fast absolute Constanz im Verhältnis der rothen zu den grünen Strahlen. Alle die bei Tageslicht stören- den Wirkungen des verschiedenen Sonnenstandes, des Luftdruckes, des atmosphärischen Staubes etc. fallen hier bei der künstlichen Lichtquelle fort und so war zu er- warten, dass hier die aktinische Intensität proportional gehen würde zur optischen. Und in der That, es war so. Hier erhielt ich bei einer und derselben Helligkeit in gleicher Zeit bei gleichem Papier stets gleiche Bräu- nung, bei verschiedener Helligkeit auch stets verschiedene Bräunung. Auch andere als der gewöhnlich benutzte Brenner zeigten dasselbe Verhältnis der rothen zu den grünen, so- wie zu den chemischen Strahlen. Soweit war die theoretische Vorbedingung für die exacte Helligkeitsmessuilg hier erfüllt. Die Schwierigkeit lag hier auf anderem Gebiet, näm- lich in der Beschaffung eines genügend empfindlichen Papiers. Es ist nämlich dnrchaus nicht etwa in einer Auerlichtbeleuchtnng von 60 MK dieselbe aktinische Ener- gie enthalten, wie in 60 MK Tageslicht. Die chemische Energie ist vielmehr so gering, dass die sämmtlichen gebräuchlichen^Papiere nur in allergrösster Nähe des Auerstrumpfes und nach längerer Exposition ge- schwärzt werden. Mein Bestreben ging daher darauf, empfindlichere Papiere zu erhalten, und ich versuchte zunächst die Sen- sibilisierung mit Arg. nitricum (Bromsilber-Eastmanpapier in einprozentiger Höllensteinlösung fünf Minuten gebadet). So gewinnt man ein ausserordentlich empfindliches Prä- parat aber dieses zeigt nur in den ersten vier Stunden, nachdem es trocken geworden, eine gewisse Constanz. Von da an nimmt es so rasch an Empfindlichkeit ab, dass seine Verwendung ausgeschlossen erschien. Schliesslich, ein volles Jahr nach Beginn dieser Arbeit, ertheilte mir Professor Eder in Wien den gütigen Rath, einmal die Sensibilisierung mit Nitriten zu versuchen und ich gelangte so endlieh in den Besitz des lange ge- suchten, brauchbaren Papiers. Nach der A;bney'schen Formel stellte ich dieses folgendermaassen her. Photo- graphisches Rohpapier (Rives) badete ich ö Minuten in 6 Prozent Bromkalilösung, Hess es an der Luft trocknen, dann 2 Minuten lang auf 12 Prozent Arg. nitrici-lösung schwimmen, wässerte in strömendem Wasser aus und badete es schliesslich in fünfprozentiger Natriumnitrit- lösung während fünf Minuten.. Von solchem nitriertem Bromsilberpapiere rühmt Andresen eine durch ein volles Jahr erprobte Haltbarkeit. Ohne über so lange Erfahrung zu verfügen, kann ich bestätigen, dass ich zwischen frisch gefertigtem und monatealtem Papiere keinerlei Unter- schied der Empfindlichkeit (gegenüber Tages- und Auer- licht) fand. Um die vielen Controll-Photometrirungeu zu ersparen und für die Graduirung des Papiers constantes Auerlicht bequem abstufbar zur Hand zu haben, traf ich folgende Anordnung. Zwischen Gasleitung und Auerlampe wurde zunächst ein Druckregulator eingeschaltet; der Brenner selbst sass am Ende einer 25 cm langen, innen ge- schwärzten Blechröhre; hinter ihm eine mit schwarzem Saramet überzogene Platte, so dass in der Armrichtung der Röhre nur direkt vom Querstrumpf kommendes und so gut wie gar kein reflectirtes Licht geworfen wurde. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. XVI. Nr. 3. Vergleichende Messungen mit dem Web er 'sehen Photo- meter, die durchschnittlich alle fünf Tage vorgenommen wurden, zeigten, dass dann im sonst finsteren Zimmer thatsächlich die Helligkeit mit dem Quadrat der Ent- fernung abnahm, es genügte daher für meine Versuche, nur den Abstand vom Strumpf zu kennen und das schwer- fällige Controlliren mit dem Web er sehen Instrument konnte für gewöhnlich fortfallen. Nebenbei betrug die Helligkeit, einen Meter hori- zontal von der Mitte des Auerstrumpfes entfernt, mit ausserordentlicher Constauz 48 MK. Aus dieser Constanz, die sich über Monate erstreckte, im Gegensatz zu den häufig so rasch „alternden" Strümpfen unserer Zimmer- lampen, folgt für mich auch die grosse Bedeutung „liebe- voller Behandlung" einer Auerlampe für die Dauer guten Funktionirens. Unser Dienstpersonal ist aufgewachsen in der Aera robusterer Beleuchtungsmittel, die eher einen Puff und Stoss vertragen konnten und hat meist noch ganz ungenügende Geschicklichkeit für die Reinigung und Instandhaltung einer Auerlampe. Dies nur nebenbei. Meine Aufgabe war jetzt einfach. Perforirte Carton- blätter, mit dem erwähnten Papier beschickt, wurden von 5 zu 5 cm senkrecht zur Axe des Rohres exponirt, und es Hess sich so feststellen, dass schon 13 MK Auerlicht genügen, um in 45 Minuten eine erkennbare Schwärzung hervorzurufen. Diese scheinbar etwas lange Zeit wurde gewählt, da für alle Scbulzwecke gerade diese Frist die bequemste ist. Der Lehrer bringt das Photometer even- tuell mit in die Klasse, exponirt sofort am zu unter- suchenden Platze und sieht am Schlüsse der Stunde, ob überhaupt etwas erkennbar ist. Ist gerade das erste (freigelassene) Loch (No. 0) abgedruckt, so ist mindestens eine Aueriichthelligkeit von 13 MK vorhanden; denn schon bei 11 MK giebt das Papier keinerlei Reaction mehr. Die erste Spur von dem nächsten, mit einer Lage Seidenpapier überspannten Loch (Nr.I ) tritt nach einer grösseren Zahl von Versuchen bei 24 MK auf. Sieht man etwas von Nr. I, so ist also mindestens eine Hellig- keit gleich 24 MK vorhanden. In derselben Weise liess sich feststellen, dass Nr. II nicht unter 34 MK, Nr. III nicht unter 61 MK einen Abdruck liefert. Und nun, meine Herren, gestatten Sie mir zum Schluss noch ein kurzes Wort über den hygienischen Werth, den die so ermittelten Zahlen haben. Es ist Ihnen wohl bekannt, dass die Hygieniker und Augenärzte in den letzten Dezennien dazu gelangt sind, Minimalwerthe an Beleuchtung für unsere Arbeitsplätze zu normiren; bleibt die Helligkeit unterhalb dieser Grenze, so leidet unser Sehorgan. Der verdienstvolle Schulhygieniker, Prof. Hermann Cohn in Breslau, hat die Forderung von 10 MK erhoben; gemeint ist eine Rothheligkeit von 10 MK ; eine Aueriicht- helligkeit, deren rother Antheil 10 beträgt, muss die Weiss- oder Gesammthelligkeit von ca. 14 MK besitzen. Auf der 1899er Versammlung des Deutsehen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege, hat es sich gezeigt, dass andere Hygieniker noch etwas bescheidener sind. Ker- mauner und Prausnitz sind schon mit 8 MK für rothe Strahlen, d. h. 11,2 Gesammthelligkeit, zufrieden. Somit kann ich resüniiren, dass jeder Arbeitsplatz untaugUch ist, auf den durch Querbeleuchtuug in 45 Minuten nicht wenigstens Loch Nr. abgedruckt wird. H. Cohn ver- langt sogar Nr. I. Ist Nr. III eben kenntlich, so ist die Helligkeit als „gut" zu bezeichnen, denn bei mehr als GO MK hat unser Auge sein Leistungsmaximum erreicht. In dem Momente, wo eine Fabrik die Herstellung des Papiers, sowie des einfachen Instrumentchens über- nimmt, ein Moment, der bis jetzt noch nicht eintrat, ist, wie mir scheint, für jeden, den es interessirt, die Möglich- keit gegeben, objectiv festzustellen, ob eine Auerlieht- lustallation einen bestimmten Arbeitsplatz ungenügend, genügend oder gut beleuchtet, eine Frage, die für die Arbeitsfreudigkeit wichtiger ist, als ihre bisherige Ver- nachlässigung erwarten Hesse. Ein flüchtiges Oift. — Die Erd-Assel, Julus terrestris, besitzt bekanntlich zu beiden Seiten des Rückens als foramina repugnatoria bezeichnete Porenreihen, die früher als Stigmen gedeutet wurden, bis sie als Drflsenöffnungen erkannt wurden; aus ihnen lässt die Assel, wenn man sie mit den Fingern anfasst und sie sich da sofort auf der Bauch- seite zusammenrollt, eine gelbe, scharf und stark riechende Flüssigkeit austreten, welche die Haut gelb färbt. Diese an der Luft sehr schnell vertrocknende Ausscheidung dififundirt sofort in Wasser, wenn man die Thiere hinein- hält, und färbt es gelb; um sie näher zu prijfen, hat C. Phisalix (nach Comptes rendus, CXXXI, No. 22) von 100 Asseln das Secret in 25 com destillirten Wassers gesammelt und mit dieser Lösung Meerschweinchen ge- impft. Ersichtlich verursachten die Impfungen den Ver- suchsthieren sofort heftige Schmerzen, denn sie suchten sich unter Geschrei durch die Flucht zu retten. Doch trat bei Impfungen in die Extremitäten schliesslich wieder Genesung ein, während sich bei Impfungen in die Darm- haut das Gift gefährlicher und tödtlich erwies. Ihre tödtliche Gewalt bethätigte die Lösung auch noch nach monatlanger Aufbewahrung, sowie nach starker Erhitzung bei Luftabschluss, während sich die Giftigkeit beim Kochen an freier Luft mindert. Das Gift ist also flüchtig; es ge- hört wahrscheinlich nicht zu den Eiweissstoften. Einer späteren Mittheilung von Behal und Phisalix zu Folge ist es ein normales Chinon und nehmen es die nur von vegetabilischem Detritus lebenden Asseln vermuthlich mit ihrer Nahrung auf; nach Beijerinck erzeugt nämlich der auf Baumwurzeln lebende Schmarotzerpilz Streptothrix chromogenes de Gasparini im Chinon, das durch seine oxydirende Thätigkeit eine wichtige Rolle bei der Humus- bildung spielen soll. Der Gefrierpunkt des Schweisses von gesunden Menschen liegt nach P. Ardin-Delteil (Comptes rendus CXXXI, No. 20) im Mittel bei — 0,237«, also bei weitem nicht so tief als der des Blutserums (0,55"); allerdings schwanken die für ihn gefundenen Werthe in weiten Grenzen, nämlich zwischen — 0,08" und —0,46", da er je nach den einzelnen Individuen, ferner nach dem Koch- salzgehalte und nach der Drüsenthätigkeit (ob reichlicher Schweiss ausgeschieden wird, wie im Sommer, oder nicht), sich verschieden erweist. .Stickstoff enthaltende vulkanische Produkte ver- danken ihre Bildung vcrmuthHch der Einwirkung des weissglühenden vulkanischen Magmas auf den atmo- sphärischen Stickstoff; neuerdings hat nun R. V. Matt- cucci, wie er der französischen Akademie am 3. De- cember mittheilt, die gleichzeitige Bilduug von zwei ver- schiedenen Stickstoflfsalzen im Krater des Vesuv beob- achtet. Er wurde nämlich am Morgen des 13. Mai, nachdem er sich schon 2 Tage lang zur Beobachtung der vulkanischen Vorgänge am Kraterrande aufgehalten hatte. XVI. Nr. 3. Naturwissenschaft-Helle Wochenschrift. 31 dort von einer schrecklichen Explosion überrascht, die einen Regen von Myriaden weissglühender Blöcke und Schlacken erzeugte, die dicht um seineu Standpunkt herum niederprasselten, wunderbarer Weise jedoch ohne ihm Schaden zuzufügen. Von den hierbei auftretenden wichtigsten Erscheinungen boten die vollständige Weiss- gluth des Kraters und die Menge explosiver und in der Luft zerplatzender Bomben zusammen ein prachtvolles Schauspiel. Unter dem um ihn herum niedergefallenen Vulkanschutt sah nun Mattcucci da Lapilli, welche mit Ammoniaksalz bekleidet waren, ferner aber auch Schlacken mit einem lebhaft und metallisch glänzenden Anfluge einer Eisen-Stickstoflfverbindung. Wetter-Uebei'sicht (December). — Von der Strenge des Winters Hess der vergangene December noch sehr wenig verspüren, da er nur am Schlüsse Deutschland schärferen Frost und stärkere Schneefälle brachte und auch die zwar im Allgemeinen ziemlich lebhaften, über- wiegend westlichen Winde doch selten zu Stürmen an- wuchsen. In Berlin lagen die Temperaturen, wie aus der beistehenden Zeichnung*) ersichtlich ist, sehr häufig mehr als fünf Grade über ihren uormalen Werthen und erhoben Tcnijscrahircn imOcccitifo WO. iMin Temperalur-Minima verschiedener Orte. I December B. n. 16^ 21 JS. BtSlINESWfnfRBlIIEHU sich mehrmals bis 9° C. Ihr Monatsmittel erreichte 3,ö° während hier nach fünfzigjährigen Beobachtungen 0,8° für den December normal ist. Verglichen mit dem sehr kalten December des Jahres 1899, zeigte der letztjährige sogar einen üeberschuss von 6,5 Celsiusgraden, wogegen er von dem December 1898 um 0,7 Grad noch übertroften wurde. Dabei war seine Bewölkung nur wenig stärker, als sie im letzten, zugleich dem trübsten Monat des Jahres zu sein pflegt, wie gleichfalls die Zahl der Sonuenschein- stunden, deren es hier im ganzen 36 gab, dem Durch- schnitt aus den früheren Decembermonaten pehr nahe kam. Auch im übrigen Deutschland war es allgemein un- gefähr um 3 Grad durchschnittlich zu warm. In den nordwestlichen Landestheilen ging das Thermometer sogar bei Nacht nicht häufig unter den Gefrierpunkt herab. Im östlichen Binnenlande und in Süddeutschland gab es *) In dieser Zeichnung ist versehentlich die unterste Curve mit Münster anstatt mit München beaeichnet und für Breslau die Temperatur des 31. Dezember, jedoch zu hoch gesetzt worden. nur dieses um eine Lini E. L. im ersten Monatsdrittel mehrere kältere Nächte, zwischen denen, besonders im Süden, recht warme Tage imd Nächte lagen, dann folgte auch dort eine lange Zeit mit ziemlich gleichmässigem, mildem Wetter. Erst kurz vor Ende des Monats stellte sieh in der ganzen nordöstlichen Hälfte Deutschlands strengerer Frost ein, der in der Provinz Ost- preussen begann und durch scharfe Ostwinde schnell weiter verbreitet wurde. So hatten bei Jahresschluss Memel und Königsberg ^ 18°, Neufahrwasser — 11°, Berlin Morgens — 4°, Abends — 7° C, während gleich- zeitig das Thermometer zu Metz und Mülhausen i. E. noch 7° Wärme anzeigte. Die Niederschläge, welche unsere zweite Zeichnung veranschaulicht, waren in Norddeutschland zwar überall sehr zahlreich, aber in der grösseren Hälfte des Monats wenig ergiebig. Am 4. December fanden die ersten nennenswerthen Schneefälle dieses Winters statt, auf SS .^-i .4, Minierer Weith Für MonatssumineniniDecmiKr .10.0 9897 96 95, 1- % f :2 1 i i s s 1 1 11 90 80 60 50 W 30 1 1 M 1 II __ - -j i 1 4 ' n' tf rl^ 1 i i l-l I »-■I 1 ■ ■in i lull bUdiiM i 1 1 u ^°UiK 9.-27. Dec. iHbd ^^^MM IUI BCRliNEB werTERBURMU. ^ welche mehrtägige, im nördlichen Binnenlaude und cament- lich in Süddeutschlaud ungewöhnlich starke Gussregen folgten, die bis zum Morgen des 8. beispielsweise zu München 85, zu Karlsruhe 70 Millimeter Regen- höhen lieferten. Die in Begleitung heftiger Weststürme herniedergegangeuen grossen Wassermassen hatten zu- nächst ein sehr schnelles Steigen des Oberrheins und seiner Nebenflüsse zur Folge, am 10. December war im gesammten Rheingebiete Hochwasser eingetreten un d auch im Gebiete der Weser war das Land auf weiten Strecken überschwemmt. Zwischen dem 9. und 27. December war es in Süd- deutschland meistens trocken, im Norden kamen zwar häufigere Regenfälle vor, die jedoch auch hauptsächlich nur an der ostpreussischen Küste grössere Mengen er- brachten. Allein in den letzten Tagen des Jahres traten noch längs der ganzen Ostseeküste Schneestürme ein, während in den übrigen Theilen Deutsehlands reichlichere Regen herniedergingeu. So ergab sich schliesslich für den Durch- schnitt der berichtenden Stationen eine monatliche Niederschlagshöhe von 56 Millimetern, die während des vergangenen Jahrzehntes nur zweimal im December über- troff'en worden ist. Zu Beginn des letzten Monats nahm eine tiefe Baro- meterdepression, die besonders in Italien schwere Un- wetter verursachte, das ganze Gebiet zwischen dem 32 Naturwissenschaftliche "Wochenschrift. XVI. Nr. B. Mittelmeere und der Nordsee uud Ostsee ein, während sich in Scandiuavien ein enger begrenztes Maximum befand. Dort herrschte bereits strenge Kälte, die in Haparauda: — 17°, in Hernösand: — 18° und an den etwas südlich von Drontheim, jedoch höher gelegenen Bahnstationen Röros: —32 und Tönset: —34° C. er- reichte. Während die Depression sich nach Russland ent- fernte, begab sich das Maximum am 3. December nach Ostdeutschland, wo es ebenfalls etwas Abkühlung hervor- rief, wurde jedoch in den nächsten Tagen durch mehrere oceanische Minima, die in Nord- und Mitteleuropa ein- fielen, weiter und weiter nach Osten gedrängt. Ein umfangreicheres Barometermaximum rückte vom 7. zum 8. December von Spanien bis nach Mitteleuropa vor und vermochte dort, fast drei Wochen hindurch, bald sich etwas nach Osten, bald wieder nach Westen ver- schiebend, den nördlichen Depressionen gegenüber Stand zu halten. In den zwischen dem Maximum und den De- pressionen gelegenen Ländern, besonders im Gebiete der Nordsee und Ostsee, wehten ziemlich warme, feuchte Westwinde, die dem Wetter einen sehr gleichmässigen, milden Charakter verliehen. Erst in den Weihnachstagen erschien in Nordscandinavien ein neues Maximum, das die oceanischeu Minima wieder in südlichere Bahnen lenkte. Nachdem eines der letzteren am 29. December mitten durch Norddeutschland gezogen war, folgte ihm das Maximum nach der Ostsee nach und führte in weiter Um- gebung derselben eine starke Erkaltung herbei. Dr. E. Less. Aus dem wissenschaftlichen Leben. Ernannt wurden: Dr. Wilhelm Müller, Docent an der technischen Hochschule und Oberarzt im Luisenhospital in Aachen zum Professor; Dr. Ludwig Milch, Privatdocent der Mine- ralogie und Dr. Rosen, Privatdocent der Botanik in Breslau, zu ausserordentlichen Professoren; Dr. Kny, ausserordentlicher Professor der Botanik an der Universität uud Professor an der landwirthschaftlichen Hochschule, Dr. Munk, ordentlicher Pro- fessor der Physiologie und Dr. Pinner, ausserordentlicher Pro- fessor der Chemie, in Berlin zu Geheimen Regierungsrätlion : Dr. Theodor Kirch hoff, Privatdocent der Psychiatrie in Kiel, zum ausserordentlichen Professor; Johann Grabowsky, In- spector des naturwissenschaftlichen Museums in Braunschweig, zum Director des Zoologischen Gartens in Breslau; Dr. Heinrich Boruttau, Privatdocent der Physiologie in Göttingen, zum Titular- Professor. Berufen wurden : v. Dolivo-Dobrowolsky, Chefelektriker der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft in Berlin, an das Poly- technikum in Petersburg als Professor und Leiter des elektro- technischen Institutes; Dr. Max Verworn, ausserordentlicher Professor der Physiologie in Jena, nach Göttingen als ordentlicher Professor und Direktor der physiologischen Universitätanstalt an Stelle des in den Ruhestand tretenden Professors Meissner. Uebergesiedelt sind: Dr. Hermann Schmid t-Rimpler, ordentlicher Professor der Augenheilkunde in Göttingen, nach Halle uud Dr. Arthur von Hippel, ordentlicher Professor der Augenheilkunde in Halle, nach Göttingen. Es starben: Generalarzt z. D. Dr. Kurt Stecher, vormals Chef des königl. sächsischen Sanitätskorps und Abtheilungschef im Kriegsministerium, zu Dresden, Prof. Potain, berühmter Specialist für Herzkrankheiten, in Paris; Karl Höpfuer, be- kannter Elektrochemiker, zu Denver in Colorado; Hauptmann a. D. Emil Ho ff mann, Landbau-Inspector und Professor an der technischen Hoehscliule in Berlin. L i 1 1 e r a t u r. Dr. W. Ahrens, Mathematische Unterhaltungen und Spiele. Mit einer Tafel und vielen Fif^ureu im Text. Verlag von B. G. Teubner in Leipzig, 1901. — Preis geb. 10 Mk. Die „Unterhaltungsmatheraatik" hat in der „Naturw. Wochen- schr." mehrfach und seit Jahren ausgedehnte Berücksichtigung gefunden, und so darf ein neues selbstständiges Werk dieses Ge- bietes gerade bei unserem Leserkreise auf Beachtung rechnen, zumal es sich um ein ebenso fleissiges wie interessant geschrie- benes und von der Verlagsbuchhandlung sehr schön auFge- stattctes Werk handelt. In der That ist es dem Verfasser ge- lungen, seinem Buche eine Bedeutung zu sichern neben den Schriften von Prof. Schubert („Zwölf Geduldspiele", ,Mathe- matische Mussestunden"), und zwar dadurch, dass er auch schwierigere Theile des behandelten Gebietes in die Betrachtung zog, die einen mathematisch etwas gebildeten Leser vorau,«- setzen, während die Sc hubert'schen Schriften vorwiegend auf nicht mathematische Leser Rücksicht nehmen. Herr Dr. Ähren s konnte daher auch die Behandlung strenger gestalten und die vom mathematischen Gesichtspunkt trivial erscheinenden Sachen ausschliessen. Ganz hervorragenden Werth besitzen die histori- schen und litterarisohen Angaben, die — soviel uns bekannt — noch niemals in dieser Vollständigkeit vereinigt und gesichtet worden sind. Wir möchten hier nur eine Notiz von P. Stäckel über Nachbargebiete im Räume (Zeitschr. für Mathematik und Physik, 1897) erwähnen, die für den Mathematiker interessant ist und daher wohl im Litteraturverzeichnisse nicht fehlen sollte. Dass der Verfasser an zahlreichen Stellen Eigenes giebt, soll nicht unerwähnt bleiben. Im Uebrigen möge noch besonders be- tont werden d-iss sich das vorliegende Buch nicht etwa nur au die Mathematiker wendet: trotz seines wissenschaftlichen Strebens sucht der Verfasser auch dem gebildeten Ijaien gerecht zu werden, und wir glauben, dass diese der Schrift nicht geringeres Interesse und Vergnügen abge.winnen werden als die Mathematiker. G. Dr. Karl Kostersitz, Die Photographie im Dienste der Himmels- kunde uud die Bergobservatorien. Mit 12 Gutachten von Fachgelehrten Oesterreichs, Deutschlands und Amerikas über das Projekt der Errichtung einer Sternwarte auf dem Schnee- berg. Mit 23 Illustrationen und 2 Tafeln in Heliogravüre. Wien 1900. C. Gerold's Sohn. — Preis t,40 M. Die reich ausgestattete kleine Schrift bezweckt in erster Linie, für die vom Verf. bereits 1898 in einer Flugschrift angeregte Idee der Begründung einer Sternwarte auf dem Schneeberg bei Wien Propaganda zu machen. Und für die Bedeutung eines derartigen Instituts auch in weiteren Kreisen Verständniss zu erwecken, hat Verf. sich dazu entschlossen, in vorliegenden Hefte seinem in der Wiener photographischen Gesellschaft gehaltenen Vortrag über die Photographie im Dienste der Himmelskunde zu ver- öffentlichen. Die bedeutendsten Ergebnisse der astro-photo- graphischen Forschung werden dem Leser durch zahlreiche Illu- strationen vorgeführt, die zumeist dem Scheiner'schen Werk „Die Photographie der Gestirne" entlehnt sind und auf dem glatten Illustrationspapier prächtig zur Geltung kommen. Wir vermissen unter diesen Illustrationen jedoch eine Mondaufnahme, die doch gerade einem grösseren Kreise recht eindrucksvoll die üeberlegen- heit der photographischen Methode über die rein visuelle Forschung vor Augen führt. Dagegen beschreibt Verf. den von ihm con- struirten Apparat zur Photographie der Sternschnuppen ausführ- licher, mit dem es ihm gelang, bei den so unerwartet schwachen Bielidenphänomen von 1899 doch einige Meteore photographisch zu fixiren, wie eine reproducirte Aufnahme der Sternspuren zeigt. Den Schluss des Vortrages bildet die Besprechung des Stern- wartenobjekts auf dem Schneeberg unter Beifügung der vom Architekten Fessler entworfenen Pläne. Als Anhang sind dem Schriftcheu die vom niederösterreichischen Landesausschuss ein- geforderten Gutachten über dieses Projekt angefügt, die aus der Feder der bekannten Gelehrten Lang, Seeliger, Hann, Keeler. Mojsisovics, Penck, Pernter, Pickering, Scheiner, Pinter, Weiss und Wettstein stammen und sämmtlich den Plan warm befür- worten. Es ist dem seit Jahren für sein Projekt agitirenden Verf. zu wünschen, dass die vorliegende Schrift dazu beiträgt, Persön- lichkeiten, die ihrer materiellen Lage nach zur Förderung wissen- schaftlicher Bestrebungen befähigt und berufen sind, für den Ge- danken einer europäischen Bergsternwarte zu interessiren, damit die alte Welt nicht zu zeigen unterlässt, dass hocherziges Mäcena- tentum auch noch diesseits des Oceans zu finden ist. F. Kbr. Briefkasten. Herrn P ~ Der Redaction ist ein Referat „Uebe massige Vorkommen von Sprosspilz igegangen. Wir r das r e g e 1 - en in dem Darm- bitten den Einsender Die Red. Inhalt: Dr. A. Speier: Die Kapillar-Doppellampe. — Dr. Arthur Crzellitzer: Photometrie mittels lichtempfindlicher'Papiore. — Ein flüchtiges Gift. — Der Gefrierpunkt des Schweisses von gesunden Menschen. — Stickstoff enthaltende vulkanische Pro- dukte. — Wetter-Monatsübersicht. — Aus dem wissenschaftlichen Leben. — Litteratur: Dr. W. Ahrens, Mathematische Unter- haltungen und Spiele. — Dr. Karl Kostersitz, Die Photographie im Dienste der Himmelskunde und die Bergobservatonen. — Briefkasten. Verantwortlicher Redacteur: Professor Dr. Henry Potonit^, Gr. Lichterfelde -West bei Berlin, Potsdamerstr. o5, für den Inseratentheil: Hugo Bernstein in Berlin. — Verlag: Ferd. Dümmlers Verlagsbuchhandlung, Berlin SW. 12. - Druck: G Bernstein, Berlin SW. 12. ?>^cbensc/ir//y .~^wv<^ Redaktion: 7 Prof. Dr. H. Potonie. Verlag: Ferd. Dtunmlers Verlagsbuchhandlung, Berlin SW. 12, Zimmerstr. 94. XVI. Band. Öoniitag, den 27 Januar 1901. Nr. 4, Abonnement: Man abonnirt bei allen Buchhandlungen und Post- j Inserate; Die viergespaltene Petitzeile 40 ^. Grossere Aufträge ent- anstalten, wie bei der Expedition. Der Vierteljahrspreis ist Ji i-- es sprechenden Rabatt. Beilagen nach üebereinliunft. Inseratenannahme Bringegeld bei der Post 15 ^ extra. PostzeitungsUste Nr. 5112. X bei allen Annoncenbureaus wie bei der Expedition. Abdruck ist nur mit vollständiger Quellenangabe gestattet. Neuere Arbeiten über organische Pflanzenernährung und die Selbstreinigung der Flüsse. •^) Von Th. Bokor Liebig's Ausspruch: „Kohlensäure, Ammoniak und Wasser enthalten in ihren Elementen die Bedingungen zur Erzeugung aller Tliier- und Pflanzenstoffe während ihres Lebens; Kohlensäure, Ammoniak und Wasser sind die letzten Produkte des chemischen Prozesses ihrer Fäulniss und Verwesung", kann heute noch als richtig gelten, wenn man einige kleine Correcturen anbringt, die sich aus den neueren Forschungen ergeben. Kohlensäure ist faktisch schon für sich allein im Stande, der grünen Pflanze den nöthigen Kohlenstoff zu liefern für ihre Eiweiss- und Kohlehydratfabrikation, wenn auch praktisch vielfach organische Substanzen des Bodens und Wassers mit in Verwendung kommen und die Pilze von letzteren ausschliesslich leben, da sie die Kohlen- säure nicht zu assimiliren vermögen. Auch das Ammoniak ist als Pflanzennahrung noch allgemein anerkannt, es ist eine brauchbare Stickstoff- quelle, wenn auch salpetersaure Salze vielfach als günstigere Stickstoffnahrung anzusehen sind, und ausser diesen noch viele andere stickstoffhaltige, nämlich organische Sub- stanzen, sich als brauchbar erwiesen haben. Wirklich gelingt die Ernährung von Pflanzen mit Kohlensäure und Ammoniak, wenn man auch noch für die nöthigen Mineralbestandtheile sorgt, die im obigen Ausspruch nicht erwähnt sind. Insbesondere muss Phosphorsäure zugeführt werden. Ohne sie kein Proto- plasma und kein Zellkern; beide bestehen aus Nucleo- albuminen, d. i. Phosphorsäurehaltigen Eiweissstoffen. Die *) Zwischen organischer Pflanzennrnährung- uud „Selbst- reinigung der Flüsse" besteht ein naher Zusammenhang; letztere wird grossentheils dadurch bewirkt, dass die Wasservegetation gelöste Verunreinigungen des Wassers aufnimmt und verbraucht. Phosphorsäurefreien Eiweissstoffe (Albumine, Globuline) scheinen nach neueren Forschungen nur als Reserveeiweiss vorzukommen. Ferner bedarf die Pflanze Kali, Schwefel (als Schwefelsäure oder in anderer Form dargeboten), Kalk, Magnesia. Die Bedeutung dieser Bestandtheile für die Functionen der lebenden Pflanze ist meist noch un- klar; vom Schwefel lässt sich mit Sicherheit angeben, dass er zur Eiweissbildung nothwendig sei, weil das Eiweissraolekül schwefelhaltig ist, wie die chemische Analyse von Eiweiss verschiedenster Herkunft ergeben hat. Der Kalk scheint vielfach als Eiweissverbindung in grünen Pflanzen vorzukommen. Aus Kohlensäure und Ammoniak, unter Zutritt der nöthigen Mineralbestandtheile, vermögen die Pflanzen faktisch ihre Eiweissstoffe und alle sonstigen Baustoffe zu bilden, womit sie einen grossen Vorzug vor den Thieren voraus haben; denn letztere müssen die Proteinstoffe und Kohlehydrate bereits fertig als Nahrung voi-finden, um wachsen und leben zu können; sie selbst zu erzeugen aus einfacheren Substanzen ist ihnen nicht möglich. Was die Kohlensäureernährung der Pflanzen anlangt, so ist deren Resultat an einem sonnigen Tage leicht bei verschiedenen Wasserpflanzen, z. B. Spirogyren, Zygnemen etc. zu beobachten. Man entstärkt die Pflanzen zuerst durch Einstellen ins Dunkle, unter Zusatz gewisser Salze; nach 3 bis 8 Tagen pflegt alle Stärke verbraucht zu sein (Aushungerung durch Lichtentziehung). Wird die Pflanze nun ans Licht gebracht, so tritt binnen wenigen Minuten Stärkeansatz in den Chlorophyllapparaten auf. Dass der- selbe auf Kosten der Kohlensäure der atmosphärischen Luft geschieht, lehrt ein Controllversuch mit ebensolchen Algen, die aber in Kohlensäurefreie Luft gebracht werden; hier unterbleibt der Stärkeansatz. 34 Naturwissenschaf tliche Wocheusclirift. xvr. Ni Auch quantitative Versuche und Berechnungen sind an- gestellt worden. Man kann z. B. annehmen, dass der Wald pro Hectar jährlich circa 3000 kg Kohlenstoff in Form von Holz und Blättern ablagert. Boussingault hat gefunden, dass 1 Hectar gut gedüngten Landes bei einer Frucht- folge von Kartoffeln, Klee, Weizen, Stoppelrüben und Hafer durchschnittlich im Jahre 2098 kg Kohlenstoff liefert. Der Wald producirt also fast um die Hälfte mehr Kohlen- stoff als ein Ackerfeld; bei letzterem ist Kleebebauung am erfolgreichsten. Nach Untersuchungen von Sachs assimiliren Blätter von Helianthus annuus bei gutem Tageslicht so stark, dass auf 1 Quadratmeter Blattfiäche pro Stunde 0,914 g Stärke angesetzt wird; bei Cucurbita 0,68 g (bei Nacht kann im warmen Sommer ebensoviel verbraucht werden, so dass man die Blätter morgens stärkeleer findet). Eine Topfpflanze von Phaseolus multiflorus (im Glashaus) ergab pro 1 qm Blattfläche in 10 Stunden 3,413 g Stärke; von Ricinus 5,-59 g. Boussingault stellte fest, dass ein Kirschlorbeer- blatt pro qcm und Stunde in reiner Kohlensäure 0,5 bis 1,5 ccm Kohlensäure verarbeitet, in einer nur bis zu 30% Kohlensäure enthaltenden Luft aber 4,0 bis 13,1 ccm. Aus diesen Resultaten ergiebt sich, dass die Blätter der verschiedenen Pflanzenarten verschieden stark assimiliren; man nennt das speci fische Assimilations- energie. Der Grund dieser Verschiedenheit liegt in der ver- schiedenen Activität des Chlorophyllplasmas, ferner in der verschiedenen Zahl der Chlorophyllkörner im Blatt u. s. w. Ueber die organische Ernährung der grünen Pflanzen lässt sich am besten eine Uebersicht erhalten durch tabellarische Zusammenstellung der verschiedenen geprüften Substanzen. Name der Substanz Chemische Formel Brauchbarkeit Laevulose 10% CeH„Oe=CH,(OH) •(CH.0H)3-C0 . CH,OH Fast alle untersuchten Blätter bilden Stärke, des- gleichen ausgehungerte Kartoffeltriebe Dextrose CeHi A = CH(OH) • (CH • OH). • CHO Fast alle geprüften Blätter bilden Stärke (aber nicht so leicht wie aus Laevu- lose); Kartoffeltriebe bil- den Stärke Milchzucker CjHaAi + H^O Blätter bilden keine Stärke; Kartoffeltriebe bilden Stärke Maltose C,2H.,jO„+H20 Dahlia variabilis bildet reichlich Stärke Inosit CeHiA (mit Koh- lenstoft'ring) Keine Stärkebildung Raffinose C.sHjäOie + SHoO Keine Stärkebildung Mannit 0^(0 H)e = CH^OH . (CH ■ OH), • CH^OH Entstärkte Oleaceen- blätter bilden Stärke; Kartoffeltriebe bilden Stärke Dulcit C,H„(OH)e Blätter von Evonymus bilden Stärke; Kartoffel- triebe bilden Stärke Erythrit CH20H.(CH.0H). Keine Stärkebildung Baldriansäure 0,1% mit Kalk- wasser neutr. {Cü,), ■ CH • CHj CO^H Nach 3 tägigem Aufenthalt sahen Spirogyren gut aus und zeigten etwas Stärke- ansatz; Diatomeen setzen Fetttropfen an Propylalkohol CH3 • CHa • CHoOH Algen setzen keine Stärke an, bleiben aber längere Zeit ungeschädigt Name der Substanz Chemische Formel Brauchbarkeit Isopropyl- alkohol 0,2% (CH3)ä • CHOH Algen setzen keine Stärke an, bleiben aber längere Zeit ungeschädigt Butylalkohol CH3-CH3-CH, ■ CH3OH Algen setzen keine Stärke an, bleiben aber längere Zeit ungeschädigt Isobutylalkohol C3H, • CH2OH Algen setzen keine Stärke an, bleiben aber längere Zeit ungeschädigt Trimethylcar- binol ^CH3)3-C(0H) Algen setzen keinfe Stärke an, bleiben aber längere Zeit ungeschädigt Amylalkohol (CH3), • CH • CH2 • CH2OH Algen setzen keine Stärke an, bleiben aber längere Zeit ungeschädigt Saures wein- saures Calcium 0,1% C0.,H.CH0H ■ CHOH • CO^H (als Calciumsalz) Spirogyren setzen binnen 2 Tagen Stärke an Weinsäure als Calciumsalz C0,H ■ CHOH ■ CHOHCOsH (als Calciumsalz) Algen etc. bilden Stärke Acpfelsäure CO.HCHa-CHOH •CO,H In freier Säure von 0,1 »/» sterben Algen binnen •24 Stunden ab; 0,01% wird ertragen Calciumbimalat 0,1% mit K,HPOi neutr. C02H-CH.,.CH0H ■ CO^H (als Calciumsalz) Spirogyren bilden in 3 Tagen Stärke Cumalinsäure (frei) O.CH=C.COOH CO-CH = CH 0,1% tödtet Algen, 0,Olo/„ wird ertragen Phenylessig- säure 0,1% mit Kalkwasaer neutr. CeH, ■ CHj ■ CO.H Algen sterben darin ab Hydrozimmt- säure 0,1% mit Kalkwasser neutr. CeH.CHä-CHj •CO2H Algen sterben darin ab Hexamethylen- amin (spaltet sich leicht in Formaldehyd u. Ammoniak) (CH2)eN, In 0,1 «/o Lösung blieben Algen im Dunkeln länger am Leben als bei einem Controll versuch ohne diese Substanz Urethan C^O ^0 • CA Algen nehmen in 0,2 »/o Lösung binnen 4 Wochen nicht den geringsten Schaden Glycocoll 0,1% mit Kalkwasser neutr. CH2(NH,) ■ CO2H Spirogyren bilden binnen 3 Tagen Stärke Trimethylamin 05% m. Schwe- felsäure neutr. (CH3)3N Spirogyren bleiben ge- sund, erst nach 8 Tagen tritt Stärke auf Aethylalkohol CH3 • CH^OH Resultat mit Algen zweifelhaft Phenol 0,05% CeHs • OH Spirogyren setzen in der Lösung binnen 5 Tagen Stärke an, während die Controllalgen schlechtes Aussehen besitzen und keine Stärke zeigen Asparaginsäure 0,01% mit Kalk- wasser neutr. CO2H ■ CHNH, • CH, • CO2H" Spirogyren setzen binnen 2 Tagen Stärke an; im Dunkeln wird durch Asparagin das Verhungern der Algen hintangehalten Citronensäure 0,1% mit Kalk- " wasser neutr. C3H,(0H) • (C0.,H)3 Algen bilden binnen 3 Tagen Stärke Tyrosin 0,1% CeH.COH) • CH2 • CH(NH2) ■ CO3H Spirogyren setzen in 2 Tagen Stärke an, stark ausgehungerte Zellen er- holen sich Leucin 0,1% . CH(NH2) • COjH Spirogyren bilden Stärke XVI. Ni Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 35 Name der Substanz Chemische Formel Brauchbarkeit Harnstoff /NH. ^NHa In 0,2% Lösung kränkeln Algen, in 0,05% bilden Spirogyren Stärke, Dia- tomeen Fett Guanidin /NH, C^NH ^NHa Algen sterben unter Gra- nulationserscheinungen nach einigen Stunden ab Hydantoin 0,2% NH-CO i = 1 NH - CHs Binnen 5 Tagen Massen- zunahme der Algen Kreatin NHä C = (NH) Binnen 5 Tagen Massen- zunahme der Algen Sulfoharnstoff Algen nach 5 Tagen meist dem Tode nahe 0,2 7o . Asparagin C02H-CH(NH,) •CH2-C0(NH.) Maispflanzen gedeihen in einer Lösung besser, wenn der Stickstoff in Form von Asparagin gereicht wird statt KNO3. Be- deutendere Stickstoffver- mehrung Pepton Spirogyren gedeihen und setzen Stärke an Indol 0,05 »/o C„H,N Gift für Spirogyren Skatol C3H,(CH,)NH Gift für Spirogyren Methyloxychi- nizin bewirkt Granulation Anilin CeH^ ■ NH, bewirkt Granulation Pyridin C.H,N bewirkt Granulation Antipyrin C„H,,N.,0 bewirkt Granulation Chinasäure 0,1% (frei) (OH),CoH, ■ COOH Spirogyren sterben darin ab unterBleichung; auch in 0,01 % Lösung sterben sie Cyanhydrin des Methylens 0,01 CH.<8? Spirogyren erleiden Stö- rungen im Chlorophyll- band Pikrinsaures Kali 0,05% CeH2(OH)(NO,)3 (als Kaliumsalz) Algen bleiben bei Licht- zutritt am Leben, im Dunkeln verhungern sie Nitranilsaures Kali C6(N0,),(0.,)(0H), (als Kaliumsalz) Algen bleiben bei Licht- zutritt am Leben, im Dunkeln verhungern sie Rohrzucker C\.H,,0„ Vaucheria bildet auf 20% Lösung etwas Stärke. Feuerbohnen bilden auf 10«,'o Lösung Stärke. Viele Blätter bilden Stärke. Kartoflfelsprosse bilden Stärke. Zygnema bleibt im Dunkeln 6 Monate lebendig auf 107„ Lösung. Von den in vorstehender Tabelle als brauchbar auf- geführten Substanzen können viele nur bei Licht/Aitritt verbraucht werden; bei allen ist Lichteinfluss vortheilhaft. Selbst die dem Stärkemehl chemisch so nahe stehenden Zuckerarten, wie Rohrzucker und Traubenzucker, dienen viel leichter zur Nahrung, wenn das Licht Zutritt hat. So habe ich mich oft vergeblich bemüht, bei Spirogyren, Zygnemen, Conferven und andern Algen Stärkeansatz durch Zuckerzufuhr im Dunkeln herbeizuführen; bei Licht- zutritt fand aber die Stärkebildung leicht statt. Kartotfel- pflanzen allerdings setzen auch im Dunkeln leicht Stärke an, wie E. Laurent nachwies; sie bilden sogar aus Glycerin im Dunkeln rasch Stärke. Freilich darf aus dem Unterbleiben des Stärke- ansatzes nicht geschlossen werden, dass die betreffende Substanz nicht ernährt. Denn Stärkeansatz kommt nur dann zu Stande, wenn Kohlehydrat im üeberschuss ge- bildet wird; dieser üeberschuss wird von verschiedenen Pflanzeuarten verschieden leicht als Stärke abgelagert. Manche bilden leicht Stärke, manche schwieriger. Spiro- gyren z. B. setzen ziemlich leicht Stärke an, desgleichen und noch mehr die Kartoffelpflanzen. Manche Liliaceen können oft einen ziemlich grossen Ceberschuss von Kohle- hydrat in sich haben, ohne Stärke abzulagern. Dessen muss man natürlich bei Versuchen über organische Er- nährung grüner Pflanzen immer gedenken. Oft wird zu- nächst nur das makroskopische Aussehen der Pflanze einen ernährenden Einfluss des dargebotenen Stoffes er- kennen lassen. Eine Bestimmung der Abnahme organi- scher Substanz in der Nährlösung kann dann sicheren Aufschluss gewähren. Von grosser Bedeutung ist auch die Concentration der Nährlösung und die Schädlichkeit oder Unschädlich- keit derselben, welch letztere ja auch zum Theil von der Concentration abhängt. Da in obenstehender Tabelle einige organische Stick- stoffverbindungen nur als Kohlenstoftquellen in Betracht gezogen sind, muss hier von den organischen Stickstoff- quellen noch besonders die Rede sein. Dass Pilze aus organischen Sticktoffverbindungen ihren Stickstoffbedarf decken können, ist längst bekannt. Naegeli wies bei Bacterien und andern Pilzen nach, dass Pepton und auch einfachere Amide, wie Asparagin- säure, zur Stickstoffernährung dienen. Er zeigte ferner, dass substituirte Ammoniake, wie Methylamin, Aethylamin und sogar Trimethylamin, den Pilzen als Stickstoffnahrung dienen können. Aus Ferrocyankalium scheinen Schimmel- und Sprosspilze nach demselben Autor ihren Stickstoft'- bedarf nicht decken zu können, während die Spaltpilze das vermögen; aromatische Nitrokörper, wie Pikrinsäure und Nitrobeuzoesäure, scheinen sehr schlechte Stickstoff- quellen für Pilze zu sein. Organische Basen, wie Chinin und Strychnin, vermögen Pilze nur sehr schlecht zu er- nähren. Rhodankalium sowie Cyanursäure (neutralisirt)scheinen nach Versuchen des Verfassers schlechte Nährstoffe für Pilze zu sein; denn die Lösungen, welche 0,17o Rhodan- kalium bezw. 0,1 "/'o Cyanursäure enthielten, und ausser- dem 0,02% Chlorcalcium, 0,02 "/q schwefelsaures Magnesium und 0,02% Monokaliumphosphat, blieben wochenlang pilzfrei. Bei Zusatz von Glycerin zu beiden Lösungen wurde die Rhodankaliumlösung nach einiger Zeit trübe von Spaltpilzen, die Flüssigkeit nahm allmählich eine dickschleimige Beschaffenheit an; die Cyanursäurelösung zeigte nur an der Oberfläche Pilzvegetation, Schimmel- pilze und später in den Pilzrasen auch Spaltpilzcolonien, Infusorien, Amoeben. Aber auch grüne Pflanzen können mit organischen StickstoffVerbindungen ernährt werden. Versuche von Bä ssler ergaben, dass Maispflanzen in Nährlösungen besser gedeihen, wenn der Stickstoff in Form von „Asparagin", als wenn er in Form von Kali- salpeter dargeboten wird. Der Mehransatz von Stickstoff betrug 15,7 "/o, unter der Voraussetzung, dass der Stick- stoffgehalt der Pflanzen bei Beginn des Versuches gleich war. Eine etwaige Zersetzung des Asparagins durch Spaltpilze vor seiner Aufnahme durch die Pflanzen war durch die Versuchsanordnung ausgeschlossen; die frisch hergestellte Asparaginlösung wurde, getrennt von den Mineralsalzen, jeden Tag einige Stunden für sich den Pflanzen dargeboten. Diese Versuche beweisen zunächst^ dass Pflanzen den Stickstoff aus dem Asparagin leicht ent. nehmen können. Indem aber die NHä-Gruppe heraus Naturwissenschaftliche Wochenschrift. XYI. Nr. 4. genommen wird, findet sicherlich auch Assimilation des Kohlenstoffes statt. Nach Bente wirkt Asparagin (oder auch Acetamid) als einzige Stickstoffquelle zu Maispflanzeu gegeben, un- gefähr ebenso wie Ammoniak. Dass das Asparagin auch normaler Weise in den Pflanzen vorkommt, oft in grösserer Menge aufgespeichert, und gelegentirch verwendet wird zur Bildung von Eiweiss- Stoffen, ist von Pfeffer nachgewiesen worden; zu dieser Umwandlung müssen aber noch andere kohlenstoffhaltige Substanzen disponibel sein. Nach 0. Loew und Y. Kinoskita können Keim- linge von Sojabohnen ihr Asparagin in Eiweiss ver- wandein, wenn denselben künstlich Glycerin oder Methyl- alkohol zugeführt wird. ürethan und Glykokoll sind nach Verfasser gute Stickstoffquellen für manche Algen, z. B. Spiro- gyren. Auch für Mais ist das Glykokoll eine günstige Stick- stoffnahrung (Knop, Wolf, Harape, Wagner). Mit Kreatin konnte Wagner Maispflanzen bis zur Körnerbildung aufziehen. Leucin und Tyrosin können nach R. Wolf vom Roggen als Stickstoffquelle verwendet werden. Guanin (salzsaures) ist für Mais brauchbar (Johnson). Hampe hat Maispflanzen mit Harnstoff als einziger Stickstotlquelie bis zur Körnerbildung gebracht. Nach Frank lassen sich gelbe Lupinen und Erbsen mit Harn- stoff bis zur Bildung von Körnern unter Vervielfältigung ihres Stickstoffgehaltes heranziehen (noch etwas besser als mit Ammoniak). Harnsäure ergab bei den Versuchen Hampe's ein zweifelhaftes Resultat. Mit Hip pursäure als Stickstoffquelle können Mais (Johnson) und Hafer (Beyer) unter Vermehrung des Trockengewichtes zur Entwickehmg gebracht werden, wobei die Hippursäure in Benzoesäure und Glykokoll ge- spalten wird. Man sieht, die Zahl der bis jetzt als brauchbar er- kannten organischen Stickstoffquellen ist keine unerhebliche. Sogar den Phosphor hat man in organischer Form dargeboten, uämhch als Lezithin; es hat sich gezeigt, dass Pflanzen damit ernährt werden können (Stock- lasa). Eine völlige organische Ernährung, wobei auch das Kalium, Magnesium, Calcium, Eisen als organische Ver- bindung (Formiat) dargeboten wird, ist in allerjüngster Zeit von 0. Lövinson versucht worden. Keimlinge konnten damit 80 Tage lang gezogen werden. Wenn somit durch Laboratoriumsversuche vielfach nachgewiesen ist, dass sich Pflanzen organisch ernähren können, so unterliegt es wohl keinem Zweifel, dass auch in der Natur eine solche Ernährung stattfindet, da orga- nische Substanzen im Boden und im Wasser fast immer vorhanden sind. Insbesondere hat die Erscheinung, dass Flüsse nach erfolgter organischer Verunreinigung von selbst wieder rein werden, auf die organische Pflanzenernäh- rung mit grosser Bestimmtheit hingewiesen. Ebenso können gewisse Beobachtungen über die Winter- flora kleiner Seeen nicht anders erklärt werden als durch Annahme einer organischen Ernährung. Folgen wir bezüglich der ersteren Frage der an- regenden Darstellung, welche ein Stuttgarter Forscher vor kurzem über die Selbstreinigung der Flüsse ge- geben hat: H. Jaeger (Naturwissenschaftliches und Sanitäres über Flussverunreinigung und Selbstreinigung unserer Ge- wässer; Separat- Abdruck aus dem Württemberg, mediein. Correspondenzblatt, 1896) lässt sich ungefähr folgender- maassen aus : „Die Flüsse werden nach einer gewissen Strecke ihres Laufes von selbst wieder rein, wofern sie nur auf dieser Strecke nicht wieder neue Verunreinigung erfahren. Die Seine ist 70 km abwärts von Paris bei der Einmündung der Oise wieder klar und rein; die Oder, welche durch die Kanalwässer von Breslau stark verunreinigt wird, zeigt 32 km abwärts wieder dieselbe Zusammensetzung wie oberhalb Breslau; in den Tiber gelangt seit 2500 Jahren aller Unrath der ewigen Stadt, ohne dass dies dem Tiber schadet." Damit die Selbstreinigung von statten gehe, bedarf es der Mitwirkung der gesammten Flora und Fauna des Wassers; je reicher und mannigfaltiger die Formen, um so grösser die selbstreinigende Kraft. Zunächst bemächtigen sich die Bacterien des Flusses der zugeführten organischen Nahrung, es treten Fäulniss- prozesse ein unter starker Vermehrung der Bacterien, die glücklicherweie meist unschädlichen Arten ange- hören. Die gefährliche Anhäufung von Bacterien wird mit dem Klarwerden des Flusses durch die tödtliche Wirkung der Lichtstrahlen wieder beseitigt. DieFäulnissprodukte (Ammoniak, Essigsäure, Schwefel- wasserstoff) werden von den Pflanzen des Flusses assi- milirt. „Wenn aber Euglenen, einzellige Algen, Faden- algen, höhere Pflanzen an der Arbeit sind, die Fäulniss- produkte zu assimiliren, somit wieder Eiweissstoffe, Stärke, Fett daraus zu produziren, so stellen sich naturgemäss bald zahlreiche kleinere Thiere ein, welche die Algen als willkommene Nahrung verspeisen — auch Kaul- quappen verzehren grosse Mengen von Algen. Damit wächst aber wieder die Zahl der grösseren Thiere, die von jenen kleineren leben (0. Loew)." „Wie ausgiebig sich aber auch die höheren Wasser- thiere, die Fische, von den frischen Abgangstoffen er- nähren, ist bekannt, und wer der Stadt Canstatt entlang am Neckar abwärts geht bis zur Einmündung der Schlacht- hausabwässer, die dort in blutiger Lache stromaufwärts getrieben werden, der sieht mit Befriedigung, dass we- nigstens ein Theil dieser Abgänge an Ort und Stelle von den Fischen aufgezehrt wird." „Die sogenannte selbstreinigende Kraft der Gewässer ist nichts anderes als die Erhaltung des richtigen Gleich- gewichtszustandes zwischen regressiver und progressiver Metamorphose." Unsere Kulturentwickelung muss erhöhte Ansprüche an die Leistungsfähigkeit der Flüsse als Abfuhrkanäle und Verarbeitungsapparate stellen; diesen Ansprüchen können die Flüsse aber auch genügen, wenn darüber ge- wacht und dafür Sorge getragen wird, dass der erhöhten Zufuhr enie gesteigerte Entwickehmg der gesammten Vegetation des Flusses entspricht. Die biologische Thätigkeit des Flusses muss über- wacht werden; er darf nicht überfüllt werden mit organi- schen Stoffen, sonst tritt Fäulniss ein, die den Fluss „krank" macht; unter Trübung des Wassers sterben die Algen und Diatomeen, ja sogar die aeroben Bacterien ab; die selbstreinigende Kraft des Flusses kann durch eine solche Katastrophe für lange Zeit, ja für immer ge- schädigt sein. Auch ist dann eine stete und zunehmende Gefahr für die Reinheit des Grundwassers gegeben, die faulenden Wasser können in die Bodenschichten eindringen und bei ungenügender Filtration das Bodenwasser ver- unreinigen. Niemals darf man einem Flusse solche Stoffe über- geben, die er seiner Natur nach nicht verarbeiten kann; XYI. Nr. 4. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. keine organischen oder mineralischen Gifte (aus Fabriken), keine grob meelianischen Verunreinigungen, wie Säg- spähne, ganze Thierkadaver, keine Stofte, welche er- fahrungsgeniäss häufig Infectionserreger in grosserer Menge mit sich führen (z. B. die Wildhäute aus Gerbe- reien, die Abwässer aus Krankenhäusern), wenn sie nicht vorher einer zuverlässigen Desinfection unterworfen wurden. Besonders strenge Bedingungen sind da zu stellen, wo das Flusswasser als Trink- oder Nutzvvasser von An- wohnern des Flusses weiter abwärts in Anspruch genommen wird, selbst wenn diese Inanspruchnahme nach voran- gegangener Filtration stattfindet. Die Belastung des Flusses mit Abwässern muss nach ähnlichen Gesichtspunkten regulirt werden, wie sie in der Bodenkultur Geltung haben. Es muss eine strenge Ueberwachung des Flusses in naturwissenschaftlichem Sinne, eine Schonung, ja Kultur Platz greifen statt schwerer Vernachlässigung, dann werden die Anwohner nicht bloss keinen Schaden, sondern sogar Nutzen haben. Da der Sauerstoffmangel im Flusswasser besonders empfindlich ist, so sympathisirt Verf. mit dem Gedanken, des.sen Verwirklichung schon seit Jahren versucht wird, den Gewässern künstlich Luft zuzuführen, besonders unter Verwendung der Feuerungsgase derFabrikschornsteine. Da- mit bekäme man Sauerstoff in den Fiuss, da jene Gase noch genug freien Sauerstoff enthalten; die Kohlensäure würde vorhandenen Aetzkalk ausfällen, als kohlensauren Kalk, dieser zusammen mit den niedergeschlagenen Russtheilcheu würde zur Sedimentirung beitragen, einige Produkte der trockenen Destillation, welche der Rauch enthält, könnten desodorisirend wirken. Die Russbelästi- gung wäre beseitigt. In einer Fabrik in Wangen im Allgäu soll dies Verfahren seit Jahren mit gutem Erfolg geübt werden. Durch Studien über die Flora norddeutscher Seeen kommt ein anderer Forscher zu dem Schluss, dass Wasserpflanzen oft organische Ernährung haben. 0. Zacharias (lieber die Verschiedenheit der Zu- sammensetzung des Winterplanktons in grossen und kleinen Seeen; Separat- Abdruck aus den Plöner For- schungsberichten, Theil 7) berichtet ungefähr Fol- gendes : Das Plankton wechselt mit den Jahreszeiten. In den Sommermonaten (Juni bis August) ist es nicht bloss mannig- faltiger an Arten, sondern auch quantitativ beträchtlicher als im Winter. Schon gegen den Herbst pflegt eine er- hebliche Anzahl von Species zu verschwinden und später bleibt nur ein artenarmer Rest zurück, der grösstentheils aus Crustaceen (namentlich Copepoden) und einer kleinen Anzahl von Räderthieren besteht. Die Protozoen sind darin entweder nur sehr schwach vertreten, oder sie fehlen gänzlich. Auch viele Pflanzen werden reduzirt, insbesondere Asterioneila und Fragilaria crotonensis unter den Bacillariaceen, wogegen andere, z. B. die Melosiren, selbst während der kältesten und lichtärmsten Monate fortfahren, eine ziemlich üppige Vegetation zu entfalten. Es giebt also eine Winter- und Sommerformation des Planktons. Das gilt mindestens von allen grösseren Seebecken Norddeutschlands, an denen Verf. seit mehr als 10 Jahren hydrobiologische Beobachtungen anstellt. Besonders ein- gehend wurde der 3000 Hektar einnehmende Plöner See vom Verf. studirt; ziffernmässige Angaben für alle Monate des Jahres wurden in trüberen Heften der Forschungs- Bericbte (IV. Theil, 1896) gemacht. Anders verhält es sich mit kleineren Seeen. Es wurde vom Verf. an 3 solchen (in der Nähe des Plöner Seees) festgestellt, dass dieselben Species, welche in den meisten grösseren Wasserbecken bei Eintritt der kalten Jahreszeit verschwinden, in vielen kleineren fortdauern und darin ein mannigfaltig zusammengesetztes Winterplankton bilden. An letzteren betheiligen sich nicht nur Thiere, sondern auch pflanzliche Wesen, besonders Bacillariaceen, (z. B. Asterionella gracillima Hech., Fragilaria crotonensis Edw., Synedra delicatissima W. Sm., Diatoma tenue, var. elon- gatum und Synedra ulna var. longissima). Die Temperatur kann diesen merkwürdigen unter- schied nicht verursachen; denn manche der genannten Organismen sind im Winter unter dem Eise ebenso zahl- reich zu finden wie im Hochsommer bei 18—20°. Hingegen könnte das Licht eine Rolle spielen. Je intensiver das Sonnenlicht bei zunehmender Tageslänge ist, desto besser gedeihen alle Planktonbacillariaceen. Im Monat April, wo die Temperatur des (Plöner-) Seees 1895 nur 1 bis 5,8° betrug, war das Maximum der Vege- tation (eine enorme Steigerung der Individuenzahl von Bacillariaceen) zu beobachten. Da aber die Lichtverhältnisse in den grossen und kleinen Seen keinen Unterschied eskennen lassen, so bleibt der Gegensatz unerklärlich, wenn wir nicht an- nehmen, dass die Ernährung der Schwebeflora in klei- neren Wasserbecken im Winter ganz anders erfolgt als in den grossen Seeen. In kleineren Seeen sind genügend organische Nährstoffe und Nährsalze vorhanden, wovon gewisse Algen, besonders Kieselalgen, leben können. Als Haupt- quelle sind die am Ufer wachsenden und alljährlich ab- sterbenden Schilfe, Binsen, Riedgräser anzusehen, deren vermodernde Reste vom Wasser ausgelaugt werden. Das- selbe geschieht mit dem abgefallenen Laube von Bäumen und Sträuchern, die am Rande solcher Seeen ihren Stand- ort haben. Die auf den Wasserspiegel verschlagenen und dort ertrinkenden Insekten sind gleichfalls Lieferanten von gebundenem Stickstoff. Eine direkte Zufuhr von Nitraten und Nitriten erfolgt aber auch durch die atmo- sphärischen Niederschläge, namentlich durch Regengüsse, wenn auch nur in der geringen Menge von 0,7 Milligramm pro Liter Metorwasser. Besitzt der betreffende See hu- mosen Untergrund, so ist dieser gleichfalls als ein Spender von organischen Substanzen zu betrachten. Und bei alledem ist zu bedenken, dass das den kleineren See- betten zufliessende Nährmaterial sich stets nur innerhalb einer geringen Wassermasse zu vertheilen hat, wodurch dieselbe besser dazu geeignet wird, Organismen zu produ- ciren, als ein bei weitem mächtigeres Seebecken mit viel grösserer Verdünnung der Nährstoffe. Voraussetzung bleibt freilich immer, dass den Pflanzen, insbesondere den Bacillariaceen und den übrigen chromo: phyllführenden Algen das Vermögen innewohnt, sich zeit- weise saprophytisch zu ernähren. Das ist für höhere Pflanzen durch mehrere Forscher, speciell für Kieselalgen und grüne Algen durch den Refe- renten nachgewiesen worden. Namöntlich die Kieselalgen besitzen eine 'grosse Assimilationskraft für organische Nährstoffe, z. B. gewisse Fäulnissprodukte; rasch wachsen die Oelmengen, die sie in sich haben, wenn solche Stoffe dargeboten werden. E. Debes hat die Beobachtung gemacht, dass die freien beweglichen Bacillariaceen ein Substrat verlangen, welches mit vegetabilischem De- tritus, wenn auch nur in dünner Lage, bedeckt und durchsetzt ist. „Die in der Praxis der Karpfenzüchter längst ge- übte Teichdüngung, mit der man erfahrungsgemäss den doppelten bis dreifachen Ertrag von Fischfleisch er- zielt, gehört auch hierher. Durch Zufuhr von Dung zu 38 Naturwissenscliaftliche Wochenschrift. XVI. Nr. 4. den Gewässern wird offenbar deren Nährwerth für die niedere Pflanzenwelt erheblich gesteigert und das bewirkt wieder eine stärkere Vermehrung derjenigen Mitglieder der Kleinfauna, welche hauptsächlich von Bacillariaceen und anderen Algen leben, während sie ihrerseits wieder den Fischen zur Nahrung dienen." Dorfteiche erreichen nach Josef Susta den Gipfelpunkt ihrer Produktivität, wenn sie Jauchezufluss in richtigem Maasse haben. Das üppige Winterplankton des Edenberger Seees und anderer kleiner Wasserbecken erklärt sich durch die angegebenen Tbatsachen zur Genüge. Zweibeinige Bäume. Vom Oberlandsgerichts-Sekrc'tiir J. icliolz in Marienwerder. Auf meinen zahlreichen floristischen Ausflügen bin ich zu verschiedenen Malen sogenannten Stelzenbäumen und auch „zweibeinigen" Bäumen begegnet. Der Ein- druck, den man namentlich von den merkwürdigen Baumgestalten der letzteren Art erhält, ist um so wirkungs- voller und eigenartiger, je höher die Verwachsungsstelle der beiden schenkeiförmigen Stämme über dem Boden liegt. Standorte von „zweibeinigen" Bäumen sind nicht nur aus West- und Ostpreussen, sondern auch von anderwärts bekannt geworden. Der Forstmann freut sich der seiner Obhut anver- trauten Merkwürdigkeit, und das grosse Publikum zollt ihm die gebührende Bewunderung. Es staunt über das stille Walten der Natur, die sich in der Hervorbringung der- artiger grotesker Gebilden gefallen hat. Die meisten Verwachsungen kennen wir von Roth- buchen und Stieleichen, seltener von Kiefern und Erlen. In dem forstbotanischen Merkbuche für die Provinz Westpreussen (Berlin 1900) werden zwei „zweibeinige" Bäume abgebildet, nämlich eine Rothbuche aus der Königl. Oberförsterei Neustadt, Schutzbezirk Rekau, Jagen 24 a (S. 20/21) und eine Eiche (Quercus pedunculata) aus dem Königl. Prinzl. Reviere Kujan, Schutzbezirk Wersk, Jagen 68 (S. 39). Erwähnt werden in dem Buche ausserdem noch (S. 56,79) eine zweibeinige Rothbuche aus Bischdorf, Guts- forst Klein Ludwigsdorf und zwei solche Kiefern aus Junkershof und Karlshorst. Jentzsch*) weist für Ostpreussen fünf zweibeinige Bäume nach, und zwar: a) j e eine Eiche aus dem Rasten-l burger Walde und [ Tafel VII a. a. 0. b) bei Heiligenlinde > c) eine Eiche (Quercus pedunculata) aus Char- lottenthal, Kr. Heiligenbeil, d) zwei Hainbuchen aus dem Gutsgarten von Statzen bei Kowahlen, Kr. Oletzko. Ob die von Caspary**) beschriebene Rothhuche noch im Königl. Belauf Glinow, Oberförsterei Philippi unfern Bütow i./Pom. vorhanden ist, habe ich nicht ermitteln können. Aller Wahrscheinlichkeit nach lässt sich die Zahl derartiger Bäume bei eingehenderen Nachforschungen bedeutend vermehren. Einer der interessantesten der bisher in der Litteratur erwähnten gehört der Oberförsterei Heteborn (Regb. Merse- burg) Forstrevier Hakel an, worauf ich noch später zurück- kommen werde. Gleiche Beobachtungen liegen aber auch aus ausser- deutschen Ländern vor, z. B. aus Böhmen, Russland, England. *) Beiträge zur Naturkunde Preussens, No. 8. Königs- berg i. Pr. 1900. **) „Ueber zweibeinige Bäume. Scliriften der Phys. Oekon. Gesellsch. in Königsberg, 23. Jahrg. 1882. J. H. Laudon*) bildet die unteren verwachsenen Stämme einiger Eichen aus der Besitzung des Esq. Dilke (Warwickshire) ab. Allerdings stehen diese Bäume an Schönheit den west- und ostpreussischen Bäumen weit nach. Die Bezeichnung „Stelzenbaum" verdient eigentlich nur der in Fig. 1627 a abgebildete, weil die Theilung der Stämme in den übrigen Fällen aus demselben Stamme erst über dem Boden beginnt, und die Stammtheile bald darauf wieder zusammengewachsen sind. Mocquin Taudon**) berichtet von einer stelzenbeinigen Platane, die sein Freund M. Webl) auf seiner Orientreise bei Bujukdere, nahe bei Konstantinopel, gesehen hat. Caspary hat sich mit der Frage nach der Entstehung von zweibeinigen Bäumen eingehend beschäftigt. Er ist auf Grund seiner Untersuchungen zur Ueberzeugung ge- langt, dass alle von ihm aufgeführten Verwachsungen auf künstlichem Wege gebildet worden sind. Die im Parke von Statzen befindlichen Bäume sind nach einer Mittheiluug seines Gewährsmannes, des Bai'ons von Hoverbeck, dadurch zu Stande gekommen, dass zwei nahestehende Bäume zusammengedreht worden und somit zu einem Zusammenwachsen gezwungen worden sind. Bei den übrigen ist die natürliche Verbindung aber bei keinem einzigen von zwei sich unter spitzem Winkel nahe berührenden Bäumen ohne menschliche Hilfe eingetreten. Denn Caspary meint, dass dann der eine der verwachsenen Bäume hätte abgestorben oder abgefallen, oder durch menschliches Zuthun abgenommen sein müssen. Jedenfalls müsste sich eine Kreuzungsstelle, Veruarbung, üeberwallung oder ein Loch vorfinden, wo- von indess nichts zu sehen ist. Caspary verneint sodann bei den in Rede stehenden Bäumen die Frage, ob die Zweibeinigkeit vielleicht da- durch hervorgerufen sei, dass: a) auf die Hirnfläche eines über der Wurzel ab- gestorbenen Stammes ein Same gefallen sei, der sich zum Baume entwickelte, seine Wur- zeln und zwar zweie durch das morsche Holz in den Boden gesenkt und dann nach gänz- lichem Verfaulen des Stumpfes, zweibeinig dagestanden habe — oder b) ein nach oben gegabelter Baum mit den Gabel- ästen umgekehrt in den Boden gesetzt sei. In der freien Natur tritt der zu a) gedachte Fall thatsächlich mitunter ein. Meistens stehen die so ge- wachsenen Bäume auf mehr als zwei Stelzen-Beinen und erinnern durch ihren seltsamen Wuchs einigermaassen an Mangrovenbäume im Brackwasser der Tropen. Solche Stelzenbäume tragen aber im unteren Theile den unverkennbaren Charakter von Wurzeln und nicht *) Arboretum et Fruticetum Britannicum Vol. III ed. II, London 1874, pag. 1780. „Oak-trees with conjoined tiunks". **) „Des montrositds" aus: Des Elements de la Teratologie, pag. 290. XVI. Nr. 4. Natnrwissenschaftliche Wochenschrift. von Stämmen, was insbesondere durch anatomische Unter- suchung hervorgeht. Charakteristische stelzenbeinige Kiefern beschreibt und bildet ab Goeppert*) aus den Urwäldern Schlesiens und Böhmens. Der zu b) erwähnte Fall trifft auf keinen einzigen zu meiner Kenntuiss gelangten Baum zu. Caspary hat eine zweibeinige Espe anatomisch unter- sucht. Der Befund des Markes und der Hoizlage hat mit unzweifelhafter Sicherheit gelehrt, dass die Zwei- beinigkeit durch Copulation zweier nebeneinander stehender junger Bäume verursacht ist. Laudon enthält sich zwar hinsichtlich der von ihm im Arboretum et Fruticetum Britannicum Fig. 1626/27 abgebildeten Bäume eines eigenen Urtheils, hebt jedoch hervor, dass nach Ansicht seines Gewährsmannes Bree die Verwachsung dieser Bäume wahrscheinlich auf k ünst- lichem Wege herbeigeführt worden sei. Zu demselben Urtheile gelangt der Freund Moquin- Tandons bezüglich der grossen Platane von Bujukdere. Dasselbe trifft auf die anderwärts beobachteten zweibeinigen Bäume gleichfalls aller Wahrscheinlichkeit nach zu. Was die zweibeinige Stieleiche im Forstreviere Kujau (Kr. Flatow) anbetrifft, so erzählt man sich von ihr im Volksmunde, dass sich vor vielen Jahren ein alter Schweinehirt das Vergnügen bereitet habe, junge Bäume zu kopuliren. Anscheinend hat er sich nicht auf dieses eine Exem- plar beschränkt, weil in der Nähe ein zweiter unvoll- kommen verwachsener Eichbaum steht, bei dem die Reste des abgesplitterten zweiten Stammes noch herausragen. Die Abbildung der Eiche aus Kujan (Fig. 12 im forstbot. Merkbuche) ist insofern sehr lehrreich, als sie einen gewaltsamen, auf Menschenhand zurückzuführenden Ein- griff deutlich an den beiden Schenkeln erkennen lässt. Die 83 cm von einander entfernten Beine sind näm- lich gegeneinander leicht bogig gekrümmt. Die meiste Ge- walt ist dem einen Schenkel angethan worden, der ausser- dem noch dicht über dem Boden nach innen stark ein- geknickt ist. In der Weise wachsen auf natürlichem Wege keine Waldbäume gegen- und miteinander zu- sammen, und das im Volksmunde laufende Gerücht über die Entstehungsursache der räthselhaften Bäume hat da- her nicht allein viel Wahrscheinlichkeit für sich, sondern entspricht mit unzweifelhafter Sicherheit dem wirklichen Sachverhalte. Dass sich wenigstens Leute der „grünen Farbe" solche Scherze erlauben und die Nachwelt sodann einem ßäthsel oder Naturwunder gegenüberstellen, dafür kann ich aus meiner eigenen Erfahrung ein klassisches Bei- spiel anführen. Als ich im verflossenen Jahre den Kreis Rosenberg W.-Pr. im Auftrage desPreuss. botanischen Vereins bereiste, untersuchte ich auch die Flora des Gutsforstes Klein Ludwigsdorf, woselbst eine schon im forstbotanischen Merkbuche aufgeführte zweibeinige Rothbuche steht. Die Stammbeine sind am Boden etwa 50 cm von einander entfernt, und vereinigen sich in einer Höhe von 1,65 m. Der Baum steht in einem fast reinen Rotbbuchenbestande und zeigt einen gesunden Wuchs. Als ich dem Förster Kunkel auseinandersetzte, wie man sich die Entstehung von solchen Bäumen erklärt, erzählte er mir freimüthig, dass er bei der Rothbuche seines Reviers ein ganz gleiches Verfahren wie der alte Sauhirt ein- geschlagen, nämlich zwei Bäumchen vor etwa zwanzig *) Skizzen zur Kenntniss der Urwälder Schlesiens und Böh- s, Tafel II in N. A. A. C. L. C. N. C. 1868. Jahren kopulirt und dann die Krone des schwächeren an der Verbindungsstelle weggeschnitten habe. Die Offenherzigkeit des biederen Forstmannes bildet einen werthvollen Belag für die Entstehungsgeschichte von zweibeinigen Bäumen überhaupt und zerstört die hierüber gehegten phantastischen Vorstellungen. Zweifel- los sind alle übrigen derartigen „Naturwunder" auf ähn- liche Versuche zurückzuführen und von Waldbewohnern anscheinend schon längere Zeit geübt worden. Viele solcher Versuche mögen gleich von vornherein missglückt, andere später, vielleicht schon nach der Verwachsung, durch Sturm oder ein dicht an den Bäumchen vorüber- huschendes Wild vereitelt sein. Natürlich soll hiermit nicht gesagt sein, dass alle Stelzenbäume Kunstproducte sind. Ausgenommen sind selbstverständlich diejenigen, wo sich eine ungezwungene Erklärung nach der bereits von mir angedeuteten Rich- tung geben lässt. Von Fachleuten, die ich mündlich oder schriftlich um ihr Gutachten ersucht habe, wird im Gegensatze zu gezwungenen wissenschaftlichen Anschau- ungen, das Zustandekommen von zweibeinigen Bäumen ohne menschliche Beihilfe entschieden in Abrede gestellt. Dr. Dieck, der verdienstvolle Dendrologe und Eigenthümer des grossartigen sog. ,,Nationalarboretums" in Zoeschen bei Merseburg behauptet, dass nur die Abart viscosa von Ulmus scabra imstande sei, ihre Aeste und Zweige sich beliebig verwachsen zu lassen, denn alle zufällig an- einander gedrückten Zweige verwachsen schnell mit- und ineinander. Dr. Dieck besitzt in seinem Garten einen älteren Stamm, in welchen ein Wurzelschoss durch zu- fälliges Umflechten so tief hineingewachsen ist, dass man die Verwachsungsspuren kaum noch erkennen kann. Der Stamm macht nach dem mir gütigst gefertigten Entwurf den Eindruck, als ob er dicht über dem Boden einen Henkel habe. Der verstorbene Kaufmann Jeromin hat dem Preuss. botanischen Vereine in Königsberg vor einiger Zeit ein Stammstück von einer Kiefer mit einem förmlichen Henkel übergehen. In diesem Falle ist durch die Hand eines Försters oder Vogelfängers ein schwacher Ast zugestuzt und mit dem freien Ende in ein Bohrloch hineingesteckt worden um daran Schlingen zu befestigen. Später ver- wuchs der Ast fest mit seinem Stamme. Wie eine Verwachsung mit diesem Stamme vor sich ging, so können unter gewissen Umständen auch Bäume ineinander verwachsen, aber nimmermehr in der Art, wie dies bei den als „Forstwunder" beschriebenen und abgebildeten Bäumen der Fall ist. Dr. Abromeit theilt mir mit, dass in dem berühmten fiskalischen Parke von Louisen wähl bei Königsberg zwei dicht nebeneinander gepflanzte starke Hainbuchenstämme so völlig verwachsen sind, dass sie einen einzigen Stamm zu bilden scheinen und kaum voneinander zu unterscheiden sind. Zwei aufs innigste miteinander verwachsene (keine zweibeinigen) Rothbuchen aus dem Walde (West Hay) zwischen Cliif und Stamford werden von Laudon in Teil III seines mehrerwähnten „Arboretum" etc., Fig. 1884, ab- gebildet. Die beiden dichtnebeneinander stehenden Stämme scheinen fast einen Stamm zu bilden. Was aber das Merkwürdigste ist, die Aeste des Zwillingspaares sind wiederholt ineinander zu einem wahren „Rattenkönige" verwachsen. Als ein Kunstproduct betrachte ich aber die bereits erwähnten zusammengewachsenen Eichen aus dem Forst- reviere Hakel, Prov. Sachsen. Der Hauptstamm gabelt sich in einer Höhe von 4,5 m. Während die Hauptachse lothrecht weiter in die Höhe strebt, ladet ein starker Ast, fast von der Dicke der ersteren in spitzem Winkel aus, um nach einer kurzen, knieförmigen Krümmung beinahe 40 Naturwisseiischaftlidie Wochensc XV r. Nr. 4. parallel mit dem Hauptstamme weiterzuwacbseu. In dieses Knie ist nun anscheinend ein Wurzelschössling von der halben Dicke des schwächeren, knieförmig hochgehen- den Astes hineingewachsen. Hier ist aller Wahrschein- lichkeit die Menschenhand im Spiele gewesen. Allerdings wird die Verbindung in der beträchtlichen Höhe von 5 m wohl einige Mühe verursacht haben. Dafür hat der viel- leicht noch lebende Schöpfer die Genugthuung sein Werk als ein forstliches „ünicum" angestaunt zu wissen. Immerhin wäre es interessant ähnliche Baumformen, wie dies dank der rastlosen Bemühungen des Prof. Conwentz schon für Westpreussen geschehen ist, im ganzen deutschen Reiche zu inventarisiren und die merkwürdigsten bildlich darzustellen. Auch selbst dann haben diese Bäume ein Anrecht auf Schonung und Schutz, wenn sie ihres räthsel- haften Charakters entkleidet sind. Experimentelle Studien über Sukkulenten werden uns in einer Arbeit von Wilhelm Brenner mitgetheilt (Untersuchungen an einigen Fettpflanzen. Flora Bd. 87, 1900, S. 387—439). Verf. operirte mit Sedum-, Crassula-, Sempervivum- und Mesembrianthemum- Arten und bemühte sieh, den äusseren sowohl wie den inneren Bau dieser Pflanzen durch Verän- derung des umgebenden Mediums zu beeinflussen. Seine Bemühungen in dieser Beziehung waren durchaus mit Erfolg gekrönt. So wurde durch Kultur im stark feuch- ten Raum besonders an Sedum ein bedeutendes Strecken der Stengel beobachtet (vergl. die beigefügte Figur). Auch die Dicke der Blätter nahm bedeutend ab, sodass die Sukku- lenznatur wesentlich zurückging. Bei manchen schlagen sich auch die Blätter nach unten zurück, wobei bemerkt werden muss, dass die Zahl der Spaltöffnungen auf der Oberseite grösser ist als auf der Unterseite. Verf. ist ge- neigt, alle diese Veränderungen so zu verstehen, dass die Pflanze sich bemüht, möglichst die unterdrückte Tran- spiration wieder zu Wege zu bringen. Manchmal Hess sich auch direkt Wasserausscheidung beobachten. Die P>age, ob die so veränderten Versuchsobjecte zur Blüthe zu bringen sind oder ob sie sich gar auch noch unter Wasser kultiviren lassen, wird vom Verfasser nicht behandelt. R. K. Die Frage der Pelzmilben des Bibers hat neuer- dings 0. Schneider in Dresden erörtert: Ueber eine zuerst in Dresden aufgefundene neue Pelzmilbe des Bibers (Sitzungsbericht der Naturw. - Ges. Isis in Dresden, Jahrgang 1897, p. 21 ff.). Vgl. Nat. Woch., 11. Bd., S. 251, und 12. Bd., S. 200. Die von Kramer be- schriebenen und Noptosoma trancatum genannten Thiere hatte Schneider 1892 auf einem in Dresden verstorbenen Elbebiber entdeckt. Die von Friedrich und Mingaud unter andern Namen veröfi'entlichten Formen sind jeden- falls dasselbe Thier, das trotz der späteren Veröffent- lichung also zuerst in Dresden gefunden worden ist. Gegen diese Mittheilungen wendet sich Trouessart in einem Briefe (Sitzungsbericht etc. Isis, 1897, p. 90 ff.), in dem er mittheilt, dass seine Beschreibungen vor allem nach Exemplaren, die er an amerikanischen Bibern im Pariser Museum gefunden habe, gemacht worden seien. Er giebt jedoch, wie Schneider (ebendort p. 92) bemerkt, zu, dass die Friedrich'sche Beschreibung früher als die seinige er- folgt ist. Mff Astronomische Spalte. — Bei Gelegenheit einer Untersuchung des Tempel'schen Nebels in den Plejaden, bemerkte Goldschmidt, dass diese ganze Sterngrnppe von einer diffusen Nebelmaterie umgeben sei. Da Goldschmidt seine Beobachtung aber nur mit einem noch nicht einmal dreizöUigen Tubus gemacht hatte und in grossen Refrac- toren von diesen Nebelmassen nichts zu sehen war, so fand seine Wahrnehmung damals — es sind nun ungefähr 40 Jahre her — nicht die verdiente Würdigung. Erst später wieder, als die photographische Platte empfindlich genug geworden war, um so zarte Lichteindrücke auf- nehmen zu können, begann man weitere Untersuchungen über diesen Gegenstand. Vor allem gelang es Barnard, mit einer sechszöUigen Porträtlinse, wahrhaft gigantische Nebelcomplexe aufzudecken, welche sich bis in die Gegend des Orions erstrecken und Anknüpfung an den grossen Orionnebel zu suchen scheinen. In Monthly-Notices 1900, LX, 4, S. 258, bespricht Barnard die Ergebnisse, zu denen Wilson, Bailey und er selbst auf photographischem Wege gelangt sind, näher. Barnard hat durch einen Zeichner, H. E. Calvert, eine Skizze herstellen lassen, welche alle ihm zugänglichen Negative berücksichtigt. Fast zu gleicher Zeit hat auch Professor Wolf in Heidelberg seine Arbeiten über die ausgedehnten Aussen- nebel der Plejaden abgeschlossen und publicirt. (Bayr. Akad. 11. Gl., XX. Bd.). Wir übergehen die ersten, mit einem Steinheil'schen Aplanaten unternommenen Versuche Wolfs und gelangen sofort zu den drei Aufnahmen, welche Wolf zu seiner Untersuchung verwendete. Die drei Platten waren resp. llhöS", lli-l" und 41^ 50" belichtet worden, die ersten zwei natürlich an mehreren Abenden, die letzte, dritte in einer Nacht. Wolf nahm nun eine Copie der ersten Aufnahme auf Platin-Entvvickelungspapier, welche die dichtesten Nebelzüge getreu wiedergab, und zeichnete dann, mit Hilfe der anderen Aufnahmen, die feineren Details ein, wobei 28 Punkte nach ihren Hellig- keitswerthen nach dem Schwärzungsgrade der Platten bestimmt werden mussten. Der Eindruck der ganzen Nebelmaterie ist, wie Wolf sagt, der einer sich wie Rauch- wolken stellenweise zusammenballenden und zusammen- hängenden Masse. Der Vergleich zwischen Barnards und Wolfs Zeichnungen (Sirius VII und XI, 1900 giebt Re- productionen), zeigt jene absolute Uebereiustimmung, welche nur auf photographischem Wege erreicht werden kann. Gegen Ende des verflossenen Jahres ist neuerdings eine Reihe neuer veränderlicher Sterne entdeckt worden. Bei der grossen Zahl von Neueutdeckungen, wird es ohne einheitliche Bezeichnung nachgerade schwierig, alle diese interessanten Objekte im Auge zu behalten. Professor Kreutz, der Herausgeber der „Astron. Nachr.", hat daher auf dem vorjährigen Astronomencougress zu Heidelberg eine gleichmässige Bezeichnung vorgeschlagen. Nach derselben werden nun alle derartigen Sterne nach der Reihenfolge ihres Bekanntwerdens seitens der Redaction der „Astron. Nachr." von Jahr zu Jahr numerirt und der fortlaufenden Nummer sowohl die Jahreszahl, wie das Sternbild beigesetzt. XVI. Ni NaturwissensGliaftliclie Wochenschrift. 41 Neuentdeckte Veränderliche sind: BD + 46° 2970 am 12. October 1900 von Hartwig als verdäclitig- bezeichnet und am 28. October von T. Kohl als variabel erkannt. Ungefähr 9. Grrösse mit möglicher- weise einjähriger Periode. BD + 9° 4205 von Anderson aus Beobachtungen vom 18. September bis 9. November als veränderlich entdeckt. 9.— 10. Grösse. A. G. Leipzig I 8381 von Anderson aus seinen Be- obachtungen vom 26. September, 27. October und 10. No- vember erkannt. Ungefähr 9. — 10. Grösse. J. A. Parkburst hat mit dem grossen 40 Zöller der Yerkes-Stern warte einige stark veränderliche Sterne in ihrem Minimum beobachtet, das in einzelnen Fällen bis zur 16. und 17. Grösse herabgeht. Es kommen nach seinen Untersuchungen Lichtänderungen um fast 10 Grösse- classen vor. Es wird eine Hauptaufgabe grosser Fern- rohre sein, darüber mehr Beobachtungsniaterial zu liefern, so dass man über die Ursachen so grosser Helligkeits- schwankungen wird Schlüsse ziehen können. Ein neuer planetarischer Nebel wurde von Aitken mit dem .36-Zöller der Licksternwarte entdeckt. Der- selbe wurde bisher als BD + 83° 357 bezeichnet. Im grossen Lickrefractor zeigte er sich als Nebelstern mit einer Nebelhülle von 5" bis 6" Durchmesser und einem centralen Kern 10,5 oder 11. Grösse. — Im ganzen hat das am 31. August 1900 entdeckte Objekt eine Hellig- keit, die der eines Sternes 9,.5. Grösse gleichkommt. Adolf Hnatek. „Ueber das Leuchten der Auer-Glühkörper" publi- cirt Herm. T hie de in den Ber. Deutsch. Chera.-Ges. 33, 183. — Bunte kommt auf Grund von Versuchen von Eitner zu dem Resultat, dass das Lichtemissionsvermögen der gewöhnlich verwendeten Glühkörper nicht wesentlich höher sei als das anderer Körper z. B. Kohle, Magnesia etc. Seine Beobachtungen steüte Eitner in der Weise an, dass er die Helligkeit der verschiedenen Materialien verglich, als sie im elektrischen Kurzschlussofen einer Temperatur bis weit über 2000° ausgesetzt wurden. Kohle, Magnesia, Thor, Cer und Auermischung zeig- ten unter diesen Bedingungen nur sehr geringe Unter- schiede im Strahlungsvermögen. Chas. E, St. John hat bereits ähnliche Versuche an- gestellt und die Eesultate seiner Forschungen in Wied. Ann. niedergelegt; er verglich das Lichtemissionsvermögen der Erden des Zirkons, Lanthans, Magnesiums, Erbiums (Eisen nnd Zink) mit dem des metallischen Platins, zog indessen die Hauptbestandtheile der heutigen Glühstrümpfe, Thor und Cer nicht in das Bereich seiner Untersuchungen. Wurde die Anordnung bei den Experimenten so getroffen, dass mit dem von den Uutersuchungskörpern emittirten Lichte, das von den glühenden Wandungen ausgesandte an der Leuchtfläche reflectirte Licht in das Auge ge- langte, so konnte eine sichtbare Differenz in der Hellig- keit der leuchtenden Flächen nicht constatirt werden. Die Erscheinung erklärt sich damit, dass das Platin- blecli um so viel mehr Licht reflectirt, als es weniger aussendet im Vergleich zu der leuchtenden Fläche der betreffenden Erde. Wurde durch Einschieben eines nicht glühenden Rohrs die Reflexion herabgesetzt, so wurde eine wesentliche Helligkeitsdifferenz beobachtet; so wurde das Emissions- vermögen der angewandten Erden 2, 3— 4 mal so gross als das des Platins gefunden. Einer einwandsfreien Wiederholung der John'scheu Versuche stehen ausserordentlich technische Schwierig- keiten im Wege ; mit Hülfe des Wehnelt-Unterbrechers ge- lang es Verfasser, das Verhalten der Auerkörper zu untersuchen, und zwar leuchtete der Auerkörper imWehnelt- Bogen mit demselben charakteristischen Lichte, das er in einer Buusenflamnie ausstrahlt. Ein zum Vergleich herangezogener Magnesiastrumpf entwickelte in der Bunsenflamme eine wesentlich geringere Leuchtkraft als ein Cer-Thorstrumpf, in der Flamme des Wehnelt-Bogens war ein Unterschied zwischen beiden Glühkörpern nicht bemerkbar, so dass man zu der Folge- rung geneigt erscheint, das Lichteniissionsvermögen beider Körper sei unter solchen Umständen nicht bemerkbar verschieden. Indessen spielen hierbei noch anderen Faktoren eine Rolle. Beim Bewegen des Glühkörpers folgt der Flammen- bogen gern der Bewegung, er haftet gewissermassen an den erhitzten Stellen; der Isolationswiderstand der Glüh- körperchen erfährt durch die Temperaturerhöhung eine Verminderung, so dass man eine direkte Erhitzung des Gewebes durch den Stromdurchgang in Erwägung ziehen muss. Für die Untersuchung wurden Glühstrümpfe folgender Zusammensetzung hergestellt: Nr. I II III IV V VI VII VIII IX pCt. Thoroxyd 100 99 98 97 95 90 75 50 „ Ceroxyd Ol 2 3 5 10 25 50 100 In der Bunsenflamme zeigten diese Mischungen das Maximum der Leuchtkraft bei einem Gehalte von 1 — 2 Procent Cer. Die ersten Glieder zeigten im Wehnelt- Bogeu keinen auffallenden Unterschied im Leuchtvermögen, mit steigendem Cergehalt jedoch nahm die Leuchtkraft schnell ab. Verfasser gelangte bei diesen Veisuchen zu der Ueberzeugung, dass das Leitungsvermögen dieser Oxyde die Ergebnisse stark beeinflusse, so scheint der Leitungswiderstand des Ceroxyds wesentlich geringer als der des Thoroxyds zu sein. Unter solchen Umständen war es recht wohl möglich, dass ein etwa vorhandenes Maximum der Leuchtkraft verdeckt wurde. Es wurde nun versucht etwaige Nebenwirkungen nach Möglichkeit auszuschalten. Ueber dem eigentlichen Lichtbogen bildet sich bei genügender Spannung des Primärstroms eine flammen- ähnliche Erscheinung aus, der Verfasser thunlichst bestrebt war die verschiedenen Cer-Thor-Mischungen auszusetzen, da zu erwarten stand, dass unter solchen Verhältnissen die durch die veränderliche Stromwärme verursachten Nebenwirkungen zum Theil ganz wesentlich zurückge- drängt wurden. Während bei den nicht allzu Cer-reichen Mischungen der Versuch ohne Schwierigkeiten gelang, war es bei Gemischen von sehr hohem Cergehalt äusserst schwierig, den Strumpf genügend in die Flamme ein- zusenken. In der That ergab sich auf diese Weise für die Cer- Thor-Mischungen ein Maximum der Leuchtkraft bei etwa demselben Cergehalte, der auch für die Gebrauchsglüh- körper als der günstigste erachtet wird. Im Gegensatz zu Bunte's Annahme seheint aus Vor- stehendem zu erhellen, dass das hohe Leuchtvermögen eine specifische Eigenschaft der betr. Cer-Thor-Mischungen ist. — Dr. A. Sp. Aus dem wissenschaftlichen Leben. Ernannt wurden: Privatdocent Dr. Adolf Emmerling, Vorsteher der agriculturehemischen Versuchsanstalt der Land- wirthschaftskammer in Kiel, zum Professor. Berufen wurden: Ingenieur Heyn von der mechanisch-tech- nischen Versuchsanstalt in Berlin, als Professor der Technologie an die technische Hochschule in Stuttgart; Dr. Bumra, Professor der Frauenheilkunde in Basel, nach Halle als Nachfolger Professor Naturwissenschaftliche Wochenschrift. XYI. Nr. 4. Fehlings; Dr. Friedrich Schenk, ausserordentlicher Professor der Physiologie in Würzburg, als ordentlicher Professor nach Marburg an die Stelle Prof. Kossels; Dr. A. Robinson, Docent der Anatomie am Middlesex-Hospital, als Professor an das Kings College in London. Es habilitirten sich: Dr. Walther für Physiologie in Peters- burg; ausserordentlicher Titular-Professor Dr. G. Landsberg für darstellende Geometrie, Dr. E. Stolle für pharmaceutische Chemie und Assistent Guntzert für Zahnheilkunde in Heidelberg. Es starben: Dr. R. F. Rancken, Lector der Mathematik und Physik in Helsingfors; zu Uleaborg; Dr. Wollny, Professor in der jandwirthschaftlichen Abtheilung der technischen Hoch- schule in München; Bergassessor Dr. Leo Cremer, Lehrer an der Bergschule zu Bochum und Gewerkschaftsgeologe. Oeffentliche Vorträge des Instituts fdr Meereskunde in Berlin. — Das in der Ausgestaltung begriffene Institut für Meeres- kunde, mit welchem später ein Museum verbunden werden wird, hat für die Zeit vom 19. Januar bis 15. März d. J. die Veran- staltung von Vorträgen über verschiedene auf die Kenntnias des Meeres und dessen Benutzung durch den Menschen bezügliche Gegenstände in die Wege geleitet. Die Vorträge sind öffentlich. Sie sollen allgemein verständlich und ohne Voraussetzung be- sonderer Vorbildung weitere Kreise in die Kunde des Meeres und der neuesten Forschungen über seine Eigenschaften und seine Lebewelt, sowie in das Verständniss des gesammten Seewesens, insbesondere der volkswirthschaftlichen und staatliehen Bedeutung von Schiffahrt, Seeverkehr und Seemacht, einzuführen geeignet sein. Herren und Damen können sich daran betheiligen. Der grosse Hörsaal in dem zukünftigen Gebäude des Instituts und Museums für Meereskunde, Georgen-Strasse 34 — 36, ist für die Vorträge besonders hergerichtet und mit den besten Apparaten für die Vorführung erläuternder Lichtbilder ausgestattet worden. Der Saal bietet Raum für etwa 300 Zuhörer. — Die Vorträge und Vortragscurse, die in diesem Quartal abgehalten werden, sind die folgenden: 1. Herr Geheimer Regierungsrath Professor C. Busley: „Drei Kapitel aus der Geschichte der Seefahrt und der Seegeltung. " — 2. Herr Dr. Carl Chun, Professor an der Universität Leipzig: „Von der deutschen Tiefsee-Expediton." — 3. Herr Dr. Erich von Drygalski, Professor an der Universi- tät: „Die Polarmeere und ihre Erforschung." — 4. Herr Geh. Reg.- Rath Dr. W. Foers ter , Professor an der Universität, Director der Königlichen Sternwarte: „Astronomie und Schiffahrt.* — 5. Herr Kapitän zur See a.D. Foss: „Die Entwickelung und Verwendung des Kriegsschiffes." — G. Herr Dr. Alfed Kirchhoff, Professor der Erdkunde an der Universität Halle: „Das Meer im Leben der Völker." — 7. Herr Dr. R. Kolkwitz, Privatdocent an der Landwirthschaftlichen Hochscliule und an der Universität: „Das Pflanzenleben des Meeres." — 8. Herr Dr. W. Meinardus, Privatdocent an der Universität: „Allgemeine Meereskunde." — 9. Herr Wirklicher Geheimer Admiralitätsrath Dr. G. Neumayer, Director der deutschen Seewarte in Hamburg: „Meereskunde und Schiffahrt." - IG. Herr Dr. Philippi: ,.Der Boden der Meere." — 11. Herr Professor Dr. L. Plate, Privatdocent an der Uni- versität: „Die Thierwelt des Meeres." (Mit Demonstrationen im Aquarium und Museum für Naturkunde.) — 12. Herr Dr. Richard Schmitt, Professor an der Universität: „Die Bedeutung der Seemacht in der Geschichte." — 13. Herr Dr. G. Schmoller, Professor an der Universität: „Die Entwickelung des modernen Weltverkehrs." — 14. Herr Dr. Schumacher, Professor an der Universität Bonn: „Der Seeverkehr in Ostasien." — 15. Herr Assessor Dr. jur. et phil. K. Wiedenfeld: „Die Seehäfen des Weltverkehrs." L i 1 1 e r a t u r. Wilhelm Haacke und Wilhelm Kuhnert. Das Thierleben der Erde. 3. Bande. Mit 6:^0 lextillustrationen unil VM chromo- typographischon Tafeln. 40 Lieferungen zu je 1 M. Berlin, Martin Oldenbourg. Lieferung 2 — 14. Die erste Lieferung dieses Werkes ist in der „Naturw. Wochenschr." XV., S. 263 angezeigt worden. Da mit seiner 14. der erste Band, das Thierleben Europas, seinen Abschluss gefunden hat, so kann jetzt über dieses im Zusammenhang be- richtet werden. Den breitesten Raum nimmt das mitteleuro- päische Thierleben und hier wiederum das der Wälder, ßaumpflanzungen und Gebüsche, ein. Der Verfasser geht in absteigender Folge auf die Wirbelthierklassen, die Kerford- nungen, die Spinnenthiere, die Tausendfüsser, die Krebse, die Schnecken und die Würmer ein. In die Lebensschilderungen, die die zahlreichen genannten Vertreter dieser Gruppen mit ihrer Umgebung iu Beziehung setzen, sind die anatomischen, morpho- logischen, physiologischen und thiergeographischen Thatsachen in sehr geschickter und abwechselungsreicher Weise eingeflochten, sodass sich bei der bekannten flüssigen und gut deutschen Schreib- weise Haacke's die doch so viele Einzelheiten enthaltenden Schilde- rungen in einem Zuge gut lesen lassen. Es folgt ein zweiter Ab- schnitt, das Feld Mitteleuropas. Auch hier wie in jedem fol- genden wird die oben genannte systematische Thierfolge inne gehalten. Da natürlich manche Tliiere in den neu begonnenen Gebieten ebenso wie in einem schon beschlossenen vorkommen, fällt die Darstellung dieser weiteren Gebiete etwas kürzer aus. Als Feldthiere sind hervorzuheben Hase,Mäuse, Hamster, Maulwurf, Laufvögel, Kranich, Rebhuhn, Wachtel, Pieper, Schmätzer, Lerche, Kröten, mannigfache Käfer, Hummeln, Schmetterlinge, Heuschrecke, Maulwurfsgrille, Tausendfüsser, Regenwürmer und Schnecken. Drittens bewohnen menschliche Ansiedelungen Ratten, Hausmaus, Hausmarder, Fledermäuse, Thurmfalk, Eulen, Mauer- segler, Dohle, Sperling, Schwalben, vielerlei schädliche Käfer, Motten, Fliegen, Schaben, Heimchen, Gfhrwürmer, Spinnen, Milben, Mauerasseln. Das Wasser und seine Umgebung beherbergen Biber, Wasserratte, Fischotter, Wasserspitzmaus, Fledermäuse, zahlreiche Vögel, unter ihnen viele Sumpf- und Schwimmvögel, Ringelnatter, Schildkröte, Kröten, Unken, Frösche, viele Fische, die bekannten Wasserkerfe und die Larven vieler weiterer, Wasserspinnen und inilben, zahlreiche Kruster, Egel, Schnecken und Muscheln, Platt- und Fadenwürmer, Moosthiere, Räderthiere, Polypen, Schwämme und Urthiere. Der zweite Iheil der europäischen Thierwelt bewohnt die Grenzländer des Erdtlieiles. Auch diesen Abschnitt gliedert Haacke in vier Abtheilungen. Für Nordeuropa sind die fol- genden Thiere kennzeichnend: Elch, Wisent, Schneehase, Luchs, Wolf, Nörz, Drosseln und andere Singvögel, gewisse Eulen, See- adler, Moorhuhn, Alpenschneehuhn, manche Schnepfen, Regen- pfeifer, Enten, Gänse, Säger, Schwäne. Weiter kommt das charak- teristische Alpenthie rieben zur Besprechung. Hier stehen rtatürlicb Steinbock, Gemse, Murmelthier, einige Mäuse, Alpen- amsel, -flüvogel, -meise, -krähe, -dohle, -Segler, Geier, Steinhuhn in erster Reihe. Als Mitglieder der pontischen Thiergesell- schaft werden vor allem Bär, Desman, Ziesel, Sprosser, Steinadler, Uferschnepfe, Kolbenente, die Störe, Wanderheuschnecke und un- garischer Blutegel genannt. Südeuropa beherbergt die iberische Wildziege, den Mufflon, mancherlei eigenthümliche Singvögel, den Eleonorenfalk, den Schlangenadler, die griechische Land- schildkröte, die Smaragdeidechse, die Aesculap- und die Würfel- natter, die Apisviper, den Scheibenzüngler, den Höhlenmolch, den 01m, mancherlei Kerfe, z. B. die Gottesanbeterin. Die bisher erschienenen Tafeln, die von der Firma Büxen- stein in vortrefflicher Weise wiedergegeben sind, stammen mit Ausnahme von zweien, die afrikanischen Schlangen, eine Agame und den heiligen Pilleukäfer darstellen, und die Weczerzick ge- malt hat, von Kuhnert's Meisterhand. Auch die Textillustrationen hat, soweit sie Säuger und Vögel betreffen, Kuhnert gezeichnet, der sich in die Fische mit A. Specht theilte. Letzterer hat alle Kriechthiere, Lurche, Kerfe, Spinnen, Tausendfüsser, Krebse, Schnecken, Muscheln und Würmer dargestellt. Die Künstler sind in lebenswahrer Darstellung und scharfer Auffassung der be- handelten Thiercharaktere einander würdig. Natürlich bietet dieser bildliche Schmuck des Werkes sehr viel interessantes. Nicht allein, dass viele der hier vorgeführten Thiere bisher über- haupt nicht oder doch nicht so gut abgebildet wurden, so wählten die Maler auch oft Situationen, in denen man selbst bekannte Thiere nicht kannte. Man sieht, wie die Beute erschlichen, ge- jagt, gepackt, verzehrt wird, Familien mit Jungen, Vögel am oder im Nest werden gezeigt, manche Thiere weisen gerade eine auf- fallende oder kennzeichnende Bewegungsform auf (fliegende Vögel, badender Bär, rutschende Gemsen), oder die Thiere werden rufend oder singend vorgeführt. — Die Tafeln werden in regelloser Folge veröffentlicht. Es enthalten die erschienenen Lieferungen daher auch bereits eine ganze Anzahl ausserouropäischer Thiere. Alles in allem darf man mit gutem Grunde das vorliegende neue Thierleben als eine hochwillkommene Ergänzung zu Brehm's trefflichem Werk begrüssen, die sich für alle Thierfreunde und -kenner nicht minder, wie für die breiten Massen des gebildeten Publikums zur Kenntnissnahme empfiehlt. C. Matzdorff. Prof. Ludwig Stelz und Oberhhrer Dr. H. Grede, Leitfaden für den botanischen Unterricht der sechsklassigen Beal- schule bei Verwendung eines Schulgartens. B. G. Teubner in Leipzig, lUUÜ. Vi u. 133 Seiten. S". Das vorliegende Buch besitzt grosse Vorzüge. Es zeigt, dass die Herren Verfasser einen hohen Grad von Lehrerfahrung und Lehrgeschick besitzen. Die Anordnung und Vertheilung des Stoffes ist wohl geeignet, den Schülern ein lebendiges Bild von der Pflanzenwelt zu überliefern. Namentlich ist viel Sorg- falt auf die Erörterung aller biologischen Verhältnisse verwendet worden, doch nicht ohne dass den Verff. einige Irrthümer mit unter- XVI. Nr. 4. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. gelaufen sind. Leider wird aber die Brauchbarkeit des Buches sehr beeinträchtigt durch eine ganz erstaunliche Versündigung namentlich gegen die Morphologie. Sieh her und bleibe Deiner Sinne Meister: „Die Dornen von Berberis sind Nebenblätter" S. 28. „Der Stachel ist ein umgebildetes Blatt (Rose, Stachel- beere)" S. 71. „Trugdoldige ßliithenstände: jede Achse endigt mit einer Bliithe, die folgende wächst aber über die vorher- gehende hinaus. Bei der Trugdolde wachsen die beiden folgenden stärker" S. 75; das verstehe, wer kann. „Ist der Blüthenboden in der Mitte muldenförmig vertieft, so kann der Fruchtknoten tiefer als die anderen Blüthenblattkreise zu stehen kommen. Er heisst dann unterständig (Rose, Lilie)" S. 77. „Die Samen sind geflügelt (Birke, Erle)" und „Die Samen haben schöpf- oder federartige Anhänge (viele Korbblüthler)" S. Sä; daneben noch einige richtige Beispiele. Traubige und doldige BlUthenstände werden S. 74 koordinirt, während doch letztere den ersteren zu subordiniren sind. Erodiuni cicutarium wird S. 75 eine „ein- fache Dolde" zugeschrieben; für den Schüler sieht's ja freilich so aus. „Knäuel ein unregelmässiges Köpfchen (Chenopodium)" S. 75. Für quirlige Blätter dient als Beispiel der Waldmeister; das ist doch auch nur in den Augen eines Schülers richtig. Forsythia unter den Philadelpheen! S. 3. Die Galegee Wistaria wird S. 1 nach Gärtnerart zur Phaseolee Glycine gemacht. Cytisus Andreanus (doch nur Form von scoparius!) und C. albus werden S. 1 und 22 zu Genista versetzt. Alo- pecurus als Aehrengras S. 45. U. 3. w. E. Koehne. Dr. Julius Schmidt, Privatdocent an der königl. technischen Hocli schule Stuttgart, TTeber die praktische Bedeutung chemischer Arbeit. Ferdinand Eucke in Stuttgart I9ll0. — Preis 1,G0 M. Verfasser sucht zu skizziren , inwieweit die Chemie der Praxis, dem gewerblichen Leben genutzt hat. Er bespricht I. Einige Errungenschaften aus der anorganisch-chemischen Tech- nik: 1. Kalisalze, 2. Phosphorsäuredünger, 3. Soda, 4. Schwefel- säure. IL Errungenschaften der Theer- und Farbencheniie. III. Die Rübenzuckerindustrie. IV. Praktische Bedeutung der Elektrochemie. V. Praktische Bedeutung der analytischen Chemie und Agriculturchemie. VI. Bedeutung chemischer Arbeit für die Heilkunde. Der Nutzen, welcher der menschlichen Gesellschaft durch längst bekannte Vorgänge, z. ß. durch die Hüttenprozesse, durch die Zündwaarenfabrikation erwachsen ist, leuchtet Jeder- Dr. Jovan P. Panaotovic, Assistent am technologischen Institut der Universität Berlin, Chemisches Hilfsbuch. Atom- gewichte und deren Multipla , Umrechnungsfactoren und maassanalytische Konstanten. Berlin 1900. Ferd. Dümmlers Verlagsbuchhandlung. — gebunden 2 Mark. Auf Grund der neuen Atomgewichte, welche von der seitens der deutschen Chemischen Gesellschaft zur Aufstellung solcher eingesetzten Commission im Jahre 1898 publiciert sind, hat Ver- fasser des vorliegenden Buches eine Tabelle über die Multipla dieser Atomgewichte veröftentlicht. In einer zweiten Tabelle sind eine Anzahl Umrechnungsfactoren aufgeführt, derart, dass von der durch die Analyse ermittelten Verbindung ausgehend, verschiedene darauf sich beziehende und damit in Zusammenhang stehende Werthe berechnet sind. Z. B. kann man von der Formel für Aluminiumo.xyd ALOj den entsprechenden Werth für Sauer- stoff finden, indem man die gefundene Zahl mit 0,46967 multipli- cirt, für Ala(S04)3, indem man mit 3,36010 multiplicirt u. s. w. Derartige Factoren sind für eine grössere Reihe von Verbin- dungen, wie sie bei analytischen Arbeiten zur Erwägung gelangen, mitgetheilt und, soweit sich Referent durch eine Anzahl Stich- proben überzeugen konnte, rechnerisch richtig angegebet. Es liegt eine sehr fleissige Arbeit in diesen Tabellen vor, die dem Benutzer derselben eine grosse Erleichterung gewähren werden. Ferner finden sich in dem Büchelchen Tabellen zur Bestim- mung des Traubenzuckers, des Stärkemehls, der Maltose, des Milchzuckers, des Invertzuckers, und den Schluss bildet eine Ta- belle über massanalytischc Constanten. Das kleine Werk verdient die Beachtung der praktisch ar- beitenden Analytiker, da es ihnen manche Arbeit des Rechnens abnimmt. Thoms. J. J. Thomson, Les döcharges 6Ieotriques dans les gaz. Traduit de l'anglais, avec des notes par L. Barbillon et une preface par Guillaume. Paris, Gauthier-ViUars. 1900. — Preis 5 Fr. Das grosse Interesse, das sich an die neuerdings gemachten wunderbaren Entdeckungen über elektrische Entladungen in luft- verdünnten Räumen knüpft, hat den Verfasser zu einer zusammen- fassenden Darstellung der elektrischen Entladungserscheinungen in Gasen überhaupt veranlasst. Nach einer die historische Ent- wickelung dieses Zweiges der Physik und seine Bedeutung für die Gegenwart auseinandersetzenden Vorrede Guillaume's werden in einem ersten Abschnitt die verschiedenen Methoden besprochen, mit deren Hilfe es möglich ist. Gasen eine elektrische Ladung zu ertheilen. Der zweite, mit „Effets photo^lectriques" über- schriebene Abschnitt, bespricht die Elektrisiruug der Gase durch glühende Metalle und durch den elektrischen Lichtbogen, die Leitung der heissen Gase und der Flammen, sowie diö Umwand- lung der Gase in Leiter durch Entladungen und die Elektrolyse in Gasen. Im dritten Abschnitt endlich werden die Kathoden- strahlen sehr ausführlich unter Berücksichtigung der neuesten Forschungsergebnisse behandelt. Die Röntgenstrahlen, die wohl gleichfalls zum Thema des Buches gehören, sind nur kurz in ihren wesentlichsten Eigenschaften besprochen, besonders in einer der zahlreichen Noten, welche Herr Barbillon. dem bereits vor einigen Jahren in englischer Sprache erschienenen Werke beigefugt hat, um es auf den Stand des heutigen Wissens zu heben. Für aus- führlichere Behandlung der Röntgenstrahlen wird auf das Werk von Guillaume „Les Rayons X" verwiesen. F. Kbr. Annuaire pour l'an 1901, publik par le Bureau des Longitudes. Avec des notices scientifiques. Prix 1,50 Fr., Paris, Gauthier- Villars. Das Pariser Annuaire, dessen ausserordentlich reichhaltiges Material auf dem Gebiete astronomischer, physikalischer, geo- graphischer und nationalökonomischer Zahlenangaben hinlänglich bekannt sein dürfte, ist in diesem Jahre von besonders werth- vollen, wissenschaftlichen Beigaben begleitet. Unter diesen ist besonders eine umfangreiche Abhandlung von Cornu über elek- trische Kraftübertragung hervorzuheben, welche sich der im vorigen Jahrgang gegebenen Erläuterung der stromerzeugenden Maschinen durch die Vereinigung von wissenschaftlicher Gründ- lichkeit mit lichtvoll populärer Darstellung würdig anreiht. Von grossem Interesse sind ferner die Berichte über die Revision des Meridianbogens von Quito, zu der Frankreich eben eine grosse Expedition ausrüstet, über die Pariser Astronomenversamndung und die Geodätenconferenz des vorigen Jahres, über die Arbeiten auf dem Montblanc-Observatorium und über die Fortschritte der Aeronautik, sämmtlich von den berufensten Vertretern dieser Wissenschaften verfasst. Von hohem Werth ist endlich auch M. Bassot's historische Studie über die Begründung des vor gerade hundert Jahren von Frankreich eingeführten metrischen Maass-Systems unter Beifügung der betreffenden Dokumente. Wenn man in Betracht zieht, dass das Buch ausser diesen, 13 Druckbogen umfassenden Beigaben, einen Umfang von 636 Seiten Tabellenmaterial aufweist, so kommt man zu der Erkennt- uiss, dass das Bureau des Longitudes jedem Abnehmer geradezu ein hochschätzbares Geschenk macht, für dessen freigebige Ueber- lassung auch nach dem Auslande ihm sicherlich wärmster Dank gebührt. F. Kbr. den Erzlagerstätten. Berlin. Beck, Prof. Dr. Rieh., Lehr — 10 Mark. Behrens, Dr. J., Nutzpflanzen. Leipzig, Bormans u. Kraus, Forficulidae und Hemimeridae: „Das Thior- reich Eiue Zusammenstellung und Kennzeichnung der re- centen Thierformen." Berlin. — In Subskription 7 M , Einzel- preis 9 M. Girod, Dr. Paul, Thierstaaten und Thiergesellschaften. Leipzig. - 4 Mark. . Hagenbach, Prof. Ed., Der elektromagnetische Rotationsversuch und die unipolare Induktion. Basel. 2 Mark. Migula, Prof. W., Das Pflanzenreich. Eintheilung des gesammten Pflanzenreiches mit den wichtigsten und bekanntesten Arten. Leipzig. — 0,S0 Mark. --.— Pflanzenbiologie. Leipzig. — 0,80 Mark. Inhalt: Th. Bokomy: Neuere Arbeiten über organische Pflanzenernährung und die Selbstreinigung der Flüsse. — J.B.Scholz: Zweibeinige Bäume. — Experimentelle Studien über Sukkulenten. — Pelzmilben des Bibers. — Astronomische Spalte. — Uober das Leuchten der Auer-Glasglühkörper. — Aus dem wissenschaftlichen Leben. — Litteratur: Wilhelm Haacke und Wilhelm Kunert, Das Thierleben der Erde. — Prof. Ludwig Stelz und Dr. H. Grede, Leitfaden für den botanischen Unterricht der sechsklassigen Realschule bei Verwendung eines Schulgartens. — Dr. Julius .Schmidt, Uober die praktische Bedeutung themischer Arbeit. — Dr. Jovan P. Panaotovic, Chemisches Hilfsbuch. — J. J. Thomson, Les decharges electriques dans les gaz. — Annuaire pour l'an 1901. — Liste. 44 Naturwissenscliaftliche "Wochensclirift. XVI. Nr. 4. Dünnschliffe von Gesteinen pro Stück 70 Pfg. fertigt an Theob. Botz I. Glmsbach a. Glan. (Rheinpfalz.) PATENTBUREAU airich i^. JVlacrz Jnh:C.Schmidtlein.JngEnieur Berlin NW.. Luisenstr. 22. Ferd. Dümmlers Verlaesbh. Berlin. Das I5udi Ißfus. 55ie Ureüiingelten. 3?eu C>urdigc= fel)cn, neu übevfegt, georbnet uiib inie ben Urfpriid)eii ertlört uon Polfgotifl ilr4)bitdj. Oftau-äliiegabe 184 S. 1,50 51?., elcg. geb. 2,25 9)!. S?oll8 = 3lu6gabe L56 © gebimbeii 70 Pfennig. lüfts feWc Itfiis? 3ttiei llreuangelien. iuni JUolf- Qimg ^irdtbait). 256 Seiten Ct= tciu ö iU., eleg. gebunben tl S}i. Ferd. Dümmlers Verlagsb uchha ii tlluag iii Berli n SW . 12. ligeii Tagen gelangen yibhanDlungcn zur potentialtheorie. Dr. Arthur Korn, Ein allgemeiner Beweis der Methoden des alternierenden Verfahrens und der Existenz der Lösungen des Dirich- letschen Problemes im Räume. 34 Seiten gross Oktav. Preis gelieflet 1 Marli. II. Eine weitere Verallgemeinerung der Methode des arith- metischen Mitteis. M Seiten gross OktaY. 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Abonnement: Man abonnirt bei allen liuchhandlungen und Post- y Inserate: Die viergespaltene Petitzeile 40 ^. Grössere Aufträge ent- anstalten, wie bei der Expedition. Der Vicrteljahrspreis ist M 4.- ejb sprechenden Rabatt. Beilagen nach Uebereinkunft. Inseratenannahme Bringegeld bei der Post 15 ^ extra. Postzeitungsliste Nr. 5112. j[ bei allen Annoncenbureaus wie bei der Expedition. Abdruck ist nnr mit vollständig^er Qnellenangabe gestattet. Der zehnte naturwissenschaftliche Feriencursus für Lehrer an höheren Schulen, abgehalten in Berlin vom 3. October 1900 incl. bis Sonnabend 13. October 1900. Bericht, erstattet von Prof. Dr. B. Scliwalbe. Schon iu dem Berichte des 9. Feriencursus waren die Gründe, weshalb der Michaelistermin damals gewählt wurde, kurz dargelegt; sie waren auch für den 10. FeTien- cursus ausschlaggebend, der ebenfalls Michaelis stattfand, wie dies auch für den 11. Cursus iu Aussicht genommen ist, der im Herbst lyOl abgehalten werden soll. Zum Feriencursus 1900 waren einberufen, die im nachstehenden Verzeichniss aufgeführten Lehrer, die so weit nicht Krankheit sie verhinderte, sämmtlicb erschienen waren. Provinz Ostpreusson: I. Director Meissner von der Eealschule zu Pillau. — 2. Prof. Dolega vom Gymnasium zu Allenstein. — 3. Oberl. Dr. Fritsch vom Realgymnasiuui zu Tilsit. — 4. Oberl. Dr. Schirmach er vom Kneiphöfischen Gymnasium zu Königsberg i. Pr. — Provinz Westpreussen: 5. Prof. Dr. Brosig vom Gymnasium zu Graudenz. — 6. Oberl. Hirsch - berg vom Gymnasium zu Strassburg in Westpr. — 7. Oberl. Dr. Abraham vom Gymnasium zu Dt. Krone. — 8. Oberl. Müller vom Progymnasium zu Löbau. — Provinz Brandenburg: 9. Direct. Dr. Hohnhorst von der 6. Realschule hierselbst. — 10. Oborl. Dr. Hoefinghoff vom Gymnasium zu Wittstock. — 11. Oberl. Dr. Linsenbartli von der I.Realschule hierselbst. — 12. Oberl. Johannosson vom Sophien-Realgymnasium hierselbst. — 13. Oberl. Günzel von der 8. Realschule hierselbst. — 14. Oberl. Dr. Lehmann vom Gymnasium zu Eber.swalde. — 15. Oberl. Dr. Bennecke vom Gymnasium zu Potsdam, — IG. Oberl. Grabitz vom Realprogymnasium zu Spremberg. — 17. Oberl. Dr. Wulf von der 12. Realschule hierselbst. — 18. Oberl. Bonke vom Königstädtischen Gymnasium hierselbst. — 19. Oberl. Dr. Schweden vom Luisenstädlischen Realgymnasium hierselbst. — 20. Oberl. Oppler vom Friedricli Wilhelms Gymnasium hier- selbst. — Provinz Pommern: 21. Prof. Dr. Hoppe vom Gym- nasium zu Stolp. — 22. Prof. Tiebe vom Marienstifts-Gymnasium zu Stettin. — 23. Oberl. Dr. Te tzlaff vom Gymnasium zu'Stralsund. — Provinz Posen: 24. Oberl. Könne mann vom Friedricli Wilhelms-Gymnasium zu Posen. — 25. Oberl. Bock vom Realgym- nasium zu Bromberg. — 26. Oberl. Masucli vom Gymnasium zu Rogasen. — 27. Oberl. Schild vom Gymnasium zu Meseritz. — Provinz Schlesien: 28. Oberl. Dr. Beck vom Pädagogium in Niesky. — 29. Oberl. Wangemann vom Progymnasium in Sprottau. — 30. Oberl. Dr. IJaumert vom Progymnasium in Striegau. — 31. Oberl. Trzoska vom Gymnasium zu ßeuthen Ob.-Schl. — 32. Oberl. Wende vom Gymnasium zu Wohlau. — 33. Oborl. Griitzner vom Gymnasium zu Sagan. — Provinz Sachsen: 34. Oberl. Dr. Schumann vom Realgymnasium zu Nordhausen. — 35. Oberl. Bühring vom Fürstlichen Gymnasium zu Wernigerode. — 36. Oberl. Dr. Dörge von der Realschule zu Quedlinburg. — 37. Oberl. Schrader von der Oberrealschule zu Halberstadt. — Provinz Schleswig-Holstein: 38. Oberl. Pries vom Gymnasium zu Rendsburg. — 39. wissenschaftlicher Hilfslehrer Gaodke von der Willielmsschule zu Segeberg. — Provinz Hannover: 40. Prof. Häseler von der Leibnizschule zu Hannover. — Provinz Hessen-Nassau: 41. Oberl. Dr. Meyer vom Lossing-Gymnasium zu Frankfurt a. M. — Rhein- provinz: 42. Oberl. Dr. Herwig vom Gymnasium zu Saar- brücken. — 43. Oberl. Sarrazin vom Gymnasium zu Neuss. — Ausserdem: 44. Oberl. Dr. Gustav Meyer von der Landwirth- schaftssehule zu Dahme. Auch diesmal nahm an den Vorlesungen wie an den Demonstrationen eine grössere Zahl von Lehrern aus Berlin und den Vororten Theil. Bei der Einberufung waren hauptsächlich die östlichen Provinzen berücksichtigt, während für den Göltinger Feriencursus vorzüglich die westlichenProvinzen in Betracht kommen und au dem Frank- furter Cursus alle Provinzen gleichmässig theilnehmen, da derselbe in besonderer Weise durch praktische Curse (z. B. in Elektrotechnik) entwickelt ist. Da der letztere auch Michaelis stattfand und zahlreich (40) besucht war, hat sich das Bedürfniss für diese Feriencursc wieder klar herausgestellt, die, so hoffen wir, eine stehende Ein- richtung der preussisehen Unterrichtsverwaltung bleiben werden und vielleicht sich noch weiter nach der einen oder anderen Seite hin entwickeln können. Die Ausstellung, welche diesmal wiederum mit dem Naturwissenschaftliche Wochenschrift. XVI. Nr. 5. Cursus verbunden war, iimfasste hauptsächlich Unterrichts- mittel für Geographie und die biologischen Wissenscliaften (Zoologie- Botanik.) Ausserdem hatte das Dorotheen- städtische Kealgymnasium einen Theil seiner Sammlungen ausgestellt, da sich in denselben viele Präparate und Apparate besonderer Art, ja Unika vorfinden und auch An- schauungsmittel in reicher Menge enthalten sind, die für den Anknüpfungs- und encyklopädischen Unterricht gut ver- werthet werden können. Um nur auf einen Theil der Sammlung hinzuweisen, mag die geographische Sammlung besonders hervorgehoben werden, weil dieselbe so reich- haltig ist, dass der geographische Unterricht überall durch besonders gewähltes Anschauungsmaterial in allen seinen Theilen (auch der mathematischen Geographie) unter- stützt werden kann. Herr Oberlehrer Bohn hat in den wissenschaftlichen Beilagen zum Programm des Dorotheen- städtischen Realgymnasinms 1899, 1900, 1901 eine Dar- stellung der geographischen Hilfsmittel des Dorotheen- städtischen Realgymnasiums mit Hinweis auf ihre metho- dische Anwendung und Handhabung gegeben. Ein Theil der ausgestellten Apparate diente auch direkt zu beson- deren Demonstrationen. Besonderes Interesse hatte die Ausstellung noch da- durch, dass sie einen theilweisen Vergleich mit den Unter- richtsmitteln der französischen Welt-Ausstellung gestattete, die nicht zu Ungunsten der deutschen Ausstellung ausfiel. Man kann wohl behaupten, wie dies von Kennern der naturwissenschaftlichen Unterrichtsmittel geschehen ist, dass in dieser Beziehung die deutschen Schulen durchaus nicht hinter den französischen zurückstehen und sie ihnen sogar in vielem überlegen sind. Um ein Bild über die Ausstellung zu geben, ist im Anhang eine etwas ausführliche Beschreibung gegeben. Von einer Darstellung der Sammlungen des Dorotheen- städtiseheu Realgymnasiums ist Abstand genommen, ebenso von der Besehreibung der Demonstrationen und Versuche, die von Director Schwalbe und den Herren Dr. Böttger und Lüpke, Schwann, Hahn und anderen gegeben wurden. Die Vorzüge kleiner, eng begrenzter Ausstellungen sind so hervorgetreten, dass von nun ab die Ausstellungen einen besonderen Theil der Darbietungen für den Ferien- cursus ausmachen werden und zwar in der Weise, dass abwechselnd besonders Geographie und Biologie, dann beim folgenden Cursus Physik und Chemie berücksichtigt werden sollen, während die Sonderausstellungen des Doro- theenstädtischen Realgymnasiums gewisserinaassen beide Theile umfassen. So ist für den Herbst 1901 eine Aus- stellung für Chemie und Physik seitens der Firmen und die Ausstellung der geographischen Sammlungen des Dorotheenstädtischen Realgymnasiums auf Grund der Ver- öffentlichungen des Herrn Oberlehrers Bohn geplant. Die Ausstellung, um deren Zustandekommen und Auf- stellung sich die Herren Oberlehrer Röseler, Opitz, Hahn und die Candidaten des pädagogischen Seminars am Dorotheenstädtischen Realgymnasium besonders ver- dient gemacht haben, fand, wie ein grösserer Theil der Vorlesungen in den Räumen des Dorotheenstädtischen Realgymnasiums statt. Eine grosse Anzahl von Preiscouranten und Schriften, die für den naturwissenschaftlichen Unterricht von Wichtig- keit sind, so die „Naturw. Wochenschrift" (Potonie), die „Naturw. Rundschau" (Sklarek), „Zeitschrift für physi- kalischen und chemischen Unterricht" (Poske), Unterrichts- blätter (Pietzker, Schwalbe) standen zur Verfügung. Der Cursus wurde durch Herrn Dr. Schwalbe er- öffnet, mit einem kurzen Rückblick auf die Entwickelung und die Geschichte der Feriencurse, sowie durch Erinne- rung an diejenigen, welche aus ihrer Thätigkeit, die sie auch den Feriencursen zugewendet hatten, durch den Tod abberufen waren (Kundt, Dames, Hauchecorne). Ein Ver- gleich zwischen der Eröffnung des ersten und des zehnten Feriencursus bot Veranlassung, die wichtigsten Momente in der Entwickelung hervorzuheben, die in einer besonderen Vorlesung dargestellt werden sollte. Da dieselbe wegen der der Eröffnung sich anschliessenden Besichtigung nicht gehalten werden konnte, wird die Geschichte der Ferien- curse mit Rücksicht auf die Entwickelung der Veranstal- tungen, die jetzt zur besonderen Fortbildung der Lehrer der Naturwissenschaften getroffen sind, durch Director Schwalbe besonders veröffentlicht werden. (Erseheint als Broschüre: Geschichte der Feriencurse. Zugleich sprach der Vortragende den Dank für die Förderung des naturwissenschaftlichen Unterrichts durch Staat und Stadt aus. Herr Geh. Ober-Regierungs-Rath Gruhl wohnte seitens des Unterrichts-Ministeriums der Eröffnung des Cursus bei und besichtigte die Sammlungen und die Aus- stellung, indem zugleich eine Anzahl von Apparaten be- sonders demonstrirt wurde, nachdem den Theilnehmern noch betreffs der Excursion die erforderlichen Benachrichti- gungen und andere geschäftliche Mittheilungen gemacht waren. Auch diesmal war die Leitung den Herren Provinzialschulrath Vogel und Direktor Schwalbe über- tragen. Das nachfolgende Programm war für den Ferien- cursus aufgestellt worden. I. Eröffnung. Mittwoch, den 3. Üctober, 10' ■, Uhr, in der Aula des Dorotheen- städtischen Healgymnasiums durch Director Prof. Dr. Seh w albe. Eröffnungsrede desselben: ,,Ueber die historische Entwickelung und Bedeutung der naturwissenschaftlichen Feriencurse." Im Anschluss hieran die unten unter III, 1 und 2 angeführton Be- sichtigungen. II. Vorträge. 1. Prof. Dr. Rubens: „Ueber den Einfluss der verschiedeneu Strahlengattungen (Becquerel- Strahlen, Röntgen -Strahlen, ultraviolettes Licht u. s. f.^ auf elektrische Entladungen. — 2 Stunden. 2. Prof Dr. van't Hoff: „Die Stassfurter Salzvorkomrnnisse vom physikalisch-chemischen Standpunkte." — 2 — 3 Stunden. 3. Prof. Dr. Warburg: „Ueber magnetische Hysterese." — 1 — 2 Stunden. 4. Dr. Spies: ,.Ueber flüssige Luft mit Rücksicht auf ihre Verwendbarkeit zu Schulversuchen." — 2 Stunden. 6. Prof. Dr. Poske: „Zur Methodik des physikalischen Unter- richts." — 3—4 Stunden. 6. Geheimer Regiorungs-Rath Prof. Dr. von Bezold: „Zur Theorie des Erdmagnetismus " — 3 Stunden. 7. Prof. Dr. Szymanski: , Schulversuche über elektrische Wellen." — 3—4 Stunden. 8. Geheimer Kegierungsrath Prof. Dr. Slaby: „Die Telegraphie ohne Draht", mit Demonstrationen. — 2 Stunden. 9. Geheimer Regierungsrath Prof Dr. Seh wenden er: a) „Die Flugapparate der Früchte und Samen". — 2 Stunden. b) „Das Winden und Klettern der Pflanzen." — 2 Stunden. 10. Geheimer Kegierungsrath Prof. Dr. Möbius: „Bau und Lebensweise der Cctaceen unter Erklärung der in der Schausammlung des Museums für Naturkunde aufgestellten anatomischen und biologischen Präparate." — 2 Stunden. 11. Prof. Dr. Wahnschaffe: „Ueber die Endmoräne Nord- deutschlands." — 1 Stunde. 12. Prof. Dr. Potonie: „Ueber die durch Pflanzcnfossilo ge- gebenen Beiego für die fortschreitende, höhere Organisation der Pflanze". — 1—2 Stunden. III. Besichtigungen: 1. Der im Dorotheenstädtischen Realgymnasium veran.stalteten Ausstellung botanischer, zoologischer und geographischer Lehrmittel unter Führung des Provinzial - Schulrathes Dr. Vogel. 2. Der Schulsammlungen dos Dorotheenstädtischen Realgym- nasiums, sowie der in der Aula zu naturwissenschaftlichen Vorträgen getroffenen Einrichtungen unter Leitung dos Directors Prof. Dr. Schwalbe. 3. Des physikalischen, elektrotechnischen und Maschinentech- nischen Laboratoriums der Königlichen technischen Hoch- schule zu Charlottenburg. XVI. Nr. 5. Naturwissensohaftliclie "Wochenschrift. 47 4. Der mechanisch-technischen Versuchsanstalt sowie der physi- kalisch-technischen Reichsanstalt zu Charlottenburg. 5. Des neuen chemischen Instituts der Universität unter Leitung des Geheimen Regievungsrathes Prof. Dr. Fischer. 6. Der alten Urania (Invalidenstrasse 57—62) und der daselbst für physikalische und biologische Curse getrotfeven Veran- staltungen unter Leitung des Directors Dr. Schwalbe und des Piovinzial-Schulrathes Dr. Vogel. 7. Des Museums für Naturkunde unter Führung des Geheimen Regierungsrathes Prof Dr. Möbius. 8 DtT Königlichen Bergakademie und geologischen Landes- anstalt. Etwaigen Wünschen der Theilnehmer entsprechend, je nach der zur Verfügung bleibenden Zeit, ferner: Besichtigung der Berliner Elektrizitätswerke, des Postmuseums, der Borsigwerke, der Werkstätten von Siemens und Halske, einer chemischen In- dustrieanlage u. s. f. IV. Excursion und Sohluss. Ein- und einhalbtägigo geologische Exkursion nach Feldberg in Mecklenburg unter Führung des Königlichen Landesgeologen Prof Dr. Wahnschaffe. Schluss dos Cursus daselbst durch Provinzial - Schulrath Dr. Vogel. Das Programm kam mit wenigen Abänderungen zur Durcliführung. Für Herrn Geheimrath Slaby, der durch besondere Veranlassung verhindert war, trat Herr Prof. Wedding ein und trug über die neuesten Be- leuchtungsmethoden vor; für Herrn Geheimrath Möbius, der erkrankt war, übernahm Herr Geheimer Regierungs- rath Prof. Dr. v. Slartens die Demonstrationen im zoologi- schen Museum. Die Führung duicli die Königliche geo- logische Landesanstalt und Bergakademie übernahm der Leiter dieser Anstalten, Herr Geheimer Bergrath Schmeisser. Auf die einzelnen Punkte, die sonst noch bei den Feriencursen zur Erörterung und Durchführung kamen, soll hier nicht eingegangen werden, da in der Schrift, die von Director Schwalbe herausgegeben wird, diese Momente hervorgehoben werden sollen, ebenso kommen dort auch einige der methodischen Demonstrationen, die bei einzelnen Fejiencurscn und namentlich auch dem zehnten gegeben wurden, zur Darstellung. Hier mögen nur die Berichte, welche von den Herren Dozenten ein- gesandt sind, und eine Schilderung der Ausstellung, mit- getheilt werden. Prof. Rubeus: lieber die Wirkung des Lichts und anderer Strahlenarten auf elektrische Ent- ladungen. Der Vortragende ging von der grundlegenden Ent- deckung aus, welche Heinrich Hertz im Jahre 1887 ge- legentlich seiner Untersuchungen über schnelle elektrische Schwingungen machte, indem er den Einfluss des ultra- violetten Lichts auf elektrische Funkenentladungen zuerst wahrnahm. Dieses Phänomen wurde von dem Vortragenden unter Benutzung verschiedener Lichtquellen vorgeführt und der ultraviolette Charakter der wirksamen Strahlen aus ihrer Lage im Spektrum sowie aus ihrer Absorbirbarkeit demonstrirt. An diese Versuche schloss sich eine Be- sprechung der Arbeiten von Halhvachs und Elster und Geitel nebst Vorführung der entsprechenden Experimente. Weiterhin demonstrirte der Vortragende die entladende Wirkung, welche Kathodenstrahlen, Röntgenstrahlen und Becquerelstrahlen auf elektrisch geladene Leiter ausüben und wies auf den wichtigen Unterschied hin, welcher hinsichtlich der Wirkung dieser drei Strahlengattungen einerseits, und derjenigen des ultravioletten Lichts anderer- seits besteht. Während nämlich sich das ultraviolette Licht gegenüber negativ geladenen Leitern viel wirksamer erweist, als gegenüber positiv geladenen, ist ein derartiger Unterschied für die übrigen Strahlengattungen nicht vor- handen. Der Vortragende führte aus, dass nach den neuen Untersuchungen Lenards dieses abweichende Ver- halten des ultravioletten Lichts darin seinen Grund hat, dass dasselbe eine doppelte Wirkung hervorbringt, näm- lich erstens eine Jonisirung der Luft, welche eine Ent- ladung positiver und negativer Elektrizität in gleichem Maasse herbeiführt und zweitens die Aussendung von Kathodenstrahlen durch negativ geladene oder unelektrische Leiter. Im Allgemeinen superponiren sich beide Vorgänge, wodurch die beobachtete Einseitigkeit der Wirkung ihre Erklärung findet. Nach Beendigung des Vortrags wurde eine Besichti- gung des neu eingerichteten physikalischen Uebungs- praktikums unter Führung des Herrn Rubens vorgenommen. Rubens. An diese schloss sich der Besuch der mechanisch- technischen Versuchsanstalt unter Leitung des Directors Herrn Prof. von Martens. Von besonderem Interesse waren die direkt ausgeführten Festigkeitsermittelungen ver- schiedener Materialien und der dazu erforderlichen Ma- schinen und Methoden. Die jetzt durchgeführte Festigkeits- prüfung und Normirung der Papiersorten gab Aufschluss über die jetzige Papierbewerthung und auch Anregung, die Frage, wie weit die Technik und technische Methoden im Unterricht zu berücksichtigen sind, zu besprechen. Auch hier, wie überall, sprachen die Leiter des Cursus den Herren, die die Feriencurse förderten und unterstützten, den aufrichtigsten Dank aus. Prof. Dr. W. Wedding: Fortschritte in der Beleuchtungstechnik. Die Anforderungen an eine brauchbare Lichtquelle lassen sicli in fünf Bedingungen aufstellen. Eine praktisch brauchbare Lichtquelle muss erstens eine gewisse Hellig- keit besitzen, die heutigen Tages in den Grossstädten für die Beleuchtung von Arbeitsplätzen auf 30—50 Kerzen gestiegen ist, wobei zu berücksichtigen ist, dass das hygienische Minimum 10 Meterkerzen beträgt, und dass man bei 50 Meterkerzen dauernd ohne Anstrengung ebenso gut arbeiten kann wie bei gewöhnlichem Tageslicht. Zweitens soll eine Lichtquelle möglichst wenig Wärme entwickeln, d. h. der specifische Verbrauch oder der Ver- brauch für die Erzeugung einer Kerze soll möglichst gering sein; von dieser Bedingung sind aber unsere Licht- quellen durchweg noch weit entfernt. Zwar ist in dieser Beziehung das elektrische Licht das vollkommenste, aber noch weit ab vom Ziel. Drittens soll eine Lichtquelle keinen zu grossen Glanz besitzen d. h. der von der Ein- heitsoberfläche ausgehende Lichtstrom darf nicht zu gross sein, um nicht eine Blendung hervorzurufen. Viertens sollen die Verbrennungsproducte möglichst nicht vorhanden oder wenigstens unschädlich sein; diese Bedingung wird vollkommen nur von dem elektrischen Glühlicht erreicht. Fünftens sollen die Ausgaben für die Brenn- oder Lampen- stunde möglichst gering sein, d. h. die Wirthschaftlichkeit soll hoch, die Kosten sollen gering sein. In einer grösseren Tabelle hatte der Vortragende für die verschiedensten Lichtquellen die Werthc für die Licht- stärken, den stündlichen Verbrauch, den specifischen Ver- brauch, die aufgewendete Wärmemenge und die Kosten für die Kerzenstunde und für die Lampenstunde zusammen- Zur weiteren Erläuterung wurden die verschiedenen Lichtquellen in der Form des oifenen Schnittbrenners für Leuchtgas, des Argandbrenners, des Gasglühlichtes, des 48 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. XVI. Nr. 5. Pressgases oder Kugellichtes, des Acetylcns nebst einer vollständigen kleinen Centrale, des SpiritusglUhlichtes, des Lucinlichtes, des Petroleumlicbtes, des Petroleumglühlichtes, des elektrischen Glüblichtes, des Bogenlichtes für Gleich- strom, Wechselstrom und für eingeschlossenen Lichtbogen, des Nernstlichtes und des neuen Bremer'sehen Bogen- lichtes vorgeführt. In der weiteren Besprechung zeigte der Vortragende, wie man in dem Wettbewerb je nach dem Zweck und Ziel bald das eine, bald das andere Licht als das beste und wirthschaftlichste betrachten kann. An den Vortrag schloss sich ein Rundgang und die Besichtigung des Maschinensaales im elektrotechnischen Laboratorium an, bei welcher Gelegenheit noch einige Versuche über die Parallelschaltung von Wechselstrom- maschinen, Belastung von Synchronmotoren, sowie einige Wechsel- und Drehstromexperimente vorgeführt wurden. Wedding. Man vergleiche auch den Vortrag in der .,Naturw. Wochenschr." 1900, XV, No. 1, S. 2. Plieran schloss sich am Nachmittag für die Theil- nehmer des Feriencursus die Besichtigung der physikalisch- technischen Reichsanstalt. Herr Director Hagen und die Herren Abtheilungsvorsteher hatten die Erklärung der einzelnen Arbeiten, welche in der technischen Abtheilung ausgeführt werden, übernommen und die Führung in freundlichster Weise geleitet. Es ist eine Aufgabe der Ferieneurse, gerade die Besichtigung der verschiedensten Institute zuvermitteln und so ist es auch diesmal dank dem Entgegenkommen der verschiedenen Herrn Directoren möglich gewesen, eine grosse Reihe von interessanten Besichtigungen vorzunehmen. Prof. Dr. E. Warburg: lieber magnetische Hysteresis.*) 1. In einer Einleitung über magnetische Grundbegriffe wurde der Unterschied zwischen der wahren und der äusseren Feldstärke, ferner der Unterschied zwischen magnetischer Feldstärke und magnetischer Induction, resp. zwischen Feldkraftlinien und Inductionskraftlinien oder Inductionslinien besprochen. Letzteres geschah vor- zugsweise im Anschluss an den Fall des gleichmässig bewickelten Eisenrings, bei welchem das Eisen die von der Spule hervorgerufene Feldstärke ungeändert lässt, dagegen die Induction ausserordentlich erhöht. Im Fall ungeschlossener Eisenmassen treten die Inductionslinien als Feldkraftlinien in die Luft aus. 2. Der fundamentale Versuch über die Feldhysteresis wurde in seiner ursprünglichen Form vorgeführt.**) Oest- licli von der Magnetometernadel befand sich die Magneti- sirungsspule S (40 cm lang, 5 mm Lumen, enthaltend fünf Drahtlagen, jede mit etwa 10 Windungen pro Centi- meter), deren Wirkung auf die Nadel durcli eine kleine Compensationsspule C compensirt wurde. In S wurde eine passende Zahl weicher Eisendrähte geschoben. Der Stromkreis, in welchem alles hinter einander geschaltet ist, enthält zwei Accumulatoren, einen durch Schleifcontact regulirbaren Widerstand R bis 300 fi, ein Vorlesungs- milliamperemeter von Hartmann und Braun, dessen Em- pfindlichkeit durch einen Nebenschluss auf den zehnten Theil herabgesetzt ist. In der Spule kann der Strom coramutirt werden. Die Ablenkungen der Magnetometer- nadel werden durch objective Spiegelablesung beobachtet. *) Bezeichnungen: ö magnetische Feldstärke, 93 Induction, RKemanenz, C Cogreitivkraft; alles in elektromagnetischen C. G. S.- Einheiten. E Hysteretischer Aibeitsverlust in Erg per Cydus. **) E. Waiburg, Freib. Ber. Bd. 8, Dec. 1880. Auch Wied. Ann. 13, 141 1881. Man zeigt, dass, wenn die Stromstärke zwischen — i und + i, cyclisch variirt wird, erst fortwährend ansteigend, dann fortwährend absteigend, zu jedem Werth der Strom- stärke bezw. Feldstärke zwei Werthe des magnetischen Moments gehören, und zwar ist das positive Moment grösser wenn die positive Feldstärke im Abnehmen, als wenn sie im Wachsen begriffen ist. Es wurde darauf hingewiesen, dass der permanente Magnetismus ein specieller Fall der Feldhysteresis ist. Trägt man für einen Cyclus die wahren Feldstärken als Abscissen, die Inductionen als Ordinaten auf, so erhält man eine geschlossene Curve, die Hysteresisschleife. 3. Die Hysteresisschleife wurde nach Ängström*) durch Kathodenstrahlen mittelst der Braun'schen Röhre objectiv dargestellt. Am Diaphragma der Röhre sind senkrecht zur Röhrenaxe zwei gleiche Magnetisirungs- spulen (wie S unter No. 2) angebracht, die sich in ihrer Wirkung aufheben. Ebenda befindet sich eine Spule I ebenfalls senkrecht zur Röhrenaxe und senkrecht zu den Magnetisirungsspulen. Alle Spulen sind hinter einander mit dem unter No. 2. erwähnten Widerstand R in den Kreis einer Wechsclstrommaschine eingeschaltet, die durch einen Gasmotor betrieben wird. Unter der Wirkung der Spule I wird der Lichtfleck zu einer geraden Linie ausgezogen. Als man nun einen langen, 2 mm dicken Stahldraht in die eine Magnetisirungsspule einführte, er- schien die Hysteresisschleife auf dem fluorescirenden Schirm; ihre Gestalt konnte durch Regulirung des Wider- standes R variirt werden. Man zeigte auch, indem man zugleich mit dem Stahldraht eine ihn umschliessende ungefähr 1 mm starke Messingröhre einführte, dass durch die Wirkung der hinzutretenden Foucaultströme die Hysteresisschleife sich verbreiterte und an den Ecken ab- rundete. Bei weichem Eisen sind die Schleifen zu wenig geöffnet, um aus der Ferne gesehen zu werden. — - Zweck- mässig ist die Benutzung eines kleinen Hülfsmagneten an der Braun'schen Röhre, um die Axe des Kathodenstrahl- bündels auf die Mitte des Lochs im Diaphragma zu richten. 4. Es wurde der Satz bewiesen, dass die während des Cyclus am Draht geleistete und in ihm als Wärme :n mal Flächeninhalt der hysteretischen Schleife, wobei Feld ■ Intensität und Induction in absoluten elektromagnetischen C. G. S.-Einheiten zu rechnen sind.**) Es ist hier ange- nommen, dass die wahre Feldstärke der äusseren gleich ist. 5. Die Bedeutung dieses Arbeitsverlustes für die Trans- formatoren wurde an dem Beispiel eines Transformators erläutert, der 90 kg Eisen enthält und bei 50 Wechseln pro Sekunde und einer maximalen Induction von 5000 C. G. S. eine Leistung von drei Kilowatt besitzt. Ist E der hyste- retische Arbeitsverlust in Erg pro Cyclus, so ist der hyste- retische Eftectverlust hier ö.S-lO-^-E-Kilowatt. Je nach- dem man nun, für die Maximalinduction 5000, E = 910 (Ewing's bestes Eisen) oder 1430 (gutes Eisen nach Parshall) oder 3990 (minderwerthiges Eisen nach demselben) setzt, ergiebt sich ein Effectverlust von 1,8, 2,8 oder 7,9''/o' Dieser Verlust erscheint noch grösser, wenn man bedenkt, dass er in dem unbelasteten Transformator ebenso wie in dem belasteten auftritt. Diesen Thatsachen verdankt die Hysteresis die Auf- merksamkeit, deren sie seit dem Jahre 1887 in der Elektrotechnik gewürdigt wird, freilich mit dem nicht erfolglosen Bestreben, sie möglichst unschädlich zu machen, d. h. ein möglichst hysteresisfreies Transformator- eisen zu finden. '■) K. Ängström, Physical Kcvi ''■) E. Warburg 1. c. Vol. X, Febr. 19(10. XVI. Nr. 5. Naturwissenscliaftliclie "Wochenschrift. 49 6. Nähere Beg-riffsbestimmung der Hysteresis. Auch bei hysteresisfreiem Eisen würde in Folge der Foucanlt- strümc die graphische Darstelkmg der Induktion als Funktion der Feldstärke für einen mit Wechselstrom be- triebenen Elektromagneten eine der hysteretischcn ähn- liche Schleife liefern, welche sich aber in eine einzige Linie zusammenzöge, wenn die Periode des Wechsel- stroms unendlich gross, d. h. die Geschwindigkeit der Feldstärkenänderung unendlich klein würde. Dieser Fall fällt nicht unter den Begriff der Hysteresis, obgleich die Beziehung zwischen Arbeitsverlust und Sehleifcnfläche bestehen bleibt. Ferner ist für die Hysteresis charakte- ristisch, dass, wenn das Feld in einfach stationärem Cyclus zwischen — $i' und -+- 1)' variirt, d. h. so, dass es von — ^' bis -4- §' fortwährend wächst, von + ^' bis — |)' fortwährend abnimmt, dann nach einigen Wiederholungen des Cyclus immer zwei bestimmte Werthe der Induktion einem Werth der Feldstärke entsprechen. Man kann daher sagen, dass Hysteresis stattfindet, wenn, indem eine Variable X sich unendlich langsamiu einfach stationärem Cyclus ändert, eine von x abhängige Eigenschaft y eines Körpers sich so ändert, dass zwei Werthe von y einem Werth von X entsprechen. An den ferromagnetischen Körpern hat mau ausser der bisher besprochenen Feldhysteresis noch zwei andere Arten von Hysteresis, nämlich Deformations- hysteresis und Temperaturhysteresis beobachtet. Die Deformationshysteresis wurde zuerst von Sir. W. Thomson [Lord Kelvin]*) bemerkt, als er einen unter dem Einfluss der Vertikalcomponente des Erdmagnetismus stehenden Eisendraht cyclisch veränderlicher Torsion unterwarf. Die Magnetisirung nahm im Allgemeinen mit wachsender Torsion ab, war aber bei derselben Torsion grösser, wenn die Torsion im Zunehmen, als wenn sie im Ab- nehmen begriffen war. Temperaturhysteresis entdeckte J. Hopkinson**) an Nickelstahl mit 257o Nickel. Die ferromagnetische Sus- ceptibilität geht dieser Legirung gegen 580° verloren, fängt aber bei der Abkühlung erst etwas unter 0° an wieder aufzutreten, wächst bis — 57», wächst weiter beim Wiedererwärnien und verschwindet gegen 580". Bei cyclischer Veränderung der Temperatur entsprechen also zwischen —57° und -i- 580° zwei Werthe der Induktion einem Werthe der Temperatur. Auch bei kleinerem Nickelgehalt tritt Temperaturhysteresis ein, während bei grösserem die Induktion eine ein werthige Funktion der Tem- peratur ist. Guillaume***) nennt die ersteren Legirungen irreversibel, die letzteren reversibel. Es wurde ein Experiment mit irreversiblem Nickelstahl vorgeführt. Nach der gegebenen Definition ist Hysteresis, wenigstens bezüglich physikalischer Eigenschaften, nur bei ferro- magnetischen Körpern beobachtet worden. Die hyste- retischcn Effekte, welche man bei der Polarisation der Dielektrika beobachtet zu haben glaubte, scheinen von einem schwachen elektrischen Leitungsverniögen herzu- rühren, würden also bei unendlich langsamen Cycleu ver- schwinden. Man sollte daher überhaupt nicht von dielektrischer Hysteresis sprechen. 7. In sehr schwachen Feldern bis 0,04 C. 6. S. giebt es keine Hysteresis, zugleich ist dort die Induktion der Feldstärke proportional, f) In stärkeren Feldern hört diese Proportionalität auf, zugleich wird Hysteresis be- merklich. „As soon as the line ceases to be straight, it ceases also to be Single" (Lord Rayleigh 1. c). Man kann daher das Verhalten des Eisens gegen eine äussere Sil- W. Thomson, Phil. Trans. 1879, t. 180, i Proc. Roy. See. 47,23 und 138 **) J. Hopki Ib. t. 48,1 189U. ***) Ch. E'd. Guillaume, Aicli. sc. phys. de Genfeve 1898, t 55, 255. t) Lord Rayleigh, Phil. Mag. (5) 1887, t. 23, 225. magnetische Kraft mit der Deformation eines elastischen Körpers durch einen äusseren Zwang vergleichen. Die „magnetische Elasticitätsgrenze" liegt bei ^ = 0,04 C. G. S. 8. In etwas stärkeren Feldern sind die Aeste der Hystercsisschleife Linien 2. Grades, der Hysteresisverlust ist der 3. Potenz der maximalen Feldstärke im Cyclus proportional.*) 9. Für stärkere Felder kennt man keinen analytischen Ausdruck für die hysteretische Schleife. Man charakterisirt sie hier durch die "maximale Feldstärke (^') die maximale Induktion CSß'), die Remanenz — d. i. die für § = übrig bleibende Induktion — , die Coercitivkraft — d. i. die negative Feldstärke, welche die positive Remanenz auf reducirt —endlich den hysteretischcn Arbeitsverlust pro Cyclus E = lj's3d§. Wenn bei der maximalen Feldstärke der Grenzwerth der Magnetisirung praktisch als erreicht angesehen werden darf, so heisst der Cyclus ein vollständiger. Der vollständige Cyclus erfordert für weiches Eisen eine maximale Feldstärke von 150 C. G. S., für harten Stahl eine von 300 C. G. S. Die für eine Eiseusorte an- gegebenen Werthe der Coercitivkraft und der Remanenz beziehen sich gewöhnlich auf einen vollständigen Kreis- process. 10. Die Methoden ersten Ranges zur Bestimmung der hysteretischcn Schleifen oder Inductionscurven, die Methode des ringförmigen Elektromagneten (ballistische Methode) und die des EUipsoids (magnetometrische Methode), sind für die Technik zu unbequem, besonders weil sie eine unbequeme Form des Eisens verlangen. Die in der Technik gebräuchlichen Jochmethoden (z. B. Apparat von Koepsel, magnetische Wage von du Bois) sind auf kurze Eisenstäbe anwendbar, welche durch das Joch, einen dicken Bogen aus weichem Eisen, zu einem geschlossenen Kreise ergänzt werden. Das Joch beseitigt den freien Magnetismus der Stabenden, welcher das Feld ungleich- förmig macht und die Bestimmung jler wahren Feldstärke vereitelt.**) 11. Wenn eine Eisenscheibe unter einem Magneten rotirt, so wird durch Hysteresis der Magnet mitgenonimeu, da von dem in einer bestimmten Lage der Scheibe in ihr inducirten Magnetismus etwas zurückbleibt, wenn diese Lage bei der Rotation bereits verlassen ist.***) Ein Ver- such hierüber wurde mit dem Apparat zur Demonstration des Arago'schen Rotationsmagnetismus angestellt, indem man die auf der Schwungmaschine rotirende Kupferscheibe durch eine Eiseuscheibe von 20 cm Durchmesser und 0,25 mm Dicke ersetzte. Ueber ihr schwebte an einem Messingdraht (0,25 mm dick, 21 cm lang) ein starker, hohler, 10 cm langer Magnet aus Wolframstahl; er lag in einer Messinghülse, welche zur Dämpfung unten ein in Glycerin tauchendes Messingblech trug. Die rotirende Eisenscheibe eitheilte dem Magneten eine starke Ab- lenkung im Sinne der Rotation, mochte diese in dem einen oder andern Sinn stattfinden, aber die Grösse der Ablenkung erwies sich als völlig unab- hängig von der Rotationsgeschwindigkeit der Eisenscbeibe. Zum Vergleich wurde die Eisenscheibe durch eine Kupferscheibe ersetzt (Arago'scber Versuch), in welchem Falle die Ablenkung des Magneten mit der Rotationsgeschwindigkeit der Scheibe erheblich wuchs. Dieser Versuch zeigt sehr klar den Unterschied zwischen *) Lord Rayleigh 1. c. , ■ r' a \, -^t- **) Näheres über die genannten Methoden s. bei L. bchmidt, magnetische Untersuchungen. Ein Wegweiser für Hütteningenieure. Ztschr. f. Elektrochemie 1898 No. 22, 1899 Nr. 27. ***) E. Warburg 1. c. F. Martens, Wied. Ann. 189/, bU, bl. 50 Naturwissenschaftliche "Wochenschrift. XYI, Xr. 5. der Wirkung der Hysteresis und der Foueaultströme. Der Arbeitsverlust durch Hysteresis ist pro Cyclus mit der Ge- schwindigkeit, mit welcher der Cyclus durchlaufen wird, jedenfalls nur wenig veränderlich, während der Arbeits- verlust durch Foueaultströme pro Cyclus seiner Ge- schwindigkeit proportional ist. 12. Mit entsprechendem Apparat wurde die starke Dämpfung gezeigt, welche eine Eisenscheibe auf einen über ihr schwingenden Magneten ausübt.*) 13. Es wurde gezeigt, dass eine auf einer Spitze balancircndc Eiseuscheibe im Drehfeld von dem rotirenden Felde, vorzugsweise durch Hysteresis, mitgenommen wird. Diese Erscheinung lässt sich mit empfindlichem Apparat bei fast allen Körpern in Folge eines geringen Eisengehalts derselben nachweisen und liefert eine Reaction auf Eisen, welche die chemischen Reactionen an Empfindlichkeit bedeutend übertrifft.**) 14. Theorie der Hysteresis von Ewing.***) Der Ausgangspunkt ist die bekannte Weber'sche Theorie der drehbaren Molecularmagnete. Maxwell hat zuerst darauf aufmerksam gemacht, dass es nicht nöthig ist, eine besondere, von den magnetischen Kräften unabhängige Directionskraft anzunehmen, welche die aus ihren natür- lichen Gleichgewichtslagen abgelenkten Molecularmagnete in diese zurücktreibt, sondern dass eine solche Directions- kraft in der Wechselwirkung der Molecularmagnete selbst gefuuden werden kann. Ewing hat gezeigt, dass es für Gruppen von Molecularmagneten verschiedene stabile Gleichgewichtslagen giebt, welche theils dem magnetischen, theils dem unmagnetischen Zustand entsprechen. Wird nun durch eine äussere magnetische Kraft eine Gruppe aus einer unmagnetischen Gleichgewichtslage in eine einer magnetischen benachbarten übergeführt, so wird sie nach Entfernung der äusseren Kraft diese Lage annehmen und folglich permanenten Magnetismus zeigen. Die Theo- rie wurde an einem Modell aus kleinen Declinationsmagnet- chen erläutert. Indem Ewing und Frl. Klaassenf) ein solches Modell aus 130 Maguetchen cyclisch variirendeu Werthen der Feldstärke unterwarfen und jedesmal das magnetische Moment des Systems bestimmten, erhielten sie hysteretische Schleifen, welche von denen eines Eisen- drahts kaum 7A\ unterscheiden waren. 15. Ucber die Aenderung der hysteretischen Eigen- schaften des Eisens durch physikalische Behandlung. Es ist bekannt, dass das Eisen durch Hämmern, Walzen, Ziehen magnetisch härter, durch Ausglühen magnetisch weicher wird. Der wichtigste hierher gehörige Process ist der Härtungsprocess des Stahls (Eisen mit 0,6— -l,6''/o Kohlenstoff). Das Verständniss dieser Erscheinungen ist durch neuere Untersuchungen eröffnet worden. Erhitzt mau das Eisen, so geht es in einem gewissen Temperatur- intervall, welches man das kritische Temperaturinter- vall nennen kann, und welches für die verschiedenen Eisensorten verschieden, etwa zwischen 700 und 870° ge- legen ist, unter Absorption von latenter Wärme in eine andere Modification über, in welcher es seine starke Magnetisirbarkeit oder seine ferromagnetische Eigenschaft verloren hat. Zugleich ändern sich andere physikalische Eigenschaften, z. ß. das thermoelektrische Verhalten, der Temperaturcoefficient des elektrischen Widerstandes, das Verhalten der specifischen Wärme. Beim darauffolgenden Abkühlen tritt im Allgemeinen, allerdings in einem etwas tiefer gelegenen Temperaturintervall die entgegengesetzte (A), *) E. Wavbm-g I. c. F. Himstedt, Wied. Ann. 1881, 14, 48:^. **) W. Duano & W. Stewart, Wied. Ann. 1897, (il, 4:!r.. W. Duane, Wied. Ann. 1897, 62. .543. ***) J. A. Ewing, Proc. Roy Soc. Bd. 48, 342. 1890. t) J. A. Ewingund Mi3s H. G. Klaassen, Phil. Trans. 1893, 181 Umwandlung unter Freiwerden von latenter Wärme ein. Beim Stahl wird dies dem Auge sichtbar, indem der auf helle Rothgluth erhitzte und dann der Abkühlung in der Luft überlassene Stahl bei einer gewissen Temperatur zeitweise wieder aufglüht. Dieses von Barrett entdeckte sogenannte Recalescenzphänomen wurde an einem 3,3 mm dicken, 300 mm langen Stahldraht gezeigt, welcher im dunklen Zimmer durch den Strom der städtischen Centrale auf helle Rothgluth erhitzt und nach Unterbrechung des Stroms der Abkühlung überlassen wurde. Aehnlicbe Um- wandlungen erleiden Nickel und Cobalt, doch liegt die Umwandlungstemperatur für Nickel tiefer, für Cobalt höher als für Eisen. Drei gleiche Würfelchen von 7 mm Seite aus Nickel, Eisen und Cobalt wurden mit einem Ende an einen Magneten gebracht und von diesem bei Zimmertemperatur getragen. Durch eine Gebläselampe erhitzt fiel das Nickel vor dem Glühen, das Eisen bei Rothgluth ab, das Cobalt aber wurde selbst bei heller Rothgluth noch getragen. Während nun Erhitzung über das kritische Intervall hinaus und darauf folgende Abkühlung auf Zimmertempe- ratur die magnetischen Eigenschaften des Eisens und, bei langsamer Abkühlung, auch die des Stahls unver- ändert lässt, erleidet der letztere bei schneller Abkühlung eine dauernde Aenderung seines magnetischen Verhaltens (Härtung des Stahls). Man schliesst daraus, dass bei diesem Vorgang die im kritischen Intervall eingetretene Zustands- änderung beim Abkühlen nur theilweise rückgängig ge- worden ist, so dass der gehärtete Stahl als ein Gemisch von magnetischem und unmagnetischera Eisen anzusehen ist. Nach Osmond hängen die hysteretischen Eigen- schaften nur von der Gegenwart des unmagnetisehen Eisens ab und würden verschwinden, wenn die ganze Eisenmasse in magnetisches Eisen verwandelt würde. Nach dieser Theorie bringt jede Behandlung des Eisens, welche die hj'steretischen Eigenschaften desselben ändert, wie das Hämmern, Ziehen einerseits, das Ausglühen an- dererseits eine theilweise Umwandlung der einen Modi- fikation in die andere hervor. Indem es kaum zweifelhaft ist, dass auch das reine Eisen bei einer gewissen Temperatur seine ferromagne- tische Eigenschaft verliert, muss man annehmen, dass das unmagnetische Eisen eine Modification des reinen Eisens ist (jJ-Eisen). Da andererseits das Eisen sich nur härten lässt, wenn es eine hinreichende Menge an Kohlen- stoff oder anderen fremden Beimengungen enthält, so kann der Einfluss dieser Beimengungen nur darin bestehen, die Rückverwandlung von /S-Eisen in das ferromagnetische oc-Eisen zu hindern. 16. Magnetisches Gedächtniss. In Folge der Hysteresis hängt der magnetische Zustand des Eisens nicht nur von den zur Zeit auf dasselbe wirkenden magnetischen Kräften ab, sondern auch von den Kräften, welche früher eingewirkt haben, an welche das Eisen gewissermaassen eine Erinnerung bewahrt. Dieses magnetische Gedächtniss zeigt sich am auffälligsten in dem Telephonographen von Poulsen und bildet ein interessantes Analogen zu dem Räthsel des menschlichen Gedächtnisses. Für eine eingehendere Behandlung des Gegenstandes sei auf den vom Verf. dem internationalen Physikercongress zu Paris 1900 erstatteten diesbezüglichen Berieht verwiesen. Die magnetischen Untersuchungen von Dr. E. Schmidt (ein Wegweiser für Hütteningenieure, Zeitschr. für Elektro- chemie 1898, No. 18, 22; 1899, No. 27, 35, 44) enthalten eine sehr empfehlenswerthe, leicht fassliche Darstellung der magnetischen Grundbegriffe und Untersuchungs- j methoden sowie der magnetischen Eigenschaften des I Eisens und verwandter Metalle. Warburg. I (Fortsetzung folgt.) XVI. Nr. Naturwissenschaftliche. Wochenschrift. Das neue Jahrhundert und die Reform unseres Zählungswesens. Von Prof. Dr. Wilhelm Foorstei Die Meinungsverscbiedenheiten über den Begiuii des neuen Jaiirhnnderts haben mehr oder minder lebbafteu Wicderball gefunden. Die Frage ist ja nun ihres un- mittelbaren Reizes und Stachels ledig, ohne dass man zu einer der ganzen Kulturweit einleuchtenden Entscheidung gelangt wäre. Es dürfte daher jetzt an der Zeit sein, in allen näher beteiligten Kreisen, und zu diesen gehören die Astronomen und Astronomiefreunde, in Erwägung zu ziehen, ob nicht durch gewisse, auch sonst nützliche Veränderungen der Art unserer Zählungen und der zahlenmäfsigen Be- zeichnungen auch die Anlässe zu solchen doch eigentlich recht müfsigen Streitigkeiten vermindert oder in einzelnen Punkten ganz beseitigt werden könnten. Es bedarf mitunter solcher Anlässe, um uns die Augen zu offnen über das Irrige oder ünzweckmäfsige mancher gewohnheitsmäfsigen Einrichtungen, die sich, nach Goethe's Wort, wie eine Krankheit forterben. Beginnen wir also mit der Jalulumdertfrage, von welcher wir unschwer den Weg in eine nähere kritische Betrachtung unseres ganzen Zählungswesens finden und zu allgemeinerem Bewufstseiu der grofsen, besonders in Deutschland noch zugelassenen Übelslände auf diesem Ge- biete gelangen werden. Als die Frage nach dem Beginn des neuen Jahr- hunderts vor einigen Jahren wieder aufgeworfen wurde, und die Wissenschaft fast einmütig den Beginn des Jahres 1901 als den Beginn des neuen Jahrhunderts be- zeichnete, ergab sich zugleich mit etwas gröfserer Energie, als bei den vorangegangenen Jahrhundert-Anfängen, leb- hafter Widerspruch im grofsen Publikum und auch von Seiten einiger wissenschaftlicher Männer und Pädagogen. Was ist denn an dem neuen Jahrhundert, so fragte man, das wesentlich NeueV Das ist doch nur die Zahl 19 statt der Zahl 18 im Datum, und dieses Neue in der Zeit-Angabe tritt mit dem Beginne des Jahres 1900 ins Leben; folglich ist dieser auch der Beginn des neuen Jahrhunderts. So argumentierte man, und mau fand damit Zustimmung an den höchsten Stellen Deutschlands, welche dann dem amtlichen und öffentlichen Leben Deutschlands einen gemeinsamen Anhalt für die ent- sprechenden Veranstaltungen beim Beginn des Jahres 1900 gaben. Demgegenüber war aber die grofse Mehrheit in der übrigen Kulturwelt und auch ein grofser Teil der deutschen wissenschaftlichen Welt der Ansicht, dass ein neues Jahr- hundert erst dann anfangen könne, wenn das voran- gehende Jahrhundert beendet sei. Das erste volle Jahr- hundert unserer Zeitrechnung habe zweifellos die Jahre 1 bis 100 umfafst, denn unsere Zeitrechnung beginne mit dem Anfange des als das Jahr 1 der christlichen Are bezeichneten Jahres, und erst mit dem Schlüsse des Jahres 100 sei hiernach das erste Jahrhundert beendet gewesen. Ebenso umfasse das zweite Jahrhundert die Jahre IUI bis 200, das neunzehnte die Jahre 1801 bis 1900, und das diesem Jahrhundert folgende neue, nämlich zwanzigste Jahrhundert, beginne danach mit dem Anfange des Jahres 1901, Mau könne dagegen von dem Anfange des Jahres 1900 nur behaupten, dass es den Zeitabschnitt der Anwendung einer neuen Jahrhundertzahl im Datum eröffne, aber keinesweges ein neues Jahrhundert. Gegen diese letztere Argumentierung lässt sich nichts Erhebliches einwenden. Zwar wird von einigen Seiten behauptet, dass der Begründer der Zeitrechnung nach Christi Geburt, Dionys der Kleine, den Geburtstag des Heilandes (25. Dezember) G Tage vor dem Beginne des Jahres 1 angesetzt habe, und dass eigentlich das Jahr, in welches diese Geburtsepoche gefallen sei und welches die Chronologie sonst als das Jahr 1 vor Christi Geburt bezeichnet, als eine Art von Null- oder Anfangs-Jahr dieser ganzen Zeitrechnung betrachtet werden müsse, dass somit das Jahr 1 nach Christo eigentlich schon das zweite der christlichen Are und danach das Jahr 99 schon das hundertste dieser Zeitrechnung sei. Jene Annahme ist aber weit davon entfernt, bewiesen zu sein; vielmehr spricht die gröfste Wahrscheinlichkeit dafür, dass der Begründer der christlicheu Zeitrechnung den Geburtstag Christi auf den 25. Dezember des Jahres 1 seiner Are gesetzt hat. Dass überhaupt eine Verschiedenheit der Auffassungen hinsichtlich des Anfanges des neuen Jahrhunderts möglich ist, beruht, wie man aus Obigem erkennt, darauf, dass in dem Beginne der Are, also im Anfang des ersten Jahrhunderts dieser Zeitrechnung kein eigentliches Null- Jahr existiert, wie es dagegen in allen darauf folgenden Jahrhunderten der Fall ist, und dass somit das Null-Jahr des zweiten Jahrhunderts zugleich das letzte Jahr des ersten Jahrhunderts ist u. s. f. Infolge dieses Umstandes trägt das letzte Jahr jedes Jahrhunderts bereits die Datumsziffer des darauf folgenden neuen Jahrhunderts, dessen Aufangsjahr es nur be- zeichnungsmäfsig, aber nicht zäblungsmäfsig bildet. Dieser Zwiespalt ist aber nur dadurch zu heilen, dass man fortan die zählungsniäfsige Bezeichnung der Jahrhunderte mit den Ordnungszahlen aufgiebt und auch die Jahrimnderte ebenso wie die Jahre lediglich bezeich- nungsmäfsig, d. h. dem Datum gemäfs benennt. EigentUch haben, bei Lichte besehen, die Ordnungs- zahlen bei beliebigen zahlenmäfsigen Bezeichnungen solcher Art gar nichts zu suchen. Sie bilden vielfach nur eine unnötige Weitläufigkeit des sprachlichen Ausdruckes, und sie enthalten überwiegend eine Anknüpfung au Gedankeu- folgen, die mit Zählung oder Rechnung wenig oder gar nichts, dagegen mit Gesichtspunkten eines Vorzuges in der Ordnungsfolge wesentlich zu thun haben. Natürlich wird sich die Sprache diese letztere An- wendung der Ordnungszahlen gar nicht nehmen lassen. Die Kennzeichnung der bevorzugten Stellung eines Menschen dadurch, dass man ihn den Ersten oder auch nur den Zweiten in irgend einer Reiheufolge nennt, wird man nicht dadurch ersetzen mögen, dass man ihn in irgend welchem Zusammenhange mit der Ziffer 1 oder der Ziffer 2 be- zeichnet. In diesem Sinn eines Vorzuges wird die Bezeich- nung mit Ordnungszahlen auch da eingehalten, wo man sonst über die Eins oder Zwei hinaus zur blofsen Be- zeichnung der zeitlichen Reihenfolge, z. B. von Regenten oder von Monatstagen, im allgemeinen nicht mehr die Ordnungszahlen, sondern die Ziffern oder Zahlwörter (die sogenaunten Kardinalzahlen) anwendet, wie es z. B. in der französischen Sprache geschieht, wo nur die beiden ersten Regenten -Namen einer gröfseren gleichnamigen Reihe oder der erste Monatstag mit den Ordnungszahlen „der Erste", „der Zweite", wenn auch bei den Regenten in einer etwas abgekürzten grammatischen Verbindung, versehen, die übrigen lediglich mit der Ziffer oder dem Zahlwort bezeichnet werden. Bei beliebig gröfseren Zahlen in einer solchen Reihenfolge geht der Nebengedanke einer gewissen re- 52 Naturwissenschaftliche "Wochenschrift. XVT. Nr. 5. lativen VorzugssteUung verloren, und nur gegen Ende einer solchen Reihenfolge tritt wieder eine Art von Vorzug ein. Die Eltern freuen sich, wenn der Knabe der Erste oder der Zweite in der Klasse ist; es ist ihnen ziemlich gleichgiltig, ob er unter 40 Schülern der Dreiundzwanzigste ist; dagegen interessirt es wieder mehr, wenn er der Letzte oder der Vorletzte ist. Möge man also die Ordnungszahlen für Vorzngsbe- zeichnungen positiver und negativer Art in irgend einer Reihenfolge beibehalten, dagegen für eine bejiebige andere Stellung in solcher Zahlenfolge lediglich die Ziffern oder Zahlwörter in irgend einer, jeder besonderen Art von Fällen leicht anzupassenden Verbindung als Bezeichnung brauchen. Bei den Besonderheiten der Zeitrechnung haben aber jene Vereinfachungs-Gesichtspunkte ein noch stärkeres Gewicht wegen des als ganz unnötiger Übelstand wirken- den Unterschiedes zwischen dem in der Ordnungszahl eines Jahrhunderts angewandten Ziffern-Ausdruck und der einfachen ziffernmäfsigen Bezeichnung des Jahrhunderts nach seinem Datum. Auch hier könnte aber das erste Jahrhundert noch den Vorzug geniefsen, mit der Ordnungs- zahl bezeichnet zu werden, zumal da dieses erste Jahr- hundert in der That den hohen Vorrang beanspruchen kann, dass es die gröfsten Begebenheiten in sich fasst, welche sich an das, seinen Beginn charakterisierende Ereignis anschliefsen. Es ist dagegen nicht der leiseste Grund ersichtlich, weshalb man nicht, von dem zweiten Jahrhundert ein- schliefslieh beginnend, die weiteren Jahrhunderte lediglich mit ihrer Datumsziffer bezeichnen, also das zweite Jahr- hundert als das Jahrhundert 1, das neunzehnte Jahrhundert als das Jahrhundert 18 bezeichnen und sich von den Unterscheidungen zwischen den Ordnungszahlen und den Datumszahlen der Jahrhunderte, mit der einzigen Aus- nahme des ersten Jahrhunderts, ganz befreien soll. Dieses erste könnte man ja sonst bei Verwerfung der Ordnungszahl nur als das Jahrhundert Null bezeichnen, was an sich kaum durchführbar erscheint und auch nach dem oben bereits erwähnten Gesichtspunkte der hohen geschichtlichen Wichtigkeit gerade dieses Jahrhunderts ein geschmack- loser Vorschlag sein würde. Wenn man also die hundert Jahre von 100 bis 199, welche als Jahrhundcrtbezeichnuug im Datum die Ziffer 1 tragen, fortan das Jahrhundert 1 nennt, sodass das Jahr 100 zugleich das letzte des ersten Jahrhunderts und das erste des Jahrhunderts 1 sein würde, und wenn man dann weiter mit den folgenden Jahrhunderten ebenso verfährt (für die Jahrhunderte vor Christo würde man es ganz ähnlich machen), so ist die Sache bezeichnungs- mäfsig geordnet und jeder weiteren Schwierigkeit ent- hoben. Der Sprung von dem ersten Jahrhundert auf das Jahrhundert 1 ist allerdings nach dem Gesichtspunkte der Stetigkeit zu bemängeln. Aber dieser Schönheitsfehler wird, aufserhalb der chronologischen und historischen Forschung und Lehre, im Gemeinschaftsleben der Menschen, verglichen mit den zahllosen Fällen, in denen es sich um die Bezeichnung des laufenden Jahrhunderts und der nächst- vergangenen und -kommenden handelt, eine verschwindend kleine Bedeutung haben. Und selbst innerhalb der Chro- nologie und Geschichte wird jene Stetigkeitsunterbrechung schlicfslich eine wohlthätige Wirkung ausüben, weil sie für alle rechnerischen Fragen die Besonderheit vor Augen hält, welche durch den Mangel eines Nuiljahres am An- fang der Are in der Chronologie bedingt wird, und welche man in der Astronomie rechnerisch dadurch be- rücksieiitigt, dass man die chronologischen Jahreszahlen vor Christo stets um eine Einheit vermindert in Rechnung stellt. Es ist nach der Übereinstimmung, welche sich hin- sichtlich des obigen Vorschlages bereits in engeren Sach- verständigenkreisen ergeben hat, zu hoffen, dass es ge- lingen könnte, die zweckmäfsigere Benennungsweise der Jahrhunderte nach ihren Datumszahlen, mit Beseitigung der vom Datum abwcicliendcn Ordnungszahlen, allmählich in den Sprachgebrauch einzuführen, wenn die Schule hierbei die ihr gebührende und schliefslich entscheidend wirksame Hilfe leistet. Warum sollte die Bezeichnung „Jahrhundert 18'- sich nicht ebenso einbürgern, wie die Bezeichnung jedes einzelnen Jahres mit dem Zaldwortc seines Datums, z. B. „das Jahr 99", zumal da auch noch eine kleine Ersparnis im Sprechen und Schreiben durch die Beseitigung der Ordnungszahlen der Jahrhunderte er- reicht wird. Überlegungen ähnlicher Art könnten dazu führen, auch die Datumsbezeichnungen nach den Monatstagen in derselben Weise durch Anwendung der gewöhnlichen Zahlwörter statt der Ordnungszahlen zu vereinfachen, wo- mit auch andere Sprachen schon vorangegangen sind. Es ist nicht blofs kürzer, zu sagen „Januar 3" statt „der .3. Januar", sondern es ist auch offenbar, dass durch diese, übrigens in der deutschen Wissenschaft schon vielfach gebräuchliche. Ausdrucksweise auch im Publikum das rechnerische Operieren mit dem Datum deutlichst erleichtert und gesichert würde. Es findet nämlich fast unbewusst beim rechnerischen Operieren mit Monatsdaten eine Art von Hemmung durch den jedesmaligen Übergang von der Ordnungszahl auf das blofsc Zifternbild und um- gekehrt statt, was mit der Aufgebung der Ordnungszahlen in den Monatsdaten ganz wegfällt. Man kann jene Hemmung, welche übrigens auch mit den Mängeln unseres Aussprechens der Zahlen in manchen Fällen einigen Zu- sammenhang hat, sehr deutlich in der Schwerfälligkeit erkennen, mit welcher im allgemeinen im Gebiete der Monatsdaten gerechnet wird. Andere verkehrte Aus- drucksformen, z. B. „heute über 8 Tage", die übrigens auch von gewissen uuzweckmäfsigen Anwendungen der Ordnungszahlen bei den Datierungen in den alten Sprachen beeinflufst sind, tragen natürlich hierzu bei. Auf Grund von Erörterungen dieser Art, wie sie durch die Jahrhundertfrage in Sachverständigenkreisen angeregt worden sind, ist man auch in der Lehrerwelt wiederum aufmerksamer geworden auf die grofsen Übel- stände im Zäblungs- und Rechnungswesen, welche durch gewisse Verkehrtheiten beim Aussprechen und beim wört- lichen Hinschreiben der Zahlen-Ausdrucke in der deutschen Sprache und in einigen anderen Sprachen verursacht werden. Bei dem Zahlen-Ausdruck 13, bei welchem man in der Richtung unseres Hinschreibens der Ziffern zuerst die Eins (die ZehnerstcUe 1), sodann die Drei (die Eiuerstelle 3) hinsetzt — gemäfs den in der ganzen Folgeordnung der dekadischen Stellen beim Ziffern-Schreiben eingeführten Grundsätzen — wird sowohl beim Aussprechen, als bei dem in vielen Fällen zur gröfseren Sicherung ausgeführten buchstäblichen Hinschreiben der bezüglichen Zahl- wörter die Reihenfolge der Wörter gegen die in Schrift und Druck eingehaltene Ziffernfolge umgekehrt, indem man „dreizehn" sagt und ebenso in Buchstaben „dreizehn" hinschreibt. Dieselbe Verkehrtheit findet bei allen Ziffern-Ausdrucken zwischen 13 und 99, mit Aus- nahme der vollen Zehner, statt. Bei 11 und 12 kommt diese Verkehrtheit nicht deutlich zum Vorschein, weil die ausdrückliche Zusammensetzung aus Zehner und Einer hier durch eine diesen beiden Zahlwörtern eigentümliche Wort-Endigung ersetzt ist. Und diese beiden Ausdrücke, welche mit ihren besonderen Namen noch einen Rest 1 der alten, auf astronomischem Wege entstandenen Zwölf- XVI. Nr. 5. Naturwissenschaftliche "Wochenschrift. 53 Einteiking (die in der Monatseiuteilung des Jahres erhalten bleiben wird), darstellen, könnten in der Tbat bei der Kritik und der Bekämpfung jener Verkehrtheiten des Aussprechens einstweilen unbedenldicb, ja sogar mit kleinem Vorteil aufser acht bleiben. Es ist dagegen aufser allem Zweifel, dass es in hohem Grade unzweckmäfsig ist, ja sogar eine grofse Schädigung des ganzen Rechnungswesens enthält, dass man zwischen 13 und 99 die Folge-Ordnung des zift'ern- mäfsigen Hinschreibens der Zahlen-Ausdrlicke ohne weiteres beim Aussprechen und wörtlichen Hinschreiben derselben nach Zehnern und Einern umkehrt. Man müfste sich durchaus gewöhnen zu sagen, „zehn drei" u. s. f. bis „zehn neun", statt dreizehn bis neunzehn, sowie „zwanzig eins" u. s. f. bis „neunzig neun", statt einundzwanzig bis neun- undneunzig. Fast noch schlimmer wird die Sache in den iiunderten; denn von IUI bis 109 (eigentlich bis 112) gilt beim Aussprechen und wörtlichen Hinschreiben die Reihen- folge des Ziffernschreibens; man sagt nicht, ebenso wie bei ueunundneunzig, auch neunundhundert, sondern voll- kommen korrekt „hundert neun". Von 113 ab bis 199 und entsprechend in den folgenden Hunderten mischt sich aber die korrekte Aussprache mit der bei den Zahlen 13 bis 99 zugelassenen Verkehrtheit. Statt zu sagen hundert zehn drei, wie es korrekt wäre, spricht man hundert- dreizehn, während die konsequente Umkehrung hier sogar heifsen müfste „dreizehn und hundert". Im Gebiet der Zahleu-Ausdrücke über tausend gehen, ähnlich wie in den Hunderten, die höheren Stellen, ebenso wie beim Hinschreiben der Zittern, auch beim Aussprechen und wörtlichen Hinschreiben voran, aber sowohl am Ende der höheren Zahlen-Ausdrucke, wie auch am Anfang der- selben, wo die vielfachen der Tausende u. s. w. durch zweistellige Zahlen-Ausdrucke aus der Reihe der Zittern von dreizehn bis neunundneunzig bestehen, tritt die Ver- wirrung wieder hervor. Ein Zahlen-Ausdruck wie 31 729 bietet z. B. schon ein wahres Monstrum von Verkehrtheit der Reihenfolge des Aussprechens und wörtlichen Hinschreibens dar. Man beginnt beim Aussprechen mit der zweiten Zitter, darauf folgt die erste Zitter, hiernach die dritte, sodann die fünfte und zuletzt die vierte. Man male sich aus, welchen Eindruck diese Verkehrtheiten auf die Kinder machen müssen, denen man diese Absurditäten mühsam beibringt. Es ist auch nur eine Stimme unter allen nachdenklichen und sorglichen Lehrern, dass in dieser Lehrweise des Zählungswesens ein pädagogischer Übelstand von weit- tragender Bedeutung liegt. Unter anderem wird von mehreren Stellen die Beobachtung berichtet, dass die Kinder im Anfange bei dem Hinschreiben der Zittern die Reihenfolge, in welcher ihnen vom Lehrer die Zahlcn- Ausdrücke diktiert werden, einzuhalten suchen, zugleicii aber, um dem davon abweichenden Gesetze der Ziffern- folge in den Zahlen- Ausdrücken gerecht zu werden, die räumliche Anordnung in der folgenden komplizierten Weise ausführen: Bei einem Zahlen-Ausdruck wie 31 729, wird die Ziffer 1 zuerst hingeschrieben, jedoch so, dass links neben ihr Platz gelassen wird für die Zitt'er 3, welche nach der 1 links von derselben hingeschrieben wird; hierauf folgt rechts neben der 1 die Ziffer 7 und auf diese folgt dann die Zitt'er 9, aber soweit nach rechts herausgerückt, dass nun noch zuletzt die Zitter 2 (für Zwanzig) zwischen die 7 und 9 hineingeschrieben werden kann. Man kann sich kaum etwas denken, was so schwer- fällig und unbequem wäre, als solche Art des Hinschrei- bens, die doch an sich mitten in dem Unsinn der ganzen Sache durchaus sinnvoll ist. Natürlich verschwindet diese anfängliche Subtihtät bei schnellerem Schreiben und gröfserer Gewöhnung an die bezüglichen ümkehrungen, aber nicht ohne dass nachher in einer gewissen Anzahl von Fällen unbewusst fehlerhafte Vertauschungen der Zitfern an den verschiedenen Stellen durch die Ver- kehrtheiten des Aussprechens hervorgerufen werden, so- wie andererseits unbewusst fehlerhafte ümkehrungen des Aussprechens aus der in sich konsequenten Reihenfolge der Ziffern hervorgehen. Man braucht eigentlich kein Wort weiter zu verlieren, um die Sachlage zu kennzeichnen; auch sind schon nicht blofs die Lehrer, sondern neuerdings auch viele Beamte des Rechnungs-, Kassen- und Bank-Wesens auf diesen für Allewelt schädigenden Sachverhalt aufmerksam ge- worden. Beim Hinschreiben der Zahlwörter wird z. B. unseres Wissens in Süd-Deutschland bereits die voll- ständige Anpassung der Reihenfolge der Zahlwörter an die Reihenfolge der Ziffern amtlich vorgeschrieben, ebenso auch an manchen Stellen im Rechnungswesen des Ver- kehrs. Von dem Bankbuchhalter Gustav v. Erlach in Zürich ist auch bereits eine recht sinnreiche Untersuchung in betreff der vielen Rechnungsfehler ausgeführt worden, welche durch die Verschiedenheiten der Reihenfolge des Aussprechens und des Hinschreibens der Zittern und zwar gerade bei geübten Rechnern verursacht werden. G. V. Erlach hat unter anderem darauf hingewiesen, dass es in der deutschen Sprache (die französische und die englische leiden bekanntlich nur unter einer viel kleineren Last von Verkehrtheiten im Zählungswesen) 36 verschie- dene Fälle giebt, in denen auf dem Wege der durch jene Verkehrtheiten entstehenden Verwechselungen der Folge zweier Ziffern bestimmte Rechenfehler hervorge- bracht werden, und er hat sogar, angesichts der grofsen Bedeutung der Sache für die Aufsuchung von Rechen- fehlern, ein Verfahren angegeben, durch welches man bei einem bestimmten vorkommenden Fehlerbetrage den- jenigen Verwechselungen der Ziffernfolge, die man durch lautloses Aussprechen oder durch die blofse Erinnerung an das Aussprechen begangen hat, leichter auf die Spur kommen kann. Er hat darüber ein kleines Buch ge- schrieben, mit dem Titel „Wie man als Buchhalter Differenzen sucht", welches im Verlage von E. Speidel in Zürich erschienen ist. Man hat eigentlich den Eindruck, dass es nur er- forderlich sein wird, die Aufmerksamkeit der Schulbe- börden einmal mit allem Ernst auf diese Dinge zu lenken, um die Abhilfe, die natürlich im allerersten Schul- unterricht geschehen mufs und von dort aus sehr schnell ins Leben eindringen wird, in Gang zu setzen. Aus eigener Erfahrung werden Viele mitteilen können, wie schnell man sich an das richtige Aussprechen gewöhnt, und wie schnell man es dann auch erreicht, einen ver- ständnisvollen Kreis von jüngeren und älteren Menschen dafür zu gewinnen. Ein nicht geringer Nebenvorteil wird übrigens in der deutschen Sprache durch das richtige Aussprechen der Zahlen von 13 bis 19 noch erreicht werden. Man weifs aus vielen Erfahrungen, dass Zahlen-Ausdrucke, wie vier- zehn und vierzig, sechzehn und sechzig u. s. w. sehr leicht beim Hören verwechselt werden. Sobald man aber nicht vierzehn, sondern zehn vier sagt u. s. w., ist diese Gefahr, die z. B. im Telephonverkehr erfahrungsgemäfs sehr häufig eintritt, sofort verschwunden. Überhaupt würde gerade der Telephonverkehr mit zu den Gebieten des Verkehrslebens gehören, bei denen die Einführung des richtigen Zahlen-Aussprechens von besonderem Er- folge im Punkte der Verminderung von Missverständnissen und Irrungen sein wird. Wenn dies an den bezüglichen amtlichen Stellen noch nicht als erheblich anerkannt und 54 Naturwissenschaftliche. "Wochenschrift. XVI. Nr. 5. dauach die bezügliche Reform des Zählungswesens als keinesfalls dringlich, ja unter Umständen als bedenklich betrachtet wird, so ist dies nach der Lage der Dinge vollkommen verständlich. Jener u beistand erscheint zur Zeit neben anderen Schwierigkeiten als relativ gering. Da er aber zu den vermeidlicheu, nicht in der Natur der Sache liegenden Erschwernissen gehört, wird seine Beseitigung doch nur eine Frage der Zeit sein, und die berechtigten Bedenken hinsichtlich der Nöte der Über- gangszeiten bei einer solchen Reform werden überhaupt sorgfältig erwogen und durch pädagogische Umsicht des Vorgehens berücksichtigt werden müssen. Für die Astronomen und die Freunde der Astronomie, welche alle Verminderungen der Irrungen und der inneren Friktionen beim Rechnen besonders hoch anschlagen müssen, wird es gewiss eine besondere Freude und Pflicht sein, die pädagogische Entwickelung dieser Reform in jeder Weise zu unterstützen. Auch bei den Ordnungszahlen würden natürlich die- selben Gesichtspunkte zur Geltung kommen müssen. Auch hier sind andere Sprachen schon mit gutem Beispiel vor- angegangen. Man wird künftig nicht sagen „der Drei- zehute", sondern „der Zehndritte"; nicht „der Hundert- neunundzwanzigste", sondern „der Huudertzwanzigneuute". Dieser Theil der sprachlichen Reform wird aber um so nebensächlicher werden, je mehr man sich in vielen Ge- bieten des eigentlichen Zählungswesens, wie oben als ratsam und zweckmäfsig dargelegt ist, der Anwendung der Ordnungszahlen entwöhnt. Es könnte auf den ersten Blick scheinen, als ob die obigen Vorschläge in ihrer. Bedeutung etwas überschätzt wären, sozusagen „einen Sturm im Glase Wasser" dar- stellten. Hierauf wäre zu entgegnen, dass auch die kleinste an sich logisch gerechtfertigte und sachlich einwandfreie Verbesserung — und nun gar der Grundlage einer so wichtigen pädagogischen Angelegenheit — einen sehr hohen formalen Wert beanspruchen darf und für tiefere und schwierigere Reformen geradezu vorbildlich werden kann. Es ist klar, dass in den oben bekämpften Unvoll- kommenheiteri des Sprachgebrauches auch gewisse Um- stände oder Überlegungen enthalten sind, welche dieselben bei ihrem Entstehen gerechtfertigt haben, und dass auch jetzt noch in manchen Fällen irgend eine Nuance des Ge- dankens oder auch des sprachlichen Baues und Klanges, auch unabhängig von der Macht der Gewohnheit, bei dem feinsten Kenner zu Gunsten des Bestehenden sprechen könnte. Auch wird es Viele geben, denen die hier vor- geschlageneu Reformen schon deshalb zuwider sind, weil sie sich mit dem sprachlichen Ausdrucke in vielen unserer herrlichsten Schriftdenkmäler in Widerspruch setzen. Der weitere Fortgang des Reformversuches wird zu erweisen haben, dass der wirtschaftliche und wissenschaftliche, kurzweg der soziale Wert der bezüglichen Änderungen grofs genug ist, um dieselben derartigen, keineswegs un- berechtigten Gesichtspunkten gegenüber durchzusetzen und den Nachweis zu erbringen, dass unsere Lebensge- wohnheiten und unsere geistigen Besitztümer aus der Ver- gangenheit durch jene Änderungen, die eine sehr erheb- liehe Benachteiligung unserer rechnerischen Arbeit im Wetteifer mit andern Sprachgebieten beseitigen werden, keinerlei merkliche Einbufse erfahren können. Die gegenwärtige Opposition des Planeten Eros, bei welcher die Parallaxe dieses merkwürdigen Objects bis auf 28 Secunden anwächst, während die Sonnen- parallaxe noch nicht 9 Secunden beträgt, wird von mehr als 50 über den ganzen Erdball vertheilten Sternwarten zum Zwecke einer möglichst genauen Ermittelung der Sonnenparallaxe ausgenutzt. An jedem klaren Abend wird von jeder bedeutenderen Sternwarte der Erde aus zur Zeit unausgesetzt die Position des kleinen Planeten auf mikrometrischem oder photographischem Wege so genau als nur irgend möglich bestimmt, nachdem die astronomische Welt auf der internationalen Astronomen- Conferenz zu Paris im Juli vorigen Jahres die erforder- lichen Verabredungen getroffen hat. Man hofft durch das Aufgebot eines bisher noch nie dagewesenen, gleich- zeitigen Zusammenwirkens aller Astronomen ein Material zu beschaffen, das zunächst die Entfernung des kleinen, uns Ende 1900 bis auf G'/s Milhonen Meilen sich nähernden Planeten mit grosser Präcision auszuwerthen gestatten wird. Ist aber erst eine einzige Entfernung zweier Körper des Sonnensystems ganz scharf bestimmt, so lassen sich dann durch Vermittelung der genau bekannten Um- laufszeiten nach dem dritten Kepler'schen Gesetze alle Abstände des Systems und im besonderen auch die Ent- fernung der Erde von der Sonne, die Fundamentalgrösse der messenden Astronomie, berechnen. — Obgleich die eigentliche Opposition des Eros bereits Ende Oktober 1900 stattgefunden hat, kam der Planet doch erst am Schluss des Jahres der Erde am nächsten und selbst in den ersten Monaten des laufenden Jahres ist die Stellung des Pla- neten noch immer eine recht günstige. Die Helligkeit nimmt nur langsam ab, am 7. Januar 9,1. Grösse, am (3. Februar 9,7. Grösse und am 8. März 10,5. Grösse. Der Lauf des Planeten führt zur Zeit durch das Sternbild des Perseus, wie aus folgenden Ortsangaben hervorgeht: Januar 17 a = 2h öl", rf = -4-31° 5' 27 a = 3 26 , rf = -^26 55 Februar 6 a = 4 2, d = -t-22 52 „ 16 « = 4 40 , J = + 19 1 F. Kbr. Aus dem wissenschaftlichen Leben. Ernannt wurden : Dr. Johann Wilhelm Spen.i;el, ausser- ordentlicher Professor der Zoologie und Dr. Eugen Netto, ordentlicher Professor der Mathematik in Giessen, zu Geheimen Hofräthon; Prof. Dr. Mya zum ordentlichen Professor der Kinder- heilkunde in Florenz; Dr. A. Jentzer zum ordentlichen Pro- fessor der Geburtshülfe und Gynäkologie in Genf. Berufen wurden: Dr. G. Port, Privatdocent der Zahnheil- kunde in München, nach Heidelberg, als Leiter des zahnärztlichen Universitäts-Instituts; Ingenieur Kurt Riegel aus Berlin, als Lehrer der Technologie und Privatdocent Dr. Hans Reitter aus Bonn als Lehrer der Chemie an die Handelshochschule in Köln. Es habilitirten sich: Dr. Max Rudolph! für Physiologie und physiologische Chemie an der technischen Hochschule in Darmstadt; Dr. E. Lapes für Nahrungsmittelchemie an der technischen Hochschule in Hannover; Dr. Crisafulli für Neu- rologie in Neapel; Dr. G. Obici für Psychiatrie in Padua ; Dr. G. Russo-Travalli für Chirurgie in Palermo; Dr. Otto Lemmermann für Agriculturchemie in Jena. In den Ruhestand tritt: Dr. Max Reess, ordentlicher Pro- fessor der Botanik in Erfurt. Esstarben: Dr. Jacob Georg Agardh, vormals ordent- licher Professor der Botanik in Lund; Dr. Julius Lehmann, Vorsitzender des Gesundheitskollegiums in Kopenhagen; Land- forstmeister Dr. Danckelmann, Director der Forstakademie in Eberswalde; Dr. Karl v. Funke, ordentlicher Professor der Landwirthschaft in Breslau; Dr. W. Müldner, Oberbibliothekar XVI. Nr. 5. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 55 an der Universitätsbibliothek in Greifswald; Dr. G. Chat in, Präsident der Acadömie de Medecine in Paris; Dr. Depasse, Diroctor des Collfege imperial de Medecine in Tientsin; der be- riilnnte Elektrotechniker Gramme in Bois-de-Colombes. Der 32. Balneologencongress wird vom 7. bis 12. März in Berlin tagen. Generalsekretär: Sanitätsrath Dr. Brock, Berlin SO. L i 1 1 e r a t u r. A. F. Barth, Unser Weltsystem. Ein Beitrag zur Theorie dos Weltgeschehens. Gustav Fock, Leipzig 1886. — Preis 1 Mk. Wenn heutzutage Jemand durch allgemeines Raisonnement ohne den Versuch einer Berechnung, die gültigen astronomischen Ansichten umwälzen will, so richtet er sich selbst. Eine Uebertragung der ptolemäischon Epicyklentheorie auf das kopernikanische System ist ein anziehendes und unter Um- ständen vielleicht nicht aussichtsloses Unternehmen. Aber damit die ganze Ellipsenbewegung auszumerzen, ist ein Unding, und dazu gehören vor allem grössere Kenntnisse und besonders mehr Methode, als Verf. zur Verfügung stehen. Was soll man von Jemand erwarten, der aus dem Fluge der Vögel und des Luft- ballons nachweist, dass die Bahn eines fallenden Körpers genau die Verbindungslinie zwischen Ausgangspunkt und Erdcentrum ist? Fritz Graebner. Dr. Ernst Cohen, „Jacobus Henricus van 't Hoff". Mit einem Porträt von J. H. van "t Hüft' in Heliogravüre und einer Biblio- grapliie. Wilhelm Engelmann. Leipzig 1899. Die Biographie erschien bei Gelegenheit des 25jährigen Doctorjubiläums; sie feiert mit warmer Begeisterung das segens- reiche Wirken des Mannes, der vor allem zuerst die dritte Dimen- sion in der Atomlehre zur Geltung brachte und damit der ganzen Chemie eine festere Grundlage gab. F. G. Eduard Beiche, „Erklärung geographischer Namen" unter be- sonderer Berücksichtigung des preussischen Staates und der deutschen Colonieen. Ein Nachschlagebuch für Lehrer und Lernende. Carl Flemming, Glogau. Von einem solchen Nachschlagebuch, für dessen zureichende Beurtheilung dem Ref gemeinhin die umfassenden Kenntnisse ab- gehen, lässt sich wesentlich nur sagen, dass es ein sehr noth- wendiges Hilfsmittel ist. Der erste Eindruck ist jedenfalls ein überaus günstiger. Sollen doch noch einige Wünsche ausgesproclien werden, so sei es an wenigen Mängeln, die mir gerade auffielen, genug: Das bekannte Bad Biarritz trägt einen Namen, den man in seiner Gegend nicht erwartet; es fehlt in dem Buch. Neu- Britannien ist nicht gleich dem Bismarck-Archipe), sondern gleicji Neu-Pommern. Doch sei an den Beschluss des letzten inter- nationalen Geographencongresses erinnert; dass, wo festzustellen, immer der einheimische, sonst der älteste Name anzuwenden ist. Danach sind also Namen, wie Neu-Pommern, Neu-Mecklen- burg, Sandwich-Inseln, Santa Cruz und zahllose andere nur noch Synonyma. F. G. Die Fortschritte der Physik im Jahre 1899, dargestellt von der physikalischen Gesellschaft. 5.5 Jahrg. I. Abtheilung: Physik der Materie. Redigirt von A. Börnstein und K. Scheel. Braun- schweig 1900, F. Vieweg & Sohn. — Preis 26 Mk. Wenn an dem neuesten, pünktlich im September 1900 er- schienenen Bande der allseitig hinlänglich bekannten „Fortschritte der Physik" zwei Redakteure thätig waren, so hat dies darin seinen Grund, dass Herr Prof. Börnstein, nachdem er die bei seinem Eintritt in die Redaktion vorhanden gewesene zeitliche Lücke unter Aufwendung erheblicher Mehrarbeit zum Ver- schwinden gebracht hat, von der Leitung des Unternehmens zu- rückzutreten beabsichtigt, um dieselbe fortan ganz in die Hände des Herrn Dr. Scheel zu legen. — In dem vorliegenden Bande nehmen naturgemäss wieder diejenigen Abschnitte den breitesten Raum ein, die in das Gebiet der physikalischen Chemie gehören, Auch auf krystallographischcm Gebiet war über eine intensive und ausgedehnte Forschung zu berichten. Bei der Mechanik ver- dient bemerkt zu werden, dass sich eine ganze Reilie von Ar- beiten auf die Theorie des Falurads bezieht; hier haben wir, wie so vielfach, ein Problem vor uns, dessen praktische Lösung der tlieoretischen Erklärung weit vorangeeilt ist. Interessant ist das Referat über Weissteins „rationelle Mechanik", von welcher er- wiesen wird, dass sie fast nichts anderes als eine ungeschickte Uebersetzung von Sturm's „Cours de möcanique" ist. „Wenn sich der Ursprung nicht sofort verriethe, so müsste das Verfahren als ein Plagiat gekennzeichnet werden." Die Einschränkung dieser vernichtenden Kritik scheint uns deswegen hinfällig, weil doch nicht jeder Anfänger Sturm's seinerzeit klassisches Werk kennt, ausserdem aber der Lehrgang Sturm's dem heutigen Stande der Wissenschaft nicht mehr Überall entspricht, wie Herr Prof. Lampe gelegentlich der Besprechung der Gross'schen Uebersetzung hervorhebt. Die Brandmarkung derartiger Verfehlungen gegen die litterarische gute Sitte halten wir für einen werthvoUen Theil der Aufgabe des vorliegenden Werkes, wenn es sich auch dabei um nichts weniger als „Fortschritte" handelt. F. Kbr. Bennecke E. W., H. Bücking, E. Schumacher, u. L. van Wervecke, Geologischer Führer durch das Elsass. Berlin. — 8 Mark. Bremiker's, logarithmischtrigonometrische Tafeln mit 6 Decimal- stellen. 13. Ausgabe. Berlin. — 5 Mark. Chun. Carl, Aus den Tiefen des Weltmeeres. Jena. — 20 Mark. Dathe, E.. Waldlieim Börigen 2 Aufl., revidirt von E. Danzig im Jalu-e 1899. Leipzig. — 3 Mark. Fischer, Prof. Emil, Anleitung zur Darstellung organischer Prä- parate. 6. Aufl. Würzburg. - 1,80 Mark. Fleischmann, Prof. Dr. Alb., Die Descendenztheorie. Leipzig. — 7 Mark. Formänek, Doc. Insp. J., Die f|ualitative Spectralanalyse an- organischer Körper. Berlin. — 8 Mark. Goldfuss, Otto, Die Binnenmollusken Mittel-Deutschlands mit be- sonderer Berücksichtigung der Thüringer Lande, der Provinz Sachsen, des Harzes, Braunschweigs und der angrenzenden Landestheile. Leipzig. — 8 Mark. Gürich, Prof. Dr. G., Geologischer Führer durch das Riesen- gebirgr. Berlin. — 5,50 Mark. Hennig, Docent Dr. Anders, Geologischer Führer durch Schonen. Berlin. - ;J,5Ü iMark. Ligowski, Prof. Dr. W., Sammlung fünfstelliger logarithinischer, trigonometrischer und nautischer Tafeln. Kiel. — 8 Mark. Messtischblätter des preussischen Staates. 1 : 25,000. 329. Quaschin. — 538. Gr. Paglau. — 1109. Neustadt-Gödens. — 1201. Varel. — 1204. Hagen im Bremischen. — 1284. Apen. — 1285. Wester- stede. — 1366. Edewecht. — 1370. Vegesack. — 1445. Scharrel. — 1447. Littel. — 1448. Wardenburg. — 1449. Kirchhatten. — 1450. Delmenhorst. — 1522. Dötlingen. — 1524. Syke. — 1588. Sögel. — 1591. Cloppenburg. — 1857. Kl. Berssen. — 1658. Holte. - 1730. Herzlake. — 1732. Quakenbrück. — 1802. Longe- lich in Hannover. — 1804. Bersenbrück. — 2585. Alme. — 2729. Niedersfeld. — 2730. Goddelsheim. Berlin. — 1 Mark. Molisch, Prof. Dr. Hans, Studien über den Milchsaft und Schleim- saft der Pflanzen. .Irna, — 4 Mark. Müller, Prof. Dr. Carl, Genera Muscorura frondosorum. Leipzig. — 12 Miirk. Nemec, Priv.-Doc. Dr. B., Die Reizleitung und die reizleitenden Strukturen bei den Pflanzen. Jena. — 7 Mark. Bosenbusch. H., Elemente der Gesteinslehre. 2. Aufl. Stuttgart. — 20 Mark. Rudolphi, Priv.-Doc, Dr. Max, Einführung in das physikalische Praktikum. Göttingen. — 3,20 Mark. Schmidt, Dr. Adf., Atlas der Diatomaceen- Kunde. 56. Heft. Leipzig. li Mark. Schumann, Kust. Priv.-Doc. Prof. Karl u. Dir. Karl Lauterbach DD., Die Flora der deutschen Schutzgebiete in der Südsec. Lfipzig. — 40 Mark. Schwendener, S., Die Divorgenzänderungen an den Blüthenköpfen der Sonnenblumen im Verlaufe ihrer Entwickelung. Berlin. — I Mark. Stein, Max, Ueber elektrolytische Reduction von Succinimiden. Würzhurg. — 2 Mark. Sterne, Carus (Dr. Ernst Krause), Werden und Vergehen. 4. Aufl. 2. Bd. Die Wirbelthiere, der Mensch und seine Entwickelung. Berlin. — 10 Mark. Tornquist, Prof. Dr. Alex., Das vicentinische Triasgebirge. Stuttgart. — 12 Mark. Vries, Prof. Hugo de, Die Mutationstheorie. 1. Bd. 1. Lief. Leipzig. — 6 Mark. Walther. Prof. Johs,, Das Gesetz der Wüstenbildung in Gegen- wart und Wjrzfit. Berlin, — 12 Mark. Wandolleck, Assist. Dr. B., Zur Kenntniss der Gattung Draco L. Berlin. - 4 Mark. Inhalt: Prof Dr. B. Schwalbe: Der zehnte naturwissenschaftliche Feriencursus für Lehrer an höheren Schulen. — Prof Dr Wilhelm Foerster: Das neue Jahrhundert und die Reform unseres Zählungswesens. — Die gegenwärtige Opposition de: Planeten Eros. — Aus dem wissenschaftlichen Leben. — Litteratur: A. F. Barth, Unser Weltsystem. - Dr. Ernst Cohen, „Jacobui Henricus van t'Hotf". — Eduard Beiche, Erklärung geographischer Namen. — Die Fortschritte der Physik im Jahre 1899. - Liste. 56 Xatnrwissenschaftliche Wochenschrift. XVT. Nr. 5. Für den botanischen Unterricht I empfehle besonders I meine mit der .Sta;itsiiictjaille aii.'igi'Zfichnctcn zerlegbaren Blüten=ModeUe, aus Papieniiaclie uuil anderen dauerhaften Stoffen in sehr ver- grössertom Mafsstabe sorgsamst in eigener Werlistätte hergestellt. I R. Brendel, Grunewald bei Berlin Bismarck-Allee 37. I Preislisten werden kostenlos zugesandt. O amI ZGISS Optische Werkstaette, Mikroskope *^"'*^';i'i"sl';r^'. Mv. ^^ . Speeial-Moilcll Stereoskopische Mikroskope nach Greenough, ■'aiitinitersuchungen etc.; A iiKi'iiiiiitersiicIiungCQ. Mikrophotographische Apparate. Projectionsapparate ' '■ '•"'•^i'ife'n'Seruchr" ""'■ Optische Messinstrumente '^J^^lTh'ZtlZiuriZ') PATENTBUREAU airich R. JVlaerz Jnh.C.Schmidtlein.Jngenieur Berlin NW., Luisenstr. 22. 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Wlit 405 Slluftrotioitcit 21 gtilt in 4 §b. btoldi. 12 Park, in 4 citg. ftincnbl). 16 iflatk. 3(ud) in nad)ftef)enben ©oubers'älusgaben ä" beäief)en: ®et guinmmenfjang ber 3?atiirfrnfte. 2ßttterung§tnnbe- 33Iüte uub gnid)t. Ka^rungsmittel. Seil 1, 174 ©., gb. 1 3JJf. — ®ie ®r= iiäl)rimg. Sßom ^nftintt ber Siere. Seil 2, 108 ©., geb. 0,60 mt — atnäie^unggftnft uiib Slettriaität. Seit 3, 120 @ , geb. 0,60 9.1». — ®ie eieftrtsität in il^rer «Inioenbung. Seil 4, 104 @., geb. 0,60 mt — 35on ben c^emifd)en Prüften unb ®lettrod)emie. Seil 5, lös ©., geb. 0,60 5D^f. — E^cmie. Seil 6, 79 ©., geb. 0,50 3Jlt. — Slngeloanbtc e;f)emie. Säberfunbe. Seil 7, 116 ©., geb. 0,60 5Kf. — S8om Sllter ber erbe (®eologie). S5on ber Umbrel)ung ber ©rbe. ®ie ö)t'= fc^roinbigteit bei Sicfit§. Seil 8, 152 ©., geb. 1 W. — ®a§ §ül)nd)cn im Ei. »om §i)t)notigmu5. Seil 9, 127 ©., geb. 0,80 3Kt. — öaii imb Seben Don ipflonäc unb Stet. Seil 10, 163 @., geb. i Tit. — ®asi (Scifteglcben Don Wenfc^ unb Sf)ier. 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Abonnement: Man abonnirt bei allen Buchbandlungen und Post- anstalten, wie bei der Expedition. Der Vierteljahrspreis ist Jl 4.— Bringegeld bei der Post 15 ^ extra. Postzeitungsliste Nr. 5112. Inserate: Die viergespaltene Petitzeile 40 Ji. Grössere Aufträge ent- sprechenden Rabatt. Beilagen nach Uebereinliunft. Inseratenannahme bei allen Annoncenbureaus wie bei der Expedition. Abdi'uck ist nnr mit vollständiger Quellenangabe gestattet. Das Urbild der Ammonshörner. Vc Dr. Max B 1 auck e n hörn. Eine der wichtigsten Molluskengruppen für den Geo- logen und Paläontologen sind bekanntlich die Animonitidae. Das Wort Ammonites wurde 1789 von Bruguiere als Gattungsname in der Litteratur eingeführt zur abgekürzten Bezeichnung der bis dahin gebrauchten Worte Coniua Anunoiäs oder Ammonshörner. Seitdem hat sich mit der fortschreitenden Erkenntniss diese Gattung in über 200 Gattungen mit nahezu 5000 Species aufgelöst, die sich auf etwa 20 Familien ver- theilen, und ist so zu einer ganzen Ordnung oder min- destens Unterordnung der Cephalopoden angewachsen. Das alles sind allgemein be- kannte Thatsacheu. Was hatte es aber ur- sprünglich mit den Ammons- hörnern für eine Bewandtniss? Alle Welt nimmt stillschweigend an, dass die gleichen Verstei- nerungen, welche bei uns so oft das Auge des Wanderers auf den Bergen entzücken, in Aegypten dem Gotte des Weltalls Ammon oder Amun, dem „König der Götter," dem „Herrn des Himmels" geweiht waren, demnach dort eine häufige Erscheinung gewesen sein mussten. Der älteste in Betracht kommende Autor Plinius definirt d&s Ämmonis cornu mit folgenden Worten: üiter sacratissimas aethiopicas gemnias aareo colore arietis cornu effgiem reddens. Sie waren also von goldgelber Farbe und vom Aussehen eines Widderhorns und weil der Widder dem Ammon geweiht war, galten auch diese widderhornartigen Gebilde als heilig. Damit ist freilich noch nicht genug ausgesagt, um die Frage nach dem Wesen der Urbilder der Ammonshörner end- giltig zu beantworten. Da sie schon den Alten so be- kannt und sogar heilig waren, sollte man erwarten sie auch in archäologischen oder paläontologischen Museen wiederzufinden. Hält aber ein Paläontologe theils in letzteren, theils im Kulturgebiet der alten Aegypter selbst tleissig Umschau nach ägyptischen Ammoniten, so wird seine Mühe wohl ziemlich vergeblich sein.*) Die Thatsache ist nicht zu bestreiten: In dem vom Kulturvolk der alten Aegypter bewohnten Gebiet, dem Nilthal und seiner un- mittelbaren Um- gebung, finden sich fast gar keine Ammoniten im modernen Sinne der Paläontologie in irgendwie auffälligen Formen oder Mengen. Die Verbreitung der Ammo- niten beschränkt sich bekannt- lich auf die mesozoischen Schichten der Trias-, Jura- und Kreideperioden. Das untere Nilthal aber ist wesentlich, d. h. mit einer unbedeutenden Ausnahme bei Abu Roasch im N. der grossen Pyramiden, von tertiären Schichten umsäumt. Das hierbei vorherrschende Eocän Aegyptens enthält von Cephalopodenschalen nur Nautilus und Atiiria, die aber wieder gar nicht an Widderbörner erinnern konnten. Erst bei Qeneh und Theben beginnt auch die obere Kreide (Senon) sich am Aufbau der Wüstenränder zu *) Nur die paläontologischen Sammlungen in München, Berlin, Cairo und vielleicht London enthalten wirkliche Ammoniten aus Aegypten. 58 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. XVI. Nr betheiligen, aber gerade hier ist derselbe äusserst arm an Ammoniten und enthält von Petrefacten hauplsäcblich Bivalven, namentlich Austern. Immerbin fehlen die Ammo- niten auf ägyptischem Boden keineswegs, aber sie be- schi'änken sich mit einigen unbedeutenden Ausnahmen auf das Innere der Arabischen und Libyschen Wüste weitab vom Nilthal, wo heutzutage nur die Beduinen und Forscbungsreisende hingelangen. Es sei mir gestattet, die hier in Betracht kommenden Vorkommnisse aufzuzählen. Der nördlichste Ammonitenfundpunkt in der Nähe des Nilthals liegt in der Nähe von Cairo und gehört der Libyschen Wüste an. ö'/g km in WNW-Richtuno- von dem am Westrand der Nilebene gelegenen Dori'e Abu Roasch 10'/4 km nordwestlich von der Cheopspyramide beobachtet man innerhalb der Schichten des Santonien oder üntersenon eine Bank, welche vereinzelt abgewitterte, unansehnliche Steinkerne einer Tissoüa Tissoti enthält. Das ist ein völlig involuter glattschaliger, ceratitenartiger Ammonit von linsenförmiger Gestalt. Es ist einfach un- denkbar, dass er mehr als andere gewöhnliche Wüsten- kiesel die Aufmerksamkeit der nicht als Geologen inter- essirten Wanderer erregt hätte. An den Abhängen des Nilthaies selbst würde nach den bisherigen Beobachtungen nur Lihycoceras Ismaeli Zitt. und allenfalls noch Bäcidites sp. zu finden sein. Ersterer ist wie die Tissotien ganz involut oder eingerollt und von Linseugestalt. Figari Bey hat ihn früher in der Gegend von Edfu und Esneh gefunden; seitdem ist er freilich von keinem Geologen mehr dort gesammelt worden, ein Beweis, dass er nur äusserst selten auftritt. Ebensowenig wie diese Form erfüllen die geradegestreckten, glatten Baculiten die Vorbedingungen, um mit Widder- hörnern verglichen zu werden. Im Campanien oder Mittel- senon der arabischen Wüste zu den verbreitetsten Ammo- niten gehörend, dringen sie vom Rothen Meer bis zum Nilthal vor, wo Spuren davon westlich Aus gefunden wurden. Von grösserer Bedeutung für unsere Frage erscheinen noch zwei Fundorte des Campanien im (;)sten des Nil, der eine, das Plateau Qurn oder Qerenat am Wege Theben-Kossi5r, nur 7 km vom Ostrand der Nilkultur- ebene, 10 km von der Eisenbahnstation Quft entfernt, der andere, ein Plateau am Wadi Hammama, 20 km nordöstlich von Qeneh gelegen. An beiden Plätzen fand sich Heteroceras jwlyplocum, Leitfossil für das obere Campanien, ein in Schneckenspirale unsymmetrisch auf- gewundener Ammonit mit gerippten Umgängen, die ausser dem letzten sich gegenseitig berüiu'en. Bis jetzt wurde indess an jenen zwei Punkten nur je ein Bruchstück vor- gefunden, eine Seltenheit, die es doch unwahrscheinlich macht, dass den alten Bewohnern von Theben und Qeneh diese Gebilde der Wüste, deren f^mdorte erst kürzlich von Geologen entdeckt und ausgebeutet wurden, über- haupt in die Augen fielen. Der zweite, nördhche Fund- ort, die Gegend am Wadi Hammama, ist zugleich wichtig als der bis jetzt einzige Fundplatz für eine Cephalopoden- fauna aus anderen sogenannten „Nebenformen." Hier erscheinen neben Heteroceras und Baculiten noch Ver- treter der Gattungen Pti/choceras (aus zwei stabförmigen, hakenförmig gekrümmten, dabei sich gegenseitig berüh- renden Schenkeln gebildet) Hamites (ähnlich, aber die Schenkel sich nicht berührend) und Anisoceras (ganz offene Spirale mit schwachen Querrippen). Unter diesen würde Anisoceras noch am meisten von allen ägyptischen Ammoniten an ein Widderhorn erinnern. Aber der Hypo- these, in ihm das Urbild der „Ammonshörner" zu er- blicken, steht entgegen die unscheinbare Grösse der noch dazu nur in Bruchstücken sich vorfindenden Art und der Umstand, dass jenes Vorkommen völlig vereinzelt in Aegypten ist. Es bedurfte des Auges eines nach Petre- facten suchenden, kartierenden Geologen, um sie ans Licht zu ziehen. Die gleichen Zweifel bezüglich unserer Frage gelten nun erst recht von allen noch weiter im Innern der un- bewohnbaren Wüste fern vom Kulturland gelegenen Ammouitenvorkommeu. Diese sind übrigens ziemlich spärlich. In der arabischen Wüste gehören die wichtigsten der Cenomanstufe an. Nicht weit vom Rothen Meere er- streckt sich eine solche ammonitenreiche Zone vom Kloster St. Paul am Ost-Fuss des Plateaus der südliehen Galala nach SSW. über Wadi Abu Rimth, Dhacht und Morr, einem südlichen Zufluss der Wadi Tarfeh, zu den Quell- armen des Wadi Hasaschieh unter 28° 10' n. Br. Hier fiuden sieh viele Vertreter der Gattungen Neolo- bites, Acanthoceras , Psettdotissotia , Henütissotia und anderer verwandter noch unbeschriebener Gattungen. In der Libyschen Wüste entspricht diesen Cenonian- vorkommen bei annähernd gleicher Entfernung vom Nil dasjenige in der Oase Beharije, wo sich wenigstens Neo- lohites Vihrayeanus reichlieh vorfindet. Es bleiben noch zu erwähnen der Fund eines Exem- plars einer neuen ScJiloenbachia im Campanien am Bir Mellaha westlich vom Gebel Seth am Rothen Meere, eines Pac/((/cfecHsfragmentes im Senon westlich von der der Oase Baharije und des kleinen Ammonites Kambysis am Kasr Dachl in der Libyschen Wüste. Die südlichste Verbreitungszone, an Länge die aus- gedehnteste von allen ägyptischen Ammoniten, hat der schon oben vom Nilthal erwähnte Lihycoceras Ismaeli. Ein Exemplar desselben stammt aus der östlichen Arabi- schen Wüste vom Umm Tagher am Wadi Zeran, eine skulpturlose Abart aus der grossen Oase Charga. Die grösste Menge aber entdeckte Zittel während der Rohlfs- schen Expedition 100 km westlich von der Oase Dachl inmitten des „grossen Libyschen Sandmeeres" an einem steinigen, hügeligen Flecken, den er sehr bezeichnend mit dem Namen „Ammonitenberge" belegte. Es wird wohl Niemand ernsthaft glaul)en wollen, dass die alten Aegypter zufällig diesen Punkt mit seinem Ammouitenreichthum ge- kannt hätten, der 200 km vom Nil entfernt liegt. Sehen wir uns noch einmal rekapitulirend diese Kreide- Ammoniten Aegyptens mit ihren Gattungen Acanthoceras, Neolohites, Tissotia, Pseudotissotia, Hemitissotia, Pachy- discns, Schloenbachia, Lihycoceras, Hamites, Ptychoceras, Anisoceras Heteroceras, Bacidites an, so ist es im All- gemeinen schwer, hier von einer entfernten Aehnlichkeit mit Widderhörnern speciell denjenigen, welche die alten Aegypter selbst z. B. bei der Darstellung des Gottes Chnum abbildeten, zu sprechen. Ja wenn es noch weit- nabelige, starkrippige Arietitcn ^oA&y ^e^/ocerasformeu des Jura gäbe, wie z. B. Ammonites bisulcatus, der von Bruguiere zum Typus seiner Gattung Ammonites gemacht wurde oder Ammonites capricornu oder Parkinsoni. Die einzigen der genannten Gattungen, welche ihrer Form nach überhaupt in Betracht gezogen werden können wie Acanthoceras, Heteroceras, Hamites und Anisoceras sind zu selten in Aegypten oder auf unwirthliche Wüsten- gegenden beschränkt. Es erhebt sich noch eine weitere Schwierigkeit, die mit den Plinius' sehen Worten aureo colore zusammen- hängt. D'Archiac und Lartet vertraten die sehr ein- leuchtende Ansicht, dass diese Ammoniten oder Aturien in Schwefelkies erhalten waren und so goldgelb glänzten, wie wir das von den sogenannten Goldschneckeu des Fränkischen Jura kennen, unter denen Perisphinctes annu- laris Rein*) uud Macrocejihalites macrocephalus durch *) Nicht identisch mit Ammonites annularis Quenstedt des scliwäbisolien Jura, einer Peltocerasart. Naturwissenschaftliche "Wochenschrift. 59 ihre Schönheit autt'alleu uud zu Broschen sich eignen. Leider giebt es aber in Aegypten, wenigsten im Nilthal fast gar keine Versteinerungen in Schwefelkies. Dieses Mineral gebort überhaupt zu den seltenen Erscheinungen in Aegypten und dürfte sein Vorkommen hauptsächlich auf das ältere Schiefergebirge und die Eruptivgesteine beschränkt sein. Petrefacten aus thonigen Schichten, die vielleicht ursprunglich in Schwefelkies versteinerten, sind stets durch und durch in Brauueisen umgewandelt und erscheinen daher dunkelbraun, niemals goldgelb oder mit metallischem Glanz. Nun hat R. Fourtau in einem zu Cairo gehaltenen Vortrage über: Les environs des Pyramides de Ghizeh*) eine Hypothese aufgestellt, die der Beachtung werth er- scheint. Er meint, dass die ägyptischen Priester die grossen pfropfenzieherartigen Steinkerne einer wohl zu Natica gehörigen, riesigen Schnecke, die aber noch nicht specifisch untersucht ist, als Ammonshörner bezeichnet hätten. In der That erinnern diese bis 16 cm hohen, 11 cm breiten Gebilde, von denen es bisher noch keine Abbildungen gab, an die spiralig nach aussen aufge- wundenen, manchmal auch richtig kegelförmigen Flörner bei Schafen. Diese Steinkerne werden sehr häufig in den Kalksteinbrücheu des Mokattam bei Cairo und sonst über- all im ganzen unteren Nilgebiet von den Arbeitern ge- brochen und ihrer auffallenden und gefälligen Korkzieher- form wegen aufbewahrt. Dem Fremden bietet mau sie *) Bull, de la Societe Khediviale de Geographie. No. 4, Ser. V. Le Caire 1899, p. 12. unter dem Namen Arn el-Gebel zum Verkauf an. Arn heisst Hörn und Gebel Berg, Fels, Stein, Wüste, also Berghorn, Felshorn. Vergleicht sie der heutige Arbeiter mit einem Horu, so darf man annehmen, dass auch die alten Aegypter, welche in denselben Felsen und Stein- brüchen die Quadern zu den Pyramiden und Tempel- bauten gewannen, zu demselben Vergleich geführt wurden. Diese Natica, der man mit Bezug auf ihre heilige Bedeutung am besten den Namen Natica Ammonis bei- legen möchte, ist wohl die häufigste Gastropodenart des Mitteleocäus oder der Mokattamstufe an beiden Ufern des Nil und besitzt darin beträchtliche horizontale und verti- kale Verbreitung. Mir liegt sie von den verschiedensten Fundorten vom Fajum und Nilthal bis zum Gebel Geneffe an der Suezeisenbahn und aus verschiedenen Schichten der unteren und der oberen Mokattamstufe vor. Das Gestein, in dem die Steinkerne erscheinen, ist bald weisser, bald grauer, bald (in der oberen Mokattamstufe) ocker- gelber Kalk. Ockergelb ist nun freilich nicht identisch mit Goldfarbe (des Plinius). Immerhin glaubt Fourtau doch, dass diese gelben Steinkerne gemeint seien, nament- lich deshalb, weil gerade bei ihnen die Oberfläche noch häufig mit glitzernden, glashellen Calcitkry.stallen besetzt ist, die den Eindruck des Prächtigen besonders im Sonnen- licht Aegyptens wesentlich erhöhen. Man kann sich denken, dass ein derartig krystallbesetztes Gewinde, das fast wie ein Geschmeide aus Brillanten auf Goldgrund aussah, den alten Aegyptern als etwas Uebernatürliches erschien, das sie mit dem Gott des Himmels und NVeltalls Ammon in Verbindung brachten. Der zehnte naturwissenschaftliche Feriencursus für Lehrer an höheren Schulen, abgehalten in Berlin vom 3. October 1900 incl. bis Sonnabend 13. October 1900. Bericht, erstattet von Prof. Dr. B. Schwalbe. (Fortsetzung.) Dr. P. Spie.s: Versuche mit ger Luft. Die schönen Versuche, welche man mit flüssiger Luft anzustellen in der Lage ist, beziehen sich zum Theil auf die Eigenschaften dieses Stofles selbst, theils auf die Wirkungen, welche die tiefe Temperatur der flüssigen Luft auf andere Körper ausübt. Nur eine Frage, welche zu der ersteren Gruppe ge- hört, soll im Folgenden etwas ausführlicher behandelt werden; im Uebrigen genügt eine Aufzählung der Ex- perimente, umsomehr, als dieselben bereits früher bei Ge- legenheit eines Ferieucurses in dieser Zeitschrift be- schrieben') worden sind. Es wurde gezeigt: 1. Trübes Aussehen der flüssigen Luft von der bei- gemengten, festen Kohlensäure herrührend; Reinigung durch Filtriren. 2. Bläuliche Farbe; das Absorptionsspektrum ent- spricht demjenigen des Sauerstoffs. 3. Anziehung der flüssigen Luft durch einen Elektro- magneten. 4. Sauerstoffreichthum und Anwendbarkeit zur Her- stellung explosibler Gemische. *) H. Behn, „Naturw, Wochenschr." 1898, Seite 374; vergl. auch die ausführlichm-e Darstellung des V^orf. Himmel und Eli-de 1897, Seite 481. 5. Einfluss der tiefen Temperatur auf die Elastieität von Gummi, Blei u. s. w. 6. Versuche über die Phosphorescenz stark abgekühlter Körper. Eine Frage, welche von derjenigen, die sich mit diesem Gegenstande nicht eingehend beschäftigen, häufig gestellt wird, ist die nach der Ursache des so ver- schiedenen Verhaltens der flüssigen Lutt und der flüssigen Kohlensäure: Erstere bleibt in offenen Gelassen flüssig, während letztere bekanntlich in Folge ihrer lebhaften Verdunstung gefriert. Man kann die Frage einfach durch einen Hinweis auf die Lage des Siede- und des Schmelz- punktes bei den beiden Körpern erledigen. Eine voll- ständigere Uebersicht der betreffenden Verhältnisse ge- währt die graphische Darstellung, welche man beim Entwerfen der Spannkraftcurve des Wasserdampfes be- nutzt: Wir tragen auf der Abscissenaxe die Temperatur ^, auf der Ordinatenaxe den Druck p, unter dem sich ein Stoff", z. B. Wasser befindet, ab. Wir können dann zu- nächst eine Curve A, eben jene Spaunkraftscurve, zeichnen, welche uns die Gebiete des flüssigen und des luftförmigen Zustandes von einander trennt. Es liegt z. B. der Punkt p = \ Atm. t = 100" auf dieser Curve, d. h. es kann unter diesen Bedingungen das Wasser so- wohl flüssig als luftförmig sein. Wenn hingegen der Druck bei gleichbleibender Temperatur sinkt oder wenn bei gleichbleibendem Druck die Temperatur steigt, kurz, 60 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. XV]. Nr wenn wir uns in das Gebiet /> rechts unterhalb der Curve .1 begeben, so existirt nur Wasserdampf, in dem Gebiete Fl hingegen nur Flüssigkeit. Die Spannkraftscurve des Wasserdampfes können wir auch in das Gebiet unter 0" verfolgen; dieser Zweig /^ stellt uns alsdann den Druck des über Eis befindlichen gesättigten Wasserdampfes dar; er bildet also die Ueber- gangscurve zwischen dem festen und dem luftförmigen Zustande. Drittens können wir auch die Uebergangscurvc zwischen dem festen und flüssigen Zustande einzeichnen. Da der Gefrierpunkt des Wassers durch Druck nur wenig beeintlusst wird, fällt diese Curve < ' nahezu mit der Senk- rechten t^o zusammen ; genauer gesagt ist sie gegen letztere so geneigt, dass für eine Zunahme von ^> = 1 Atm. t um 0,()()75« sinkt. Wir können diese drei Curven A, Li, (' die Ver- dampfungs-, die Schmelz- und die Sublimationscurve nennen. Der Punkt, in welchem die Linie (' den Zug A, />' tritft, hat den Druck p = 4,6 mm, 1 -= + 0,0075«. Er stellt den „dreifachen Punkt" des Wassers dar, also einen Punkt, in welchem alle drei Aggregatzustände nebenein- ander bestehen können. Wir bringen das Wasser auf diesen Punkt, indem wir es unter die Glocke der Luft- pumpe stellen und so lange evacuiren, bis es gefriert. Verdünnen wir nunmehr noch weiter, so schreiten wir auf der Curve B nach links fort. Flüssiges Wasser existirt bei so niedrigen Drucken überhaupt nicht mehr, und wollten wir eine Flasche mit Wasser in einem Räume so niedrigen Druckes, etwa in den höchsten Regionen der Atmosphäre öffnen, so würde eine so lebhafte Ver- dunstung eintreten, dass ein sofortiges Gefrieren die Folge wäre, genau wie wir dies bei der Kohlensäure bereits bei gewöhnlichem Atmosphärendruck beobachten. Für die Kohlensäure liegt der dreifache Punkt bei einem höheren Drucke als p = 1 Atm., nämlich bei etwa 6 Atm., für Stickstoff hingegen nach den Untersuchungen Olszewskis nicht viel höher als für Wasser, nämlich bei etwa 10 mm Quecksilber, für Sauerstoff" noch tiefer. Bei den beiden letztgenannten Körpern ist deshalb genau wie beim Wasser das Sieden unter atmosphärischem Drucke nicht so lebhaft, dass ein Herabsinken der Temperatur bis unter den Gefrierpunkt stattfände. Das verschiedene Verhalten verschiedener Flüssig- keiten unter atmosphärischem Drucke ist also durchaus nicht in einer wesentlichen Verschiedenheit jener Flüssig- keiten begründet. Vielmehr hängt es lediglich davon ab, ob die horizontale Linie, auf welcher der Druck p = 1 Atm. ist, oberhalb oder unterhalb des dreifachen Punktes ver- läuft. Dieser atmosphärische Druck ist sozusagen zu- fällig, und die Punkte, in welchen jene Linie die beiden Curven .1 und (' schneidet, die Fundamentalpuukte des Thermometers, sind in keiner Weise für das Wasser charakteristisch. Von diesem Gesichtspunkte aus würde — rein theoretisch gesprochen — der dreifache Punkt als Fundamentalpunkt einen gewissen Vortheil bieten. Er giebt uns eine bestimmte Temperatur und einen be- stimmten Druck zugleich an, macht also die besondere Angabe eines Druckes unnöthig. Will man freilich noch einen zweiten Fundamentalpunkt festlegen, so wird wiederum eine Druckaugabe erforderlich sein, welche aber in Anlehnung an jenen Druck im dreifachen Punkte erfolgen könnte. Spies. Prof. Dr. Sz.vmauski: Schulversuche über elek- trische Wellen. (Die Veröffentlichung des Berichts ist vorbehalten). Gymnasialprofessor Dr. Poske: Zur Methodik des physikalischen Unterrichts. Die Methodik des physikalischen Unterrichts darf nicht auf abstrakte und schablonenhafte Vorschriften ge- gründet werden. Der Unterricht kann vielmehr nichts besseres thun, als den Problemen nachgehen, die sich schon bei den einfachsten Beobachtungen aufdrängen, und ihre Lösung auf ähnlichen Wegen suchen, wie dies in der Geschichte der Physik geschehen ist. Als ein Bei- spiel hierfür wird ein Lehrgang der Aerostatik für die Unterstufe näher dargelegt. Er schHesst sich an die folgenden Fragen an: Ist die Luft ein Körper? — Durch welche besondere Eigenschaften unterscheidet sich die Luft von anderen Körpern':' — Ist die Luft schwer? — Uebt die Luft einen Druck aus? (0. v. Guericke, Luftpumpe). — Wie wird der Luftdruck gemessen? (Torricellis Versuch). — Wie erklären sich gewisse Er- scheinungen bei der Luftpumpe und am Barometer? (Spannkraft der Luft). — Wie hängen Spannkraft und Dichtigkeit zusammen? (Boyles Gesetz). — Wie lässt sich eine Reihe alltäglicher Erscheinungen und Anwen- dungen aus dem bisherigen erklären? (Heber, Pumpen, Athmen, Saugen etc.). — Finden die für Flüssigkeiten geltenden Gesetze auch auf die Luft Anwendung? (Druck- fortpflanzung, Bodendruck, Archimedisches Prinzip, Luft- ballons). — Haben andere luftartige Körper ähnliche Eigenschaften wie die Luft? — Aus dem Unterricht der Oberstufe wird darauf die Akustik eingehender besprochen. In Bezug auf das Verhältniss der Wellenlehre zur Akustik entscheidet sich der Vortragende, abweichend von einem früher ange- gebenen Verfahren, dafür, dass der allgemeine Theil der Schwiugungs- und Wellenlehre dem specieil akustischen Lehrgang voranzustellen sei, dieser aber am besten auf die Betrachtung der Transversalweileu beschränkt werde, während die Longitudinalwellen erst in der Akustik selbst an der Stelle, wo ihre Behandlung erforderlich ist, hin- zutreten. Demnach lässt sich der Lehrgang in der eigent- lichen Akustik etwa auf folgende Art anordnen: Ursache der Schallempfindung. — Ausbreitung des Schalles durch das Medium. — Geschwindigkeit des Schalles; Reflexion; Echo. — Nach dieser Einleitung gliedert sich der weitere Gang gemäss den drei Fragen: „Was geht im Schall- XVI. Nr. Ö. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 61 erreger vor? Was geht im Medium vor? Was geht im Ohr vor?" Es folgen demgemäss die Abschnitte : a) Haupt- sächlichste Schallerreger (Tonerreger). — Bestimmung der SchwingungszahJ bei Stahlstreifen, Stimmgabel, Sirene. — Gesetze der musikalischen Intervalle. — Saitenschwin- gungeu. — Transversalschwingungen von Stäben und Platten. — b) Longitudinalwelleu in der Luft (analytische Darstellung und experimentelle Bestätigung). — Resonanz in verschlossenen und offenen Röhren. — Lippenpfeifen, Zungenpfeifen, Resonanz im allgemeinen. — Interferenz des Schalls. — c) Das Gehörorgan (Schall ist nicht Be- wegung sondern Empfindung). Bei jedem Abschnitt wurden die dahingehörigen Ver- suche besprochen, an einigen Stellen auch die Versuche selbst vorgeführt. In einer darauffolgenden Diskussion wurden besonders die Abgrenzung der unter- und Ober- stufe, die Schwierigkeiten des jetzigen Unterkursus namentlich an den Gymnasien, und die Lehrbuchfrage erörtert. Poske. Geh.-R. Prof. Dr. Wilhelm von Bezold: Ueber Erd- magnetismus. Der Vortragende giebt zunächst einen ganz kurzen Ueberblick über die geschichtliche Entwickelung dieses Wissenszweiges. Die Fundamentalthatsache der Orientirung eines Magneten nach der Himmelsrichtung war den Chinesen seit den ältesten Zeiten bekannt. Sie benutzten den Compass zuerst bei ihren Landreisen, später auch auf See. Im Abendlande tindet sich die erste sichere Kunde darüber im 12. Jahrhundert bei dem englischen Philo- sophen Alexander Neekam. Am 13. Sept. 1492 endeckte Columbus die magnetische Declination, 1544 Gr. Hartmaun in Nürnberg die Inclination, 1633 H. Gellibrand in London die allmähhche Aenderung der Declination, d. h. die Säcularvariatiou, 1722 G. Gra- ham, Uhrmacher in London, die tägliche Variation. 1741 beobachteten P. 0. Hjorter in Upsala und einen Monat später der vorhingenannte G. Graham das erste Mal eine magnetische Störung. Da man bald bemerkte, wie wichtig die Kenntniss der Declination für den Seemann sei, so entwarf der englische Astronom Halley 1701 die erste magnetische Karte mit Linien gleicher Declination, die man seit Hansteen als Isogoneu bezeichnet. Später kamen durch W. Whiston 1721 und J. C. Wilke 17S6 ähnHche Karten über In- clination heraus; 1825 und 1826 zeichnete Hansteen auch solche mit Linien gleicher Ilorizontalintensität(Isodynamen). Der Vortragende wies dann darauf hin, wie man im Allgemeinen auf die Isogonenkarten den Hauptnaeh- druck legt, wegen deren praktischer Bedeutung für die Schiffahrt, während sie zur Gewinnung eines tieferen Einblicks in das Wesen der Erscheinungen nicht ge- eignet sind. Dies geht schon aus der einfachen That- sache hervor, dass diese Karten auf jeder Halbkugel zwei Pole zeigen, von denen man doch nur den einen als magnetischen Pol bezeichnen darf, während der andere eben der geographische ist, der hier nur die Rolle eines Coordinaten-Ursprungs spielt. Für theoretische Untersuchungen eignen sich viel besser Karten der magnetischen Meridiane, d. h. der in die Erdoberfläche fallenden magnetischen Kraftlinien so- wie der darauf senkrechten Curven, d. i. den Linien- gleichen Potentials oder den sogenannten Gleichgewichts- liuieu. An diese Betracht iing anschliessend, giebt der Vor- tragende eine kurze ScblTderung der Hauptzüge der all- gemeinen Theorie des Erdmagnetismus, wie sie von C. F. Gauss im Jahre 1838 entwickelt wurde und wie sie allen weiteren Untersuchungen auf diesem Gebiete als Grundlage dienen muss. Diese bahnbrechende Ab- handlung besteht im wesentlichen aus 2 Theileu: In dem ersten Theile wird die allgemeine Theorie entwickelt unter der Voraussetzung, dass die erdniagne- tischen Kräfte ein Potential besitzen, sowie die Kriterien zur Prüfung dieser Voraussetzung. Der zweite Theil enthält alsdann die Entwickelung eiu;r Reihe, mit Hülfe deren man die Vertheilung der erdmagnetischen Kraft an der ganzen Erdoberfläche be- rechnen kann, wenn man nur von einer beschränkten Anzahl von Punkten diese Kraft nach Grösse und Rich- tung genau kennt. Rein theoretisch gesprochen würde es hinreichen, wenn man diese Kenntniss für 8 Punkte besässe, besonders wenn sich diese Punkte auf den Ecken eines der Erde eingeschriebenen Würfels befänden-, in Wahrheit muss man jedoch zum Zwecke der praktischen Berechnung die Beobachtungswerthe von vielen Punkten zweckmässig vereinigen. Der Vortragende erörtert als- dann, wie schon Gauss einen Weg angedeutet hat, auf dem man die Richtigkeit der Grundlagen prüfen, und nachweisen kann, dass der Erdmagnetismus thatsächlich ein Potential besitzt, d. h. dass die Erscheinungen ent- weder von magnetischen Massen herrühren, oder von ge- schlossenen galvanischen Strömen, welche die Erdober- fläche nicht schneiden. Ist diese Bedingung erfüllt, so muss nämlich Sds durch jede auf der Erdoberfläche gezogene geschlosse Curve j Sds=0 sein, wenn man unter ds das Curvenelemeut, und unter S die in dasselbe fallende Componente der erdmagnetischen Kraft versteht. Gauss konnte wegen des mangelhaften ihm zur Verfügungstehenden Beob- achtungsmaterials diese Prüfung nur beispielsweise in sehr unvollkommener Weise ausführen, und beschränkte sich deshalb auf einen einzigen Versuch nach dieser Richtung. Erst in allerneuster Zeit wurde die Prüfung in diesem Sinne wieder aufgenommen. Dabei gelangte man zu dem Ergebniss, dass der Werth des Integrals für genau durchforschte Theile der Erdoberfläche that- sächlich = wird, während er nicht unwesentlich da- von abweicht, wenn man das Integrale über ganze Pa- rallelkreise ausdehnt. Es lässt sich z. Z. noch nicht ent- scheiden, ob man es hier wirklich mit einer Thatsache zu thun hat, d. h. ob neben den Kräften die ein Potential besitzen, auch noch Ströme wirken, welche die Erdober- fläche durchsetzen, oder ob die Abweichung von dem Werthe nur auf die Unvollständigkcit des Beobachtungs- materials zurückzuführen ist. Der Vortragende geht dann auf die Frage über, wo man den Sitz des Erdmagnetismus zu suchen habe, und zeigt, dass sich der zur Entscheidung dieses Punktes führende Ideengang, wie er von Gauss angegeben wurde, unter vereinfachenden Voraussetzungen ganz elementar entwickeln lässt. Bildet man nämlich auf Grundlage der ausgeführten Berechnungen des Potentials Mittelwerthe dieser Grösse für ganze Breitenkreise, ähnlich, wieDove Mittelwerthe der Temperatur gebildet hat, die er als die normalen Tem- peraturen bezeichnet hat, dann erhält man ein verein- fachtes Bild der in Wahrheit sehr verwickelten Ver- theilung des Erdmagnetismus. Diese Mittelwerthe zeigen nun beim Erdmagnetismus einen äusserst einfachen Verlauf, und zwar genau den- selben, wie bei einer gleichförmig durchmagnetisirten Eisenkugel. Man kann deshalb diese mittlere schematische Ver- theilung passend als den „normalen Erdmagnetismus" be- zeichnen. Die wirkliche Vertheilung des Erdmagnetismus Naturwissenschaftliche Wochenschrift. XYI. Nr. 6. lässt sich alsdann als eine Uebereinanderlagerung dieses normalen Sj'stems von Kräften und eines zweiten schwächeren „anomalen" Systems darstellen. Für den „normalen Erdmagnetismus" bestehen die nachstehenden einfachen Beziehungen: Ist Vn das normale Potential, R der Erdradius, toiitle, Ilalbpräparate, Skelette, Spi, iIih. ^^niiiliirc Ptc. : lOüi-lrier . X.-siei-. Seliädrl. 6eweihe etc.: .ii.n,^.lili< he ll<> aus saniinluiiKcii. Iii-iclitcm < r« aiKlliiiiüeii in Spiritus und trocken). ('i'iistacccii, niedere S<-eliei-e in Spiiitiis; Conchylien; Her- barien: botaiiiselie Modelle aii^ l'api' i llKl^ise; Instrumente zur PrUparati.in; kunsilieln- Tiei- nnd Voaelausen von Glas etc. etc. I'tf/sif'r^t'iv/iiiiase konlenlos und porlofrei'. Aeltestes u.grösstes naturwissenschaftl. Institut Deutschlands rniiiilirt mit rieten iiotdeiien und .silhernen Medaillen. Ferd. Diiinmlers A'eriairslincliliaiHllutii^ in IJerliii SW.12. Die Charakteristik der Tonarten. Historisch, kritisch und statistisch untersucht vom psycho-physiologischen und musikalischen Standpunkt aus. Von Richard Hennig. SIC .S,.iten Oct.'iv. - l'rei^ '.».40 .Mark. Fcrd. Diininilers Verlagsbuchhandlung in Berlin SW. 13. tlöäjft otrieintll» - itegtRattttc |lu0»n>r«»)gtftl ix\\ idjjflfnnji. ^bcntfiifr fiiiEs Dcutfditn ,. t g- \ i, gditträimißfn in ftniitfitioii. vnU» IIUUfnDfrg. Ptit 4 füitten |;o«-btitbil»ern nodj ^quitrcllrn «ton lUiUt) iWcrntc iinb 111 ablMlbuiiacii im Jeft. asa gelten pro^ ^ftlnp. - ?rel5 tfeg. fltO. i ÜOK. Ect S5crfo(icr, bcr vex lliiritni I'imi (ciiuv SDeitt um bct (Jrbc Sanb uiib Scale in (SLIili, ■« i,,, (SlfLicl ba" Itltfl, reclil) leeicrcä Viiitfiu, I inlhot. Sin lllttrtffaiitcä Sacilcl ^(5 -Ji., i > , Sariitflum UlUcraanß bciS .lUic-, ... . .'.luirincainl Jii l)t!ifl|fii tiiiril) nUc gudiiiaiiMunoEn. || Verantwortlicher Redactenr: Professor Dr. Henry Potoniö, Gr. Lichterfelde -West bei Berlin Hugo Bernstein in Berlin. - Verlag: Ferd. Diimmlers Verlagsbuchhandlung, Berlin SW^. 12. tsdaiiirvstr, 55, für den luseratentheiP Druck: G Bernstein, Berlin SW. 12- ^.v<--" Redaktion: 7 Prof. Dr. H. Potonie. Verlag: Ferd. Duinmlers Verlagsbuchhandlung, Berlin SW. 12, Zimmerstr. 94. XVI. Band. Honntaji, den 17. Februar 1901. Nr. 7. Abonnement: Man abonnirt bei aUen Buchhandlungen und Post- j Inserate: Die viergespaltene Petitzeile 40 ^Jy. Grössere Aufträge ent- anatalten, wie bei der Expedition. Der Vierteljahrspreia ist Jl 4.- e& sprechenden Rabatt. Beilagen nach Uebereinkunft. Inseratenannahme Bringegeld bei der Post 15 ^ extra. Postzeitungsliste Nr. 5112. X bei allen Annoncenbureaus wie bei der Expedition. Abdrack ist nur mit vollständig:er Quellenangabe gestattet. Erinnerungen an Otto Toreil. Von Professor Dr. Fei ix Wahnschaff e - Berlin. Es sind jetzt fünfundzwanzig Jahre verflossen seit jener denkwürdigen Sitzung der deutschen geologischen Gesellschaft am 3. November 1875, in der der schwedische Geologe Professor Dr. Otto Toreil zum ersten Male vor den Berliner Fach- genossen seine Inlandeistheorie für Norddeutschland entwickelte. Auf Grund einer Mittheilung des schwe- dischen Geologen Sefström vom Jahre 1836, dass auf der Oberfläche des an- stehenden Muschelkalkes in Rüdersdorf Schlifffläehen und Schrammen beob- achtet worden seien, hatte Toreil in Begleitung der Herren Berendt und Orth an dem genannten Tage dorthin einen Ausflug unternommen, und es war ihm geglückt, auf den vom Ge- schiebemergel frisch abgedeckten Schichtenköpfen des Schaumkalkes im Alvenslebenbruche die Schrammen und Schlifie in deutlichster Weise ausge- prägt und in ost-westlicher Richtung über die ganze abgedeckte Fläche fortsetzend von Neuem aufzufinden. Diese Stelleu sind dem nach Ost zu vorrückenden Abbau des Muschel- kalkes längst anheimgefallen, aber die schönen Handstücke voll deutlicher pa- ralleler Schrammen, welche Toreil in jener Sitzung der deutschen geolo- gischen Gesellschaft als Beweismaterial für unzweifelhafte Gletscherwirkung vorlegte, werden in der Sammlung der geologischen Landesanstalt in Berlin aufbewahrt. Ausgehend von den heutigen Gletschern der Alpen und Skandinaviens und Bezug nehmend auf seine Otto Torell, ^eb. b. Juni 1828. gest. 11. Septembe Nach einer von .Messrs .Vtayall \: Co. in London phie.) im Jahre 1888 in Grönland und Spitzbergen gemachten Erfahrungen, sprach er in jener Sitzung zum ersten Male die Ansicht aus, dass ein von Skandinavien und Finland au.sgehendes Inlandeis das norddeutsche und nord- russische Flachland ehemals bedeckte, bei seiner Vorwärtsbewegung die festen Flächen anstehenden Gesteins schrammte und glättete und als Grund- moräne den Geschiebemergel ablagerte. Diesem Vortrage, der in der, da- mals der geologischen Landesanstalt und Bergakademie als Heim dienenden, alten Börse am Lustgarten gehalten wurde, folgte eine sehr lebhafte Dis kussion, an der sich die Herren V. DUcker, v. Dechen, Berendt, Beyiich und Lasard betheiligten. Ich selbst, der ich als junger erst vor Kurzem bei der geologischen Landesanstait ein- getretener Geologe diesem Vortrage beiwohnte, werde nie den Eindruck vergessen, den diese neue Theorie auf alle Anwesenden machte. Die meisten älteren Geologen und auch ich selbst, die wir bisher die LyeH'sche Drift- theorie als fest begründet angesehen hatten, hielten damals die Annahme einer so ausgedehnten und mäcbligen Inlandeisdecke für ganz ungeheuerlich. Aber trotz des lebhaften Widerspruchs, den die Torell'sche Theorie zu Anfang namentlich von Seiten der älteren Geolojren erfuhr, hat sie doch wie ein zündender Funke gewirkt, sodass sich vom Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ab ein bedeutsamer Umschwung der Ansichten über die 1900. Photc Natui-wissenscbaftliche Wochensclii-ift. Entstehung der erratischen Bildunjjen vollzog und in schneller Folge durch die gemeinsame Arbeit der im nordeuropäischen Glacialgebiete thätigen Geologen die lulandeistheorie fest begründet und weiter ausgebaut wurde. Torell ist es vergönnt gewesen, den Siegeszug seiner neuen Lehre zu erleben, denn erst vor Kurzem hat er das ZeitHche gesegnet. Da ich diesen bedeutenden Mann als meinen Lehr- meister bei der Einführung in das Studium der Glacial- bildungen ansehen kann und zu ihm nähere persönliche Beziehungen gehabt habe, so ist es mir eine werthe Pflicht, ihm ein Blatt der Erinnerung zu widmen. Otto Martin Torell wurde am 5. Juni 1828 in Var- berg, einem kleinen Küstenstädtchen des Kattegats in der Landschaft Hailand geboren, wo sein Vater als Provin- ziaiarzt thätig war. Von Natur mit tretflichen Gaben des Verstandes ausgestattet, konnte er bereits im Alter von sechzehn Jahren die Universität Lund als Student be- ziehen, in der Absicht, dem väterlichen Vorbilde folgend sich der niedicinischen Laufbahn zu widmen. Mit grossem Eifer ergriff er das Studium der Naturwissenschaften und vor allem der Zoologie, wobei ihn sehr bald die geo- graphische Verbreitung der niederen Meeresthiere beson- ders interessirte. Im Jahre 1853 wurde er zum Doctor der Philosophie promovirt und bestand im Jahre 1858 sein Staatsexamen als Kandidat der Medicin. Aber weiter verfolgte er seine Laufbahn als Arzt nicht, denn den jungen Mediciner beseelte ein lebhafter Forschertrieb. Dazu kam, dass günstige Vermögensverhältnisse es ihm gestatteten, sich unbekümmert um den Broderwerb allein seinen Studien widmen zu können. Von der grössten Bedeutung für seinen weiteren wissenschaftlichen Entwickelungsgang wurden für Torell die näheren Beziehungen zu dem berühmten schwedischen Zoologen Sven Loven (1809—1895), der vom Jahre 1841 ab als Professor und Intendant am naturgeschichtlichen Reichsmuseum in Stockholm angestellt war. Schon im Dezember 1839 hatte Loven in der Akademie der Wissenschaften seine epochemachenden Untersuchungen über die Conchylienbänke mit arktischer Fauna an der bohusländischen Küste vorgetragen. Langjährige Studien der nordischen Molluskenfauna führten diesen Gelehrten durch einen Vergleich der heutigen arktischen und süd- schwedischen marinen Fauna mit den hoch über dem Meeresspiegel gelegenen Muschelbänken in Bohusland zu der Ansicht, dass ehemals ein Eismeer au der skandi- navischen Küste vorhanden wai- und dass „das zu einer gewissen Zeit allein herrschende arktische Element all- mählich durch ein südlicheres verdrängt wurde, das mit nach und nach vermehrter Gewalt sich dieses Gebiet er- oberte, währenddessen unsere (skandinavische) Halbinsel, die früher ihrer Naturbeschaffenheit nach ein Polarland war, ein milderes Klima empfing." Einen ebenso wich- tigen Beitrag für die Geschichte der Eiszeit lieferten die bedeutenden Entdeckungen Lovens einer noch in mehreren schwedischen Binnenseen vorhandenen Relictenfauna der Eiszeit, worüber er in den Schriften der Akademie der Wissenschaften im Jahre 1861 einen Aufsatz unter dem Titel „Ueber einige im Wetter- und Wener-See gefun- dene Crustaceen" veröffentlichte. Torell nahm mit Feuer- eifer diese neu auftauchenden Fragen der Wissenschaft in sich auf,, und die Arbeiten, welche er unter Lovens Leitung begann, wurden grundlegend für seine spätere Lebensarbeit. Die von Lyell zuerst aufgestellte und von ihm und Darwin mit grosser Ueberzeugung vorgetragene „Drift- theorie'', welche bei Voraussetzung eines etwas kälteren Klimas die Entstehung grösserer Gletscher, die AusmUu- dung derselben in ein vom Meere bedecktes Gebiet, die Bildung grosser Eisberge und einen durch letztere be- wirkten Transport des erratischen Materials annahm, fand seiner Zeit bei den Geologen Nordeuropas ganz allge- meine Anerkennung. Torell schreibt in den einleitenden Bemerkungen des zweiten Theiles seiner „Untersuchungen über die Eis- zeit" : „Irgend welche Zweifel über die Richtigkeit dieser Ansichten Lyell's wurden im Allgemeinen nicht wachgerufen, obgleich es sich nicht erklären Hess, wes- halb Meeresthiere in den angenommeneu erratischen Meeresablagerungen nicht öfters beobachtet wurden, und die Frage lag sogar auf der Hand, ob nicht möglicher- weise das erratische Material in einem gewaltigen Binnen- see gebildet wurde. Später bei Betrachtung von Forch- hammers geologischer Karte von Dänemark (1852) stiess mir der Gedanke auf, dass Forchhammers „RoUsteinsthon" möglicherweise eine alte Moräne sein könnte, die ein- mal dem skandinavischen Inlandeise angehört hätte. Die dadurch veranlasste Untersuchung führte zu dem Resultat, dass nicht nur Forchhammers „RoUsteinsthon" eine Mo- ränenbildung sei, sondern dass das ganze erratische Gebiet einmal bedeckt gewesen sein müsse durch ein von Skan- dinavien herstammendes Inlandeis, eine Auffassung, die sich wesentlich von der von bestimmten Gletschercentren unabhängigen Eisbedeckung der Schweizer Geologen unter- schied." Wohl selten hat ein Naturforscher so viele und so weite Reisen unternommen, um vergleichende Beobach- tungen auszuführen, als gerade Torell. Um seine etwas angegriffene Gesundheit wieder herzustellen, unternahm er als Achtundzwanzigjähriger eine Reise nach der Schweiz, die ihm ganz neue Gesichtspunkte eröffnete. Er studirte in diesem Lande die heutigen Gletscher und ihre Ab- lagerungen und stellte Vergleiche an mit den dortigen Moränen der Eiszeit und den lockeren Bildungen in Schweden, die besonders im südlichen Theile in grosser Ausdehnung und Mächtigkeit vorhanden sind. Ueber die Bedeutung dieser Reise erzählt er selbst in seinen „Unter- suchungen über die Eiszeit" Folgendes: „Auf einer Reise nach der Schweiz im Jahre 1856 wurde ich so sehr von der Gleichheit zwischen dem Gletscherphänomen und den umstrittenen Verhältnissen im Norden überzeugt, dass ich deren Identität nicht mehr bezweifeln konnte. Damals waren jedoch Moränen bei uns noch etwas so Unbekann- tes, dass, als ich gegen einen der hervorragendsten Natur- forscher unseres Landes meine Absicht äusserte, nach ihnen in der Nähe des Sulitehna zu suchen, er es be- zweifelte, dass ein solcher Versuch glücken würde, aber zu gleicher Zeit sagte er: „Finden wir eine, so finden wir tausend." Die Wahrheit dieser Aeusserung sollte bald aufs Schlagendste bekräftigt werden. Ganz unab- hängig und unbekannt mit meinen Studien und Ansichten über die Eiszeit hatte nämlich H. von Post in demselben Jahre einen Krossstensäs im Kirchspiel Skedvi beobachtet und meisterhaft beschrieben, wobei er die Vermutbung aussprach, dass er eine alte Moräne sein könnte. Schon vorher hatte er eine bis jetzt noch unübertroffene Be- schreibung eines Rollsteinsäs gegeben und im Zusammen- hange damit zum ersten Male die Mehrzahl der bei uns vorkommenden verschiedenen Thone unterschieden. Durch diese Untersuchungen wurde ein ganz neues Licht über die losen Erdschichten unseres Landes verbreitet. Um Klarheit in diesen Fragen zu gewinnen, unternahm ich im Jahre 1857 eine längere Reise nach Island und stu- dirte die Gletscher dieses Landes, die Moränen und die Fauna. Unmittelbar nach meiner Rückkehr glückte es mir, in demselben Jahre zum ersten Male und noch un- bekannt mit dem Aufsatz v. Post's einen alten Gletscher- garten zwischen Göteborg und Varberg aufzufinden. Mit- XVI. Nr. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 71 hin waren v. Post und ich gleichzeitig zu demselben Re- sultat gelangt, v. Post bei der Untersuchung einer alten Moräne, ich mit dem Mer de glace in Chamounix als Aus- gangspunkt." Die Resultate seiner isländischen Reise hat Toreil in einem „Briefe über Island", der sich in den Abhand- lungen d-er Akademie der Wissenschaften in Stockholm vom Jahre 1857 findet, niedergelegt. Bereits die Schweizer Reise bestimmte ihn dazu, sich mit grossem Eifer geo- logischen Studien und zwar hauptsächlich der Unter- suchung der eiszeithcheu Bildungen zuzuwenden. Er hatte anfangs einen schweren Kampf zu bestehen, um seinen Ansichten über die ehemalige Ausbreitung des Inlandeises Geltung zu verschaffen, da einer der bedeutendsten Ge- lehrten seines Landes, der Chemiker und Mineralog Ber- zelius (1779 — 1848), sowie die namhaftesten ausländischen Geologen wie Lyell, Murchison, v. Buch, E. de Beaumont, Studer und Forchhammer sich gegen die von Venetz, Charpentier, Agassiz und Schimper begründete Glacial- theorie ablehnend verhielten. Mit grossem Enthusiasmus ging Torell au die hauptsächlichste wissenschaftliche Auf- gabe seines Lebens, der von ihm als richtig erkannten Theorie einer ehemaligen Inlandeisbedeckung Skandi- naviens und seiner Nachbarländer allgemeine Aner- kennung zu verscliaffen. Im Jahre 1858 besuchte er den grossen im nörd- lichen Norwegen gelegenen Gletscher Svartisen, studirte die alten Moränen in seiner Nähe sowie im Gudbrands- dal und unternahm in demselben Jahre eine Reise nach Spitzbergen, um daselbst die Gletscher und die Meeres- fauna zu untersuchen. Auf eigene Kosten hatte er zu dieser wissenschaftlichen Expedition die norwegische Yacht „Frithjof" ausgerüstet und nahm als seinen Begleiter den durch seine Umschififung Asiens auf der Vega später so berühmt gewordenen Barou A. E. Nordenskjöld mit. Als Ergebniss dieser Reise erschien im Jahre 1859 die Schrift : „Beitrag zur Molluskenfauna Spitzbergens. Nebst einer allgemeinen Uebersicht über die Naturverhältuisse des arktischen Gebietes und seine frühere Ausbreitung." Mehr und mehr sah Torell ein, dass eine richtige Beurtheilung der ehemals vom Eise bedeckten Gebiete Nordeuropas nur durch einen Vergleich mit den noch gegenwärtig grösstentheils vereisten arktischen Regionen gewonnen werden könne. Schon 18.59 führte er wieder eine grössere Reise nach Grönland aus, auf der be- deutende wissenschaftliche Entdeckungen gemacht wurden. Ende Mai fuhr Torell auf einem Fahrzeuge der Königlich Grönländischen Handelsgesellschaft von Kopenhagen ab, erreichte am 10. Juli Egedes Minde und besuchte sodann die Kolonien Godhavn, Umanak imd Upernivik. Es glückte ihm, das Inlandeis zu besteigen und die plateauartigc Ausdehnung desselben nach dem Binnenlande zu zu beob- achten. Reiche Sammlungen wurden durch die Unter- suchungen der Küste des Meeresbodens mit dem Schlepp- netze bis auf 280 Faden Tiefe gewonnen. Unter anderen wurde durch diese Untersuchungen der Fauna grösserer Meerestiefen die ältere Theorie des englischen Forschers Forbes widerlegt, dass bereits in einer MeerestieCe von 500 m alles Leben aufhöre. Im Jahre 1861 stand Torell an der Spitze der für damalige Zeit grossartigen Polarexpedition nach Spitz- bergen, zu der der damalige Prinz Oskar, der jetzige König von Schweden, die Akademie der Wissenschaften in Stockholm und Andere bedeutende Summen bei- steuerten. Wieder befand sich Professor Nordenskjöld unter den Theilnehmern dieser Expedition. Eine vortreff- liche Schilderung dieser ersten schwedischen Polar- expeditionen enthält das Buch: „Die schwedischen Expe- ditionen nach Spitzbergen und Bären-Eiland, ausgeführt in den Jahren 1861, 1864 und 1868 unter Leitung von 0. Torell und A. E. Nordenskjöld. Aus dem Schwedischen übersetzt von L. Passarge. Jena 1869." Mit der Expe- dition im Jahre 1861 beschloss Torell seine arktischen Reisen und widmete sich nun in den folgenden Jahren fast aus- schliesslich dem Studium der erratischen Bildungen. Schon im Jahre 1860 war er an der Universität Lund als Adjunkt für Zoologie und Intendant des zoologischen Museums angestellt worden und erhielt im Jahre 1866 eine Professur für Zoologie und Geologie. Das neu in den Lehrplan aufgenommene Studium der Geologie erweckte unter den Studirenden grosses Interesse, sodass Torell daselbst einen geologischen Verein gründen konnte. Am 1. Juli 1860 hatte sich Torell mit Anna Ström- berg verheirathet, mit der er etwas über 40 Jahre in über- aus glücklicher Ehe lebte. Sechs Töchter und zwei Söhne sind aus dieser Ehe hervorgegangen. Nach dem Tode Axel Erdmaun's (1. December 1869), der zuerst an der Spitze der im Jahre 1858 in Stockholm errichteten geologischen Landesuntersuchung von Schweden gestanden hatte, richteten sich die Blicke auf Torell, so- dass er im Jahre 1870 zum Director dieses Institutes be- rufeu wurde und nun nach vStockholm übersiedelte. Bis zum Jahre 1897 hat er die Arbeiten der dortigen geo- logischen Landesuntersuchung geleitet und sowohl die wissenschaftlichen als auch die praktisclieu Aufgaben der- selben aufs Eifrigste gefördert. Immer war er bestrebt, seine volle Arbeitskraft für das Wohl des Vaterlandes einzusetzen und die Ergebnisse seiner Forschungen zur Hebung der vaterländischen Industrie uud Landwirthschaft zu verwerthen. Die geologische Gesellschaft in Stockholm (Geolo- giska Föreningen i Stockholm), welche für die wissen- schaftliche geologische Erforschung Schwedens so viel geleistet hat, verdankt ihre Gründung seiner Initiative. Am 15. Mai 1871 hatte er in einer Versammlung einiger sich für das Studium der Geologie interessirenden Personen die Zwecke und Ziele der zu begründenden geologischen Gesellschaft näher auseinandergesetzt und bereits am 6. December dieses Jahres konnte nach An- nahme der Statuten die erste Sitzung abgehalten werden, in welcher Torell zum Vorsitzenden für das Jahr 1872 gewählt wurde. Dasselbe Amt bekleidete er in deu Jahren 1879 und 1896 und hielt bei der Feier des 25jährigen Bestehens der Gesellschaft am 25. Mai des letztgenannten Jahres die Festrede. Er war ein eifriges Mitglied der Gesellschaft, hielt mehrfach Vorträge in der- selben und betbeiligte sich lebhaft an den Discussionen, die sich an die Vorträge anschlössen. An seinen Besuch der Weltausstellung in Philadelphia im Jahre 1876 knüpften sich Excursionen, um die ältesten und jüngsten Bildungen Nordamerikas zu studireu. Eine Frucht dieser Reise war der in englischer Sprache geschriebene Aufsatz: „Ueber die Ursachen der Glacialphäno- mene im nordöstlichen Theile von Nordamerika", welchem eine sehr interessante Karte über die Ausdehnung der nordischen Drift und die Richtung der Glacial- schrammen in Europa und Nordamerika beigegeben war. Der Archäologencongress in Stockholm (1876) zeitigte den in französischer Sprache gehaltenen Vortrag „Uebe r die ältesten Spuren der Existenz des Menschen in Schweden", worin Torell zeigt, dasspaläolithische Reste dort bisher nicht nachgewiesen worden sind, sondern erst die Menschen des älteren Abschnittes der jüngeren Stein- zeit die skandinavische Halbin,sel besiedelten. Wenn man den grossen Ideenreichthum Torell's und sein langes Leben in Betracht zieht, so hat er verhält- nissmässig wenig geschrieben. Sein lebhafter Geist führte ihn von einem Problem zum andern, ohne dass er die Naturwissenschaftliche "Wochenschrift. XVI. Ni Gabe besass, sich auf die Ausführung einer Arbeit zu coucentriren und das dazu gesammelte Material seiner Beobachtungen zu sichten. Seine wichtigste Schrift sind die schon genannten „Untersuchungen über die Eis- zeit", welche iü drei Abtheilungen, 1872, 1873 und 1887, erschienen. Die letzte derselben, welche „die Temperatur- verhältnisse während der Eiszeit und forlgesetzte Beob- achtungen über ihre Ablagerungen" behandelt, habe ich auf seinen besonderen Wunsch im Jahre 1888 für die Zeitschrift der deutschen geologischen Gesellschaft über- setzt, nachdem er bereits am 28. September 1887 in der 34. allgemeinen Versammlung in Bonn einen Vortrag über „die Temperaturverhältnisse zur Zeit (les Absatzes der Cyprinen- und Yoldien-Thone der Ostseeländer" gehalten hatte. In mehreren kleineren Schriften hat er seine An- sichten über die Entstehung des schwedischen ürgebirges entwickelt. Die beste Uebersicht darüber gewährt der Vortrag „Ueber Schwedens wichtigste krystalline Gebirgsarten und deren Verhältniss zu einander", den er auf der skandinavischen Naturforscherversammlung im Jahre 1880 hielt. Er sucht hier den Zusammenhang gewisser Granite und Gneisse und ihre sedimentäre Ent- stehung zu beweisen, doch haben seine Auffassungen wenig Anklang gefunden. In der Sitzung der Berliner Gesell- schaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte hielt er am 22. Mai dieses Jahres einen Vortrag über die Gletschererscheinungen bei Rüdersdorf, worin er seine Ansichten über die Entstehung der dortigen Giacial- ablagerungen und ihre Parallelisirung mit denjenigen der Alpen und Skandinaviens erläuterte und die stets von ihm vertretene Auffassung einer einmaligen Inlandeisbe- deckung näher entwickelte. Bekanntlich nimmt die Mehr- zahl der norddeutschen Glacialgeologen gegenwärtig drei verschiedene, durch zwei Interglacialzeiten mit milderem Klima von einander getrennte Vereisungen an. Hatte ich Toreil bereits am 3. November 1875 in der Sitzung der deutschen geologischen Gesellschaft ge- sehen, so machte ich doch erst im Jahre 1880 seine nähere Bekannt.schaft. Vom 11. bis 14. August dieses Jahres fand in Berlin die 28. allgemeine Versammlung der deutschen geologischen Gesellschaft statt. Torell war dazu in Begleitung des noch jungen Candidaten Freiherrn Gerard De Geer, des jetzigen Professors der Geologie an der Hochschule in Stockholm, nach Berlin gekommen, und es wurde ihm die Ehre zu Theil, auf Vorschlag von Excellenz von Dechen zum Vorsitzenden für den zweiten Sitzungstag gewählt zu werden. Er hielt an diesem Tage einen interessanten Vortrag über die lebende und fossile Eismeerfauna, sowie namentlich über die Verbreitung der Yoldia aretica und legte ausser- dem Photographien aus einer beim Gute Eüdersdorf ge- legenen Tliongrubc des Herrn Oppenheim vor, welche cigcnthümliche von ihm auf Gletscherdruck zurückgeführte Lagerungsstörungen dieses diluvialen Thones zeigten. An die Versamndung schlössen sich Excursionen nach Rüdersdorf. Ebcrswalde-Niederfinow-Oderberg , Stassfurt und dem Harz an. Bei Besichtigung der grossen Stein- gruben in den Gesehiebewällen zwischen Liepe und Oder- berg sprach Torell damals die Ansicht aus, dass die- selben aller Wahrscheinlichkeit nach als Endmoränen aufzufassen seien. Sehr bald nach der Versammlung begab sich Torell's Begleiter, Freiherr G. De Geer, in seinem Auftrage nach Rüdersdorf, um die dortigen Glacialerscheinungen, gegen die bei dem dorthin unternonnnencn Ausfluge der geo- logischen Gesellschaft von Seiten mehrerer Geologen, namentlich von den Herren Stelzner und v. Dücker Einwände erhoben waren, nochmals in ihrer Gesammtheit genau zu untersuchen. In diesem Sommer war mir von der Direction der geologischen Landesanstalt der Auftrag zu Tbeil ge- worden, das Messtischblatt Rüdersdorf unter Benutzung der Eck'schen und Orth'schen Karte geologisch-agrono- misch zu kartiren, und ich hatte zu diesem Zweck mit meiner jungen Frau in dem freundlich gelegenen Gast- hofe „zur goldenen Traube" in Rüdersdorf- Alte Grund eine bescheidene Unterkunft gefunden. Drei Wochen wohnte ich hier mit Herrn De Geer zusammen unter dem- selben Dache, und bei den von uns gemeinsam ausgeführten Untersuchungen schlössen wir bald innige Freundschaft. Wir bestimmten mit dem Compass die Richtung einer grossen Zahl der damals auf dem anstehenden Muschel- kalk sichtbaren Glacialschrammen, wobei zwei Systeme festgestellt wurden und untersuchten die Geschiebe der Grundmoräne, von denen sich eine Anzahl auf ihr schwe- disches Heimathsgebiet zurückführen ^ Hess. Dabei kam De Geer eine kurz zuvor nach den Alands-Inseln unter- nommene Reise sehr zu statten, von wo er Gesteins- proben, namentlich von den so charakteristischen Älands- Rapakiwis, Älands-Quarzporphyren und Älandsgraniten mit nach Rüdersdorf gebracht hatte. Am Sonnabend, dem 4. September, kam Prof. Torell nach Rüdersdorf und wohnte bis zum 9. September mit uns in der goldenen Traube. Diese Tage werden mir stets unvergesslich bleiben, weil sie mir eine Fülle neuer Anregungen boten und mich mit einer lebhaften Begeiste- rung für das Studium der norddeutschen Glacialbildungen erfüllten. Täglich wurden Ausflüge in die nähere Um- gebung von Rüdersdorf unternommen, um die Glacial- phänomene zu untersuchen, und alle darauf bezüglichen Fragen wurden dann an den schönen warmen September- abenden im Vorgarten der goldenen Traube bei einem Glase Bier aufs Eingehendste besprochen. Torell war gegen mich von einer bezaubernden Liebenswürdigkeit. Mit grosser Lebliaftigkeit erzählte er von seinen Reisen nach Island, Spitzbergen und Grönland und schilderte die Verhältnisse des Inlandeises, der Gletscher und ihrer Ablagerungen. Es war ein Vergnügen, ihm zuzuhören. Obwohl er der deutschen Sprache mächtig war, sprach er dieselbe doch mit dem ihm eigenen südsehwedischen Accent und verwechselte oft die Artikel, persön- lichen Fürwörter und ihre Beugungsformen, was seinem Vortrage einen eigenthümlichen, naiven Reiz verlieh. Seiner und De Geer's Anregung verdanke ich es, dass ich mich alsbald daran machte, das Schwedische zu er- lernen, um Torell's Schriften, die er mir in Rüdersdorf schenkte, sowie die übrige schwedische Glaciallitteratur, lesen zu können. Ich erkenne es dankbar an, dass gerade dieses Studium meine Anschauungen über die Quartär- bildungen bedeutend erweitert und mein Urtheil über die- selben wesentlich gefördert hat. An einigen Tagen erhielten wir auf Torell's Einladung Besuch von Berliner Gelehrten. Am Sonntag, dem 5. Sep- tember, erschienen Prof. Dr. A. Orth und der treffliche Kartograph Prof. Dr. Henry Lange (1821—1893), mit denen Torell stets die freundschaftlichsten Beziehungen unterhalten hat. In wissenschaftlicher Hinsicht schätzte er den Erstgenannten in hohem Maasse wegen seiner bahnbrechenden geologisch-agronomisciien Untersuchungen über „das Scblesische Schwemmland" und „das Rittergut Friedriclisfelde." Da ihm als Director der schwedischen geologischen Landesuntersuchung die agronomische Ver- werthung ihrer Arbeiten sehr am Herzen lag, so ver- säumte er niemals, bei seiner wiederholten Anwesenheit in Berlin Herrn Professor Orth aufzusuchen, um mit ihm diese Fragen zu besprechen. Herr De Geer hatte eine grosse Uebersichtskarte von Skandinavien und dem angrenzenden norddeutschen Glacial- XVI. Ni Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 73 g:ebiete gezeichnet und in dieselbe die Haiiptrichtungen der Giacialschraminen Schwedens eingetragen. Es wurden nun alle die in Rüdersdorf gefundenen Geschiebe, deren Heimatli sich bestimmen liess, an den betreffenden Stellen in die Karte von Schweden hineingelegt und Toreil erläuterte uns daran die Richtung und Ausbreitung des sogen, balti- schen Eisstromes. Hieran schloss sich eine Besichtigung der Gletscherschrammen, Riesenkessel und Lokalraoränen im Alvenslebenbruche. Auch Professor Rudolf Virchow folgte seiner Einladung und besichtigte mit grossem Interesse die Rüdersdorfer Glacialerscheinungen. Am Dienstag Nachmittag statteten Toreil, De Geer, der Schriftsteller A. Woldt, meine Frau und ich der Oppenheim'schen Thongrube beim Gute Rüdersdorf einen Besuch ab. Torell zeigte uns dort die abwechselnd ge- störten und ungestörten Lagen dieses Thones und regte mich schon damals zu meiner im Jahre 1882 in der Zeit- schrift der deutschen geologischen Gesellschaft erschieneneu Arbeit „über einige glaciale Druckerscheinungen im nord- deutschen Diluvium" an, in der ich auch diese gerollten Schichten beschrieben und ihre Entstehung auf Lokaldrift, d. h. auf die Wirkung aufrennender kleiner Eisberge in einem Binnensee, zurückgeführt habe. Die Abreise Torell's und De Geer's von Rüdersdorf erfolgte am Donnerstag, dem 9. September. Am Vormittag unternahm ich noch mit Prof. Torell einen Spaziergang nach den Sandgruben am Kriensee, nahe der Tasdorfer Chanssee. Hier entwickelte er mir seine Ansichten über die Entstehung der Saude des norddeutschen Flachlandes, die er als Absätze von Gletscherflüssen auffasste und mit den sandigen Ablagerungen im Vorschüttungsgehiete der isländischen Gletscher verglich. Er lud mich damals ein, nach Schweden zu kommen, um die dortigen Glacial- bildungen mit denjenigen des norddeutschen Flachlandes zu vergleichen. Bei der Abreise gab ich ihnen auf der Dampferfahrt bis Erkner das Geleit, und sie trennten sich von mir mit dem Wunsche, mich bald in ihrem Heimath- lande begrüssen zu können. Schon im Jahre 1883 war es mir vergönnt, eine Reise nach Schweden und Norwegen zu unternehmen. Auf Torell's Veranlassung war Freiherr De Geer beur- laubt worden, um mich auf meinen Excursionen als Führer zu begleiten; auch wurde mir diese Reise dadurch wesent- lich erleichtert, dass ich ein Freibillet erster Klasse für alle schwedischen Staatsbahnen erhielt. Leider konnte ich Torell damals nicht in Stockholm begrüssen, da er sich gerade auf Reisen befand, doch habe ich ihn später in Berlin mehrere Male wiedergesehen, da er stets bei seiner dortigen Anwesenheit die Freundlichkeit hatte, mich aufzusuchen. Im Jahre 1885 war er in Begleitung von De Geer, Holst und Lundgren auf dem internationalen Geologen-Congresse in Berlin anwesend. Im Jahre 1897 sah ich ihn zum letzten Male auf dem internationalen Geologen Congresse in Petersburg, von wo aus er an der j grossen Excursion nach dem Kaukasus, Baku und der Krim theilnahm. Mit bewundernswürdiger Rüstigkeit er- trug er im Alter von 69 Jahren die Strapazen dieser oft recht anstrengenden Reise. Sein früher hellblondes Haar war damals bereits völlig gebleicht, aber seine klaren blauen Augen blickten ebenso freundlich wie damals, wo ich den vortrefflichen Forscher und ausgezeichneten Menschen zum er.sten Male sah. Ihm sind in seinem Leben viele Auszeichnungen zu Theil geworden. So er- wählte ihn unter anderen die Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin im Jahre 1893 zu ihrem Ehrenmitgliede in Er- wägung des Umstandes, dass sich an seinen Namen die verständnissvolle Einsicht in Wesen und Entstehung des norddeutschen Flachlandes knüpft. Grosse Freude be- reitete es ihm, als ich ihm erzählte, dass die Rüders- dorfer ein so lebhaftes Interesse an seinen dortigen Ent- deckungen genommen hätten, dass ihm zu Ehren ein erratischer Block mit der Inschrift „Torell, Schwedischer Geolog" von dem Verschönerungsverein auf Anregung des Vorsitzenden, des Apothekers Gurt Seydel, in der Nähe des Kesselsees im Alten Grunde aufgestellt worden sei. Nach der Rückkehr von der Reise nach Russland legte Torell sein Amt als Director der geologischen Landesuntersuchuug von Schweden nieder, aber es war ihm nur kurze Zeit vergönnt, mit den Seinigen die Tage seines Alters in Ruhe zu geniessen, denn am 11. Sep- tember 1900 endigte ein Schlaganfall in seinem Wohnort Charlottenberg bei Stockholm sein arbeitsvolles Leben. Der zehnte naturwissenschaftliche Feriencursiis für Lehrer an höheren Schulen, abgehalten in Berlin vom 3. October 1900 incl. bis Sonnabend 13. October 1900. Bericht, erstattet von Prof. Dr. B. Schwalbe. (Fortsetzung.) Prof. Dr. J. H. van "tHoif : lieber die Bildungsverhält- nisse der oceanischen Salzablagerungeu. 1. Der Krystallisationsgang bei constanter Temperatur. Das specielle Problem der Salzlagerbildung lässt sich in dessen Detail übersehen, nachdem ganz all- gemein die Gesetze des Auskrystallisirens complexer Lö- sungen festgestellt sind. AVesentlich dabei ist, dass nicht einfach die Löslichkeit die Reihenfolge der Ausscheidung beherrscht und dass z. B. eine Lösung, welche die Sulfate von Calcium und Magnesium enthält, nicht immer anfangs den weniger lösliehen Gyps beim Einengen zur Aus- scheidung bringen wird; offenbar lässt sich ja die vor- handene Calciumsulfatmenge beliebig herabsetzen und also auch soweit, dass zuerst Magnesiumsulfat beim Ein- engen auskrystallisirt. Die Mengenverhältnisse üben dem- nach auf den Krystallisationsgang einen nicht weniger wesentlichen Einfluss aus als die Löslichkeit, wobei dann noch zu berücksichtigen ist, dass letztere durch die rait- vorhandeneu Lösungsgenossen bedeutend geändert werden kann. Einfach gestaltet sich dennoch die Sachlage, falls man von Fall zu Fall unter steigender Zahl der gelösten Körper an Hand einer graphischen Darstellung dieselbe verfolgt. Unberücksichtigt kann dann der Fall eines einzigen gelösten Körpers bleiben; letzterer scheidet sich aus bei Eintreten der Sättigung, und bei constanter Zusammen- setzung der Lösung trocknet dieselbe allmählich ein. Nur eine verschiedene Hydratform ist im ausgeschiedenen Naturwissenschaftliche "Wochenschi'ift. XVI. Ni Körper möglich, was beim Ausschliessen von Ueber- sättigiing eine reine Temperaturfrage ist, sodass Glauber- salz z. B. unterhall) 32° sich als Dekahydrat Na2'S04 lOHgO ausscheidet, oberhalb dieser Temperatur als An- hydrit. Nehmen wir nunmehr den Fall zweier gelöster Körper, die aufeinander in keiner Weise einwirken, wie z. B. Natrium- und Kaliumchlorid. Bei genügendem Ueberschuss des ersteren wird sich dasselbe zunächst ausscheiden, bis auch das Ohlorkalium nachfolgt, und von jetzt an behält die Lösung ihre constante Zusammensetzung bei und trocknet allmählich ein. Liegen die Verhältnisse umgekehrt und scheidet sich dementsprechend zuerst Ohlorkalinm aus, so wird schliesslich die Chlornatriuinbildung bei derselben Zusammensetzung der Lösung anfangen und der weitere Gang scbliesst sich damit dem vorigen Fall an. Der Ueberblick über verwickeitere Verhältnisse er- leichtert sich, falls schon jetzt die graphische Darstellung eingeführt wird an Hand der drei sich auf constante Temperatur (25°) beziehenden Daten. 1000 Moleküle Wasser enthalten in Molekülen: XaCl KCl A. Bei Sättigung an NaCl allein 111 B. „ „ „ KCl „ 88 C. „ ;, ,, NaCl und KCl 89 39 Tragen wir in Fig. 1 die Chlor